Burgrain, Schlosskapelle St. Georg


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 7: Landkreis Erding. Hirmer, München 2001, ISBN 978-3-7774-7830-2, S. 80–84, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

BURGRAIN

Schloßkapelle, Pfarrei Pemmering, Gemeinde Isen, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Filiale der Pfarrei Mittbach, die dem Kollegiatstift St. Zeno in Isen inkorporiert war. Reichsfreie Herrschaft Burgrain, die bis 1802 im Fürstbischöflich Freisingischen Besitz war

Patrozinium: St. Georg

Zum Bauwerk: Das Schloß liegt auf einem Hügel, der sich über dem Isental erhebt, die Kapelle in der SW-Ecke des Baus liegt erheblich über dem Niveau des Schloßhofs; Zugang über eine Treppe vom Schloßhof aus. Die ältesten Teile der Schloßanlage gehen bis in die Spätromanik zurück (Turm). Aus der Spätgotik stammt der hohe durchfensterte Unterbau der Kapelle mit einem Rippengewölbe über einem viereckigen Mittelpfeiler.

Unter Fürstbischof Johann Franz Eckher wurde ein größerer Umbau des Schlosses in Angriff genommen. 1712 Abriß der gotischen Kirche - seit 1662 bestanden wegen der Baufälligkeit der Kirche Pläne für einen Neubau -, 1719 Neubau bei gleichzeitiger Vergrößerung um den Chor. Bis dahin hatte die Schloßkapelle die Größe des jetzigen LHs. Weihe 1723.

Baumeister war der Freisinger Hofmaurermeister Dominikus Gläsl (Baugeschichte nach BHStA, HL3, s. Quellen). Die Stuckaturen schuf der Freisinger Hofstuckator Nikolaus Liechtenfurtner. An der Ausstattung waren beteiligt der Freisinger Hofbildhauer Franz Anton Mallet (Hochaltarfiguren Korbinian und Lantbert), Johann Caspar Sing (1722 Hochaltargemälde hl. Georg, im Auszug hl. Katharina, 1723 südliches Altarbild hl. Kunigunde, im Auszug hl. Zeno) und die Freisinger Maler Joseph Offenhuber (nördliches Altarbild Maria, Jesus und Johannes) und Lorenz Peter Herdegen (nördlicher Auszug hl. Walburga).

0 LHs zu 3 Jochen, Gliederung durch seichte Wandpfeiler (im S Pfeiler) mit vorgelegten Pilastern, Empore im W; an den fast quadratischen Saal schließt im S ein niedriges Seitenschiff an; über diesem im ersten Geschoß Empore; Belichtung des LHs von N durch zwei Fenster in den östlichen Jochen, von W durch zwei schmale Fenster und ein Rundfenster, von S vor der durchlichteten Empore über dem südlichen Seitenschiff her. Eingezogener Chor mit AR in gestaffelter Raumfolge: Auf einen nahezu quadratischen überkuppelten Vorchor (im S anschließend Sakristei und darüber Oratorium für den Pfleger) folgt der nochmals leicht eingezogene AR (auf der S-Seite im ersten Geschoß anschließendes kleines Oratorium) mit halbrundem Schluß. Belichtung im Vorchor und im AR durch je ein Fenster von N und über die durchlichteten Oratorien. Kräftig profiliertes umlaufendes Gebälk im gesamten Kirchenraum.

Auftraggeber: Fürstbischof Johann Franz Eckher von Kapfinger (1694-1727); Wappen des Hochstiftes Freising am Chorbogen in einer Stuckkartusche, die sich bis zum Freskorand von A wölbt. Das bayerische Rautenwappen wird in kleiner Stuckkartuschen zwischen den Festons an der Decke des Vorchores wiederholt. Pfleger von Burgrain war 1712-39 Franz Sigismund Anton Eckher (* 1673 † 1749).

Autor und Entstehungszeit: Nikolaus Gottfried Stuber (* 1688 München † 1749 München) 1719

Stuber führte die Fresken im September/Oktober 1719 unter Mithilfe eines Gesellen aus. »Am 7. Septembris 1719 wurde der Ghutspoth ... aigens nacher München zum Maller, umb dieser ainstens zur Ausmallung der Kürchen kommen solle, abgeschickt.« 4. Oktober: »Niclasen Stuber Mallern in München vor Ausmallung der Kirchen, die von Ihro hochfrstl: Gnaden gdist accordierte 200 fl. guethgethan« (Nr. 145). Im Juni 1720 wurde Stuber wieder gerufen, um seine bereits abblätternde Malerei zu renovieren: »Anno 1720 am 19. Juny hat man den Maller Stuber zu München, daß er die abgestandtene Mallerey wieder renovieren solle, wiederumb holen lassen« (Nr. 149).

