Eurasburg, Schloss
EURASBURG
Schloß, Privatbesitz D. und G. Wolf, z. Z. der Ausmalung Hofmark Eurasburg
Zum Bauwerk: Zwei- bzw. dreigeschossiger Bau mit Ecktürmen und Mittelerker, erbaut 1626–30 (Pläne möglicherweise von Peter Candid).
Großer Saal im Obergeschoß, querrechteckig zur Fassade gegen O gelegen, erweitert durch den Erker mit dreiseitigem Schluß in der Fassadenmitte. Das Gebäude wurde bei einem Brand in der Neujahrsnacht 1976 bis auf die Außenmauern zerstört, die Deckenbilder sind nicht erhalten
Auftraggeber: Herzog Albrecht VI. von Bayern (1584–1666), gen. der Leuchtenberger, Besitzer der Hofmark Eurasburg, ließ den Vorgängerbau abreißen und den Neubau errichten
Autor und Entstehungszeit: Die Deckenbilder waren nicht datiert und signiert. Eine Beschreibung der Hofmark von ca. 1710 (Staatsarchiv München, Hofmarkarchiv Harmating, A 200, S. 15; Ms.) erwähnt den großen Saal und nennt den »Hörzogl. Hoffmaler Briederl« als Autor der Deckenmalerei (s. auch Wening, Beschreibung des Churfürsten und Herzogthumbs Ober und Niederbayern, Bd 1, München 1701, S. 128). Johann Briederl (auch Briederle oder Brüderl, † 29. 9. 1634 München) ist durch andere vergleichbare Werke kaum faßbar. Mit den Bildern in Eurasburg kann ein Hauptwerk vorgestellt werden. Aus der wenigen Archivalien kann seine Biographie und sein Werk folgendermaßen rekonstruiert werden: Johann Briederl war wohl Sohn eines gleichnamigen Münchner Zimmermeisters, wurde ab 1595 bei Hans Keller in Freising ausgebildet, war seit 1602 Meister in München, wo er 1634 starb. Werke: 1611 Malerarbeiten zum Heiligen Grab (wohl in der Neuveste) in München, 1613 Vergoldung von Rahmern für Herzog Albrecht den Leuchtenberger, 1614 mit Gesellen unter Peter Candid für den Münchner Hof tätig (wohl Residenz), 1615 für den Hof in München tätig, 1620 beteiligt an Fassung und Vergoldung des neuen Choraltars der Frauenkirche in München, 1621 Fassung und Vergoldung des Altars und Tabernakels im Schwesternchor des Ridler-Regel-Hauses in München, 1623 Malerarbeiten seines Sohnes Hans und zweier Gesellen für den Münchner Hof zu einer Prozession, 1625 mit Wilhelm Peter Zimmermann als Hofmaler abgefunden und entlassen, 1630 nochmals für den Münchner Hof tätig, undatierte Tätigkeit in Dachau (frdl. Mitt. Norbert Lieb, München, und Barbara Heller, München).
Die Entstehungszeit der Deckenbilder ist zwischen 1630 (Beendigung des Schloßbaues) und 1632 anzusetzen. Den Terminus ante quem gibt der Einbau des mächtigen Kachelofens an der Mitte der W-Wand im Saal; ein vergleichbarer Ofen in einem Eckzimmer ist 1632 datiert.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flache Kassettendecke mit schräger Laibung
Rahmen: Holzprofil, weiß und golden gefaßt. Technik: Öltempera auf Holz; polychrom
Maße: A Höhe 7,10 m; 2,65 × 4,85 B, C Höhe 7,10 m; 2,60 × 2,80 D Höhe 7,10 m; 4,10 × 1,80 0,85 × 4,80 1, 3, 5, 6 0,85 × 2,65 0,85 × 4,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: z. Z. der photographischen Aufnahme (1965) war der allgemeine Zustand gut. Die Hauptfelder der Decke waren im Stil des 19. Jh. übermalt, die Felder der Deckenschräge zeigten keine Übermalungen. Die Deckenbilder sind nicht erhalten (vgl. zum Bauwerk).
