Berg, ehem. Filialkirche St. Nikolaus


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 11: Landkreis Traunstein. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2695-2, S. 45–48, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Ehem. Filialkirche der Pfarrei Schnaitsee, Gemeinde Schnaitsee, Erzdiözese München und Freising. Kirche und ehem. Pfarrgebäude sind seit 1932 im Eigentum der Stiftung Ecksberg. Z. Z. der Ausmalung Erzdiözese Salzburg, Archidiakonat Baumburg. Berg war einst Edelsitz, zu dem die Hofkirche St. Nikolaus gehörte, wurde aber schon Ende des 12. Jh. Pfarrsitz der Pfarrei Schnaitsee, von der Pfarrkirche eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. Gericht Kling

Patrozinium: St. Nikolaus

Zum Bauwerk: Neubau des 15. Jh. unter Einbeziehung der unteren Hälfte des romanischen Ostturms vom Vorgängerbau des 12. Jh. Hochaltar 1664. Auf einen Umbau in der zweiten Hälfte des 17. Jh. weist die Form der Fenster mit den Rundbogen oben und unten hin (sog. Krumper-Fenster). Weitere Barockisierung mit Innendekoration 1735: Man mußte »ber disem Gottshaus die schwer: dem Gewölbwerch sehr schädt liche: Senckheln herabnemmen, das Gottshaus statt dessen mi geringer Quadraturarbeith ausziehren, auch die ruinose, und ohne grosse Gefahr nit mehr zu betretten seyende Porrkür chen völlig neu errichten« (Konsens 4.7.1735). Maurerarbeiten durch Wolf Ganterer, Gerichtsmaurermeister von Kling, von dem auch der Rankenstuck in der für 1735/37 altertümlichen Form stammt. Der Gerichtszimmermeister Matthias Cronast errichtete die neue Empore. Kanzel 1736, Kreuzweg und Ausmalung 1737. Reparatur und Neugestaltung des Innenraums 1797: »Die altgottische runde Säullen (Wandvor lagen) und deren Fußgestelle wurden weggenohmen, und dafür moderne Lesenen mit gehörigen Schaftgesimsen herge stelt«. Reparatur des Stucks von 1735/37, neue Deckenbilder, Erneuerung der Emporenbrüstung, der Kirchenstühle und neues Pflaster.

Kleiner Saal zu drei Jochen mit geradem Schluß ohne Chor, Gliederung durch seichte Wandvorlagen; tiefe Westempore, die sich an der Nordseite – wesentlich seichter – bis über das mittlere Raumjoch fortsetzt. Belichtung von N und S im ersten und dritten Joch. Türen im S und N im mittleren Joch.

Der Kirchenraum

Auftraggeber: Für die erste Ausmalung 1737 Johann Michael Freundt, Pfarrer von Schnaitsee (1734–47). »Dieser Pfarrer hat sich vorzüglich um die Kirchenzierde thätigst angenommen, und darauf von seinem eigenen Säckl sehr viel verwendet« (AEM). Er hinterließ ein Verzeichnis dessen, was er 1735 bis 1745 um 863 fl. zur Verschönerung der kleinen Kirche Berg hatte machen lassen, wo es unter dem Jahr 1737 heißt: »Die 3 Feldungen im Kürchen Gewölb in Fresco ausmahlen lassen 20 fl.«. Im gleichen Jahr zahlte Freundt neben anderem die 14 Kreuzwegstationen und die Kreuzwegeinführung. 1736 hatte er schon »in der Porkürchen 8 weltliche Priester und erste Apostl des Bayrnland in Fresco mahlen lassen 20 fl.«. Von diesen Fresken ist nichts erhalten: »Die alte finstere und schlechte Mahlerey am Plafon und den 11 Füllungen der Partill wurde abgebekt« (Abrechnung 1797).

Für die zweite Ausmalung 1797 Martin Franz Xaver Storch, Pfarrer von Schnaitsee (1783–1803, s. S. 135). Soll schreibt in seinem »Mahler-Schein« (s.u.), Materialien und Requisiten seien »von titl. Herrn Ortspfarrer Storch selbst alles herge

schaft, auch von eben diesen wehrender Arbeit /:welche etliche Tage über 7 Wochen darunter:/ mir und meinen Sohn freyer Unterhalt gereicht worden«.

Autor und Entstehungszeit:

Erste Ausmalung (nicht erhalten) Johann Georg Schrott (* Braunau † 1762 Wasserburg, s. S. 382) 1737.

Das Datum nennt Pfarrer Freundt in seinen Aufzeichnungen (s. o.), in denen für die Malerarbeiten in Berg, die er während seiner Amtszeit selbst bezahlte, mehrmals den »Maller aus Wasserburg« erwähnt, aber nur 1738 mit Namen nennt: »H. Schrot zu Wasserburg« habe zwei große Bilder gemalt, Mariä Empfängnis und St. Joseph, um 25 fl. Auch aus den Kirchenrechnungen geht hervor, daß Pfarrer Freundt praktisch ausschließlich den Wasserburger Maler Johann Georg Schrott beschäftigte. Die Fresken von 1737 wurden 1797 übermalt.

