Itzling, Filialkirche St. Vitus


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 7: Landkreis Erding. Hirmer, München 2001, ISBN 978-3-7774-7830-2, S. 178–180, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
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ITZLING

Filialkirche, Pfarrei Altenerding, Stadt Erding, Erzdiözese München und Freising. Der herzogliche Zehnthof in Itzling wurde 1685 von Kurfürst Max Emanuel dem Kurfürstlichen Rat und Kammerzahlmeister Anton Franz Pistorini verliehen und zum gefreiten Sitz mit niederer Gerichtsbarkeit erhoben. Gericht Erding

Patrozinium: St. Vitus

Zum Bauwerk: Konsens zum Neubau der baufälligen gotischen Kirche am 10.7. 1713, Abriß der alten Kirche noch im Sommer 1713, Grundsteinlegung am 23. 10. 1713. Baumeister war der Erdinger Gerichtsmaurermeister Anton Kogler. Der Bau zog sich über zwei Jahre hin. Am 6.6. 1716 war die Kirche »in solchen Standt gebracht wordten, das die gewöhnliche Gottsdienst gezimmenter massen darinnen khönnen verrichtet werdten«. Weihe am 21.6.1717 durch Fürstbischof Johann Franz Eckher.

LHs zu vier Jochen mit gerundeten Ecken, Gliederung durch Pilaster auf Vorlagen, Empore im W, stark nach vorn in der Raum geschwungen, Eingänge von N und S im westlichen Joch, Belichtung durch hohe Rundbogenfenster von N und S in den drei östlichen Jochen und durch zwei verkürzte (Empore) im ersten Joch. Stark eingezogener, geschwungener Chorbogen, AR dreiviertelkreisförmig, Gliederung wie LHs. Belichtung durch je ein hohes Rundbogenfenster von N und S über denen sich je ein querovales Fenster befindet. Umlaufendes, kräftiges Kranzgesims. Die Kirche ist nicht stuckiert.

Auftraggeber: Wolfgang Grimb, Pfarrvikar von Altenerding (1697–1719, s.S. 136). Die Kirche Itzling war vermögend genug, den Bau aus eigenen Mitteln zu bezahlen; für die Freskierung sind private Stifter anzunehmen.

Der Hofmarksherr Anton Franz Pistorini war am 16.4.1710 gestorben; der Edelsitz Itzling gehörte z.Z. der Ausmalung einer Erbengemeinschaft.

Autor und Entstehungszeit: Zuweisung an Johann Degler (* 1666 Villnöß/Südtirol † 1729 Tegernsee) 1716. Chronogramm in B CORDA CONIVNGET PVRVS AMOR (= 1716)

Der Autor der Deckenbilder ist der Münchner Schule um 1700 zuzurechnen. Der Wolff-Schüler Johann Degler hatte einen Schwerpunkt seines Schaffens im ehemaligen Gericht Erding. Unter Pfarrer Wolfgang Grimb malte er sieben Altarblätter für die Pfarrei Altenerding: Haupt- und Seitenaltarblätter in der Friedhofskirche St. Paul in Erding; Hauptaltarblatt in Indorf; Haupt- und Seitenaltarblätter in Heiligblut (s. auch S. 136). Obwohl bisher kein für Degler gesichertes Fresko bekannt ist, das zum Vergleich herangezogen werden könnte, geben doch

Vergleiche mit Deglers Altarbildern überzeugende Übereinstimmungen. Die geschlossene vielfigurige Gruppe von Christus, Maria, Engeln und Wolken tritt bei Degler in ähnlicher Form mehrfach auf. Auch die Darstellung der Körper in Itzling entspricht der in den übrigen Bildern Deglers, der noch mit der barocken Gewand- und Körperfülle arbeitet, jedoch in eher oberflächlicher Auffassung. Es ist, als wären die Formen ihrer kräftigen plastischen Substanz entleert. Auch die Körpertorsionen stehen in der barocken Tradition, jedoch eher als Zitat und nicht mehr durch eine ihnen innewohnende kraftvolle Bewegung bedingt. Die Figuren- und Gesichtstypen in Itzling entsprechen völlig denen, wie sie Herzog beschreibt (S.49f.), auch in Details gibt es frappierende Übereinstimmungen, etwa die weitgeöffneten weißen Lilienblüten. Die Krönung Mariens mit der Sternenkrone finden wir auch auf Deglers Hochaltarblatt in Schwindkirchen (s. S. 284).

