Langengeisling, Friedhofskapelle


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 7: Landkreis Erding. Hirmer, München 2001, ISBN 978-3-7774-7830-2, S. 194–200, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Friedhofskapelle, südlich der Pfarrkirche im Friedhor

Zum Bauwerk: Erbaut im Jahr 1650, Erneuerung mit Maurer-, Kistler-, Glaser- und Kupferschmiedarbeit sowie Ausmalung 1791. Weißes Marmorpflaster. Grabstätte von Pfarrer Matthäus Tiburtius Mayr (Grabplatte im Boden der Kapelle). Seinem Vater, Johann Oswald Ignaz Mayr, Kapitelrichter von St. Veit in Freising, hatte Mayr dort eine Gedenktafel setzen lassen.

Kleiner rechteckiger Saal (4,10 x 3,30 m), gesüdet; an der O-Seite der Eingang; im O und W je ein rechteckiges Fenster mit halbrundem Abschluß.

Auftraggeber: Neuausstattung unter Matthäus Tiburtius Mayr, Pfarrer von Langengeisling (1774-94), der mit dem Maler verhandelte und die Rechnung führte (Pfarrarchiv Langengeisling, s.u.). Vermerk auf der Abrechnung: Ist den 16ter Oct: 1791 v. der verwittweten Paulimillerin alles bezallt worden. Mayr Pfarrer.

Autor und Entstehungszeit: Johann Anton Deyrer, Hofmaler in Freising, 1791.

Durch freundliche Vermittlung von Gerhard Koschade, Erding, wurden uns von Claudius V. Stein, Erding, die Quellen zur Neugestaltung der Seelenkapelle in Langengeisling, die im Pfarrarchiv Langengeisling liegen, zur Verfügung gestellt. Johann Anton Deyrer schrieb am 5.4.1791 an Pfarrer Mayr seine Vorstellung vom Bildprogramm und schickte ihm eine

 
Gewölbe mit A Michael präsentiert Adam und Eva der Dreifaltigkeit, A1-2 Herzen Jesu und Mariens, L1-2 Lunettenbilder: Der Tod kommt in die Wel
 
B3 Schafherde unter himmlischem Schutz
 
L. Gott ruft Adam

Skizze, auf der eine Wand entworfen ist, mit einer gemalten Architektur aus Pilastern und Gesimsen, die in dieser Form nicht ausgeführt wurde. Die hochrechteckigen Wandfelder dazwischen plante Deyrer in Öl auf Holz; sie wurden schließlich freskiert. In Deyrers Voranschlag waren es fünf Felder mit den Themen: Adam und Eva/Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies, ein Sterbender/Tod, das letzte Gericht und die Hölle. Die Geschichte von Adam und Eva wurde in der Ausführung in den Lünetten abgehandelt, und in den vier Feldern die Vier Letzten Dinge (Tod, Gericht, Hölle, Himmel). Auch das Dekorationssystem wurde im Vergleich zur Skizze ganz anders ausgeführt (1820 und 1883 wurde mit Sicherheit auch einiges verändert). Für die Ausmalung in der von ihm vorgeschlagenen Form verlangte Deyrer mitsamt den fünf Ölbildern 20 fl. Aus der Abrechnung geht hervor, daß die endgültige, weit reichere Ausführung 54 fl. bekommen hat.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Quertonne mit großen Stichkappen im N und S.

Rahmen: A gemaltes Stuckprofil mit Akanthus und Perlstab; A1-2 feine gemalte Leiste, innen von einem mit Band gewundenen Blumenkranz begleitet; L1-3 gemalte Ornamentleistenrahmen

Technik: Fresko mit Weißhöhungen und anderen Übermalungen in Secco; monochrome Malereien in Grau und Ocker mit Weißhöhungen; Hintergrund im Gewölbebereich Ocker, an den Wänden Karmin

Maße: A Höhe 4,30 m; 1,60 x 2,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Nach Johann Baptist Kerer, der Pfarrer von Langengeisling war und die Quelle im Pfarrarchiv bearbeitete, war an der Ausmalung der Kapelle

