München, Residenz, Ahnengalerie
Galerie (Raum 4), an der Nordseite des Königsbauhofes im Erdgeschoß gelegen, Mittelbild erhalten
Zum Bauwerk: In den 1580er Jahren unter Wilhelm V. (1579-97) an der S-Seite des südlichen Grottenhoftrakts als offene Gartenhalle zum großen Residenzgarten angelegt. Umbau wohl bereits ab 1726 durch Joseph Effner, dann durch François Cuvilliés bis 1730 in eine Ahnengalerie in der jetzigen Form (s. Seelig, S. 254f.); Stuckierung von Johann Baptist Zimmermann (Verhandlungen im Nov. 1726; Thon Anm. 385), Schnitzarbeiten von Wenzel Miroffsky (1730 vollendet).
Langer, schmaler Raum (42,40 × 4,60 m) im Erdgeschoß des südlichen Grottenhoftraktes. Zwölf Bogenöffnungen an der S-Seite mit Flügeltüren, die in den früheren Residenzgarten, den heutigen Königsbauhof führen. An den Wänden Porträts der Vorfahren des Hauses Wittelsbach. - Der Raum wurde 1944 zerstört, Wiederaufbau 1957 abgeschlossen.
Auftraggeber: Kurfürst Karl Albrecht von Bayern (1726–45; ab 1742 Kaiser Karl VII).
Autor und Entstehungszeit: Balthasar Augustin Albrecht (StAM, Ämternachlaß Törring, K 76/342, hier auch als Untere Galerie bezeichnet; Faßmann fol. 29 v – 30 v). Da anzunehmen ist, daß Albrecht das Mittelbild nach dem ersten Ordensfest am 24. April 1729 (Thema des Mittelbildes) gemalt hat, und andererseits der Bau 1731 vollendet wurde, sind die drei Deckenbilder 1729/30 zu datieren
Zeichnung
Entwurfszeichnung zu A, schwarze Kreide und Feder in Schwarz, graulaviert und weiß gehöht, 23,1 × 50 cm, SGS Mü. Inv. Nr. 20220
Balthasar Augustin Albrecht, *3. Januar 1687 in Berg am Starnberger See † 15. August 1765 in München, war seit 1732 Hofmaler in München und ab August 1746 Galerieinspektor der Kurfürstlichen Gemäldegalerien Aufträge des Kurfürstlichen Hofes für die Residenz (ehem. Prunktrep penhaus, S. 343, Grüne Galerie, S. 339, ehem. Speisesaal, S. 344) und für die Schlösser Nymphenburg, Schleißheim und Dachau, daneben kirchliche Arbeiten, Altarblätter für die Klöster Diessen am Ammersee, Reisach Schäftlarn und die Wies. Das einzige erhaltene Deckenbild Albrechts befindet sich in Schönbrunn bei Dachau
Befund
Träger der Deckenmalerei: flaches Tonnengewölbe über gegliederter Hohlkehle
Rahmen: Vergoldete Stuckornamentrahmen von Johann Baptist Zimmermann
Technik: Öl auf Leinwand; polychrom
Maße: A Höhe 6,50 m; 2,30 × 5,20; B Höhe 6,50 m; 2,50 × 4,00; C Höhe 6,50 m; 2,50 × 4,00;
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bild A war durch Witterungseinflüsse infolge der Kriegsauslagerung stark nachgedunkelt, wurde 1957 restauriert und wieder angebracht. B und C wurden 1944 zerstört (Photographien vorhanden). Die Bildfelder sind jetzt nur farblich eingestimmt.
Beschreibung und Ikonographie
Alle drei Deckengemälde sind in starker Untersicht ausgeführt. Die Bildanlage – Einführung in das Bildgeschehen mittels die ganze Bildbreite einnehmender Stufen, auf diesen gestaffelt Personen, in deren Stellung zueinander Bildraum entsteht – zeigt deutliche Verwandtschaft zur venezianischen Malerei, insbesondere zu Paolo Veroneses Dekkengemälden im Palazzo Ducale. In der Entwurfszeichnung zu A ist die Verkürzung und Untersicht weit weniger ausgeprägt.