Burgrain ist Stubers zweite Ausmalung im Auftrag von Fürstbischof Johann Franz Eckher, nach St. Valentin in Unterföhring 1718 (CBD, Bd 3/1, S. 174-79). Wie dort ist auch in Burgrain sein italienisch geschulter Malstil erkennbar in der plastischen Körpermodellierung, der Betonung der Volumina, einer schematischen Kompositionsweise und der überwiegend ockertonigen Farbwerte. Die stilistische Nähe zu Cosmas Damian Asam, mit dem Stuber in Rom studiert hatte, läßt sich sowohl am Figurentypus als auch an der Gesamthelligkeit der Fresken, die an Asams gleichzeitige Ausmalung in Weingarten erinnert, ablesen.

Das Wappen am Chorbogen malte Franz Dominikus Poo, der auch das Oratorium neu faßte (Nr. 150).

 
Der Kirchenraum
 

Zeichnung

Zu A Verehrung der Immaculata. Bleigriffel laviert, Maße unbekannt, um 1724 in Privatbesitz, jetziger Aufenthaltsort nicht bekannt. Lit.: Richard Hofmann, Die gegenwärtige Altarausstattung des Freisinger Domes, in: Wissenschaftliche Festgabe zum 1200jährigen Jubiläum des hl. Korbinian, München 1924, S. 516, Tafel 26 (Zuschreibung an Cosmas Damian Asam); Frigisinga 6 (1929), S. 486f.; Josef Maß und Sigmund Benker, Freising in alten Ansichten, Freising 1976, S. 56, Kat. Nr. 58 mit Abb. (Zuschreibung an Nikolaus Gottfried Stuber).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A) Flachtonne mit kleinen Stichkappen, AR (B) Flachkuppel über Pendentifs

Rahmen: A weißes, geschwungenes Stuckprofil, in den Achsen und Diagonalen von Stuck-Kartuschen übergriffen, B weißes Stuckprofil, in den Achsen von Puttenköpfchen, in den Diagonalen von Palmetten übergriffen

Technik: Fresko mit Seccoübermalungen, die 1720 von Stuber selbst vorgenommen wurden (s. o.); polychrom

Maße: A Höhe 9,80 m; 7,40×5,00

_______________________________________ B Höhe 10,60 m; 4,30 × 4,80

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Nach Mayer-Westermayer wurde die Kirche 1875 restauriert. 1980 Reinigung und Konservierung der Fresken durch Helmut Knorr, Grafing. Die Deckenbilder machen einen guterhaltenen und originalen Eindruck.

Beschreibung und Ikonographie

A VEREHRUNG DER IMMACULATA DURCH DIE PATRONE DES FREISINGER DOMS Das annähernd hochrechteckige Bildfeld mit abgerundeten Ecken ist eingebettet in ein Rankenwerk auf rosafarbenem Grund; im Bereich des Gewölbeansatzes, der Fenster, des Chorbogens wird der überaus fein gearbeitete Stuck plastischer, und mit Vasen und Festons gegenständlicher.

Einansichtige Wolkenszenerie mit Hauptansicht nach O. Die Komposition ist in drei Figurengruppen angelegt, die in zwei gegenläufigen Zügen, aber doch je für sich isoliert, das Bildfeld füllen. Im Vergleich zu der Entwurfszeichnung, die eine kompakt mit Figuren gefüllte, bewegtere Komposition vorsah, zerfällt in der Ausführung die Szenerie in Einzelteile, bedingt durch den kleineren Figurenmaßstab

Links unten knien auf Wolken die Bischöfe von Freising Lantpert und Korbinian, über ihnen lagert in Rückenansicht Papst Sixtus, dessen Reliquien seit 834 in Freising ruhen. Alle drei Heiligen tragen die Insignien ihrer geistlichen Würde – die des hl. Lantpert hält ein Putto –, Korbinian ist durch den Bären unter seinem Mantel gekennzeichnet. Die fürbittende Gebärde des hl. Lantpert verweist auf das von ihm bewirkte Nebelwunder, das auf einem von Putten ausgerollten Bild dargestellt ist.