 
W1-4 Vier Letzte Dinge
 
 
Der Kapellenraum

1820 um 50 fl. gearbeitet worden (S. 17). Es kann sich um eine Auffrischung gehandelt haben. 1883 wurde die Ausmalung durch den Erdinger Maler Balthasar Renauer restauriert. Damals waren die Wände vor Feuchtigkeit »ganz grün überzogen«. Bei der nächsten Restaurierung 1911 durch Hans Kögl, Pasing handelte es sich um eine »sachgemäße Wiederherstellung« (BLfD). 1982 war die Ausmalung durch aufsteigende Feuchtigkeit, unachtsame Behandlung und Bauschäden schwer bedroht. Ihre kunst- und kulturhistorische Bedeutung wurde erst jetzt bewußt. 1986 Notsicherungen der Fresken durch Fa. Keilhacker: Schließen der Risse im bemalten

Bereich, Hinterfüllen der Putzhohlstellen. Von den Fresken war A am besten erhalten (gekittete Risse), schlechter die Lünettenbilder L1-3 (Abreibungen, gekittete Risse) und am schlechtesten die Wandbilder W1-4 (gekittete Risse, Fehlstellen, Abblätterungen; W2 in der unteren Hälfte fast völlig zerstört, Figur des Michael nur noch in Umrissen sichtbar; in der unteren Hälfte von W1 starke Zerstörungen). Sanierung des kleinen Baus und Restaurierung 1989 durch Manfred Fronske, Tiefenbach. Dabei ergab sich, »daß die unteren Felder der beiden Obelisken, die links und rechts vom Altar aufgestellt sind, ursprünglich fragmentarische Reste einer Darstellung Armei

 
W. Hölle

Seelen zeigten«. Eine Restaurierung war nicht mehr möglich, die Flächen wurden marmoriert. Die Ausmalung ist jetzt in gutem Zustand.

Beschreibung und Ikonographie

Das ornamentale Rahmensystem des Gewölbes folgt den Stichkappen. Zwickel sind mit Akanthusornamenten gefüllt. Die drei Schildwand-Felder mit ihren Rahmen füllen jeweils das ganze Wandfeld. Die Dekoration der vier Wände des Raums ahmt zum Teil eine Marmorinkrustation nach, zum Teil besteht sie aus fingierten Bildern in Rahmen, an Bändern aufgehängt. Mit dem echten Epitaph, einem gemalten Epitaph, dem Altar und Obelisken ergibt das ein reizvolles Dekorationsystem.

A MICHAEL PRÄSENTIERT ADAM UND EVA DER DREIFALTIGKEIT Ansicht nach S. Das Deckenbild ist in der Längsachse wegen der einschneidenden Stichkappen oben und unten stark eingezogen. In der linken Bildhälfte ist die Dreifaltigkeit auf hohen Wolken dargestellt; Christus hält statt des Kreuzes eine Fahne, deren Stange von einem Kreuz bekrönt wird. Michael in der rechten Bildhälfte ist gekennzeichnet durch das Schild Quis ut Deus und die Waage. Er präsentiert zwei nackte Personen, eine Frau und einen Mann. Es dürfte sich um Adam und Eva handeln, die hier, nach vollendeter Erlösungstat Christi, in den Himmel geführt werden – in

 

Parallele zu ihrer Vertreibung aus dem Paradies ebenfalls durch einen Engel. Der Putto mit Michaels Schild weist, auf Adam und Eva hinagierend, auf die Inschrift Quis ut Deus und erinnert damit daran, daß die Sünde Adams und Evas darin bestand, daß sie sein wollten wie Gott.

A1-2 DIE HERZEN JESU UND MARIENS Zwei hochformatige Ovalmedaillons liegen in den Stichkappen des Gewölbes.

A. Das dornenumwundene Herz Jesu, aus dem Liebesflammen schlagen (S-Seite).

A. Das rosenumwundene Herz Mariens, aus dem Flammen der Liebe schlagen. Aus den Flammen wächst ein Schwert (N- Seite).

L. DER TOD KOMMT IN DIE WELT Die Lünetten an der N-, O- und W-Seite haben sehr niedrige und breite segmentförmige Bildfelder in breiter gemalter Rahmung, die als Schauplatz weite, stimmungsvolle Landschaften zeigen.

L, SÜNDENFALL (O-Wand) In einer weiten, baumbestandenen, von einem Bach durchflossenen Landschaft mit Hügeln in der Ferne sitzt Adam unter dem Baum der Erkenntnis auf einem Stein. Eva steht vor ihm und reicht ihm den Apfel. Im Baum ringelt sich die Schlange, die einen Apfel im Maul hält.

