Langengeisling, Pfarrkirche St. Martin
LANGENGEISLING
Pfarrkirche Friedhofskapelle
Pfarrkirche, Stadt Erding, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung war die Pfarrei Langengeisling Monatspfarrei. An der Kirche bestand eine Sebastiansbruderschaft (seit 1704). Gericht Erding
Patrozinium: St. Martin
Zum Bauwerk: 1667 Abbruch des spätgotischen LHs; Neubau um 12 Schuh (ca. 3,60 m) breiter durch den Erdinger Maurermeister Hans Kogler. Der spätgotische AR wurde nur ausgebessert. Stuckierung im Modelstuck. Weihe am 21.9.1677 Nach Schmidt war die Kirche 1738 »inter rurales vere splendida et primae notae«. Neuer Hochaltar 1746 (unter Beibehaltung des Altarblatts von Johann Degler aus dem alten Hochaltar) durch die Erdinger Künstler Hiernle, Eckhardt und Schalck (AEM, Rechnungsextrakte). Innendekoration 1766 67: Abschlagen der »alten Mödl Arbeith«, Stuckierung durch den Oppoldinger Meister, der mit Johann Anton Bader aus Dorfen identifiziert wird (frdl. Mitt. Gerhard Koschade Erding) und Freskierung.
LHs zu fünf Jochen, Gliederung durch Pilaster vor kräftigen Wandvorlagen, Doppelempore im W; gleichmäßige Belichtung von N und S in allen Jochen, in den beiden westlicher wegen der Empore und der seitlichen Eingänge nur halbhoch Eingezogener AR zu zwei Jochen und dreiseitigem Schluß Gliederung wie LHs; Belichtung durch zwei Fenster von N und eins von S (im westlichen Joch schließen Sakristei und darüber durchlichtete Empore an) und drei Fenster im Schluß.
Auftraggeber: Johann Peter Meister, Pfarrer von Langengeis ling (1753-68), der den Freskanten während der Arbeit verkoste. Auf eine Beteiligung der Gemeinde weisen die Worte universa cohors der Inschrift am Chorbogen hin, die sinn gemäß mit die ganze Pfarrei zu übersetzen sind und an ein Sammlung denken lassen.
Autor und Entstehungszeit: Johann Martin Heigl (* unbekannt † 1774 Ort unbekannt) 1767. Chronogramm am Chorbogen S: »MartIno / LaVDes Canat VnIVersa / Cohors (= 1767)« Der Überschlag Heigls ist erhalten (BHStA, Landshuter Abgabe, Rep. ad 7b, Fasz. 21/59; freundl. Mitt. Gerhard Koschade, Erding):
»Yberschlag yber nachstehende in das lobwürdige Gottshauß Langengeißling dess löbl. Gerichts Erting zue verferdigen kommente Mahler Arbeit, verfast ao. 1765. Erstlich solle der Chor im Gewelb oben auf in ein 25 Schuel langes Feld gemahlen werden der heilige Martinus in der Glor mit villen Englen umgeben sambt 6 Schilden mit Simpula ein iedes 7 Schueh. Verners im Langhaus ein Feld 45 Schuech lang, und 26 breith worin gemahlen der heillige Martinus in bischöfflichen Auf zug sambt villen Person undt zugehörigen Gebey undt waf die Histori erforderet, wie er den totten Jüngling von Totter auferwekht. Weithers im Langhauß um das Hauptfeld ein auff Stukhoto Arth gemahlne Ram mit schönen Zierathen. Mehr seynd im Langhauß 8 Schild 12 Schuech hoch mit Zie rathen auf Stokhot Arth zu mahlen undt in jeden Schild ein Simpula welch auf den heilligen Martino acortiert sambt meh anderm Zierath welche nothwändig die Zierlichkeith zue ver menren. All diße Stukh mit denen leb: undt thaurhafftisten Farber extra fevn außzuemahlen, ist mein Verdienst weillen mir Heri«
.


