München, Ehem. Klosterkirche St. Jakob am Anger
Ehem. Klosterkirche, Unteranger 1, ab etwa 1220 der Franziskaner 1284–1803 (Säkularisierung) der Klarissen, ab 1843 der Armen Schwestern Unserer Lieben Frau, Stadtpfarrei St. Peter, Erzdiözese München und Freising, am 29. 9. 1607 der Lateransbasilika in Rom inkorporiert, 1944 zerstört
Patrozinium: St. Jakobus Maior, Nebenpatron St. Johann Baptist
Zum Bauwerk: Ältester Bauteil war die sog. alte Jakobskapelle aus dem späten 12. Jh., die um 1250 zu einer dreischiffigen basilikalen Anlage erweitert wurde, welche bis zur Zerstörung 1944 bestand. 1404 Einsturz des Gewölbes, 1408 durch ein gotisches Netzgewölbe wiederhergestellt. Am 23. Juni 1738 feierliche Übertragung eines reichen Reliquienschatzes aus der Hofkirche, den die Großherzogin Violanta Beatrix von Toskana ihrer Nichte Emanuela Theresia vermacht hatte, der einzigen Tochter des Kurfürsten Max Emanuel, die als Klarissin (1717-50) im Angerkloster lebte. Aus diesem Anlaß wurden vier neue Altäre errichtet und 1737/38 die Barockisierung des Langhauses unter Leitung von Johann Baptist Zimmermann durchgeführt. Verhandlungen mit Egid Quirin Asam 1737 hatten zu keiner Einigung geführt, weil Asam eine tiefgreifende Umformung der Kirche bzw. einen Neubau vorschlug (Thon, S. 179f., S. 273f., Anm. 675-79). Zimmermann beschränkte sich auf Abschlagen der Rippen, Ummantelung der Pfeiler, Ausrundung der Schildbögen, Pilastergliederung, Stuckierung und Fresken und ließ die mittelalterliche Bausubstanz unverändert.
Am 17. Dezember 1944 wurde die Kirche durch Bomben zerstört. Der romanische Chor war nicht mehr zu retten, das nördliche Seitenschiff wurde zunächst wiederhergestellt. 1954 Abbruchgenehmigung. 1955 Abtragen der Ruine und moderner Neubau von Kirche und Kloster durch Architekt Friedrich Haindl.
Die Kirche war eine dreischiffige Basilika, M-Schiff und S-Schiffe zu 5 Jochen, 3jochige, dreischiffige Choranlage, nördlicher und mittlerer Chorarm apsidial geschlossen, südlicher gerade. Die Kirche bestand aus zwei durch eine Lettnermauer getrennten Teilen, dem romanischen Chor, der als Klausurkapelle diente, und dem LHs, der Laienkirche. Im LHs jochweise Gliederung durch spitzbogige Arkaden, Pilaster und Gurtbögen. Über den Seitenschiffen gotische Emporen mit rundbogigen Öffnungen zum M-Schiff (19. Jh.), Eingang im W und darüberliegende Orgelempore (ebenfalls Einbauten des 19. Jh.)
Auftraggeber: Äbtissin Maria Eleonora von Dublier (1729-49), amtierender Franziskaner-Präses: P. Venerand Zeidlmeir (1736–39)

Autor und Entstehungszeit: Anhand von Verträgen nachweisbar für Stukkaturen und Fresken 1737/38 ist der Münchner Hofmaler Johann Baptist Zimmermann (* 1680 Gaispoint bei Wessobrunn † 1758 München). an der Ausführung der Fresken waren Johann Georg Winter, Joseph Zitter, die Söhne Johann Joseph und Franz Michael Zimmermann beteiligt.
Erster Vertrag vom 2. 5. 1737 (BHStA I, KL 375 Nr. 1185 f., 123 f.): »Contract So zwischen dem alhiesigen Lobl. Closter Anger dann dem Churfürstl. Hof=Stuckatoren Johann Zimerman, wegen Aus Stuckatorung und fresco Gemäll der Lobl. Closterkürch daselbst, abgeredtermas sen pactiert: und beederseits zuhalten versprochen wordten den 2. May anno 1737 – id est 1200 fl.