 

L, GOTT RUFT ADAM (W-Wand) Adam hat sich links unter Bäumen zu Boden geworfen und verbirgt sein Gesicht vor Gott, der als großes, strahlendes Licht zwischen den Bäumen erscheint. Auf der rechten Seite ist eine Waldlichtung mit Tieren. Daß Gott nicht als Person, sondern als Licht erscheint, wird schon von den Kirchenvätern damit erklärt, daß der Mensch, sündig geworden, nicht mehr fähig war, Gott unmittelbar zu schauen (LCI, Bd 2, Sp. 64, s. v. Adam und Eva).

L, VERTREIBUNG AUS DEM PARADIES (N-Wand) Links ist das Paradies als weites Flußtal gezeigt, hinter dem strahlend die Sonne aufgeht. Ein Engel vertreibt mit dem Flammenschwert Adam und Eva, die nach rechts fliehen, in eine düstere und karge Landschaft. Neben ihnen ist im Fluß die Schlange zu sehen, die das Wasser mit ihrem Schwanz aufrührt.

W1-4 VIER LETZTE DINGE Vier hochrechteckige Wandbilder, je zwei an der O- und an der W-Wand, zeigen die vier letzten Dinge (s. RDK, Bd IV, Sp. 12-22). Sie sind wie biedermeierlich gerahmte Tafelbilder gestaltet, die mit einem Band an einem Ring aufgehängt sind. Als Bekrönung jeweils Symbole.

W, TOD (O-Wand, hinten) Hohes, schmales Bildfeld. Ein Sterbender liegt im Bett, vor ihm steht ein Priester, segnet ihn und hält ihm das Sterbekreuz vor. Auf einem Tischchen brennt die Sterbekerze, daneben Rosenkranz, Glas und Medizinfläschchen. Um das Sterbebett sind die Angehörigen versammelt, mit gefalteten Händen um das Seelenheil des Sterbenden flehend. Im Himmel erscheint in Wolken ein heiliger Bischof von Engeln umgeben. Er hat kein Attribut; vermutlich ist der hl. Martin, der Patron der Langengeislinger Pfarrkirche gemeint.

 

Oben über dem Rahmen sind als Todessymbole Sense und (verlöschende) Fackel gemalt.

W2 GERICHT (O-Wand, vorne) Oben in den Wolken ist Christus über dem Regenbogen thronend dargestellt, wie er am Jüngsten Tag zum Gericht erscheint. Seine helle Strahlenglorie, von Putten und Engeln umgeben, hinterfängt auch das Kreuz, das Christus hält. In der unteren, vor der letzten Restaurierung sehr schlecht erhaltenen Bildhälfte war die Figur des Erzengels Michael mit dem Schwert nur in Resten erkennbar. Neben ihm war noch der Kopf eines Auferstehenden hinter einer Grabplatte zu sehen und am Himmel rechts ein zuckender Blitz.

Oben über dem Rahmen Flammenschwert und Posaune des Jüngsten Gerichts.

W, HÖLLE (W-Seite, vorne) Die untere Hälfte des Bildfeldes ist ausgefüllt von dem gewaltigen Höllenschlund einer

 
WI Gebet für den Toten und Wc-d Arme Seeler

Teufelsfratze, der Flammen aus der Nase schlagen. Von eventuell einst im Höllenrachen dargestellten Figuren war vor der Restaurierung nichts mehr erhalten. Über dem Fratzengesicht sind vor einem düsteren, blitzdurchzuckten Hintergrund kleine Teufel zu sehen.

Die Höllensymbole über dem Rahmen sind Marterinstrumente.

W4 HIMMEL (W-Seite, hinten) Maria als Immaculata nimmt, in Wolken schwebend, die Mitte des Bildes ein. Über ihr erscheint die Dreifaltigkeit, von Engeln umgeben. Bei den Heiligen, die um Maria in den Wolken angeordnet sind, könnte es sich um die Nothelfer handeln, doch sind sie im Einzelnen wegen des schlechten Erhaltungszustandes nicht mehr benennbar. Auch unten im Bild sind Heilige dargestellt, zu erkennen sind eigentlich nur links Norbert von Magdeburg im Habit der Prämonstratenser mit Stab und Hostienkelch, neben ihm mit IHS auf der Brust Thomas von Aquin und gegenüber, mit aus der Brust schlagender Flamme Ignatius von Loyola.

