Eismerszell, Filialkirche St. Georg
Filialkirche, Pfarrei und Gemeinde Moorenweis, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei Moorenweis mit ihren Filialen der Benediktinerabtei Wessobrunn inkorporiert, die den Kirchensatz von Moorenweis bereits 1174 erhalten hatte. Gericht Landsberg
Patrozinium: St. Georg
Zum Bauwerk: 1737 mußte die erst 1686 neu errichtete Filialkirche wegen Baufälligkeit geschlossen werden. Nach weitgehendem Abbruch entstand ab 1739 unter Verwendung des alten Baukerns der erweiterte Neubau nach Plänen des Wessobrunner Baumeisters Joseph Schmuzer und unter der Leitung des Paliers Joachim Gigl. Ausstattung ab 1740, feierliche Weihe erst am 3. März 1767 durch den Augsburger Weihbischof Franz Xaver Freiherr Adelmann von Adelmannsfelden.
Dreiachsiger Saalraum mit stark eingezogenem, einjochigen AR, der innen dreiseitig, außen halbrund schließt und durch Doppelpilaster gegliedert ist. Die Anräume des AR-Joches im N und S erscheinen von außen als vierte LHs-Achse (s. Fresko B). Doppelempore im W; Deckenstuck 1740 von Franz Xaver Schmuzer (Vollmer, S. 26 und 119); Stuck an der Westempore um 1770/75 in der Art des Thassilo Zöpf (Vollmer, S. 27). Helle Belichtung von N und S durch große Rundbogenfenster.
Auftraggeber: Abt Thassilo Bölzl von Wessobrunn (1706–43); verantwortlicher Bauherr war der Pfarrer von Moorenweis, Dr. Marcus Fridl (1711–42). Nach den Anmerkungen von Pfarrer Endres (Verkündbuch, Jahr 1948) war Pfarrer Fridl aktiv an der Geldbeschaffung für den Kirchenneubau beteiligt und trug aus eigener Tasche dazu bei. Außerdem hatte er offenbar eine Vorliebe für lokalhistorische Darstellungen, vgl. dazu die Emporenbilder von Moorenweis (S. 210–12).
Autor und Entstehungszeit: Unbekannter Maler um 1741. Die Fresken im LHs und AR sind unsigniert. Die Eismerszeller Baurechnungen für die Jahre 1739–41 im Pfarrarchiv Moorenweis geben bezüglich der Dekoration nur Auskunft über die Stuckierung durch Franz Xaver Schmuzer 1740 oder 1741 (Quelle zitiert bei Vollmer, S. 119). Da das Ölgemälde des Hochaltars mit J. Wolker 1741 signiert ist – von Wolkers Hand stammen sichtlich auch die Seitenaltarbilder –, schloß man auch für die Deckenbilder auf diesen Autor, der als Maler und Freskant tätig war (Dischinger, S. 138; Vollmer, S. 99). Johann Georg Wolker (* 1700 Burgau † 1766 Augsburg), Schüler von Johann Georg Bergmüller, ist jedoch durch signierte Werke wie die Deckenfresken der Stiftskirche in Stams in Tirol (1730–34) oder der Kirche in Walleshausen (1739; CBD, Bd 1, S. 266–73) in Stil und Rang so deutlich faßbar (schwungvolle Gestik, kühne Untersichten, fast grelle Buntfarbigkeit), daß er für die bescheidenen Eismerszeller Deckenbilder als Autor nicht in Frage kommt. Diese wurden wahrscheinlich von einem einfachen, handwerklichen Maler der engeren Umgebung geschaffen und sind im Anschluß an die Stuckierung um 1741 entstanden.


Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs flache Stichkappentonne; AR Halbkreistonne mit Stichkappen, nach O abgemuldet Rahmen: A geschweifter und verkröpfter, längsovaler Stuckprofilrahmen, in der Querachse von Stuckkartuschen, am östlichen Fußpunkt von Akanthusblättern überlappt; A1–4 Rocaille-Stuckkartuschen; B Stuckrahmen aus acht C-Schwingen, die Anschlußstellen in den Hauptachsen durch Akanthusblattwerk, in den Diagonalen durch Rocaille-Schwingen übergriffen; B1–4 Rocaille-Stuckkartuschen; Ba–d Kartuschen aus kleinen C-Schwingen
Technik: Fresko; A, B und Ba–d polychrom; A1–4 und B2 monochrom ocker; B1,3 monochrom grauviolett
Maße: A Höhe 8,30 m; 8,50 × 4,90 B Höhe 7,90 m; 2,90 × 2,40
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1910 sollten die Fresken durch Anton Ranzinger, München, restauriert werden; eine Restaurierung der Kirche fand 1919 statt. Ab April 1934 wurde eine Tünchung und Tönung des Kircheninneren unter der Leitung von Karl Eixenberger, München, vorgenommen. Trockenlegung der Kirche 1983, anschließend Weißtünchen der Wände und Wiederherstellung der stuckierten Apostelkreuze durch Hans Pfister, Heinrichshofen. Die Fresken blieben unberührt. A und B weisen feine Längsrisse auf, A vor allem auch im Dorfbild. A zeigt gegenüber B wesentlich stärkere Überarbeitungen, welche die Farben stumpf und manche Partien – wie die Gewandfalten des großen Engels – als großflächig und unartikuliert erscheinen lassen. Die Gesichter der AR-Figuren wirken relativ unberührt, die Flügel der Puttenköpfchen scheinen erneuert zu sein; letzteres gilt auch für die Puttenflügel im Bereich des hl. Georg in B und das etwas schrille Hellblau des Federbusches auf seinem Helm. Allgemein besser erhalten erscheinen die topographischen Szenen. Der technische Zustand der Fresken ist bei leichter Verschmutzung relativ gut.
Beschreibung und Ikonographie
In lockerer Ornamentverteilung überzieht der Stuckdekor aus Band-, Gitter- und Rocaillewerk, durchwirkt von Blüten girlanden, die LHs-Decke, die von dem großflächigen, in etwa baßgeigenförmigen Deckenbild A beherrscht wird. Die über Wandkonsolen aufsteigenden, zu A rechtwinklig stehenden Zwickelkartuschen A1–4 berühren kaum dessen Rahmen. In
AR überzieht ein dichteres Stucknetz aus demselben Formenrepertoire das Gewölbe und ist im Verhältnis zu den eingeschlossenen Bildflächen kompositorisch von gleichem Gewicht. Das Mittelfeld wird konzentrisch eingefaßt von den querovalen Kartuschen B2 und B4 im W und O; den hochformatigen, auf Pilasterdeckplatten stehenden Zwickelkartuschen B1 und B3 im S und N; den blütenhaften, diagonal angebrachten Kartuschen Ba–d. B1–4 greifen mit züngelnden Akanthusblättern, Ba–d mit wogenförmigen Bekrönungen recht weit in das Mittelbild hinein.
Die Schriftkartusche über dem Chorbogen enthält die vermutlich nicht ursprüngliche Inschrift »Benedictus qui venit in nomine Domini«.
A GLORIE DES HL. GEORG Einansichtige, geostete Bildanlage mit zwei übereinandergestellten Szenen; Betrachterstandpunkt zwischen dem ersten und zweiten Joch von W her. Die östliche Bildhälfte zeigt über einer gewellten Bodenzone das von Bäumen umstandene Dorf Eismerszell, die neuerbaute Georgskirche in der Mitte – von N gesehen – wirklichkeitsgetreu wiedergegeben (vier LHs-Fenster, hochgezogenner Chor mit Okulus-Blendfenstern). Darüber liegt ein hoher Himmelsstreifen mit blaßrosa Wolken. Ocker und graurosa getönte Wolkenmassen, von Putten und Puttenköpfchen bevölkert, nehmen die gesamte westliche Bildhälfte ein und lichten sich nach W hin auf, um das Christusmonogramm IHS mit seinem Strahlenkranz einzurahmen. Am unteren Wolkenrand, in der Mitte des Freskos, erscheint der hl. Georg in Rüstung und rotem Mantel, auf dem erlegten Drachen kniend. Er wird flankiert von einem Engel mit ausgebreiteten Armen und von drei Putten, die mit Schwert, Lorbeerkranz und Palmzweig auf seinen Martertod durch Enthaupten hinweisen. Zwei Putten zu seinen Füßen halten den Helm und den Lanzenschaft. Der Kirchenpatron von Eismerszell, der zum Licht Christi emporblickt, bündelt die herabfallenden Strahlen in seinem Brustpanzer wie in einem Brennspiegel, um sie von dort auf die Georgskirche hinabzusenden.
Die bescheidene Darstellung, deren Originalcharakter zudem durch Übermalungen gelitten hat, entwickelt nur eine geringe Höhenillusion, die teils durch Gestik und Blickrichtung der Figuren, teils durch Auflichtung der Wolken ganz. Auch das Dorfbild entwickelt sich fast ohne Illusionsmus entlang der Horizontlinie. Ocker und graurosa Töne herrschen vor, belebt durch die etwas stärkere Buntfarbigkeit der Georgsfigur. Eine differenziertere Farbgebung in bräunlich-grünlichen Tönen gibt der Bodenzone des Dorfbildes Gestalt.