1. Erstlich im Music-Cor (= östliches Joch), eine Glori zu mahlen die Engl mit Musicalien, dann den Fronto yber den Cor-Altar (= Lettnerwand, im 19. Jh. zerstört), waran die heyl. Dreyfaltigkeit oder Crönung der Mutter Gottes (Einschub: St. Franciscus, S. Clara) Und Stiffterin desselben in Fresco zumahlen, auch mit herrlicher Einfassung in Stuckator arbeith zuverterttigen.
2. Im Mittern theill oder Langhaus, der Seitenwendt Ober den Pögen (= Schildbögen im M-Sch., im 19. Jh. zerstört). Zähen Passion bilter zumahlen. umb selbige eine Ram mit ornament zezieren.
3. Dann im cor ober die fünf Altär den Plafont mit Stuckator zu Decorieren. Zu deme allem werden alle benettigte Materialien, als Golt und anders auch erforderliche Taglöhner von seitehn des Lobl. Closters aparte an handten geschafft.
Johann Zimerman Churfrtl. Hof Stuckator und Maller
Zweiter Vertrag vom 28. 6. 1737
Weiters ist mit Ihmo Herrn Johann Zimerman pactiert worden, das obere
gewölbte 4 Füllungen (= 4 Lhs-Joche) und Stucadorarbeiten, dem vorgezeigten Riß, und beschehener Abredung gemäß, zu verfertigen, pro fünf hundert Gulden« (Material und Taglöhner stellt wieder das Kloster).


Abschlagszahlungen für diese paktierten 1700 fl.
8. 6. 1737 200 fl., 2. 8. 1737 300 fl., 5. 10. 1737 400 fl., 20. 12. 1737 600 fl. Zimmermann bemerkt auf der Quittung: »Rest mir also noch zweyhundert Gulden.«
Ein dritter Vertrag vom 26. 2. 1738 über 400 fl. bezieht sich auf Stukkaturarbeiten in den Seitenschiffen und den Kapellen S. Salvatoris und S. Johannis (vgl. Thon, S. 274, Anm. 682).
Quittung am 2. 4. 1738 200 fl., 22. 6. 1738 200 fl. für Seitenschiffe, 100 fl. Rest vom Vorjahr, 15. 11. 1738 100 fl. Rest vom Vorjahr, 150 fl. für »einen recompens wegen der hl. Dreifaltigkeit (= Fresko an der Lettnerwand). Und dem Gemäll mit der Schmerzhaften Mutter Gottes, dem hl. Jakob und der hl. Clara Und Sonen Uhr am Neu erpauten Haus« (= Klostergebäude).
Nach den üblichen Zahlungspraktiken ist anzunehmen, daß die Freskierung der Kirche 1737 abgeschlossen war (Vollendung der Stuckierung Juni 1738).
Die Oefeleana (5, V, folg. 426, s. v. Zimmermann, Johann) geben Aufschluß darüber, welche Maler von Johann Baptist Zimmermann bei der Ausmalung von St. Jakob beschäftigt wurden: »hat die anger Kürch in fresco gemahlt; 2 Füllungen die geislung und H. Clara von ihm selbst: reliquia discipuli eius sub eo: Joh: Georg Winter resurrectionem et alia pinxit ibi et Jos. Zitter: et Zimmermani filii duo Jos: et Franc: Zimmermann« J. B. Zimmermann malte demnach nur das Wandfresko an der Lettnerwand (W) und eine der zehn Passionsszenen an den Hochwänden des Mittelschiffs, die Geißelung. Die übrigen Gemälde führten seine Schüler »sub eo«, d. h. vermutlich nach seinem Entwurf aus, Johann Georg Winter (*1715/20 †22. 1. 1768 München) die Auferstehung aus dem Passionszyklus und anderes, Joseph Zitter (*1712 Bruchsal †1777 München), sowie die Söhne Joseph (getauft 6. 10. 1707 Miesbach †10. 3. 1743 München) und Franz Michael Zimmermann (*23. 9. 1709 Miesbach †19. 1. 1784 München) nicht eigens genannte Fresken.
