Bauerbach, Filialkirche St. Leonhard
Filialkirche, Gemeinde und Pfarrei Haunshofen (von Pähl vikariert), Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei dem Kloster Bernried inkorporiert, Gericht Weilheim
Patrozinium: St. Leonhard
Zum Bauwerk: Die 1548 (Inschrift über dem Eingang) erbaute Kirche wurde 1709 (Inschrift an der W-Wand) umgestaltet und ausgeschmückt. Dabei handelt es sich um das LHs; Gesamtanlage und Einzelheiten der Dekoration stimmen mit diesem Datum überein. Gailler sagt in seiner Dekanatsbeschreibung von 1756: »Caeterum Ecclesia primum ante tria lustra funditus iterum aedificata...« Wir erhalten ein Datum um 1740; auf das Langhaus kann es sich nicht beziehen, es muß also der AR gemeint sein. »Die Kirchenrechnung von 1739 berichtet . . von einem neuen Turmbau. Neben dem Zimmermeiste ist . . . auch der Pollinger Maurermeister Resch genann und mit ihm an Materialien 6000 Ziegelsteine, 440 Pflasterplatten, 5500 Dachplatten, 900 Metzen Kalk, 170 Fuder Sand und 8 Fässer Gips« (frdl. Mitt. Willi Mauthe, Weilheim). Pflasterplatten und Gips (Stuck) sprechen dafür, daß zu dieser Zeit auch der AR entstanden ist; damit stimmt der Stil der Stuckdekoration überein. Da die Kirchenrechnungen im Pfarramt Haunshofen von 1721 bis 1764 lückenlos sind (frdl. Mitt. Willi Mauthe), kommt also für den AR als Baudatum nur das Jahr 1739 in Betracht. — Einfacher Saal zu drei Jochen; eingezogener Vorchor und AR in Form eines angeschnittenen Kreises; im WEmpore
Autor und Entstehungszeit: Die Entstehungszeit für A, B, C ist mit 1709 gegeben. Der Autor der schlichten, bäuerlich-naiven Malerei ist unbekannt, aber zweifellos identisch mit dem Maler des Deckenbildes im benachbarten Deutennausen.
D dagegen halten wir für eine Fälschung des 19. Jh., und zwar aus folgenden Gründen:
Die Inschrift in der NW-Ecke des Deckenbildes lautet: »PINXERAT INDIGNVS QVAMVIS NVNC PINGERE NESCIT«. Die rhetorische Bescheidenheitsformel ist für ein Chronogramm des 18. Jh. ungewöhnlich. Die verschleierten Angaben deuten anscheinend darauf hin, daß der Autor des Kuppelfreskos in einem ihm fremden, historischen Stil gemalt hat und sich deshalb als Unwürdiger bezeichnet, der nicht — im Stil der vergangenen Epoche (nunc!) — zu malen versteht. Das Chronogramm ergibt 1736; dieses Entstehungsdatum ist unwahrscheinlich, einerseits von den Baudaten her gesehen, andererseits aus stilistischen Gründen. Das in der Kuppel von Bauerbach perfekt angewandte Kompositionsschema einer umlaufenden terrestrischen Szenerie ist erst in den 30er Jahren des 18. Jh. entwickelt worden (erstmalig 1733 durch J. B. Zimmermann in Steinhausen, Baden-Württemberg, LKr. Biberach).
Das Deckenbild kann man auf den ersten Blick für ein Werk des 18. Jh. halten. Eigenartig ist die Gesamtkomposition mit den völlig isoliert stehenden Gruppen, die jeweils durch Strecken leeren Grasbodens voneinander getrennt sind. Auch die himmlische Gruppe steht für sich und ist weder formal noch inhaltlich auf das irdische Geschehen bezogen. Diese einzelnen Gruppen und innerhalb der Gruppen die Figuren gehen sichtlich auf stilistisch verschiedene Vorbilder zurück.