B DIE HLL. SIXTUS UND ULRICH ALS PATRONE Einansichtige Szene, Ansicht nach O, Betrachterstandpunkt unter dem Chorbogen. - Über einer Südansicht des Pfarrdorfes Moorenweis mit Kirche knien auf Wolken die Schutzpatrone Sixtus und Ulrich. Die vierachsige Sixtuskirche mit eingezogenem Chor und Nordturm ist historisch genau wiedergegeben. 1737 (Dischinger, S. 144) wurde der ursprüngliche Turmhelm aufgesetzt, 1811, nach einem Brand, die heutige doppelte Zwiebelhaube angebracht (ebd., Anm. 99). Sie ist von einem Kelch mit Hostie bekrönt.
Auf einer giebelförmigen Wolke über der Kirche knien der hl. Sixtus im Papstornat und der hl. Ulrich im Bischofsornat, flankiert von Putten mit den Attributen: Papstkreuz auf der einen, Bischofsstab und Buch mit einem Fisch darauf auf der anderen Seite. Bis zum Bau der neuen Sixtuskirche (die wesentlichen Teile 1718-20) besaß Moorenweis eine Sixtuspfarrkirche und eine nach Schmiechen eingepfarrte Ulrichskirche. Letztere wurde im Verlauf des Neubaus der Sixtuskirche abgebrochen, und diese erhielt die Auflage, die Gemeinde der Ulrichskirche mitzubetreuen (Wecker, S. 7; Verkündbuch, Jahr 1947; Gemeinde-Chronik, S. 39). So erscheinen Sixtus und Ulrich als Schutzpatrone, die ihr gemeinsames Pfarrdorf dem Himmel anempfehlen.
A1 WALLESHAUSEN Die Darstellung zeigt die Südansicht einer Kirche mit Südturm, welche von einer Stützmauer umgeben über einer Häusersgruppe thront. Dieser Befund entspricht annähernd dem der Kirche von Walleshausen, die oberhalb des Pfarrhofs gelegen ist. Dekan Wendtenschlögl von Walleshausen unterstützte Pfarrer Fridl beim Bau der Georgskirche (Gemeinde-Chronik, S. 38).
A2 DÜNZELBACH Von einer kleinen, versteckten Kirche ist ein Turm mit Satteldach erkennbar; die gleiche Bedachung zeigt der Dünzelbacher Kirchturm auch heute. Links im Bild erscheint ein alleinstehender, kräftiger Wehrturm, der zur Ausmalungszeit in Dünzelbach existierte und erst 1765 von den Besitzern der Hofmark Dünzelbach, den Grafen Törring-Seefeld, abgebrochen wurde (Steichele-Schröder, Bd 2, S. 553 f.).
A3 ANDECHS (?) Dargestellt ist die Nordansicht einer Kirche mit Südturm; davor befindet sich ein Hügel mit einem Kreuz darauf. Die lokale Vermutung, es könnte Andechs gemeint sein, stützt sich auf das Abbild des Hügels mit Kreuz als Abbreviatur des Heiligen Berges. Bei der Genauigkeit der anderen Veduten wäre es jedoch verwunderlich, daß hier jegliche Andeutung der Klostergebäude fehlen sollte. Auch befindet sich der Andechser Südturm nahe der Westfassade der Kirche, was hier nicht zutrifft.
A4 GELTENDORF Die Dorfansicht zeigt eine durch Bauernhäuser halbverdeckte Kirche, deren Turm eine doppelte Zwiebelhaube ziert; das trifft auch für den heutigen Geltendorfer Kirchturm zu.
B1-4 ORTSDARSTELLUNGEN Zur Zeit der Ausmalung von Eismerszell gehörten zur Pfarrei St. Sixtus in Moorenweis Eismerszell, Albertshofen und Hohenzell (s. StAM, Geistlicher Rat, Kirchen- und Stiftungsrechnungen, Kirchenrechnungen Gericht Landsberg, 1740, Bd 2) sowie die Gemeinde der abgebrochenen Schmiechener Filialkirche St. Ulrich in Moorenweis. Es ist anzunehmen, daß die Bilder im AR sich auf Kirchen der Pfarrei beziehen.