WIEDEREINSETZUNG DES ST.-GEORGS-RITTER-ORDENS Ansicht nach S Das Hauptbild zeigt ein aktuelles Ereignis, die Wiedereinsetzung des St.-Georgs-Ritterordens am Tag des hl. Georg, am 24. April 1729, in der Stiftskirche zu Unserer Lieben Frau in München (Destouches, S. 10f.). Unter einem Baldachin sieht man Kurfürst Karl Albrecht als Stifter und Ordensmeister, wie er einem Ordensmitglied die Ordenskette verleiht. Rechts vom Baldachin ist deutlich der von Hans Krumper 1604/05 für die Frauenkirche errichtete Bennobogen zu erkennen, links im Hintergrund die oktogonalen Pfeiler und die hohen gotischen Maßwerkfenster der Frauenkirche.
Der Kurfürst ist umringt von Ordensmitgliedern, einige halten Ausstattungsstücke des Ordensornats in Händen. Die dargestellten Personen sind Verwandte des Kurfürsten und Mitglieder des Hochadels (Knussert, S. 20f.); links am Bildrand Clemens August, Erzbischof und Kurfürst von Köln, der Bruder Karl Albrechts, der bei der Feier anwesend war, ebenfalls unter einem Baldachin (Destouches, S. 11). Im Hintergrund ein großer Altar mit zahlreichen Kerzen und einer Statue, vermutlich einer Muttergottesfigur. Maria und der hl. Georg waren die Patrone des Ordens (Baumgartner, S. 18). Die Ordensinsignien bestanden aus einem Kreuz mit den Buchstaben VIBI (= Virgini Immaculatae Bavaria Immaculata: der unbefleckt empfangenen Jungfrau das im Glauben unversehrte Bayern. s. Baumgartner, ebd.). Dem Gemälde und der Vorzeichnung sind zu entnehmen, daß für die Feier der Ordenserneuerung eigens ein Marienaltar zwischen dem Thronbaldachin des Kurfürsten und dem des Erzbischofs von Köln errichtet wurde.
In der Farbgebung dominieren rote und braune Töne.
B KAISERKRÖNUNG LUDWIGS DES BAYERN 1328 IN ROM (Kriegsverlust, Vorkriegsphoto) Unter einem halbrunden, offenen Tempietto mit kannelierten Säulen sitzt Ludwig der Bayer erhöht auf einem Thron; fünf fürstliche Personen, in Hermelin gewandet, umgeben ihn. Einer setzt ihm die Kaiserkrone aufs Haupt, zwei andere halten die Reichsinsignien, den Reichsapfel und das Schwert. Hinter Ludwig hängt ein Gobelin mit dem Doppeladler.
Assistenzfiguren - vorn auf den Stufen Soldaten mit Rüstung, Helmen, Waffen, Hellebarde und Hund – führen in das Bild ein. Den abschließenden Prospekt im Hintergrund bildet eine mächtige Triumphbogenarchitektur, in deren Bogenöffnung eine große Menge von Zuschauern zu sehen ist.
Als Ludwig der Bayer am 7. Januar 1328 in Rom einzog, war Rom ohne Papst; Johann XXII. residierte in Avignon. »Der König wurde alsbald zum Senator und Stadtoberhaupt gewählt und am 17. Januar zum Kaiser gekrönt. Die Kaiserkrone an Ludwig und seine Gemahlin überreichte der Kardinal Sciarra Colonna, die kirchliche Weihe nahm der ghibellinische Bischof von Castello-Venedig unter Beisein des Augustinereremitenbischofs von Aleria vor« (Bauerreiss, S. 131).
Die Darstellung von 1729/30 entsprach nicht den historischen Tatsachen, sondern zeigt Ludwig, von Reichsfürsten (Hermelin) zum Kaiser erhoben.
C BELEHNUNG HERZOG THEODOS MIT DEM HERZOGTUM BAYERN NACH 508 (Kriegsverlust, Vorkriegsphoto) Das Bild gibt Einblick in eine prachtvolle Palastarchitektur mit Säulen und Bogenöffnung. Unter einem Baldachin sitzt rechts auf einem Thron ein Herrscher und überreicht einem reich gekleideten, bärtigen Mann, der auf den Thronstufen steht, eine mehrfach gesiegelte Urkunde. Vorne rechts auf den Stufen und im Hintergrund sieht man mittelalterlich gerüstete Soldaten mit Helmen und Lanzen. Der stehende Fürst hat zwei Begleiter, von denen der jüngere im Vordergrund links einen federgeschmückten Hut und ein Wappen mit Löwen vorweist.