188
LANGENGEISLING
Pfarr die Verpflegung schafft accordierter Maßen auf das allergenauste vor die 1 Stuck Histori vierhundert vor die gemahlne Schild undt Ram dreyhundert Gulden Joh: Martin Heigl Chftl. privil: Mahler. « Es kam schließlich zu einer reduzierten und vermutlich billigeren Ausführung mit vier Emblemen im LHs statt der veranschlagten acht sowie nur zwei Emblemen im Chor statt sechs.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Tonne mit Stichkappen, AR wohl ehem. spätgotisches Rippengewölbe, von dem die Rippen abgeschlagen sind
Rahmen: Gemalte Rahmung, die vergoldete Stuckrahmen imitiert; in A durch gemalte Rocaille-Ornamente überspielt, in B überschneiden im N und S weißgraue, gemalte Ornament-Kartuschen den Rahmen; Aa-d und Ba-b weißgraue gemalte Ornament-Kartuschen mit goldenen Blumen-Motiven Technik: Fresko: A und B polychrom, A , und B, mono-
Maße: A Höhe 9,70 m; 13,70×6,30
B Höhe 9,45 m: 6,10×4,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Restaurierung der Einrichtung 1857/58 durch den Maler Johann Baptist Geiger aus Moosburg. 1892 Ausmalen des Innern und Restaurierung der Deckenbilder durch Balthasar Renauer, Erding. 1905 Reinigung der Deckenbilder durch Renauer. 1910/11 Entfeuchtung der Kirche und Innenrestaurierung unter Aufsicht des Generalkonservatoriums: Abnahme der Raumfassung und der Ornament-Übermalungen von 1892. Die Wiederherstellung der Ornamentmalerei und der originalen Raumtönung wurde angestrebt. Kirchenmalerarbeiten durch Balthasar Renauer Restaurierung der Deckenbilder und der Dekorationsmalere durch Hans Kögl, Pasing.
Bei der nächsten Innenrestaurierung 1956 Reinigung, Abnahme der Übermalungen und Einstimmen der Fehlstellen durch Hans Pfohmann, München, sowie Wiederherstellung der Originaltönung und teilweise Freilegung der gemalten Kartuschenbilder durch Fa. Keilhacker, Taufkirchen an der Vils.
Letzte Innenrestaurierung 1988/89. Voruntersuchung, Malerarbeiten an der Raumschale und Reinigen des Stucks durch Fa. Heinrich Götz, München. Restaurierung der Fresken durch Martin Zunhamer, Altötting: Ausbessern der Scheitelrisse (tiefer Riß im Chor), Sicherung der lockeren Kittungen, Reinigung, Retuschen der Malschichtverletzungen, die vom Abwaschen des Pilzbefalls 1956 herrührten. Die Deckenbilder zeigten laut Zunhamer »partielle Vervollständigungen in Seccotechnik«, die abpuderten und gesichert wurden, vor allen bei den blauen Partien und bei den Schatten. Notwendige Retuschen an den 1956 teilfreigelegten gemalten Kartuschen, wo die Malschicht z. T. stark reduziert war, an anderen Stellen die Seccopartien (Lichtreflexe und Schatten) abpuderten.
Beschreibung und Ikonographie
A MARTIN VON TOURS ERWECKT EINEN TOTEN Hauptansicht nach O, im westlichen Bilddrittel Glorie, bei der die meisten Engel auf die Ansicht nach W ausgerichtet sind. Der irdische Bildschauplatz ist eine idyllische Gartenlandschaft. Eine dunkle Repoussoirzone mit einem malerisch verfallenen Brunnen und Felsen führt ins Bild ein. Dazu gehört noch ein hoher Baum rechts, dessen Stamm der Krümmung des Rahmens folgt. In diesem verschatteten Vordergrundsbereich sitzen ein Mann und eine Mutter mit Kind auf den Felsen, aus der Ferne am Geschehen in der Bildmitte Anteil nehmend. Im hellen Licht liegt der Mittelgrund, eine Wiese vor rechts und im Hintergrund aufragenden prachtvollen Gartenarchitekturen mit krönenden Balustraden. Die vordere ist als Portal gestaltet, zu dem breite, niedrige Stufen emporführen. Hier ist der hl. Bischof Martin dargestellt, die Rechte segnend erhoben. Vor ihm erhebt sich ein nackter junger Mann von einer Totenbahre, die Leichentücher noch um Kopf und Hüften. Neben dem Jüngling kniet seine Mutter. Unter den Assistenzfiguren sind ein alter Herr mit Federhut, zwei Soldaten, ein junger Mann mit dem Meßbuch und ein Diakon. Rechts stehen ein weißbärtiger Mann mit Turban und weitem grauem Mantel sowie ein jüngerer, der einen schwarzen Anzug mit Spitzenkragen und einen roten Mantel trägt. Durch die historisierende Kleidung bei diesen und den Figuren der linker Bildseite, durch geschlitzte Pumphosen, Halskrausen, Federhüte wird angezeigt, daß das Geschehen in ferner Vergangenheit spielt. Die Taube des Hl. Geistes, auf den Deckel der Pfingstöffnung gemalt, sendet ihre Strahlen auf die Szene. Engel und Putten mit Rosengirlanden erscheinen auf Wolken vor der Glorie.
