Jachenau, Pfarrkirche St. Nikolaus


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 191–194, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z.Z. der Ausmalung wurde Jachenau von der Expositur Walchensee, die zu der Kloster Benediktbeuern inkorporierten Pfarrei Kochel gehörte, vikariert; Klosterhofmark Benediktbeuern

Patrozinium: St. Nikolaus, Nebenpatrozinium St. Petrus und Paulus

Zum Bauwerk: Weihe des gotischen Baues 1291; 1718 Erweiterung der Kirche durch den Anbau eines Zentralraumes als AR mit Sakristei und Oratorien durch Joseph Hainz aus Benediktbeuern. 1787 Erneuerung des Kirchengewölbes wegen Baufälligkeit durch den Baumeister und Stukkator Franz Edmund Doll aus Wessobrunn.

Saalbau zu vier Jochen, deren westliche weniger tief sind als die östlichen; eingezogener AR in einer dem Rund angenäherten Herzform; im O Empore; gewestet; Belichtung im LHs von S und N, im AR durch zwei Fenster im westlichen Chorschluß

Auftraggeber: Abt Amand II. Fritz von Benediktbeuern (1784–96); Kloster- und Abtswappen am Chorbogen

Autor und Entstehungszeit: Signatur in C auf einem Stein in der SO-Ecke G: Alois Gaibler / Kauffbeuren Invenit / et pinxit 1787. Georg Alois Gaibler, getauft 19. 3. 1751 in Kaufbeuren, war das neunte von zwölf Kindern des Webers Bartholomäus und der Katharina Gaibler. Er wurde Bürger und Maler in Kaufbeuren und ging dort drei Ehen ein, am 24. 4. 1778 mit Maria Agatha Steinhauserin, am 27. 4. 1795 mit Barbara Agatha Berkmiller und am 28. 4. 1802 mit Maria Johanna Pracht. Er starb in Kaufbeuren am 6. 9. 1813 (Fuchs, S. 126 f.). Seine Tochter heiratete einen Enkel des Kaufbeurer Malers Anton Joseph Walch, bei dem Georg Alois Gaibler möglicherweise gelernt hatte. In den Fresken der Kirche in der Jachenau kopiert Gaibler Motive aus Fresken von Johann Baptist Baader, dem er stilistisch sehr nahe steht und mit dem er schon die Ausmalung der ehem. Pfarrkirche in Beuerberg (1780; s. S. 138) bestritten hat. Wie dort und auch in Froschhausen (1786, s. S. 331) arbeitet Gaibler auch in Jachenau mit dem Stukkator Franz Edmund Doll zusammen.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A, B) Stichkappentonne AR (C) Flachkuppel

Rahmen: A und B Stuckprofil mit langgezogenen C-Bögen in den Achsen von Puttoköpfchen in Wolken übergriffen, C Stuckprofil, teilweise von Rocaillen übergriffen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 8,20 m; 9,00 × 5,00

B Höhe 8,20 m; 4,20 × 5,0

C Höhe 8,10 m; Ø 7,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Deckenbilder wurden 1966 durch Sebastian Hausinger, München, restauriert. Ausgebesserte Risse in allen Fresken; die Farben sind gut erhalten

Beschreibung und Ikonographie

Die Dekoration des Gewölbes in der Kirche von Jachenau durch Gaibler und Doll ist typisch für die späteste Rokokostufe im volkstümlichen Bereich: der sparsame, zartfarbige Stuck mit den langausgezogenen und dünnen Rocailleformen tritt den buntfarbigen, lebhaft erzählenden Bildern gegenüber zurück. Damit wird das klassizistische Schema mit der strengen Teilung Bild – Ornament vorbereitet.

A PETRUS- UND PAULUS-SZENEN In dem langgestreckten Bildfeld sind vier Szenen aus dem Leben der beiden Nebenpatrone dargestellt. Dabei dienen in der O- und W-Ausbuchtung des Bildfeldes Landschaftsausschnitte und in den Ausbuchtungen der Längsseiten Architekturen als Bildschauplatz. Die vier Szenen sind jeweils auf die entsprechende Bildseite als Basis bezogen (Aufnahmestandpunkt unter dem östlichen Bilddrittel).