Beschreibung und Ikonographie
A–D SAMSON-ZYKLUS Die vier Hauptbilder waren in den horizontalen Teil der Kassettendecke eingelassen, A, B und C im Saal, D im anschließenden Erker. Das Bildfeld A ist quadratisch mit seitlichen halbrunden Ausbuchtungen, B und C sind quadratisch mit abgeschrägten Ecken, D ist hochrechteckig mit abgeschrägten Ecken. Aufnahmestandpunkt ist für A unter dem östlichen (oberen) Bildrand, für B und C unter der Bildmitte und für D unter dem östlichen (oberen) Bildrand jeweils gegen W gerichtet. Die Bilder mit den Samson-Szenen zeigen einen nicht geringen Einfluß aus dem römisch-niederländischen Caravaggismus. Die starke Körpermodellierung in Licht und Schatten sowie die Aufstellung der Hauptfiguren an einer Vordergrundsrampe gehen auf das Bildsystem Caravaggios zurück; ebenso eine »Monumentalisierung« des Zufälligen oder Beiläufigen, so wie etwa in C (Samson stürzt das Haus der Philister) die Rückenfigur Samsons und ein gestürzter Philister über die Bildgrenze nach vorne zu ragen scheinen. Obwohl direkte Untersichten oder Verkürzungen fehlen, sind so illusionistische Elemente ins Bild gebracht. Die Bildanlage mit dem niedrigen Horizont und den unmittelbar in den Bildvordergrund gestellten Hauptfiguren kommt der Anbringung der Bilder als Deckenbilder entgegen. A–D sind typische Quadri riportati der Frühzeit der barocken Deckenmalerei. Die Pathosgesten und der Gesichtsausdruck der Figuren sind extrem und naturalistisch gesteigert; auch das erinnert
3 Samsons Kampf mit dem Löwe
Grammatik
Astronomie
6 Dialektik
C Samson stürzt das Haus der P
3 Arithmetik
etik 4 Geometrie
5 Rhetorik an den Caravaggismus im Sinne eines Honthorst oder Baburen.
Die Farbigkeit entspricht der Hell-Dunkel-Modellierung der Körper. Die verschiedenen Inkarnattöne sind durch die Lichtmodellierung pathetisch gesteigert, so daß sie in der Gewichtigkeit innerhalb der Farbkomposition den großflächigen Buntwerten (in den Gewändern fast ausschließlich Rot, dazu das leuchtende Blau des Himmels) gleichkommen.
A SAMSONS KAMPF MIT DEN PHILISTERN (Iud 15, 14-17) Das Bild ist fast achsensymmetrisch angelegt: Am Boden liegen nackte Leiber von gefallenen Philistern, während aufrechte Gestalten mit Lanzen links und rechts vom Kampfschauplatz weg in den Hintergrund zu fliehen suchen. In der Mitte ist als beherrschende Figur Samson dargestellt, mit ausgreifendem Schritt und gebauschtem Mantel. Er hat den rechten Arm mit dem Eselskinnbacken zum Schlag erhoben; mit der Linken drückt er einen Gegner zu Boden.
Der Lichteinfall von links oben, schlaglichtartig geführt, bewirkt die stark plastische Modellierung der Körper. Diagonal gelegte Kompositionslinien betonen die Bewegungsrichtung des vorandrängenden Helden und der auseinanderstrebenden Gegner.
In der Farbgebung wird die Hervorhebung Samsons als der beherrschenden Figur weiter verfolgt: Sein Inkarnat ist im Gegensatz zu dem der Philister rotbraun, sein roter Mantel leuchtet als einzige Buntfarbe inmitten von Grau- und Blaugrau-Werten vor dem intensiven Blau des Himmels.