Zeichnung

Zu A Krönung Mariens. Feder in Grau, grau laviert, mit Bleistift quadriert, 33,1×21,6 cm, Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Graphische Sammlung Inv. Nr. T 28. Diese Zeichnung entspricht in der Rahmenform nicht dem Fresko in Itzling, jedoch gleicht ihm die Komposition bis in kleinste Details. Sie trägt von gleicher Hand das Datum 1718. Sie ist in einer Schrift des 18. Jh., jedoch von anderer Hand, mit Joh Degler bezeichnet.

Die gleiche Komposition wurde – nicht von der Hand Deglers - wiederholt in der Kirche St. Michael in Zell, LKr. München (CBD, Bd 3/I, S. 180f.; dort Abb. der Zeichnung).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs und AR (A und B) hohe Tonne mit Stichkappen

Rahmen: Stuckprofil

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 10,90 m; 5,00×3,60 B Höhe 10,80 m; 2,60×2,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Gründliche Erneuerung vor allem des Dach- und Gewölbebereichs 1902 mit Ausbessern der Sprünge und Reinigung der Raumschale. An den Deckengemälden sollten »... nur die durch Risse entstandener

 
A Himmelfahrt und Krönung Mariens
 

Schäden ausgebessert werden dürfen« (AEM). Nach Baureparaturen und Entfeuchtung 1962 Neufassung der Raumschale 1966 durch Johann Eder, Vaterstetten. Vor der letzten Gesamtrestaurierung 1990/94 war der Bau in schlechtem Zustand: Aufsteigende Nässe im Mauerwerk, Zerfall des Fundaments, Schäden am Dachstuhl. Befunduntersuchungen im Innenraum durch Manfred Fronske, Tiefenbach. Neufassung der Raumschale in der ursprünglichen Farbgebung durch Heinrich Götz, München. Die Deckenbilder, deren Farbsubstanz recht gut erhalten ist, wurden 1993 durch Wilhelm Böck, Langenbach, restauriert: Reinigung, Festigung der Putzablösungen, Entfernen und Ersetzen lockerer Altkittungen. Die Oberflächen besonders stark abweichender Einputzungen wurden der originalen Umgebung besser angeglichen; Retuschen der Neukittungen und auffälliger Fehlstellen im Bereich der originalen Malschicht. Die Fresken sind in gutem Zustand.

 
B Die Herzen Iesu und Maria

Beschreibung und Ikonographie

A HIMMELFAHRT UND KRÖNUNG MARIENS Ansicht nach O. Die Figurengruppe baut sich über dunklen ockerfarbenen Wolken auf, vor denen ein Engel schwebt, dessen Gewand in kräftigerer Tönung die Wolkenfarbe wiederholt. Er nimmt kompositorisch die Stelle eines barocken Trageengels ein – mit ausgebreiteten Armen, das Haupt zurückgelehnt und zu Maria aufblickend. Die Figur Mariens über ihm ist in weißem Gewand und blauem Mantel dargestellt, ihre Rechte greift in den Gewandbausch vor ihrer Brust, ihre Linke weist zur Seite. Ein großer Engel in grünem Gewand rechts schein sie zu stützen, ebenso wie ein Putto links. Maria hat den Blick nach oben gerichtet. Dort erscheint Christus und hält eine sternenbesetzte Krone für sie bereit. Er ist von einem anbetenden Putto und von Puttenköpfchen begleitet. Ein großer Engel und ein Putto halten die Weltkugel.

Die Komposition kommt aus der Tradition barocker Aszensionen, wo Wolken, Engel, Figuren in stürmischer Bewegung sich gegenseitig emportragen, alle von gleicher himmlischer Kraft erfaßt. In Itzling wird das barocke Pathos nur noch zitiert. Der Engel faßt nur mehr an die Weltkugel, er trägt sie nicht. Christus kommt nicht von oben, Maria ihrerseits wird nicht emporgetragen, sondern verharrt in unbestimmtem Schwebezustand. Die beiden Engel, die sie auf den ersten Blick zu tragen scheinen, fassen sie kaum an. Beim untersten Engel ist das barocke Trage-Motiv in ein Motiv verehrend gebreiteter Arme umgedeutet.

