Gelting, Filialkirche St. Benedikt
Filialkirche, Gemeinde und Pfarrei Wolfratshausen, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Pfarrrei Thanning, Landgericht Wolfratshausen
Patrozinium: St. Benedikt
Zum Bauwerk: Bau 2. Hälfte 17. Jh.; eine Inschrift am Chorbogen gibt an: Renoviert 1734. Saal mit vier Fensterachsen, im W Doppelempore, eingezogener AR mit 5/2-Schluß ohne Fenster
Autor und Entstehungszeit: Die »Renovierung« von 1734 ist auf die Ausmalung der Gewölbe zu beziehen; der stilistische Befund stimmt mit der Zeitangabe überein. Stilistische Verwandtschaft besteht zu Melchior Puchner, der mit Vorliebe Pozzosche Scheinarchitekturen anwendet (s. Geisenfeld, 1724, und Gosseltshausen, 1751, beide OB, LKr. Pfaffenhofen), und auch im Figürlichen (vgl. die Darstellung Marias und Heiliger in Bayrischzell, S. 457 und Fischbachau, S. 470–96). Die Geltinger Deckenmalerei zeigt jedoch eine auffällige Diskrepanz zwischen Quadraturmalerei und der – marionettenhaft-steifen – figürlichen Malerei (in A), die den Gesetzen der Tafelmalerei verpflichtet und die Puchners bewegtem, pathetischem Stil fremd ist.
Es ist naheliegend, daß ein lokaler Meister die Deckenbilder geschaffen hat. Für diese Zeit sind in Wolfratshausen der Bürger und Maler Joseph Heigl, tätig 1728/64, und der Bürger und Maler Philip Guglhör, tätig 1728/41, † 1768 daselbst (vgl. Krün S. 355) nachweisbar (Sigfrid Hofmann, Maler und Bildhauer des 17. und 18. Jh.s im LKr. Starnberg, in Lech-Isar-Land 1966, S. 102 f., 109, 114, 123).
Befund
Träger der Deckenmalerei: A und B gedrückte Tonnen mit Stichkappen
Rahmen: A gemalter Profilrahmen, B stuckierter Profilrahmen
Technik: Fresko; polychrom
Maße: A Höhe 10,00 m; 12,60 × 4,50
B Höhe 9,80 m; Ø 2,90
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei den Restaurierungen von 1848 und 1936 wurden Konturen und originaler Farbbestand übergangen: deckende Übermalungen in Ocker, Schwarz und Grün in den figuralen Szenen; erkennbare Spuren der Reinigung in der Architekturmalerei (Zustand bei den photographischen Aufnahmen). Bei der Restaurierung 1978 durch Norbert Fischer, Egling wurden die Fresken gereinigt und aufgefrischt.


Beschreibung und Ikonographie
A MARIA UND VIER HEILIGE Das extrem langgestreckte Bildfeld übergreift die vier Joche des LHs. Es hat differierende Betrachterstandorte für die zentralperspektivisch angelegte Quadraturmalerei und für die figürlichen Szenen an den Schmalseiten im O und W, die einen Standort jeweils unter der gegenüberliegenden Bildhälfte erfordern.
Die rahmende Scheinarchitektur illusioniert die Erhöhung und Öffnung des Kirchenschiffs in einen himmlischen Freiraum. In der Hauptansicht gegen O ist auf Wolken thronend die Madonna dargestellt. In der Art einer Sacra Conversazione sind vier Heilige hinzugesellt. Zur Rechten Mariens kniet der Patron der Kirche, St. Benedikt im schwarzen Habit, das Regelbuch mit dem zersprungenen Kelch darauf zur Seite, neben ihm Papst Silvester, Patron der Haustiere, mit Tiara und Papstkreuz, unter ihm der Kopf des Stiers, den er der Legende nach wiedererweckte. Zur Linken der Büßerheilige Antonius der Eremit in Einsiedlerkutte, in der Hand den T-förmigen Stab mit Glöckchen, den er als Patron der von Pest und ansteckenden Krankheiten bedrohten Menschen und Tiere trägt, neben ihm die Büßerin Maria Magdalena mit Kreuz und Salbgefäß zu ihren Füßen. Im W musizieren drei große Engel; zwei Putti darüber schwingen ein Rauchfaß und halten ein Spruchband SANCTVS SANC[tus] (Hinweis auf die Meßliturgie). Putti umgeben die Glorie im Zentrum, in der ein lichtes Dreieck in Strahlennimbus als Zeichen der Hl. Dreifaltigkeit erscheint.
Während die Architekturmalerei in starker Untersicht und Verkürzung an einen Entwurf in Pozzos Perspektivbuch erinnert (Andrea Pozzo, Der Mahler und Baumeister Perspektiv . . ., Augsburg 1708, Fig. 89), sind die figuralen Szenen tafelbildmäßig an die Decke versetzt und beeinträchtigen die Höhenillusion: Die versuchte Raumöffnung der Quadraturmalerei wird durch die Himmelsdarstellung flach geschlossen. Lichtführung und Farbgebung können ebenfalls keine Himmelsöffnung illusionieren. Die Glorie in stumpfem Goldgelb wirkt nicht »entrückt« und vermag kein himmlisches Licht im Sinne der »somma luce« zu veranschaulichen. Die allgemein diffuse Lichtführung mit nur geringer Verschattung der Wolkenpartien, die in Ocker und Grauweiß gegeben sind, bestärkt diesen Eindruck. Im Gegensatz zu den vorwiegend hellen und wenig bunten Farbtönen der Architekturmalerei – auf Weiß basierend Ocker, Goldocker und Graublau -, in denen nur die rotmarmornen Säulen an den Ecken kompositorische und
inhaltliche Verfestigung des Bildes darstellen, überwiegen in der Himmelsszene stärker gesättigte Farben – vor allem in Gewändern und Engelflügeln -, die von Goldgelb über Ocker, Rotbraun und Graugrün bis zu Grau und reinem Schwarz reichen.

B SCHEINKUPPEL Rundes Bildfeld mit einansichtiger Darstellung (Betrachterstandort unter dem Chorbogen). Illusionistische Tambourkuppel in Schrägansicht mit großen Rechteckfenstern, Säulen, Rippen und Laterne. Wie beim Hauptfresko handelt es sich auch hier um die Reduktion eines Pozzo-Schemas (loc. cit., Fig. 90). Das verhältnismäßig kleine Bild wirkt kaum als Raumerweiterung. Die Lichtführung berücksichtigt die gemalten Fenster. Die schwarzen Fensterkreuze sowie die violett und blau mit Gold gemalten Säulen und Pilaster heben sich entschieden von den weißgrauen Grundfarben ab.
Quellen und Literatur
KDB I OB (1), S. 872 f.
Riss, Franz, Gelting, in: Bayerische Heimat 7, 1925/26, S. 356 f.
Der Landkreis Wolfratshausen in Geschichte und Gegenwart. Ein Heimatbuch (o. V.), München 1965, S. 163.