B SAMSONS KAMPF MIT DEM LÖWEN (Iud 14, 5-6) Das Bildfeld wird von der Gruppe des Samson mit dem Löwen fast völlig eingenommen. Der Löwe liegt am Boden, Samson steht über ihn gebeugt und reißt mit bloßen Händen sein Maul auf. Seine Gestalt mit dem wehenden roten Mantel beherrscht das Bild vor dem leuchtend blauen Himmel im Kontrast zu den unbunten Braunwerten der Bodenzone mit dem Löwen.
C SAMSON STÜRZT DAS HAUS DER PHILISTER (Iud 16, 25–30) Bildschauplatz ist das stürzende Haus der Philister. Samson steht in Rückenansicht im Vordergrund über einem erschlagenen Philister auf bildparallelen verlaufenden Stufen. Er hat mit beiden Armen zwei Säulen ergriffen und ist im Begriff, sie zu stürzen. Fallende Mauerteile erschlagen die fliehenden Philister im Hintergrund. Die Gestalt Samsons, durch den roten Mantel und den von links oben hell erleuchteten Körper hervorgehoben, ist kompositionell mit den Säulen und dem toten Philister so eng verbunden, daß sie ins Riesenhafte gesteigert scheint.
D SAMSON RAUBT DIE STADTTORE VON GAZA (Iud 16, 1–3) Die halbnackte Gestalt Samsons ist frontal ausschreitend dargestellt; er hat die Tore von Gaza samt den Pfosten eingerissen, um sich zu befreien. Einen Türflügel trägt er geschultert, den anderen unter dem linken Arm. Er steht auf einer schmalen, in den vordersten Bildgrund geschobenen Felsenrampe. Aus dem im Dunkel liegenden unbestimmten Hintergrund tritt die von links schlaglichtartig beleuchtete Figur allein hervor, das Rot des gebauschten Mantels bildet die einzige Buntfarbe.
Eine Inschriftenkartusche an der westlichen Deckenschrägung, rechts von Bildfeld 2, bezieht sich auf den Samsonzyklus: FERT HVMERIS VR-/BEM PROFLIGAT DEN-/TE PHALANGAS./TECTA MANV STER-/NIT,PLVS IOVE SAM-/SO POTEST (Er trägt auf seinen Schultern die Stadttore, schlägt die Streitscharen mit der Kinnlade nieder, das Haus wirft er nieder, mehr als Jupiter vermag Samson.)
1–7 ARTES LIBERALES. An den Deckenschrägen des Festsaales sind querformatige Bildfelder alternierend mit Inschriftkartuschen angebracht: 1, 2 und 3 an der W-Seite, 4 an der N-Seite, 5 an der O-Seite nördlich vom Erker, 6 an der O-Seite südlich vom Erker und 7 an der S-Seite. 1, 3, 5 und 6 sind trapezförmig, 2, 4 und 7 querrechteckig mit abgeschrägten Ecken. In den Inschriften der begleitenden Kartuschen werden die allegorischen Darstellungen, teils Einzelfiguren, teils Gruppen, als die Sieben Freien Künste bezeichnet.
Die großen Figuren sind jeweils im vordersten Bildgrund, vom Rahmen manchmal überschnitten, dargestellt. Eine seichte Rampe mit seitlich angedeuteten Architekturen und im Dunkel unbestimmt gelassenem hinteren Abschluß gibt den Bildschauplatz ab.
Wie bei den Samson-Szenen ist auch hier der caravaggeske Einfluß unverkennbar. Allerdings sind teilweise in den breitformatigen Bildern Durchblicke auf Landschaft oder scharffluchtende Architekturen gegeben, die an Ahnliches bei den niederländischen Manieristen erinnern.