Uberliefert hat sich von den genannten Malern nur der Name Franz Michael Zimmermanns. Die Quellen nennen ihn später noch einmal anläßlich einer Restaurierung:
1753 quittierte »Franz Michael Zimmermann, Maller und Stuccadtor. wegen ausbesserung der Stucator arbeith und fresco mallerey« über 5 fl. (BHStAI, KL 357, Nr. 41). In Fresko A war auf einem Schild das Datum 1753 angegeben (s. Angerheft, Abb. S. 7), außerdem trugen die Fresken die Signatur Franz Zimmermanns (bei der Restaurierung 1926 entfernt), und seit Westenrieder galten sie in der Literatur meistens als ein Werk Franz Zimmermanns (vgl. dazu Franz Zimmermanns Rolle in Nymphenburg, CBD, Bd 3, II).
Wir haben hier einen der seltenen Belege dafür, daß die Zimmermann-Werkstatt namhaft gemacht werden kann. Die Auskunft stammt vermutlich von Johann Baptist Zimmermann selbst, er war mit Andreas Felix von

Oefele bekannt und gab ihm Informationen zu seinen Künstlernotizen. Offenbar hat ihn die Ausmalung der mittelalterlichen Kirche nicht sehr interessiert. Die Stukkaturen hingegen zählt Christina Thon (S. 179) zu den qualitätvollsten und vergleichsweise fortschrittlichsten Johann Baptist Zimmermanns.
Entwurfszeichnung (seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen; keine Abbildung bekannt) zu Fresko C, Schlacht bei Clavigo (s. v. Konstantinschacht), Pinsel, grau laviert, quadriert, nicht signiert SGS Mü, Inv. III. F. Bl. 30 (J. B. Schmid, J. B. Zimmermann, in: Altbaierische Monatsschrift 2, München 1900, Heft 2; Röhlig, Zeichnungen, und Diss. S. 115, KKF, S. 8).
Für die Ausmalung der St. Anna Kapelle in St. Jakob am Anger ist der Maler Johann Anton Gumpp (* 1654 Innsbruck † 1719 München) überliefert (Theodor Wilmersdoerffer, Beiträge zur Geschichte der Vorstädte Münchens, I. Neuberghausen, Beilage 16, Johann Anton Gumpp, in OAVG 58, 1914, S. 87-94). Über die Ausmalung ist nichts Genaues bekannt.
Befund
Träger der Deckenmalerei: A–E Tonnen (verschliffene Netzgewölbe) Rahmen: A–E Stuckprofil, in den Achsen von Ornamentkartuschen und teilweise von Puttoköpfchen übergriffen
Technik: Fresko, polychrom
Verbleib: Von der Ausmalung ist nichts mehr erhalten: die Deckenfresken A–E wurden bei einem Bombenangriff am 17. 12. 1944 zerstört; das Gemälde an der Lettnerwand (Chorrückwand) und zehn Passionsszenen in den Schildbögen der MSch-Wand fielen Umbauten des 19. Jh. zum Opfer.
Restaurierungen vor der Zerstörung: 1753 fand eine erste Renovierung statt, die Kirche wurde um 232 fl. ausgeweißt. Franz Zimmermann erhielt für Ausbesserung der Stukkaturen und Fresken am 2. 6. 1753 5 fl. (vgl. Autor und Entstehungszeit), am 9. 6. 1753 erhielten »Franz Xaver Hurner (?) Mahler 4 fl. wegen Buzung deren zehen oben in fresco gemahlten Bilter« und am 14. 7. 1753 Franz Dorner 3 fl. für Renovierung der Malereien, »was die Maurer ersprizet und Verstossen, an 10 Stuckher verbessert« (BHStAI, KL 357 Nr. 41).