B1 und B2 ABGEBROCHENE KIRCHENBAUTEN Die Kirche in B1 ist nicht mit Sicherheit zu benennen. Es könnte sich um den abgebrochenen Vorgängerbau der Pfarrkirche St. Sixtus in Moorenweis, aber auch (weniger wahrscheinlich) um den Vorgängerbau von St. Georg von Eismerszell handeln.
B3 zeigt eine Dorfansicht ohne Kirche, aber mit einem großen Kruzifixus auf der Wiese. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um Moorenweis mit der Stelle der abgebrochenen Ulrichskirche, wo ein Kreuz errichtet worden war (Gemeinde-Chronik, S. 39).
B2 und B4 HOHENZELL UND ALBERTSHOFEN Die Moorenweiser Filialkirchen Hohenzell und Albertshofen haben auf Betreiben von Pfarrer Fridl wesentliche Geldbeträge zum Neubau der Georgskirche beigesteuert (Verkündbuch, Jahr 1948). In dem hierarchisch abgestuften Bildsystem erscheinen sie daher wohl mit Absicht in den geräumigen, hochformatigen Zwickelkartuschen. Die Ansichten beider Kirchen stimmen mit ihrem heutigen, gegenüber dem 18. Jh kaum veränderten Aussehen ziemlich genau überein. B2 zeigt die Nordansicht der Marienwallfahrtskirche von Hohenzell (Mariä Heimsuchung) mit westlichem Dachreiter und eingezogenem Chor. B4 zeigt die Laurentiuskapelle von Albertshofen. Sie hat eine kahle Westwand mit bündig sitzendem Dachreiter und bündig an das LHs anschließendem kleinen Chor.
Ba-d PUTTENKÖPFCHEN In den Diagonalen der Bildumrandung von B befinden sich kleine Kartuschen mit jeweils zwei gemalten, geflügelten Puttenköpfchen von Brokatgrund.
Die Gesamtfarbigkeit der Chorausmalung ist reizvoll: Die zarten Ockertöne von B2 und B4 bilden auch die farbliche Grundstimmung in B, von der sich das Gewand des hl. Sixtus in Rot und Goldocker, das des hl. Ulrich in Violett und Goldocker gedämpft abheben. Auch das Graugrün der Moorenweiser Vedute und das Grauviolett der querovalen Kartuschen ist auf diesen dezenten Farbklang eingestimmt, der zusammen mit dem zarten Rosa und Türkis des Deckendekors in ein farbliches Gesamtgleichgewicht gebracht ist, das man – trotz der Schlichtheit der bildlichen Darstellung – als sehr geglückt bezeichnen kann.
Quellen und Literatur
Endres, Rupert, Verkündbuch der Pfarrei Moorenweis, über die Jahre 1946-51 geführt von Pfarrer Rupert Endres (1937-51), versehen mit historischen Anmerkungen unter Auswertung des Pfarrarchivs; keine Paginierung. Frdl. zur Verfügung gestellt von Pfarrer Philipp Maier.
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 388 f.
Wecker, Fr. Seraphim, Chronik des Pfarrdorfes Moorenweis, Fürstenfeldbruck 1879, S. 7.
Hopp, Jakob, Pfründestatistik der Diözese Augsburg, Augsburg 1893, Bd 2, S. 219 f.
KDB I OB (1), S. 452.
Hager, Georg, Die Bauthätigkeit und Kunstpflege im Kloster Wessobrunn und die Wessobrunner Stuccatoren, in: OAVG 48, 1893/94, S. 504.
Heimatbuch Fürstenfeldbruck (o.V.), Fürstenfeldbruck 1952, S. 240.
Landkreis Fürstenfeldbruck (o.V.), Heimatbuch, Pörsdorf 1963, S. 132 f.
Dehio-Gall OB, S. 137.
Historischer Atlas I, Bd 22/23, S. 174.
Böhne, Clemens, Aus der Geschichte von Moorenweis und seiner Pfarrkirche, in: Amperland II, 1975, S. 8 f.
Kunst- und Kulturdenkmäler, S. 228.
Dischinger, Gabriele, Johann und Joseph Schmuzer. Zwei Wessobrunner Barockbaumeister, Sigmaringen 1977, S. 138, 144.
Weigl, Joseph und Ludwig Hirschvogl, Gemeinde-Chronik Moorenweis 1978, S. 38 f.
Vollmer, Eva-Christina, Der Wessobrunner Stukkator Franz Xaver Schmuzer, Sigmaringen 1979, S. 26 f., 99, 119.
Dehio 1990, S. 242 f.