Hohenbrunn, Pfarrkirche St. Stephan


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 1: Stadt und Landkreis München. Sakralbauten. Hirmer, München 1987, ISBN 978-3-7991-6111-4, S. 127–130, geschrieben von Böhm, Cordula und Lüdicke, Lore. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung dem Stift St. Andreas in Freising inkorporiert, Pfleggericht Schwaben (Markt Schwaben)

Patrozinium: St. Stephan

Zum Bauwerk: Der gotische Kirchenbau wurde 1670 barock verändert (Erweiterung und Erhöhung des LHs 1680; Erhöhung des Turms). Nach einem Brand am Marienaltar 1719 begann man mit der Erneuerung der Innenausstattung, der Altäre und der Kanzel (datiert 1723). Inschriftkartusche am Chorbogen Anno / 1.7.2.3. Ein Dorfbrand am 18. 10. 1724 griff nicht auf die ganze Kirche über, sondern beschädigte nur den Turm (Wenk, S. 52–4 104 f., vgl. dagegen Mayer-Westermayer und KDB, nach denen die Kirche 1722 abgebrannt ist und durch einen Neubau ersetzt wurde).

Fünfjochiger Saalbau, das fünfte (östliche) Joch querschiffartig erweitert; eingezogener, zweijochiger AR, dreiseitig geschlossen. Im AR Pilaster-, im LHs Doppelpilastergliederung. Belichtung durch acht Rundbogenfenster an der N- Seite und fünf an der S-Seite, Empore im W.

Autor und Entstehungszeit: Am 23. Juni 1723 schrieb Pfarrer Lorenz Sutner von Hohenbrunn (1701–46) an das Stiftskapitel St. Andreas in Freising, die Pfarrkirche sei nunmehr vom Stukkator und Maler »verfertigt« (Wenk, S. 48). Die bei Wenk angeführten Archivalien sind verschollen. Der Maler ist namentlich nicht bekannt und stilkritisch kaum mehr zu ermitteln, weil die Deckenbilder nicht mehr original erhalten sind (vgl. Erhaltungszustand). Die angegebene Entstehungszeit 1723 entspricht der Bildanlage des Chorbildes D

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A–C, 1–4, 7–10) leicht gedrückte Tonne mit Stichkappen, AR (D, 5–6) verschliffenes Rippengewölbe, im O abgemuldet

Rahmen: A–C Stuckprofil, die Bildfelder sind jeweils in ein größeres, rankengefülltes Stuckfeld eingeschlossen; D Stuckprofil, 1–10 Stuckkartuschen

Technik: Secco; polychrom

Maße: A Höhe 7,60 m; 1,90 × 2,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1860 wurde ein klaffender Spalt am LHs-Gewölbe gekittet. 1862, 1879, 1899/1900 fanden Innenrestaurierungen statt. Schon 1899 wurden die Deckenbilder als übermalt bezeichnet (Gutachten von Haggenmiller, BLfD, Akten Hohenbrunn, 22. 5. 1899). Vor der Restaurierung 1935/37 durch Max Faltner, Rosenheim, hatten die »Gemälde vom Gewölbe derart schlechte Farben, daß man sie mit der Hand entfernen konnte« (Wenk, S. 117). Nach der Restaurierung wurden die »schreienden Farben« vom BLfD beanstandet.

1974 war das Gewölbe durch den mehr als 100 Jahre alten Spalt so gefährdet, daß eine Betonüberwölbung vorgenommen wurde. Als vorübergehende Schutzmaßnahme gegen Feuchtigkeit wurden die Deckenbilder im LHs von Ludwig Keilhacker, Taufkirchen/Vils mit einer Lackschicht (Paraloid B 72) und mit Nessel überzogen, die Hohlräume mit Schaumstoff und Holzwolle gepolstert. Die Kunstharzschicht hatte sich so fest mit dem Pigment der Malerei verbunden, daß sie anschließend nur noch teilweise wieder abzulösen war. Letzte Restaurierung der Deckenbilder

 
2 Eherne Schlange
 
 
D Maria Immaculata

1977/78 durch Hans-Heinrich Müller-Werther, Ebersberg. Durch die Schutzmaßnahmen von 1975 sind die Bilder nachgedunkelt, der Firnis ist als spiegelnder Überzug zu erkennen.

Von der ursprünglichen Ausmalung lassen die Chordekkenbilder D und 5–6 die barocke Bildanlage erkennen. Die LHs-Bilder A-C, 1-4 und 7-10 sind im Stil des 19. Jh. übermalt (vielleicht im Anschluß an die Gewölberiß-Restaurierung von 1860). Die Gloriendarstellung des hl. Stephanus (C) und die Embleme 1-4 und 7-10 entsprechen dabei der barocken Ikonologie. Inwieweit die Heiligendarstellung in A thematisch auf das ursprüngliche Bild zurückgeht, ist nicht zu beurteilen.

Die vier Evangelisten-Darstellungen an der Emporenbrüstung wurden 1899/1900 von Maler Bartlme, München geschaffen, 1935 übertüncht und 1977/78 wieder freigelegt (keine Abbildungen).