Als Bildvorlage für das Nebelwunder diente das Predellagemälde des Lantpertaltars im Freisinger Dom (1709 von Franz Joseph Lederer, Museum des Historischen Vereins Freising, Abb. bei Maß/Benker, S. 53). Gezeigt ist die brennende Stadt Freising nach dem Ungarneinfall, bei dem der Domberg in einen Nebel gehüllt, verschont blieb.

Die zweite Gruppe der Heiligen führt König Sigismund von Burgund an, der durch Krone, Rüstung und goldgefütterten Purpurmantel, Zepter, Reichsapfel und Wappenschild (2× dre Kronen) ausgezeichnet ist (vgl. Erching, Fresko C, CBD, Bd 6, S. 47). Seine Reliquien befinden sich seit dem 14. Jh. in Freising, das zum Mittelpunkt seiner Verehrung in Deutschland wurde. Hinter Sigismund erscheint der hl. Martyrer Justinus im Kardinalsgewand, als Attribut das Kreuz mit zwei Querbalken und die Martyrerpalme. Justinus war der Legende nach Priester, der mehrere Martyrer begrub und dessen Grab neben dem des hl. Laurentius verehrt wurde. Zusammen mit den Reliquien Papst Alexanders wurden seine Gebeine 834 von Gregor IV. nach Freising geschenkt und in Weihenstephan beigesetzt. Dritter dieser Gruppe ist Nonnosus, Abt der Benediktinerabtei Soracte in Italien, in schwarzem Habit, Abtstab und Palme in Händen. Nonnosus lehnt sich an einen großen Stein, der einem Sarkophag gleicht und auf dem sein Attribut steht, das Öllämpchen, das an die von ihm auf wunderbare Weise wiederhergestellte Öllampe erinnert. Sein Tod wird um ca. 570 angenommen, seine Gebeine wurden durch Bischof Nitker im 11. Jh. in den Freisinger Dom verbracht, waren vergessen und wurden erst 1708 wiederaufgefunden, woraufhin eine lebhafte Verehrung einsetzte. Die Form des im Fresko dargestellten Steines bezieht sich auf den Sarkophag im Freisinger Dom, der aus der Mauer hervorragt. An diesem Sarkophag entwickelte sich ein Schülerbrauch, der Durchschlupfbrauch: Wer immer unter dem Sarkophag durchschlüpfte, dem war Beistand in allen Schulnöten sicher, außerdem in Nöten aller Art (s. Unterweikertshofen, Fresko W, CBD, Bd 5, S. 272).

Die Heiligen blicken zu Maria auf, die im blauen Mantel vor der strahlenden Sonnenscheibe sitzt, umgeben von Symbolen der Immaculata. Ihr Haupt ist von sieben Sternen umgeben, zu Füßen liegt die von der Schlange umwundene Weltkugel, aus der eine Rose erblüht. Hinter der Weltkugel lehnen zwei Engel auf Wolken. Sie sind eine Wiederholung aus dem Hauptfresko Stubers 1718 in Unterföhring, wo sie neben Christus lehnen (CBD, Bd 3/1, S. 174ff.). Die umgebenden Putten zeigen die für Stuber charakteristische Zeichnung der runden Lockenköpfchen, die aus spitzwinklig zulaufenden Flügelpaaren auftauchen.

Die Farbigkeit des Freskos lichtet sich von O nach W auf. Die dunkle Wolke mit dem Bären bei Korbinian und die Gewänder der drei östlichen Heiligen sind in erdigen Farbwerten, mit wenigen Akzenten von Gold und Lila, gehalten. Im mittleren Bildteil leuchten unter mehr gebrochenen Farbwerten das Gold und Blau des Königsmantels des hl. Sigismund auf und bilden ein Gegengewicht zum blauen Mantel Mariens, der sich gegen die helle Sonnenscheibe abhebt. Der Wolkengrund ist in Abstufungen von Weißlich-Beige bis Ocker gefaßt.

B DREIFALTIGKEIT Das Kuppelrund ist in die Ecken hineingezogen und füllt das Gewölbe nahezu aus, weiße Stuckfestons aus Rosen und Mohn auf hellgrünem Grund bilden die Umrahmung. Umlaufende Bildanlage mit Hauptansicht nach O, Verkürzungen und Untersichten sind nur mäßig durchgeführt, am konsequentesten am W-Rand des Bildes. Schauplatz ist ein offener Tambour-Kuppelraum, in den die himmlische Szenerie eingedrungen ist.