In der Farbigkeit fehlt im Vergleich zu A-D die dort thematisch bedingte Leitfarbe Rot. Zu dem hier nur noch gelegentlich und kleinflächig in Gewändern erscheinenden Rot treten als Buntwerte Braun und Weiß, wobei die Buntfarben an die im Helldunkel modellierten Figuren gebunden sind. Im Gegensatz dazu steht die Abdunklung des Grundes, soweit sie nicht durch die Durchblicke unterbrochen wird: das intensive Himmelsblau, das in der
Farbigkeit von A-D eine so große Rolle spielt, tritt in kleinen Flächen nur dort auf.
1 GRAMMATIK Ein bärtiger alter Mann in einfachem Gewand mit Sandalen an den Füßen sitzt an einem niedrigen Tisch. Er hat Bücher bei sich und hält eines davon aufgeschlagen auf seinen Knien. Die linke Hand hat er in lehrendem Gestus erhoben. Am Tisch sitzen drei Knaben; zwei schreiben, einer hat den Kopf in die Hand gestützt (er stellt den in Grammatik-Darstellungen häufig vorkommenden Typ des Faulen dar). Hinter einer Balustrade rechts ist ein Landschaftsausblick gegeben.
Kartusche zwischen 1 und 7: GRAMMA/TA QVOD DO-/ CEAM QVID RI-/DES IMPROBE NA/SO/ CUM DOCTVS/ NEMO SIT SINE/ GRAMMATI/CIS (Was lachst Du mich aus, weil ich Buchstaben lehre, Du Schlimmer? Ist doch keiner gelehrt ohne die Grammatik.)
2 MUSIK (durch den Ofen teilweise verdeckt)
Vier höfisch gekleidete Männer sitzen im Halbkreis am Boden und musizieren. Die beiden äußeren spielen die Theorbe und Viola d'amore, die beiden mittleren halten ein Buch und singen. An den beiden Bildseiten sind weitere Instrumente zu sehen, ein Kontrabaß, eine Laute, eine Posaune sowie ein Cembalo und eine Mandoline (?).
Kartusche links von 2: »MVSICA DVLCI SONIS/ MVLCIT CONTENTIBVS / AVRES / HAEC OCVLOS ETIAM PASCERE MVTA / POTEST« (Mit süßklingenden Harmonien schmeichelt die Musik den Ohren, sie kann sogar die Augen, wenn sie stumm ist, erfreuen.)
3 ARITHMETIK
Die Komposition entspricht spiegelbildlich dem Bild 1. Ein bärtiger alter Mann sitzt am Boden neben einem Säulenpodest und rechnet zwei bei ihm sitzenden Schülern an den Fingern vor; ein Schüler hält eine Tafel in Händen. Ein Hund verfolgt die Szene. Links führt eine Balustrade nach unten, dahinter ist der Ausblick in eine Landschaft gegeben.
Kartusche an der N-Seite links von Feld 4: »INNVME/ROS IACTAS,/NVMEROS NV/MERARE VEL V-/NVM./ CVM NEQVEAS/VNO VEL NVME/RARE MINVS« (Du brüstest Dich, unzählige Zahlen zählen zu können, dabei kannst Du nicht einmal eine abziehen – ?)
4 GEOMETRIE
Ein bärtiger Gelehrter in weitem Mantel sitzt in einem im Dunkel unbestimmbaren Raum an einem Tisch, auf dem Folianten liegen. Er visiert über einen Sextanten, den er in der Rechten hält. Im Hintergrund ist ein Kartenständer (?) zu sehen. Rechts liegen Polyeder.
Kartusche rechts von Feld 4: »METIOR / IN TABVLIS FRETA TVRRES, FLVMINA, TERRAS, QVAMVIS NEC TERRAS POSSIDeam NEC A/QVAS« (Ich vermesse auf Schreibtafeln Meere, Türme, Flüsse, Länder, obwohl ich weder Länder besitze noch Gewässer.)
5 RHETORIK
In einem rechts geöffneten Raum mit Säulen und Stoffdraperie sitzt zwischen Folianten ein junger Mann, die Allegorie der Rhetorik, dargestellt als Merkur mit Flügelschuhen, Flügelhut und Heroldsstab, die Rechte mit dem Zeigefinger erhoben. Eine Szene im Ausblick rechts zeigt Darsteller auf einer Tribüne von einem mehrgeschossigen Säulenbau, davor eine Zuschauermenge.