Nach Seeligs überzeugender Deutung handelt es sich bei dem Fürst, der das Dokument empfängt, um Theodo, den legendären ersten Herzog Bayerns, »der angeblich 508 mi dem Volk der Bayern in das Ursprungsland zurückkehrte bzw. in das spätere Heimatland einwanderte« (Seelig Ahnengalerie, S. 299) und dadurch »zum Begründer der letztlich zu den Wittelsbachern führenden Geschlechter folge wird« (ebd., S. 263). Die Gestalt des thronenden Herrschers bleibt unbestimmt: seine aus großen edelsteingeschmückten Platten zusammengesetzte Krone ist als mittelalterliches Insigne charakterisiert, ohne eine bestimmte historische Krone darzustellen (508 war Theoderich in Nachfolge der weströmischen Kaiser Herrscher des ostgotischen Reiches und auch bei den Germanenfürsten geachtet, bei deren Streitigkeiten er als Schiedsrichter anerkannt wurde).
Ikonologie
Das Programm der Ahnengalerie – Fürstenporträts und Deckenbilder – ist das erste Herrscherprogramm des seit 1726 regierenden Kurfürsten Karl Albrecht. Wie Seelig darlegt, kommt in ihm »nicht lediglich der hohe Ruhm des Hauses Wittelsbach zum Ausdruck«, sondern es werden »gezielt politische Ansprüche vor Augen geführt« (ebd., S. 263), nämlich der Anspruch des Kurhauses auf die Kaiserkrone. Im Mittelbild »wurde an die angeblich weit ins Mittelalter zurückreichenden Traditionen des Hauses an-
geknüpft, um die durch die Taten der Vorfahren erhöhte Würde des jetzigen Regenten nachdrücklich unter Beweis zu stellen. Eventuell richtete sich die offiziell als Wiedererhebung bezeichnete Ordensgründung auch gegen das Haus Habsburg; denn Kurbayern konnte sich rühmen, einen in Deutschland von Kaiser Friedrich III. gestifteten und unter Kaiser Maximilian I. nachhaltig geförderten, bald aber in Vergessenheit geratenen Ritterorden erneut mit Leben zu erfüllen« (ebd., S. 266).
An der N-Wand der Ahnengalerie sind drei Porträts durch besondere Größe ausgezeichnet: Herzog Theodo, Kaiser Ludwig der Bayer und Karl der Große. Das Deckenbildprogramm führt Theodo als Gründer des Herrscherhauses vor und dokumentiert den Anspruch auf große, ehemals bayerische, jetzt habsburgische Gebiete. Die Krönung Ludwigs des Bayern zum Kaiser untermauert den Anspruch auf die Kaiserkrone. Karl Albrecht, die Hauptfigur des Mittelbildes, wird in mehrfacher Hinsicht in enger Beziehung zu Karl dem Großen gesehen (vgl. Seelig). Er, der erste bayerische Wittelsbacher, der den Namen Karl trägt, sieht sich als Wiederhersteller der Größe seines Hauses und damit als neuer Karl der Große, den er zu seinen Ahnen zählt.
Quellen und Literatur
StAM, Amternachlaß Törring, K 76/342 Faßmann 1770, fol. 29 v.
Knussert, Gustav, Orden/Ehren- und Verdienst-Zeichen/ Denk- und Dienstalters-Zeichen in Bayern, München 1877 S. 20 f.
Haeutle 1883, S. 100
Destouches, Ernst von, Geschichte des Königlich Bayerischen Haus-Ritter-Ordens vom Heiligen Georg, in: Bayerische Bibliothek Bd. 2, Bamberg 1890, S. 10 f.
Thoma/Kreisel 1937, S. 148f.
Brunner/Hojer 1975, S. 9f
Kat. Ausstellung Der Bayerische Hausritterorden vom Heiligen Georg 1729–1979, München 1979; Beiträge von Georg Baumgartner, S. 18 und Lorenz Seelig, S. 72.
Bachter, Falk, Balthasar Augustin Albrecht 1687–1765, Mittenwald 1981, S. 19.
Brunner/Hojer/Seelig 1986, S. 11 und Abb. 17