Am höchsten illusionierten Punkt, in der Bildmitte, befindet sich vor dem hellen freien Rund des geöffneten Himmels die Dreifaltigkeit. Zu beiden Seiten der Weltkugel schweben Gottvater mit weit ausgebreiteten Armen und Christus, der seine Wundmale zeigt. Über beiden fliegt die Geisttaube.

Am W-Rand sind Puttenköpfchen in den dichten Wolken dargestellt. Zwischen den Pfeilern, denen Säulen vorgelagert sind, schweben auf dicken Wolken Engel und Putten herab und bevölkern den Kuppelraum. Der auf die Weltkugel gestützte Engel in der Mitte ist wiederum ein Zitat aus Unterföhring (Fresko A). Stuber inszeniert in diesem Fresko seine in Italien erworbenen Kenntnisse. Die Komposition ist nach den Regeln Pozzo’scher Perspektivlehre konstruiert und streng symmetrisch unter Betonung der Mittelachse aufgebaut. Illusionistisch wird innerhalb des Bildes ein sich nach W hin verjüngender zweiter (gemalter) Rahmen gesetzt und die Architektur unter Berücksichtigung der Höhenperspektive mit stark konvergierenden Vertikalen zur Bildmitte geneigt. Die Figuren sind im Gegensatz zur Architektur nur in geringer Verkürzung durchgeführt.

 
A Verehrung der Immaculata durch die Patrone des Freisinger Doms, davor Wappen des Hochstifts Freising
 
B Dreifaltigkeit

Das Fresko zeigt im Vergleich mit Fresko A und mit den Fresken in Unterföhrung mehr Bewegung und mehr Dynamik. Das liegt sowohl an der kompakter durchgeführten Komposition als auch an den wirbelnden und weit ausschwingenden Gewändern, die zu kräftigen Falten drapiert sind.

Quellen und Literatur

BHStA, HL 3, Landshuter Abgabe, Rep. 53, Fasc. 265, 348 d: »Rechnung über den Neu errichteten Pau bey dem hochfrstl Schloß zu Burckrhain, abgelegt worden den 9. September anno 1723«.

BLfD, Akt Burgrain, Schloßkapelle Cohmide I M. 1 1 D 1 Co

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 82.

Zöpf, Bernhard, Geschichtliche Nachrichten über die ehemaligen Edelsitze Schwindkirchen, Schiltern, Giebing und Schönbrunn, Dulzheim, Lappach und Burgrain im kgl. Landgerichte Haag, in: OAVG 23, 1863, S. 366–68.

Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 122.

KDB I OB (2), S. 1936-42.

Heilmaier, Ludwig, Die ehemalige freisingische Herrschaft Burgrain, München 1911.

-, Geschichtliche Beschreibung der Pfarrkirche St. Zeno in Isen, samt Schulgeschichte und Beschreibung von St. Wolfgang, Burgrain und Haag, München 21920, S. 60–66.

-, Die Bischöfe von Freising und ihre Herrschaft Burgrain, in: Wissenschaftl. Festgabe zum 1200jährigen Jubiläum des hl. Korbinian, hg. von Joseph Schlecht, München 1924, S. 337f.

Maß, Josef und Sigmund Benker, Freising in alten Ansichten. Freising 1976, S. 56.

Jahrbuch der bayerischen Denkmalpflege 34, 1982, S. 418. Haidl, Marga, Der Münchner Hof- und Theatermaler Nikolaus Gottfried Stuber (1688-1749), Diss. München 1988

Dehio 1990, S. 168.

Brenninger, Georg, Die Kirchen im Pfarrverband Isen, Isen 1997, S. 24 f. C.B.

DORFEN

Stadtpfarrkirche und Wallfahrtskirche Maria Dorfen Marktkirche S. 96

Stadtpfarrkirche und Wallfahrtskirche Maria Dorfen, Stadt Dorfen, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Filiale der Pfarrei Oberdorfen, die seit 1737 dem Priesterhaus in Dorfen inkorporiert war. Bis 1761 hatte die Pfarrei einen eigenen in Oberdorfen ansässigen Pfarrvikar, ab 1761 Pfarrers aus Seit 1812 ist Dorfen Pfarrei