Gewisse Charakteristika der Malweise kann man sich im 18. Jh. kaum denken: die Lichtführung, die im Detail mit Schlagschatten und Reflexlichtern arbeitet (Gesicht und Arm des weisenden Mannes in der Südgruppe, Körper, Gewand und unter dem Mantel versteckter Putto bei Christus, Gesicht und Hand der Frau, die der Königin die Tasse reicht); neben der Lichtführung die Farbgebung. Befremdend wirken die vielfältigen kalten Ockertöne – Gewand Gottvaters (traditionell lila!), Gewänder der Frauen – und die verschiedenen Grüntöne. Grün und Ocker sind im 18. Jh. Landschafts- und Hintergrundfarben und kommen in Gewändern in dieser Häufung nicht vor. Ein bezeichnendes Beispiel hierfür ist die Farbkomposition bei zwei Figuren an der NW-Seite des Freskos: Grüngrau im Hut und Weißgrau im Hemd des jungen und dazu Violett und Braun im Gewand des alten Mannes. Auffallend fremdartig sind die in deutlich unterschiedenen Farben – Blau, Grün, Rosa, Lila – gemalten Engelsflügel. Die historischen Trachten sind – vor allem farblich – im Stil des 19. Jh. verändert: etwa das Kleid der Frau, die die gebärende Königin hält, die Tracht des alten Mannes bei der Inschrift ebenso wie die des Reiters, des Königs oder der Vordergrundsfigur in der Südgruppe (blaue, geschlitzte Jacke, goldockerfarbene, geschlitzte Hose, rosa Futter, grüne Strümpfe); ebenso die Kleider der Pagen.
Baumgruppe an der Südseite: Stämme und Blätter sind zwar in der Manier der Deckenmalerei des 18. Jh. dargestellt – und zwar ausgezeichnet –, aber die Baumgruppe als Ganzes hat weniger den Charakter eines unverbindlichen Versatzstückes, sondern hat in sich Raum und Tiefe. So eignet auch dem hellen Wolkenhimmel eine realistische Stimmung, Weite und Tiefe; er unterscheidet sich insofern von einer Himmelsszenerie der Deckenmalerei.
Dargestellt ist eine Begebenheit aus der Vita des hl. Leonhard, nach der die Königin von Frankreich auf der Jagd im Wald ihre Niederkunft nahen fühlte und der König den hl. Leonhard bat, ihr beizustehen (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 6. Nov., S. 699). Diese in der Deckenmalerei des 18. Jh. öfter wiedergegebene Szene ist stets in einen Innenraum verlegt; der Schauplatz im Freien ist im süddeutschen Bereich ohne Beispiel.
Sind jetzt auch viele Gründe genannt dafür, daß das Bauerbacher AR-Bild nicht im 18. Jh. entstanden sein kann, so steht es doch außer Zweifel, daß der Fälscher ein ganz glänzender Imitator war, der sich im großen und ganzen so sehr in die Deckenmalerei des 18. Jh. eingefühlt hat, daß die Malerei zunächst als Werk des 18. Jh. angesehen werden kann.
In den KDB ist das Deckenbild bereits erwähnt; es muß also vor dem 20. Jh. entstanden sein. In einem Akt im StA Mü (RA 2681/10919) ist als Restaurator der Bauerbacher Kirche ein Maler Mangold genannt; diese Restaurierung fand zwischen 1855 und 1860 statt. Auf Mangold könnte man vielleicht die Initialen des Hundehalsbands S MC (vielleicht entstellt aus S MG) beziehen. Maler des Namens Mangold sind im Landgericht Weilheim nur als Faßmaler bekanntgeworden (vgl. Sigfrid Hofmann, Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Heimatpflegers von Oberbayern, Reihe A, München 1953 ff., Register s. v. Mangold) bzw. werden als Restauratoren genannt (s. Personenregister). Zum Freskanten Joseph Mangold s. Haunshofen.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Flachtonne mit Stichkappen, AR Kuppel, von Tonne angeschnitten
Rahmen: A, B, C Stuckprofil, D füllt über Stuckgesims die gesamte Wölbungsfläche im AR aus
Technik: Fresko, polychrom
Maße: A Höhe 9,10 m; 1,75 × 3,00
B Höhe 8,10 m; 3,00 × 3,00
C Höhe 8,10 m; 1,75 × 3,00
D Höhe 8,80 m; Ø des angeschnittenen Kreises 6,40
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bei einer Restaurierung 1866 wurden A, B, C teilweise, die Medaillons 1–4 gänzlich übermalt. Wiederaufdeckung und Restaurierung 1965 durch L. Strehle. A, B, C sind leidlich gut erhalten, 1–4 praktisch völlig zerstört (keine Abbildung); D wahrscheinlich im 19. Jh. gemalte Fälschung
Beschreibung
A ST. LEONHARD PATRON DES VIEHS Die Basis des Bildes liegt im W; es wird teilweise von einer später eingebauten Orgel überdeckt. Die Darstellung ist einansichtig, ziemlich primitiv und ohne Untersicht oder Verkürzungen. In Wolken erscheint, von Putti umgeben, der hl. Leonhard in Halbfigur über einer Wiesenlandschaft mit Pferden und Kühen
B ST. LEONHARD PATRON VON BAUERBACH In dem vierpaßförmigen Fresko thront groß auf Wolken der hl. Leonhard, Putti umschweben ihn und halten seine Attribute, Abtsstab und Eisenkette. Unter dem Heiligen schwebend tragen zwei Engel das Modell der Kirche von Bauerbach (gemäß dem Bau von 1709); dahinter wird eine Landschaft mit Bergen im Hintergrund sichtbar. Diese einfache Landschaft ist an beiden Seiten bis zu dem Vierpaßbogen hochgezogen. Dort knien bäuerliche Bittflehende. Im westlichen Vierpaßbogen sind Kranke dargestellt.