Die Symbole für den himmlischen Lohn über dem Rahmen sind Martyrerpalme und Lorbeerzweig.

Wa-b SYMBOLE VON TOD UND BEGRÄBNIS, GERICHT UND EWIGKEIT Zwei querformatige Wandbilder gleicher Größe und gleicher Rahmung liegen einander gegenüber an der O- und W-Wand, Wa über der Türe.

Wa Sarg auf Trage, Kreuz, geknickte Kerze im Leuchter, gelöschte Fackel, Sense und Schaufel, Bahrtuch, Weihwasserkessel und Sprenger.

Wb Flammenschwert und Ölzweig, darum die ringförmige Schlange mit dem Schwanz im Maul, das Symbol für die Ewigkeit.

Unter diesem Wandfeld ist ein Epitaph an die Wand gemalt, auf dem steht: Der Mensch / wird in das Haus / seiner Ewigkeit / eingehen. / Eccle. 1. (Eccle 12,5: Quoniam ibit homo in domum aeternitatis suae). Unter der Inschrift eine Sanduhr.

WI GEBET FÜR DEN TOTEN Die Nordwand wird von einem großen Bild eingenommen, einer perspektivischen Einsicht in einen Kirchenraum. In den Bänken knien einzelne Gläubige, vor dem Altar steht ein Katafalk, um den Kerzen in hohen Bodenleuchtern brennen. Am Altar ist kein Priester anwesend. Überschrift: Heilig und heilsam ist es, für die Abgestorbenne zu beten. Es handelt sich nicht um einen eigentlichen Seelengottesdienst, sondern um das Gebet für den Verstorbenen während der Aufbahrung.

Wc-d ARME SEELEN Rechts und links von diesem Wandbild sind schmale hohe gemalte Felder in der Form von Wandvorlagen, in deren Mitte jeweils ein Medaillon dargestellt ist, an einer Schleife aufgehängt. Die westliche Darstellung ist verloren, die östliche zeigt die Armen Seelen im Fegfeuer, die von einem Engel, der in Wolken erscheint, getröstet werden.

Das Bildprogramm der Friedhofskapelle von Langengeisling ist - obwohl die einzelnen Themen (abgesehen von dem des Hauptbildes) übliche Bestandteile der Friedhofs- und Arme Seelen-Thematik des 18. Jh. sind - bemerkenswert wegen der Stringenz seiner Gedankenführung.

Im Hauptbild (A) ist Christus mit der Fahne als Auferstandener gezeigt: das Erlösungswerk ist vollendet. Adam und Eva, deren Vermessenheit (»Eritis sicut dii, scientes bonum et malum« Gen 3,5) den Tod in die Welt gebracht hatte (L1), werden als Erlöste in das Paradies geführt, das sie durch ihre Sünde einst für sich und die ganze Menschheit verspielt hatten (L3), das aber durch die Erlösungstat Christi den Menschen wieder offen steht. Ewiges Leben oder ewiger Tod hängt jedoch von den Verdiensten des Menschen ab (W2-4): Der Gestorbene wird gerichtet und nach Verdienst entweder mit dem ewigen Leben belohnt oder mit der ewigen Verdammnis bestraft. Das Gebet für die Toten, das im Programm großen Raum einnimmt (WI und WI), kann die Höllenstrafe nicht abwenden, jedoch die Läuterungszeit im Fegfeuer mildern und abkürzen (Wc-d).

Das Altarblatt stammt von Renauer 1883 und stellt die Todesangst Christi dar, der von einem Engel getröstet wird.

Quellen und Literatur

StAM, LRA 147763: Restaurierung 1882/83; LRA 147761 (unter Pfarrkirche): Restaurierung 1911.

AEM, Pfarrakten Langengeisling: Bauten II; Pastoral- und Kultusgegenstände; Resignations- und Verlassenschaftsakten. AEM, Kunsttopographie der Erzdiözese, Dekanat 23/Erding, Langengeisling, Friedhofskapelle (Georg Brenninger). BLfD, Akt Langengeisling, Pfarrkirche St. Martin.

KDB I, OB 2 (1902) S. 1261.

Kerer, Franz Xaver, Von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Die Geschichte eines Bauerndorfes (Langengeisling) im Erdinger Gau, München 1907.

Dehio 1990, S. 583. A. H