An der W-Seite ist die Schlüsselübergabe an Petrus (Mt 16 18) dargestellt (Blickrichtung nach W). In einer weiten Wiesenlandschaft, die sich tief in die Ferne erstreckt, sind die Apostel um Christus versammelt. Dieser weist zum Himmel, wo Gottvater auf Wolken thront und auf seinen Sohn zeigt. Petrus kniet vor Christus und nimmt die Schlüssel in Empfang. Auf einem hohen Felsen im Hintergrund rechts ist ein kleiner Rundtempel, Sinnbild der Ecclesia, zu sehen. Die Darstellung steht in der geläufigen Bildtradition dieses Themas. Die Stadt, die in der Ferne zu sehen ist, bedeutet wohl das biblische Caesarea Philippi. An der S-Seite (Ansicht nach S) folgt die Szene der Verleugnung Petri (Lc 22, 55–62). Durch das Tor vor dem Haus des Hohenpriesters tritt Petrus händeringend und blickt zu dem krähenden Hahn empor. Seitlich sitzen auf einem dunklen Podest zwei Wachsoldaten und eine Magd, vor denen Petrus Christus verleugnet hat. Im Tordurchblick wird ein Stück Nachthimmel mit dem Mond sichtbar. Die O-Seite des Freskos (Ansicht nach O) zeigt die

Bekehrung Pauli (Act 9, 3–7). Inmitten eines vielfigurigen Getümmels von Rossen und Reitern ist Saulus vom Pferd gestürzt, geblendet von den Strahlen, die aus dunklen Wolken auf ihn fallen. Christus thront mit ausgebreiteten Armen über den Wolken und blickt auf den Gestürzten nieder. Auffallend ist der Unterschied der Darstellungsform bei den beiden gegenüberliegenden Szenen: bei der Berufung Petri ist die Komposition denkbar schlicht, die Figuren sind einfach gereiht. Bei der Bekehrung Pauli dagegen handelt es sich um eine reiche, vielfach bewegte und komplizierte Komposition.

Die Szene mit dem Wirken Pauli in Ephesus nimmt die N- Seite ein (Ansicht nach N). Der Apostel steht im Kreise von vier heidnischen Gelehrten und weist zum Himmel. Im Vordergrund liegen brennende Bücher am Boden. Ein Heide wirft gerade ein Buch in die Flammen. Die Gruppe ist von antikischer Architektur hinterfangen. Die Darstellung illustriert einen Bericht der Apostelgeschichte (Act 19, 19): »Viele andere, die sich mit Zauberkünsten abgegeben hatten, brachten ihre Bücher herbei und verbrannten sie vor aller Augen.«

Auf den ersten Blick herrscht im ganzen Bild eine vordergründige Einheit der Perspektive, die durch den gemeinsamen Fluchtpunkt der Höhenlinien bewirkt ist, ein Phänomen, das man in den 80er Jahren besonders bei Gaiblers Vorbild Baader beobachten kann (vgl. Perchting, CBD, Bd 1, S. 338-40 und Polling, loc. cit., S. 457, 461). Trotzdem folgt die Darstellung der einzelnen Bildschauplätze verschiedenen Konstruktionsprinzipien. Während die Landschaften einen weiten Tiefenraum besitzen und der Boden in Aufsicht gegeben ist, ragen die Architekturen als vordergründige Kulissen auf, die nach hinten jäh abfluchten. Als Vermittlung zwischen den konträren Bildräumen dienen Bäume und Buschwerk.

 
Petrus- und Paulus-Szenen

B ENGEL TRAGEN DEN LEICHNAM DER HL. KA- THARINA Annähernd querovales Bildfeld mit einansichtiger Darstellung; Ansicht nach W; Aufnahmestandpunkt zwischen A und B.