Zweite Ausmalung Franz Joseph Soll (* 1734 Friedingen an der Donau † 1798 Trostberg, s. S. 382) 1797.

Schon 1791/92 hatte Soll in der Pfarrkirche Schnaitsee freskiert (S. 133-143). Die Renovierung und Neufassung des Kirchenraums in Berg fünf Jahre später ist das letzte bekannte Werk des 63jährigen Malers, den hier sein Sohn Franz Xaver unterstützte. Solls ausführliche Abrechnung der Arbeiten in Berg ist interessant wegen der genauen Beschreibung einer klassizistischen Kirchenrenovierung (BHStA): »Mahlers Schein. Im Pfarr-Schnaitseeischen Gottes-Haus Berg hab ich Endsgesezter nachstehende Mahler Arbeit gemacht.

Den Grund am Blafon zwischen der Stuckador-Arbeit hab ich ganz liecht grün überzogen, und in dessen 3 Füllungen 3 gelbe Bilder en fresco gemahlt. Eben so sind die 4 Kirchenfenster gelb à la Grec fresco palirt worden, ein gleiches ist geschehen mit den 11 Füllungen an der Chorpartill.

6 Lesenen wurden mit Antiqu-Pfeifen grün und deren Capitäle gelb gemahlt. Die 12 Apostl Leichter wurden Fresco gelb gefast, und deren Mitlkreuze mit Gold planirt, anbey das Eisenwerck derselben matt vergoldet. Hinter dem Hochaltan ist ein groser Baldackin grün en fresco an die Wand gemahlt worden.

Der ganze Hoch-Altar wurd frisch mit Oel-Marmor gefast und die Vergoldung daran gebuzt, auch oben das kleine Altar- Blat frisch gemahlt.«

Soll renovierte auch die Statuen, die Kanzel und machte andere kleine Arbeiten (Ausbesserungen, Bemalung der Tumba, sechs hölzerne Flügelspaliere neben dem Hochaltar ähnlich wie in Schnaitsee, Bemalung der Kirchenstühle mit Rosen usw.). Die Darstellung der Heiligen Familie an der Kanzelbrüstung (monochrom ocker) ist ihm zuzuschreiben. Soll arbeitete mit seinem Sohn sieben Wochen bei freiem Unterhalt um 61 fl. und wurde im Gasthaus Scheitler in Schnaitsee verköstigt

Befund

Träger der Deckenmalerei: Tonne mit Stichkappen Rahmen: A, B, C Stuckprofilrahmen Technik: Fresko, ocker monochrom Maße: A Höhe 7,40 m, 2,40×1,65 B Höhe 7,40 m; 2,45×2,15 C Höhe 7,20 m; 2,50×2,05

 
C Nikolaus heilt ein Mädchen

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Als das Pfarrgut Berg mit der Kirche 1932 in den Besitz der Stiftung Ecksberg überging, war das Innere völlig verschmiert und verwahrlost und wurde 1934 durch Fa. Keilhacker, Taufkirchen an der Vils. restauriert. 1975 war die Kirche wieder stark verschmutzt. Letzte Innenrestaurierung 1976 durch Kirchenmaler Johann Eder, Vaterstetten: Der Stuck wurde unter den vielen Tünchschichten freigelegt und ergänzt, sowie der Raum weitgehend in der Farbfassung von 1797 wiederhergestellt. Die aus der gleichen Zeit stammende Brokatbemalung der Fensterleibungen und Schildbogen wurde wiederaufgedeckt. Die Deckenbilder wurden gereinigt und restauriert. Der Altar des 17. Jh. wurde in der ursprünglichen Farbigkeit wiederhergestellt. A ist recht gut erhalten, B und C zeigen Spuren früherer Feuchtigkeitsschäden.

Beschreibung und Ikonographie

Das Kirchengewölbe ist durch einfache Felderteilung gegliedert. Die Felder selbst sind von zartem dünnen Rankenstuck überzogen. Sie zeigen in der Mitte jeweils ein kartuschenförmiges leeres Feld. Eine mögliche Bemalung dieser Kartuschenfelder ist in den Quellen zu beiden Ausmalungen nicht erwähnt (s.o.). Die heutige Fassung des Raums in grün und weiß mit den ockerfarbenen Deckenbildern und orn ten Fensterleibungen, den grün gefaßten Pilastern mit ockerfarbenen Kapitellen, den grün und ocker gefärbten Apostelleuchtern mit zarter Vergoldung ist die klassizistische Fassung von 1797. Von dieser Fassung fehlt aber der große grün gemalte Baldachin an der Wand hinter dem Hochaltar, den die Rechnung nennt. Die drei Deckenbilder beziehen sich auf den Kirchenpatron Nikolaus von Myra.