1888 fand eine Restaurierung statt (Kartuscheninschrift südlich von A restauratum / 1888, 1926 wieder entfernt) bei der an der neuen Lettnermauer und am Hochgaden nazarenische Gemälde angebracht und die Deckenbilder stark übermalt wurden. Auf den beeinträchtigten Erhaltungszustand wird in der Literatur hingewiesen, KDB, S. 1017: »die Deckengemälde haben nach der Restauration einen sehr modernen Anstrich genommen«; Hauttmann-Karlinger, S. 78: sie »enthalten nichts mehr von ihrer einstigen Rokokofarbe«, Gutachten BLfD, 1925: sie »haben durch falsche Restaurierungsmaßnahmen ihren Originalwert eingebüßt«.
Letzte Restaurierung 1926 durch Bernhard Otterpohl, München (Fresken) und Fa. Mayerhofer und Ostenrieder, bei der die Raumwirkung des 18. Jh. wiederhergestellt wurde. In welchem Ausmaß Übermalungen von
ST. JAKOB AM ANGER
den Fresken abgenommen wurden, zeigt ein Vergleich der beiden photographischen Aufnahmen von Photo Marburg (Zustand vor der Restaurierung) und Photo Hugo Schnell (Zustand nach der Restaurierung von 1926).
Rekonstruierte Bildabfolge
In dem Verzeichnis von 1760 sind die Bildthemen aufgeführt: »In de Oberdecke ist das Leben des heiligen Apostels Jacob des mündern, une unter denen Fenstern an dreven Wänden ein Theil des leydens, dan auferstehung und himmelfahrth Jesu Christi, wie auch die Sendung de heiligen Geistes, an dem Chor aber einerseits der heilige Franciscus, une andererseits die heilige Clara in Fresco vorgebildet worden, von Fran Zimmermann dem ältern.«
Nach Vorkriegsphotographien war die Abfolge der Gewölbefresken von O nach W zu sehen
A Glorie des hl. Franziskus, darunter männliche und weibliche Angehörige seines Ordens (links unten vor der Wappenkartusche P. Castinus und sein Gefährte, die Begründer des Münchner Barfüßerklosters, rechts Clarissen)
B Schlacht bei Clavigo – Jakobus Major in einer Vision reitet zu Häupten des Schlachtengetümmels
C Enthauptung des Jakobus
D Maria del Pilar
E (über der ehem. Musikempore) Musizierende Engel
An der Lettnerwand, vor der der Hochaltar stand, war ein Wandfresko: Krönung Mariens mit der Hl. Dreifaltigkeit und den Ordensstiftern St. Franziskus und St. Clara sowie der Stifterin
W1-10 An den Hochwänden des Mittelschiffs befanden sich zehn Passionsszenen (vgl. oben und im gleichen Wortlaut Westenrieder, S. 200).
Quellen und Literatur
Quellen BHStAI, KL 375, Nr. 1185 BHStAI, KL 357, Nr. 41. Oefeleana 5, V, S. 426. Beschreibung 1750, S. 94. Verzeichnis 1760.
Quellen und Literatur
Crammer 1781, S. 35 (fälschlich Asam)
Westenrieder 1783, S. 200.
Westernieuer 1703, 5. 200. Geiß Ernest Geschichte der
Geiß, Ernest, Geschichte der Stadtpfarrei St. Peter in München, Müncher 1868, S. 343-46.
Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 358-60
KDB I OB (2), S. 1016-1
Reber, S. 1131
Hauttmann, Max und Hans Karlinger, München (= Band 1 der Reihe Bayerisches Wanderbuch), München und Berlin 1922, S. 78.
(Schindlbeck, M. Traugott), St. Jakob am Anger in München.
»Das Angerheft«, Sonderheft der Deutschen Illustrierten Rundschau München Oktober 1926.
Schindlbeck, M. Traugott und Hugo Schnell, St. Jakob am Anger in München (= KKF, Nr. 259/60), München 1937.
Röhlig, Ursula, Zeichnungen Zimmermanns, Ms. mit Fotos in der Staatl Graph. Sammlung, München.
– , Johan Baptist Zimmerman, ungedr. Diss. München 1947, S. 115.
Thon, Christina, Johann Baptist Zimmermann als Stukkator, München und Zürich 1977, S. 179 f., S. 273 f. Anm. 675 – 83., S. 331 Kat. Nr. 70, Abb. S. 137-41 Nr. 217-19.