Kartusche rechts von Feld 5: »REGVLE / QVID PRODEST / BENE DICERE REGVLE ? SALVS / NON, BENE QVI / DIXIT, SED BENE / VIXIT ERIT.« (Was hilft es, gut zu reden nach der Regel? Heil wird sein nicht dem, der gut geredet, sondern dem, der gut gelebt hat.)
6 DIALEKTIK
Spiegelbildliche Komposition zu Bildfeld 5. An einem Tisch sitzt ein junger Mann auf einem Schemel. Auf seinem hellen Gewand sind viele Augen, in der Rechten hält er eine Fackel hoch, in der Linken einen Schlüssel und drei ineinander geschlungene Ringe, deren Verbindung durch ein Vorhängeschloß gesichert ist. In den Ringen sind die Buchstaben AB / CA / BC zu sehen. Der Ausblick links zeigt eine Landschaft, in der ein Elefant mit einer Schlange kämpft.
Kartusche links von Bildfeld 6: »DISSIPAT/ HAEC FVMOS ET/ LEMMATA FALSA/ REFVTAT: QVI FFALI (!) NON/ VIS? FALLERE DI-/SCE PRIVS.« (Diese zerstreut die Nebel und widerlegt falsche Prämissen: Wenn Du nicht getäuscht werden willst, lerne vorher zu täuschen. – Lemma = Vordersatz eines Syllogismus)
7 ASTRONOMIE
Ein bärtiger Gelehrter in weitem Mantel sitzt neben einem Tisch, auf dem Bücher, Tintenfaß und Sextant zu sehen sind. Er mißt mit dem Stechzirkel an einem großen Himmelsglobus. Vor ihm steht eine
Armillarsphäre. Weitere Bücher und astronomische Meßgeräte sind neben ihm und im Hintergrund dargestellt.
Kartusche links von Feld 7: ASTRA/ PLACET SPE- CTARE IVVAT, IV-/VAT INDE POTIRI,/ INTVEARE LI- CET INPOTIA RE/PERIS (Es erfreut und gefällt, die Sterne zu betrachten, es erfreut, von daher Macht abzuleiten. Schau sie immerhin an! Du wirst Deine Ohnmach erfahren.)
a-e WAPPEN An den Deckenschrägen des Erkers befinden sich fünf Wappen in prächtigen Kartuschen, teils von Putti gehalten. Sie werden erläutert durch Inschriften in zwei Kartuschen an der Deckenschräge des Erkers jeweils westlich der Wappenreihe.
a Bayern; b Lothringen; c Sponheim; d Habsburg; e Leuchtenberg
Kartusche links von a: QVINQVE/ VIDES MAGNO. DIFFVSOS SANGVINE/ FONTES REGIA QVI/ BOIC STEMMATIS/ ARVA RIGANT (Fünf Quellen siehst Du strömend mit edlem Blut, die die königlichen Gefilde des Boicergeschlechtes bewässern.)
Kartusche rechts von e: QVINQVE/ VIDES QVEIS NIXA/ DOMVS STAT BOICA/ SCVTIS FVNDAMENTA/ ALIQ- VIS NOBILIORA/ PETAT (Fünf Fundamente siehst Du, auf denen wie auf Schilden gestützt das Boicer-Haus ruht. Da möge einer edlere Fundamente suchen.)
Ergänzungen zur Ikonographie und Ikonologie
A-D SAMSON-ZYKLUS In den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges (1632 Gustav Adolf in München) ist der Hinweis auf die Stärke Samsons und den Sieg über die Philister eine Allusion nicht nur auf den Bauherrn, sondern auch (wie die Wappenreihe zeigt) auf das Haus Bayern und seinen Kampf gegen die Andersgläubigen. In den Wappen und zugehörigen Kartuschen feiert der Bauherr, Bruder Maximilians I., den Ruhm seines Hauses, das kurz zuvor die Kurwürde erlangt hatte.
