Grafing, Kapelle St. Ulrich
Kapelle, Privatbesitz Schweiger, Gemeinde und Pfarre Königsdorf, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Gericht Wolfratshausen
Patrozinium: St. Ulric
Zum Bauwerk: Wegkapelle, laut Inschrift 1780 erbaut. Achteckiger Bau; der Innenraum ist ungleichmäßig rund und hat im W eine Altar- und im O eine Eingangsnische (Gesamtlänge des Raumes 4,50, Breite 3,20 m); Pilastergliederung; je ein Fenster an der N- und S-Seite
Auftraggeber: Inschrift im O über dem Eingangsbogen Ao. 1780 / Ist dise Capelen zu Ehren des / Heil= VLERICH durch der Ehrbahren Joseph gerbl bauern zum / gräffinger genant Erbaut worden.
Autor und Entstehungszeit: Die Entstehungszeit des Deckenbildes ist der des Baus gleichzusetzen. Der Autor ist unbekannt. Die umlaufende Szenerie und das Landschaftspanorama mit den charakteristischen Laubbäumen und
Baumreihen erinnern an die dem Tölzer Maler Wilhelm Anton Fett (* 1739 Tölz † 1800 Tölz) zugeschriebenen Fresken in der Allgaukapelle (S. 451-53) und in der Kapelle von Bairawies (S. 36f.). Der figürliche Stil weicht jedoch vom Stil Fetts ab: in Grafing sind die Figuren lockerer und lebendiger entworfen und ausgeführt.
Befund
Träger der Deckenmalerei: kleine, in der O-W-Achse leicht abgeflachte Kuppel über abgeschnittener größerer Kuppel, die den gesamten Raum überwölbt
Rahmen: grüngetönter Stuckprofilrahmen als Abschluß der äußeren ockerfarbenen Kuppelschale
Technik: Fresko mit Secco; polychrom
Maße: Höhe 3,90 m (Stich 0,60); 2,10 × 2,20
Erhaltungszustand: Durchgehender Kuppelriß im S vom Fuß bis zum Scheitel; größere, um das Kuppelgesims verlaufende Risse; Farbabreibungen, hauptsächlich in der Randzone; besonders beeinträchtigt ist das Blau; Verschmutzungen
Beschreibung
O. SCHLACHT AUF DEM LECHFELD Die Darstellung zieht sich panoramaartig in einer umlaufenden terrestrischen Zone um die kleine Kuppel. Die Hauptansichtsseite gegen W zeigt die Schlacht auf dem Lechfeld; gegenüber ist in bäuerlicher Landschaft der Hof des Stifters dargestellt. Davor kniet im Vordergrund Joseph Gerbl mit seiner ersten und seiner zweiten Frau. Die beiden Bildteile sind durch hochragende Bäume voneinander abgegrenzt. Im Zentrum der Kuppel, in einem großen Wolkenring, erscheint das Zeichen der Dreifaltigkeit (Dreieck mit drei Flammen) von kleinen Puttoköpfchen umgeben. Ein Engel schwebt herab und bringt dem hl. Ulrich ein Kreuz als Unterpfand des Sieges; Strahlen gehen von dem Kreuz aus und treffen auf Bischof Ulrich und König Otto, die in die Schlacht reiten. Vor ihnen tobt der Kampf zwischen Christen und Ungarn.
Die Darstellung ist gekennzeichnet durch Freude am Erzählen genrehafter Einzelheiten. Bei aller votivbildhaften Schlichtheit in der Darstellung der Bauern und in der Verbindung der beiden Bildhälften verraten doch einzelne Kampfszenen und Figurengruppen ein Können, das über Bauernmalerei hinausgeht.
Der farbliche Eindruck des Deckenbildes wird wesentlich mitbestimmt von den originalen Farben der tieferliegenden Kuppel (Ocker) und des Rahmens (Grün). Diese beiden Farben bilden im Fresko Hintergrund und Landschaft, und durch die dicken gelben Wolken auch fast den ganzen Himmel. Darüber hinaus erscheinen neben dem hellen Himmelblau als Buntfarben nur Braunrot und Braunviolett.
Ergänzungen zur Ikonographie: In der Schlacht auf dem Lechfeld, in der 955 Otto I., unterstützt durch Bischof Ulrich von Augsburg, das christliche Abendland gegen die Ungarn verteidigte, brachte nach der Legende ein Engel dem Bischof während der Schlacht ein Kreuz als Siegeszeichen. Das sogenannte Ulrichskreuz existiert noch in St. Ulrich und Afra in Augsburg, in der Fassung des Jörg Seld (vgl. AASS, Julii, Tom. 2, 4. 7., S. 88 f.). Ulrich ist im Bischofsornat dargestellt, Otto I. in römischer Feldherrnrüstung mit Purpurmantel und Feldherrnstab. Die Christen sind gekennzeichnet durch weiße Rüstungen, die Ungarn durch orientalisierende Trachten, Krummschwert und Halbmond.
In der Apsisnische Freskoreste mit Gottvater und dem Hl. Geist und Engeln mit Passionswerkzeugen, der Altarfigur des gegeißelten Heilands zugeordnet.
Quellen und Literatur
KDB I OB (1), S. 873. Dehio-Gall OB, S. 57.