In der Gegenansicht sind musizierende Engel zu sehen, unter ihnen der Erzengel Michael, der die Waage in der Rechten hält und mit der Linken auf die Geisttaube weist. Ein Putto hält ihm seinen Schild mit der Aufschrift Quis / ut / Deus. Das Motiv ist mit den von der Geisttaube ausgehenden Strahlen Hinweis darauf, daß nicht der Heilige Tote erwecken kann, sondern Gott auf das Gebet des Heiligen hin.
In der Farbigkeit dominieren die unbunten Töne, die Farben des Schauplatzes, wobei das bei Heigl sonst oft kräftige Grün kaum ins Gewicht fällt. Es ist ins Braun oder Grau abgewandelt. Das Grau der Wolken und Architekturen kehrt häufig in Gewändern wieder, die in diesem Bild kaum bunte Akzente setzen. Das Gelb in den Gewändern der Geistlichen und Rot sind die einzigen lebhafteren Farben.
Das Bild zeigt die dritte Totenerweckung des hl. Martin (Sulpicius Severus, 2. Dialog, 4, s. Bibliothek der Kirchenväter 20, S. 108f.). Das Geschehen spielte auf dem Weg nach Chartres bei einem großen Dorf. Die Einwohner, noch heidnisch, waren zusammengeströmt, um Martin zu hören. Eine Mutter brachte ihren Sohn, der kurz vorher gestorben war, mit den Worten: »Wir wissen, daß du ein Freund Gottes bist. Gib mir meinen Sohn wieder, er ist ja mein einziger«. Martin heilte ihn mit der Kraft seines Gebetes. »Das Freudengeschrei der Menge schallte bis zum Himmel und sie bekannte, daß Christus Gott ist. Schließlich warfen sich alle scharenweise dem Heiligen zu Füßen mit dem glaubensvollen Verlangen, er solle aus ihnen Christen machen.« Eine Gleichsetzung der Bewohner des Dorfes bei Chartres mit denen von Langengeisling is anzunehmen. Auf beide bezieht sich die Inschrift am Chorbogen, die ja unmittelbar an das Fresko anschließt. Wie jene Dorfbewohner vertrauensvoll zu Martin von Tours kamen und sein Lob verkündeten, als er geholfen hatte, so verkünde ten durch die Bildausstattung ihrer Kirche die Langengeislinger den Ruhm ihres Patrons.


Aa-d EMBLEME UND EMBLEMAHNLICHE DAR- STELLUNGEN Die Bilder in den vier Kartuschen an den äußeren Gewölbezwickeln des LHs beziehen sich auf den hl. Martin, auf seine Hilfe in Krankheit (Aa), seine Nächstenliebe (Ab und Ad) und seinen Kampf gegen das Heidentum (Ac). Nur Ab und Ad sind Embleme, ohne Lemmata.
Aa Eherne Schlange. Die eherne Schlange, von Moses auf Geheiß Gottes aufgerichtet, um das Volk der Israeliten von tödlicher Krankheit zu erretten, bezieht sich hier auf das Thema des Hauptbildes und ist Hinweis auf die Macht des hl. Martin, in Krankheit und Tod durch sein Gebet Hilfe und Rettung zu bringen.
Ab Brennende Kerze. Sie ist ein beliebtes und oft gebrauchtes Bild für den Heiligen, der sich in der Liebe zu Gott oder zum Nächsten verzehrt; hier im Zusammenhang mit der Totenerweckung im Hauptbild.
Ac Götzenbild (Jupiter), das durch einen Blitz gestürzt wird. Nach Sulpicius Severus (Vita 14) stürzte Martin von Tours im Kampf gegen das Heidentum Tempel und Götzenbilder der Stadt Leprosum. Nicht nur durch Liebestaten gewann Martin die Heiden für den wahren Glauben; durch sein Gebet besiegte er mit Gottes Hilfe auch die falschen Götter.
Ad Blumen. Über den Bergen geht die Sonne auf. Das Emblembild spielt auf den Menschen an, der seine Kraft von

Gott erhält: »Sol, supra hortum resplendens, suaque praesentia flores, germina, herbas, aliaque terrae cimelia confirmans epigraphen sustinet: DAT VIRES. Hanc praesentiae Divinae Ideam putes, e qua humanae vires omnes originem motumque trahunt« (Picinelli, Lib. I, Nr. 132, s. v. sol).
B DER HL. MARTIN ALS FÜRBITTER Das Deckenbild zeigt eine einfache irdische Szenerie. Ein verschattetes Repoussoir aus dunklem Felsgestein und rechts aufragendem Sockel mit Blumenvase führt ins Bild ein. Auf einer Wiese und auf niedrigen Steinstufen im Mittelgrund sind Bittflehende dargestellt: Eltern mit ihrem kranken (toten?) Kind, Mutter und Kind, die über ihren kranken Mann und Vater weinen, und ein junger Mann im Vordergrund, schon der dunklen Repoussoirzone angehörig, der flehend die Arme zum Himmel reckt. Über der irdischen Zone ist eine weite Wolkenlandschaft aus weißen bis grauen Wolken aufgebaut, sich zur Glorie am oberen Bildrand hin gelblich aufhellend. Seitlich über den Bittflehenden kniet der hl. Martin, Putten halten Mitra und Gans. Der Heilige blickt nach oben, wo vor einer hellen Glorie die Dreifaltigkeit erscheint.