Die delikate Farbgebung, die Deglers Altarblättern nachgerühmt wird, kommt im Fresko nicht recht zur Geltung. Sie ist zu ahnen in den feinen Stufungen von Hell zu Dunkel innerhalb einer Farbe, doch beschränkt sich die Farbkomposition im wesentlichen auf Ocker- bis Rotbrauntöne, zu denen die Marienfarben Weiß und Blau in Kontrast stehen.

B DIE HERZEN JESU UND MARIAE Das große Herz Mariae ist von weißen Lilienblüten umkränzt. Liebesflammen schlagen aus ihm empor, in denen der Marienname MRA zu sehen ist. Darüber schwebt, rings von Flammen umgeben, das Herz Jesu, aus dem oben ebenfalls Flammen schlagen. Es trägt die blutende Seitenwunde und den Dornenkranz. Über ihm steht der Namen Jesu IHS, auf dem Querbalken des H ein Kreuz, aus zwei Nägeln gebildet. Rings in Wolken sieht man Puttenköpfchen. Inschrift auf einem Schriftband oben im Bild CORDA CONIVNGET PVRVS AMOR.

Wolfgang Grimb war ein Förderer des am Anfang des 18. Jh. noch verhältnismäßig modernen Herz-Jesu-Kults. Auf sein Betreiben war 1706 in Heilig Blut die Herz-Jesu-Bruderschaft eingeführt worden. In Itzling verbindet Grimb diesen Kult mit dem der Verehrung des Herzens Mariae, eine inhaltliche Verknüpfung, die nahelag, denn der Herz-Mariae-Kult hängt zeitlich und inhaltlich vom Kult des Herzen Jesu ab. Beides waren spirituelle Liebeskulte, deren Ziel die vollkommene Gegenliebe der Menschen als Antwort auf die göttliche Liebe war (s. dazu Hermann Joseph Nix, Die Verehrung des heiligsten Herzens Jesu und des reinsten Herzens Mariä, Freiburg im Breisgau 1908). Die Liebe zwischen Jesus und Maria und beider Liebe zu den Menschen ist im Fresko durch die Flammen ausgedrückt. Die Inschrift – reine Liebe verbindet die Herzen – kann sich auch auf die gegenseitige Liebe zwischen den Menschen und Jesus bzw. Maria beziehen. Das LHs- Fresko zeigt mit der Krönung Mariens durch Christus eine Szene, die ebenfalls auf die Liebe zwischen Mutter und Sohn abzielt.

Quellen und Literatur

StAM, LRA 147462: Restaurierung 1902.

AEM, Pfarrakten Altenerding, 107 8400 01: Filiale Itzling; 107 8432 01: Filiale Itzling, Baureparaturen 1870, 1902.

AEM, Kunsttopographie, Dekanat 23/Erding, Pfarrei Altenerding, Filiale St. Vitus Itzling (Georg Brenninger).

Pfarrarchiv Altenerding: Felix Fischer, Geschichte von Altenerding, Typoskript 1915, S. 286–90.

BLID, Akt Itzling, Kirche St. Vitus.

Wening, Rentamt Landshut, 1723, S. 12.

Schmidtsche Matrikel, Bd 1, S. 530f.

Zöpf, Bernhard, Historisch topographische Beschreibung des kgl. Landgerichts Erding, Erding 1856, S. 163.

Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 341.

Landkreis Erding 1963, S. 220f.

Landkreis Erding 1985, S. 215.

Schierl, Wolfgang, Chronik von Altenerding, Erding 1988, 5.39–41,731.

Brenninger, Georg, Altenerding (= KKF 1842), München und Zürich 1999 S 14.

Dehio 1990, S. 507.

Historischer Atlas I, Bd 58, Erding (Susanne Margarethe Herleth-Krentz) 1007 S 108.

Herzog, Elisabeth, Der Münchner Hofmaler Johann Degler (1667–1729), München 1998, S. 127. A.B.