C ST. LEONHARD PATRON DER GEFANGENEN Mit sehr primitiven perspektivischen Mitteln ist ein dreiteiliger Schauplatz aufgebaut. Die linke Bildhälfte füllt ein Kircheninnenraum, in dem vor dem Altar des hl. Leonhard ein Mann mit Ketten kniet. Daneben geht der Blick in eine Landschaftsweite mit Burgberg und Burg im Hintergrund. Auf der rechten Seite ist ein Kastell dargestellt mit einem Turm, an den außen ein Mann angekettet hängt, und einem offenen Verlies, in dem zwei Männer im Block liegen. In Wolken erscheint eine Hand und weist auf den Angeketteten; ein himmlischer Strahl fällt auf ihn.
Farblich sind die Bilder im jetzigen Erhaltungszustand sehr beeinträchtigt. Die Erdfarben Ocker und Grün, sowie das Schwarz der Mönchskutte dominieren in den Bildern.
Ikonographie
Die Bilder A und B beziehen sich allgemein auf die Patronate des hl. Leonhard, der Beschützer des Viehs, des bäuerlichen Volks und der Gefangenen ist.
C stellt eine selten dargestellte Szene seiner Legende dar: Ein Verehrer des hl. Leonhard wird nach dessen Tod vom Grafen von Limoges unschuldig an eine Kette gelegt, die am Turm des gräflichen Schlosses befestigt ist; auf sein Flehen erscheint ihm der Heilige und befiehlt, ihm bis zu seiner Kirche zu folgen und die Kette mitzutragen. Der Befreite hängt daraufhin zur Verkündigung des Wunders die Kette vor dem Grab des Heiligen auf. (Ribadeneira- Hornig, Bd 2, 6. Nov., S. 698-701.) Die in D wiedergegebene Szene, der hl. Leonhard hilft der Königin von Frankreich bei ihrer Niederkunft, fügt sich thematisch gut in das Programm der Kirche ein. In die Kuppel des Altarraumes paßt jedoch ikonologisch gesehen keine historische Szene, hierher gehört im 18. Jh. eher eine Gloriendarstellung. (Weiteres s. Autor und Entstehungszeit.)
In den Medaillons 1-4 läßt sich vielleicht die Darstellung der vier Elemente erkennen: 1 Luft, 2 Feuer, 3 Wasser 4 Erde. Alle sind jedoch zu stark zerstört, als daß sich ein ikonographischer Zusammenhang mit den Bildern A, B, C finden ließe (keine Abbildungen).
Quellen und Literatur
Gailler, Franciscus Salesius, Vindeliciae Sacrae Tomi 3... Capitulum Weilheimense, Augsburg 1756, Cap. 19/5. Braun-Augsburg, Bd 1, S. 343
KDB I OB (1), S. 698
Mauthe, Willi, Der Pfaffenwinkel, Weilheim 21964, S. 31 Biller, Max, Die Filialkirche St. Leonhard in Bauerbach in: Lechisarland 1970 S 44-91
BERNBEUREN