Beschreibung und Ikonographie

1-10 Stephanus-Embleme

 
C Die Hl. Dreifaltigkeit empfängt den hl. Stephanus (im 19. Jh. übermalt)

1–10 Stephanus-Embleme 1 NATIVO HUMORE RUBESCAM – Weinstock in einem Garten. Das Bild mit gleichlautendem Lemma bringt Picinelli für die Martyrer, die durch ihr eigenes rotes Blut ausgezeichnet werden wie der Weinstock durch seinen Saft (Picinelli, s. v. vitis, Lib. 9 Nr. 538). 2 SATIABOR CUM APPARUERIT – Ein Adler fliegt der aufgehenden Sonne entgegen. Das Lemma folgt dem Psalmvers 16, 15. Das Bild steht für die Gottesverbundenheit des Heiligen (vgl. Picinelli, s. v. aquila, Lib. 4, Nr. 167 mit gleichem Lemma). 3 ALTA PETIT FIXO CORDE – Ein Paradiesvogel fliegt unter nächtlichem Himmel mit Mond und Sternen in die Höhe. Der unentwegte Flug des Paradiesvogels, dessen Flugfedern am Herzen befestigt und dessen Flug vom Herzschlag angetrieben wird, ist Bild der Liebe Gottes im Herzen des Heiligen (vgl. Picinelli, s. v. monochodiata, Lib. 4, Nr. 485 mit gleichem Lemma; vgl. die Deutung bei Kemp, S. 212). 4 NEC DEFESSUS NEC DIFFISUS – Ein Schwan schwimmt an einem Gebäude mit Garten vorbei. Das Lemma bezieht sich auf den Schwan, der den Ozean im Flug überquert und dabei weder Kraft noch Zielsicherheit verloren hat. Das Emblem bedeutet den Menschen, der das Meer irdischer Schwierigkeiten meistert in der sicheren Hoffnung auf das Glück im himmlischen Hafen (vgl. Picinelli, s. v. cygnus, Lib. 4, Nr. 328 mit gleichem Lemma). 5 MISERICORDISSIMA – Ein Pelikan ernährt seine Jungen mit seinem Blut. Das traditionelle eucharistische Symbol ist emblemartig verwendet und weist auf die selbstlose Liebe hin. 6 CONSTANTISSIMA – Pyramide, Bild der Standhaftigkeit (vgl. Picinelli, s. v. pyramis, Lib. 16, Nr. 147, 148 für die unerschütterliche Seele und die Standhaftigkeit). Die von den übrigen Lemmata abweichende Form der Inschriften zu 5 und 6, die sich beide im Chor bei der Immaculata-Darstellung D befinden, ist Hinweis darauf, daß diese Darstellung auf Maria zu beziehen ist. 7 UT POTIAR PATIAR – Ein Falter versengt sich an der Flamme einer Kerze. Der Schmetterling hat so starke Sehnsucht nach dem Licht, daß er dabei von der Flamme erfaßt und verbrannt wird. Er ist das Bild der Seele, die durch die Flammen des Sühnens (des Fegfeuers) zur Seligkeit gelangt (vgl. Picinelli, s. v. papilio, Lib. 8, Nr. 263 mit gleichem Lemma und Icon). Hier spielt das Emblem auf das Martyrium an. 8 MERSUS EMERGAM – Ein Tauchervogel taucht aus dem Wasser auf. Das Bild ist Hinweis auf den Menschen, der in schwerste Nöte oder Leiden gestürzt, nicht die Hoffnung verliert, daraus wieder emporzutauchen (vgl. Picinelli, s. v. mergus, Lib. 4, Nr. 471 mit gleichem Lemma). 9 DABIT HIS DEUS QUOQUE FINEM – Die Taube bringt den Ölzweig zur Arche Noah. Dieses biblische Bild bedeutet emblematisch die betrübte Seele, die voller Vertrauen darauf ist, daß ihre Leiden bald enden (vgl. Picinelli, s. v. columba, Lib. 4, Nr. 271 mit gleichem Lemma). 10 NUBILA FELLO – Aufgehende Sonne. Hauptsinn des Bildes von der aufgehenden Sonne, die Nebel und Wolken auflöst, ist die Erscheinung und die Gegenwart Gottes (oder

 
A Die hll. Augustinus, Stephanus, Matthias und Markus (im 19. Jh. übermalt)

Wirkung auf negative Kräfte (vgl. Picinelli, s. v. sol, Lib. 1, Nr. 78, 79, 80). Hier ist das Emblem wohl auf Stephanus als den ersten christlichen Martyrer (vgl. Act 6—7) und seine Wirkung auf die Sünder zu beziehen. Die unverbrüchliche Hoffnung und das feste Vertrauen auf Gott sind Leitmotiv des Hohenbrunner Stephanus-Emblemzyklus.

Quellen und Literatur

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 507 f. Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 625, 628f. KDB I OB (1), S. 782 Wenk, Johann, Geschichtliche Notizen von Hohenbrunn, Ms. von ca. 1945 bei der Gemeindeverwaltung Hohenbrunn Dehio-Gall OB, S. 53 Kemp. S. 211f. C. B./L. L.