 

A NIKOLAUS IM MEERESSTURM Ansicht nach W. In wildbewegtem Meer ist ein Schiff dargestellt, dessen Segel vom Sturm gebläht ist und auf das Blitze niederzucken. Ein Bischof beschwichtigt mit gehobener Rechter den Sturm, während die übrigen Insassen mit Gesten der Verzweiflung um Rettung flehen. Es handelt sich um die Seefahrerlegende: »Schiffer, die in Seenot geraten sind, erinnern sich des hl. Bischofs, von dessen Ruhm sie gehört haben. Von ihnen angerufen, erscheint Nikolaus, spricht ihnen Mut zu, greift selbst überall ein und verschwindet nach Vollbringung des Rettungswerkes. Die Matrosen erkennen in der Kirche von Myra in dem ihnen bisher unbekannten Bischof Nikolaus sofort ihren Retter und danken ihm, während dieser sie vor sündigem Lebenswande. warnt« (Meisen, S. 245). Diese Legende kommt schon in der frühen griechischen Wundersammlungen vor und wurde Grundlage für das Seefahrerpatronat des Heiligen (s. auch LA Benz, S. 28).

B NIKOLAUS UND DIE DREI KNABEN IM PÖKEL- FASS Vor dem Pfeiler eines hochgewölbten Kirchenraums steht Bischof Nikolaus von Myra, in der Linken das Pedum, die Rechte segnend erhoben. Vor ihm in einem flachen Bottich sind drei nackte Kinder zu sehen, deren eines versucht, aus dem Bottich zu klettern. Ein zweites streckt die Ärmchen bittend nach dem Heiligen aus. Hier handelt es sich um die sog. Schülerlegende, nach der ein böser Wirt drei Knaben (Scholaren) getötet und eingepökelt hatte. Der Heilige erkannte die Missetat und erweckte die Kinder zum Leben. Die drei Scholaren wurden meist als kleine nackte Kinder dargestellt.

Die in der mittelalterlichen Nikolaus-Ikonologie sehr beliebte Schülerlegende entstand im Abendland im 12. Jh. (s. dazu Meisen, S. 289–306); sie war die Grundlage zum Schülerpatronat des Heiligen. In der barocken Nikolaus-Ikonographie kommt sie nur gelegentlich vor (Sinning, Lkr. Neuburg/Schrobenhausen, 1742; CBD, Bd. 10, S. 287 f.), spielt aber keine große Rolle mehr. In der sehr ausführlichen Nikolaus-Ikonographie der Deckenbilder in der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus in Mühldorf (CBD, Bd 8, S. 163–77) von 1771/72 hatte man sich längst von der mittelalterlichen Legendenfülle getrennt und stellte möglichst aus der Sicht des 18. Jh. historisch fundierte Szenen dar.

 

C NIKOLAUS HEILT EIN MÄDCHEN In einem hohen, überkuppelten Kirchenraum mit Säulen und Draperie steht Bischof Nikolaus von Myra auf hohen Stufen. Er hält in der Linken das Pedum und segnet ein Mädchen, das vor ihm kniet. Das Mädchen hat eine Binde um den Kopf, die ihm soeben von einem alten Mann, der hinter ihr steht, abgenommen wird. Ein Kleriker hinter Nikolaus hält eine flache Schale mit einem Salbgefäß.

Unter den vielen Nikolauslegenden sucht man eine Blindenheilung vergeblich. Die Szene in Berg bezieht sich vielleicht auf eine lokale Wunderheilung, bei der das heilkräftige Öl, das nach der Bestattung des Heiligen aus dem Kopfende seines Sarkophags in Bari floß und durch das viele Wunderheilungen geschahen, möglicherweise eine Rolle gespielt hat. Dieses wunderbare Öl zog viele Pilger an, die es als Heilmittel in ganz Europa verbreiteten.

An der Emporenbrüstung befinden sich, ebenfalls von der Hand Franz Joseph Solls, die Darstellungen der Apostel Petrus (W) und Paulus (N).

 

Quellen und Literatur

BHStA, Landshuter Abgabe 1993, Nr. 331: Renovation 1797, Abrechnung Soll.

StAM, Kurbayern Geistlicher Rat, Kirchenrechungen 472, St. Nikolaus Berg 1735.

AEM, Pfarrakten Schnaitsee, Pfarrbeschreibung: Reihenfolge der Pfarrer von Schnaitsee 1844 (zu Freundt und Storch); Filiale Berg: Verzeichnis Freundts über die Ausgaben für Berg. Registratur Stiftung Ecksberg, Altmühldorf: Restaurierung der Kirche in Berg 1975/76.

BLfD, Akt Berg, St. Nikolaus

 
Petrus und Paulus, Fresken an der Emporenbrüstung

KDB OB I (2), S. 1737.

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 697.

Braun, Michael, Beiträge zur Geschichte der Pfarrei Schnaitsee, Wasserburg 1928, S. 113.

Meisen, Karl, Nikolauskult und Nikolausbrauch im Abendlande (= Forschungen zur Volkskunde Heft 9–12), Düsseldorf 11931, Nachdruck Düsseldorf 1981.

Hamberger, Josef, Schnaitsee - die Mutterpfarrei des nordwestlichen Chiemgaus, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd I, Trostberg 1963, S. 160-66. Dehio 1990, S. 117

A. B.