Hohenschäftlarn, Pfarrkirche St. Georg


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 3, Teil 1: Stadt und Landkreis München. Sakralbauten. Hirmer, München 1987, ISBN 978-3-7991-6111-4, S. 131–133, geschrieben von Böhm, Cordula und Lüdicke, Lore. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Gemeinde Schäftlarn, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Klosterhofmark Schäftlarn

Patrozinium: St. Georg und Katharina

Zum Bauwerk: Am 18. 6. 1729 wurde das »SS. Georgii und Katharinae Gotteshauß« in einem Schreiben des Abtes Hermann Frey von Schäftlarn an den Geistlichen Administratoren in Freising als baufällig gemeldet. Eine Reparatur lohne sich nicht mehr. Ein Überschlag Georg Ettenhofers, Bür gers und Maurermeisters zu München, über 2285 fl. 6 kr. lag bei (BHStA I, Kl. 3, F. 851, Nr. 93). – Weihe des Neubaus am 19. 9. 1734. – 1954 Verlängerung der Kirche nach W

Saalbau zu ursprünglich drei, seit 1954 zu vier Achsen, im W Empore, eingezogener, halbrund geschlossener AR. Pilastergliederung, Belichtung im LHs durch acht, im AR durch zwei hohe Rundbogenfenster.

Auftraggeber: Für Deckenbild A Abt Hermann Josef Frey von Schäftlarn (1719–51), dessen Grab sich in der Kirche befindet, für B Abt Felix Gege von Schäftlarn (1752–76)

Autor und Entstehungszeit: Das Deckenbild A stimmt stilistisch überein mit Deckenbildern des Klostermalers von Benediktbeuern, Frater Lucas Zais (* 1674 Lambach/OÖ † 1739 Benediktbeuern, weitere Lebensdaten und Werke s. CBD, Bd 2, S. 261). Dem gleichen Maler sind die von Kloster Schäftlarn ausgestatteten Kirchen in Zell (S. 180f.) und Wangen (CBD, Bd 1, S. 360 f.) zuzuschreiben. Zell und Hohenschäftlarn wurden um 1734 ausgemalt.

Das Deckenbild B im AR unterscheidet sich stilistisch von Fresko A. Es setzt die Kenntnis von Fresken des späten Johann Baptist Zimmermann (s. Schäftlarn S. 149) voraus, wie an den Figuren und Kostümen, besonders an der Art, wie die Stoffe gemalt sind, zu erkennen ist. Fresko B datieren wir folglich später, in das sechste Jahrzehnt des 18. Jh., der Maler ist im Zimmermann-Umkreis zu suchen.

Befund

Träger der Deckenmalerei: A, B Spiegelgewölbe Rahmen: A, B Stuckprofil Technik: Fresko mit Seccoanteil; polychrom Maße: A 7,00 m; 7,50 × 5,40 B Höhe 6,80 m; 4,40 × 3,30

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1878, 1912 1954 durch Hans Pfohmann, Hohenschäftlarn, zuletzt 1977 durch Norbert Fischer, Egling und Fa. Wiegerling Bad Tölz. In A zahlreiche Retuschen (Himmel, Wolken, Engel über Maria, Maria), Durchscheinen der Holzlattendecke. B fleckig, verschmutzt. Die in den Abbildungen erkennbaren Schäden (Aufnahmen vor der Restaurierung 1977), Flecken und Verschmutzungen, sind jetzt behoben.

Beschreibung

A GLORIE DER HLL. AUGUSTINUS UND NORBERT MIT SKAPULIER- UND REGELSPENDE Die Himmelsszene ist ohne Höhen- und Raumillusion gemalt (Betrachterstandpunkt unter der Bildmitte). Angelegt wie ein vertikales Bild, ist die Darstellung reliefhaft flächig. Die Figuren sind auffallend gelängt und drängen sich in dichter Fülle über die Bildfläche.

Maria mit dem Kind auf dem Schoß thront auf Wolken über der von Putti getragenen Weltkugel. Sie reicht Norbert das weiße Skapulier; der hl. Augustinus hinter Norbert weist auf das aufgeschlagene Regelbuch. Engel und zahlreiche Putti umspielen die Heiligen, auf die das Licht der Glorie fällt. Im unteren Bilddrittel stürzen eine Teufelsgestalt, ein Amor-Putto und ein Ketzer in die Tiefe.

Vor grauen Wolken erscheinen als Buntfarben Hellblau und Ockergelb; daneben bestimmt das Inkarnat der vieler über die ganze Bildfläche verteilten Putti die Farbigkeit.

B VEREHRUNG DES KRUZIFIXUS Um den Gekreuzigten, der von Licht umstrahlt in einen düsteren Wolkenhimmel aufragt, scharen sich Pilger aus den vier Erdteilen. Sie sind gekennzeichnet durch Hautfarbe und Tracht. Auf einer Anhöhe kniet links, vor einer Einsiedlerkapelle, ein Prämonstratenser und schaut von ferne auf die Szene der Verehrung des Kruzifixus.