Die Farbigkeit der irdischen Szenerie wird durch Grün und Graubraun des Schauplatzes bestimmt, vor dem in den Gewändern eher unbunte Farben auftreten, zu denen das Weiß der Laken, in die die Kranken gehüllt sind, im Kontrast steht. Unter den himmlischen Figuren gewinnt der Heilige durch die Intensität des Blau-Gelb-Kontrasts in seinem Gewand die größte Nähe und Gegenwärtigkeit unter allen Figuren; die Farben der Dreifaltigkeit sind dem gegenüber zurückgenommen.

Ba-b EMBLEME Die beiden Emblembilder, die das AR-Bild flankieren, beziehen sich auf den Schutz, die der Kirchenpatron seiner Gemeinde gewährt. Ohne Lemmata.
Ba Henne mit Küchlein unter ihren Flügeln. Ein Schild, an dem Blitze abprallen, schützt sie. Ein ganz ähnliches Bild brachte Heigl in Buch (Ae; s.S. 63, 66); hier wie dort weist es auf Schutz und Fürsorge des hl. Martin hin, als Seelenhirte sowohl wie auch als Kirchenpatron.
Bb Schafherde, von einem Wolf angegriffen. Eine Hand aus den Wolken verjagt den Wolf mit einem Hirtenstab. »Lupus ovium gregem, a canum aut pastorum excubiis derelictum cernens, assilire solet; com lemmate INCUSTODITA RAPIT« (Picinelli, Lib. V, Nr, 526, s. v. lupus). Der Wolf, der die Schafherde angreift, ist Bild für den bösen Feind. Der Hirte, der seine Herde schützt, ist Bild des Seelenhirten oder des Patrons, in dessen Schutz sich die Menschen flüchten.
Die Martins-Ikonographie ist vervollständigt in Deglers Hochaltarblatt, das die Mantelteilung darstellt, die beliebteste Szene aus der Martins-Vita; über der Szene erscheint der Christus der Traumvision und weist den halben Mantel vor, worauf sich die Inschrift auf der Kartusche darüber bezieht: HAC ME / VESTE CONTEXIT. Seitlich auf der Bekrönung des Hochaltars halten Putten Kartuschen mit den Inschriften St. MAR/TINE (links) ORA / PRO / NOBIS (rechts).
Quellen und Literatur
BHStA I, Landshuter Abgabe 1993, 190: Sebastiansaltar; 191 Hochaltar 1745/46.

BHStA, Landshuter Abgabe, Rep. ad 7b, Fasz. 21/59: Rokoko- dekoration 1766/67 mit Voranschlag Heigls.
StAM, LRA 147761: Restaurierungen 1857/58, 1892, 1910/11. StAL, Regierung Landshut A 4094: Sebastiansaltar; A 4096 Hochaltar.
AEM, Pfarrakten Langengeisling: Pfarrbeschreibung mit den Rechnungsextrakten 1748-57; Bauten 1639-1675; Bauten II. 1877-1931.
AEM, Kunsttopographie der Erzdiözese, Dekanat 23/Erding, Langengeisling, Pfarrkirche St. Martin (Georg Brenninger). BLfD, Akt Langengeisling, Pfarrkirche St. Martin.
Schmidtsche Matrikel, Bd 1, S. 506-09. Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 377–80. KDB I OB (2), S. 1261.
Kerer, Franz Xaver (Pfarrer in Langengeisling), Die Pfarrkirche St. Martin in Langengeisling, in: Ders., Von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Die Geschichte eines Bauerndorfes (Langengeisling) im Erdinger Gau, München (Selbstverlag) 1907, S. 13-19.
Landkreis Erding 1963, S. 276. Landkreis Erding 1985, S. 292.
Gnadenstätten im Erdinger Land, S. 48 f.
Kupferschmied, Thomas Johannes, Der Freskant J. Martin Heigl. Arbeiten für Johann Baptist Zimmermann und selbständige Werke (= Schriften aus dem Institut für Kunstgeschichte der Universität München Bd 41), München 1989, S. 81-83.
Dehio 1990, S. 583.
Kraus, Andreas, Erding. Stadt mit vielen Gesichtern, Stuttgart 1997; zu Langengeisling S. 31, 59–62. A. B.
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