In einer bewegten Gruppe, die die Bildmitte einnimmt, tragen zwei Engel den Körper der hl. Katharina, ein dritter hält das abgeschlagene Haupt darüber. Darunter ist bergiges Gelände mit schroffen Steilabbrüchen zu sehen, deren Erosionsrisse wie Perspektivlinien auf einen Fluchtpunkt am oberen Bildrand gerichtet sind. Der angestrebten Höhenillusion steht die leichte Aufsicht auf die Landschaft und die Frontalwiedergabe der Figurengruppe in vorderster Bildebene ebenso entgegen, wie die Wiedergabe des Himmels in dunklem Violettgrau, in dem Aufhellungswerte völlig fehlen. Die einzigen hellen Farbwerte finden sich in der Engelsgruppe. Das Motiv des von Engeln getragenen, enthaupteten Leichnams übernimmt Gaibler bis ins Detail, allerdings seitenverkehrt, von Baader, der es 1777 im Hauptfresko von Issing (CBD, Bd 1, S. 110) bringt.

Thema ist die Überführung des Leichnams der hl. Katharina von Alexandrien: »Die Engel aber nahmen ihre Leichnam (nach dem Martyrium in Alexandrien) und führten ihn von der Statt auf den Berg Sinai, wohl 20 Tag weit, und begruben sie da mit großen Ehren« (LA-Benz, S 998).

C ST. NIKOLAUS ALS PATRON Das annähernd herzförmige Fresko gibt umlaufend ein terrestrisches Panorama von geringer Tiefe, das radial auf das Bildzentrum ausgerichtet ist, wo der hl. Nikolaus in einer Lichtglorie erscheint (Aufnahmestandpunkt unter dem östlichen Bilddrittel). Der Heilige trägt Bischofskleidung und wird von vier Engeln begleitet, deren einer sein Attribut, die drei goldenen Kugeln, trägt.

Der irdische Schauplatz ist über einer gemalten Sockelzone aufgebaut: Ein konsolenähnlicher Vorsprung an der S-Seite ist Basis für eine aufragende Torarchitektur, die zusammen mit anderen architektonischen Versatzstücken eine Bühne bildet, wo Bittflehende erscheinen: Mutter und Kind, ein Lahmer mit Krücke, ein abgezehrter Kranker auf seinem Bett. Auch hier übernimmt Gaibler Motive von Baader: Im LHs-Fresko von Jedelstetten (CBD, Bd 1, S. 115) finden sich in der Gruppe der Bittflehenden die genauen Vorbilder für das Fresko in der Jachenau. Auch der untere Engel, der die Wolke trägt, folgt dem Vorbild Baaders in Jedelstetten, aber, wie auch bei der Gruppe der den Leichnam tragenden Engel in B, seitenverkehrt.

An einigen Stellen überschneidet die Darstellung den Sockelrand: hier wird an die illusionistische barocke Tradition erinnert.

Die terrestrische Szene zeigt die Landschaft der Jachenau: die Kirche mit ihrem damaligen, inzwischen erneuerten Turm, davor zwei Höfe und im Hintergrund das Bärenhaupt mit der Pfund-Alm.

An der N-Seite kniet unter einem Baum an dem gemalten Sockel ein sein Brevier betender Pater. Lieb (S. 6) deutet ihn als P. Heinrich Burkart von Benediktbeuern, der zur Zeit der Ausmalung Pfarrer von Kochel war (1786–95). Die Expositur Klösterl am Walchensee gehörte mit der Jachenau zwar juristisch zur Pfarrei Kochel, der Pfarrer von Kochel war aber mit der dortigen Seelsorge kaum befaßt

 
 

Es handelt sich eher um P. Maurus Zwerger, der von 1784–88 als Cooperator für Jachenau in Klösterl exponiert war (Lindner, S. 109).

Quellen und Literatur

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 347 KDB I OB (1), S. 666 f

Lindner, Pirmin, Fünf Professbücher süddeutscher Benediktiner-Abteien, IV. Benediktbeuern, Kempten und München 1910.

Thieme-Becker, Bd 13 (1920), S. 72.

Mindera, Karl, Benediktbeuern, Das Handwerk im Dienst der Kunst auf dem Boden der Grundherrschaft Benediktbeuern, München 1939, S. 54 f.

Fuchs, Adolf, Georg Alois Gaibler, Bürger und Maler in Kaufbeuren, in: Kaufbeurer Geschichtsblätter 2, 1955-58 S. 128 f.

Mindera, Karl, Benediktbeuern (= GKF, Nr. 23), München 31970, S. 42 f.

Lieb, Norbert, Jachenau, Wangen 1974.