 
 

Das Kreuz ist als beherrschendes Motiv ins Bild gesetzt; in Schrägsicht dargestellt, ist es perspektivisch gezeichnet und gegenüber allen übrigen Bildfiguren überdimensional groß gegeben. Der räumlich illusionistischen Wirkung des Kreuzes entspricht nicht der flächig gemalte hügelige Schauplatz, der – an beiden Seiten weit hochgezogen und zur Bildmitte abfallend - einen Taleinschnitt bezeichnet. Die darauf musterartig verteilten Figurengruppen haben keinen bildräumlichen Bezug zum Kreuz.

Die weitgehend unbunten Farben der Gewänder, Graugrün, Braungrau, Ocker und Rostrot, sind in den grünbraunen Hintergrundston der Landschaft eingebunden.

Ikonographie

A GLORIE MIT SKAPULIER- UND REGELSPENDE Die Wahl des weißen, wollenen Ordensgewandes und der Augustinerregel wurde durch Visionslegenden ausgeschmückt: Maria erschien Norbert und überreichte ihm das weiße Ordensgewand (Chrysostomus van der Sterre, Vita S. Norberti, Antwerpen 1622). Einem Ordensbruder erschien der hl. Bischof Augustinus von Hippo mit der »goldenen Regel« (Fratrum Cappenbergensium addimenta ad Vitam; vgl. AASS Iunii, Tom. 1, Antwerpen 1695, 6. 6., S. 836: Vita auctore Canonico Praemonstratensi coaevo, **Cap. 9**, Tracht und Regel; S. 837: Annotata mit Nachweis für die Marienvision; S. 859: Augustinusvision).

Norbert ist als Ordensgründer in der weißen Prämonstratensertracht wiedergegeben; die üblichen erzbischöflichen Insignien fehlen. Ein Putto zu seinen Füßen deutet mit einem Ölbaumzweig auf ihn. Ein Engel über dem Heiligen trägt eine Lilie.

Der Ölbaumzweig ist als Sinnbild des Friedens ein fester Bestandteil der barocken Norbert-Ikonographie (vgl. den Kupferstich in den AASS, loc. cit., S. 819; Bergmüllers Fresko in Steingaden, CBD, Bd 1, S. 538f.; Zimmermann in Schäftlarn, S. 149f.). Ebenso findet sich häufig eine Lilie, die wohl nicht als Mariensymbol, sondern auch als ein Norbert-Attribut zu deuten ist, als Tugendsymbol, legitimiert durch eine Legende. Ölbaumzweig und Lilie sind mit Visionsgeschichten verbunden: Zur Zeit von Norberts Tod sah ein Prämonstratenser den Heiligen in weißgekleideter, schöner Gestalt mit einem Ölbaumzweig aus dem Paradies kommen, um diesen in die Kirche der Prämonstratenser einzupflanzen. Ein anderer Prämonstratenser sah den Heiligen zur Zeit des Begräbnisses im Bild einer Lilie, die Engel zum Himmel trugen (AASS, loc. cit., S. 857: Vita, Cap. 14). Der Regelstifter Augustinus ist mit dem brennenden, pfeil durchbohrten Herz in der Hand dargestellt. Pluviale, Mitra und Stab bezeichnen den Bischof von Hippo. Ein Engel präsentiert das Regelbuch; die Inschrift REGU=/LA / S. AUGU=/STINI. / ANTE OMNIA FRA-/TRES CHA=/RIS SIMI DILIGA/TUR DEUS. / CAP. 1 gibt den Anfang der Augustinerregel wieder.

Maria ist mit einem Kranz von Rosen im Typus der Wessobrunner Madonna wiedergegeben, der Sternenkranz ist Attribut der Immaculata. Der Jesusknabe weist Norbert auf die Weltkugel hin, Bildzeichen für den Auftrag an Norbert den Orden auszubreiten und den Glauben zu verteidigen. Die Stürzenden zu Füßen des Heiligen stellen zwei Lasterpersonifikationen dar: Haeresis in Teufelsgestalt mit Schlangenhaaren und Amor carnalis mit Augenbinde, Pfeil und Bogen, dessen Sehne gerissen ist. Der Ketzer in historischer Tracht ist bezeichnet TAN=/CHE=/LI=/NUS; Norbert soll Tanchelms Irrlehre in Antwerpen bekämpft haben (AASS, loc. cit., S. 843 ff.; Cap. 13). Auffallenderweise fehlt in diesem Darstellungszusammenhang die Monstranz.

B VEREHRUNG DES KRUZIFIXUS Die Darstellung folgt der Vision eines Prämonstratenser-Mönches, der im Tal von Prémontré an der Stelle der dort später erbauten Kirche den gekreuzigten Christus sah, umgeben von sieben Lichtstrahlen und verehrt von Pilgern, die aus vier Richtungen (gedeutet als die Vier Erdteile) herbeiströmten (AASS, loc. cit., S. 838: Vita, Cap. 10).

Quellen und Literatur

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 593 f. Hinterloner, Joannes, Der gerechte und vollkommene Noe in seinem Opffer, München 1745, S. 7. Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 649, 655. Abstreiter, Leo, Geschichte der Abtei Schäftlarn, Schäftlarn **1916**, S. 108f

 
A Glorie der hll. Augustinus und Norbert mit Skapulier- und Regelspende