1–7 ARTES LIBERALES Zum Thema der Verherrlichung des Bauherrn und seines Hauses tritt das Thema der Künste, hierarchisch untergeordnet, wie das Blühen der Künste als Folge segensreicher Herrschaft begriffen wird. 1, 2 und 3 zeigen als Verkörperung der jeweiligen Künste ikonographisch geläufige Darstellungen, 4 und 7 einen Gelehrten mit den jeweils entsprechenden Attributen. Ikonographisch ungewöhnlich sind die Darstellungen der Rhetorik (5) und der Dialektik (6).
Die Rhetorik findet sich ähnlich in einem Stich nach Frans Floris d.A., gestochen von Cornelis Cort (Graphische Sammlung München, Inv. Nr. 28044). Der Stich zeigt (seitenverkehrt) einen jungen Mann mit Caduceus. In der Eurasburger Darstellung trägt dieser außerdem Flügelschuhe und hat den Flügelhut bei sich: Merkur, der Gott der Beredsamkeit, verkörpert die Rhetorik. Auch der Ausblick mit der Bühne ist im Stich gegeben; es handelt sich um einen Auftritt der Rederijkers (niederländische Rhetorikergilden, die zu verschiedenen Anlässen Schauspiele aufführten).
Die Allegorie der Dialektik hält eine Fackel in Händen, ihr Attribut seit der Renaissance (RDK, Bd 6, s. v. Fackel, Sp 1014 und RDK, Bd 3, s. v. Dialektik, Sp. 1387–1400). Ihr Gewand ist mit Augen übersät, ein Ripa-Motiv, das geschärfte Aufmerksamkeit bedeutet (Ripa s. v. gelosia, S 181). Den scharfen Blick führt schon Martianus Capella als Kennzeichen der Dialektik auf. Auf ihn gehen auch die »Formulae« als Attribut zurück; die ineinander verschlungenen Ringe mit den Buchstabenkombinationen stellen wohl eine syllogistische Figur dar und sind als solche »Formulae« zu sehen. (Dreiring als Dreifaltigkeitssymbol s RDK, Bd 4, s. v. Dreifaltigkeit, Sp. 417, Abb. 1 A) In der gleichen Hand wie die verschlossenen Ringe hält die Allegorie den Schlüssel der Lösung. Der Schlüssel allein ist ein traditionelles Attribut der Dialektik; hier ist er durch das Bild der Ringe motiviert.
In der Landschaft sieht man einen Elefanten im Kampf mit einer Schlange, ein Bild für den Sieg der List über die Stärke (Picinelli lib. 5, s. v. elephans, Nr. 247, 270; Henkel-Schöne, Sp. 411; dort Ouellenangaben)
Quellen und Literatur
Zum Maler
Sandrart, Joachim von, Teutsche Akademie, Nürnberg 1675, hg. von A. R. Peltzer, München 1925, S. 199 u. Anm. 914, S. 404.
Haeutle, Christian, Geschichte der Residenz in München, Leipzig 1883, S. 35, 42, 55, 58, 66.
Nagler, Künstlerlexikon, Bd 2, Leipzig 1835, S. 206. Thieme-Becker Bd 5 (1911) S. 97
Rée, Paul Johannes, Peter Candid, in: Bayer. Bibliothek Bd 5, Bamberg 1890, S. 23. Debio-Gall OR S 165
Zur Deckenmalerei im Schloß Eurasburg KDB I OB (1), S. 866.
Rambaldi, Karl von, Geschichte des Schlosses Eurasburg und seiner Besitzer, in: OAVG, Bd 48, 1893/94, S. 1-86. Der Landkreis Wolfratshausen in Geschichte und Gegenwart. Ein Heimatbuch (o. V.), München 1965, S. 162.