Bairawies, Kapelle
Kapelle, Gemeinde und Pfarrei Dietramszell, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Than kirchen, Gericht Tölz
Zum Bauwerk: Neubau 1762 anstelle einer 1626 gestifteten Votivkapelle. Inschrift über der Innenseite des Eingangs ex voto fundatorum / Neu erbaut 1762 / renov. 1970/71 (Die Inschrift lautete vor der Restaurierung »EX VOTO FVNDATOR 1626 I.VB./ Neu erbaut ao 1762«). – Achteckiger Bau mit kleinem, flachgewölbtem Innenraum (5,00 × 4,00 m) und vier Apsiden. Der Bau ist eine Wiederholung der 1752 nach einem Riß Johann Michael Fischers erbauten, später zerstörten Kapelle „in der Stallau“ (Karl Mindera, Bad Heilbrunn, = KKF, Nr. 781, München 1963, S. 42).
Autor und Entstehungszeit: Der Maler des Deckenbildes ist nicht überliefert, die Entstehungszeit ist kurz nach der Erbauungszeit 1762 anzunehmen. Auf Grund der stilistischen Merkmale kann das Fresko als ein weiteres Werk des Tölzer Malers Wilhelm Anton Fett (s. Greiling, S. 185f. und Allgaukapelle, S. 451-53) gelten. Die Behandlung der Figuren ist mit der im Fresko von Greiling vergleichbar: Die grobe Modellierung der nackten Körper, der gewölbte Rücken mit auffällig betonter Wirbelsäule, die Zeichnung der Fußsohlen sind identisch. Die Gestalt des Sebastian ist der des hl. Rochus in Gesichtstyp, Gestik und Gewanddrapierung ähnlich. Auffallend sind die Übereinstimmungen mit dem (Fett zugewiesenen) Hauptfresko der Allgaukapelle: Das Bildschema mit der umlaufenden terrestrischen Szenerie ist ähnlich, ebenso der Versuch, illusionistische Höhenwirkung durch drastische Größenunterschiede zu erzielen und die Gestaltung der Himmelszone, ein Halbrund in Gelb über Wolkenhaufen, regenbogenförmig von Ockerbraun begrenzt. Auch Details stimmen überein: die in föhnig-klarer Landschaft stehenden Bäume mit dem charakteristischen schwammartigen Blattwerk, die stereotypen Baumsilhouetten im Hintergrund, die nackten Männer in den Gewölbezwickeln und die gemalte Rocailledekoration in der Rahmenzone. Das Fresko von Bairawies wirkt jedoch im Vergleich mit dem der Allgaukapelle wesentlich grober.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachkuppel Rahmen: gemalte Rocaille-Ornamentrahmung Technik: Fresko; polychrom Maße: Höhe 4,80 m, Stich 1,00; 3,90 × 2,70 Erhaltungszustand und Restaurierungen: Das Deckenbild hat durch Feuchtigkeitseinwirkung sehr gelitten; die Farbe ist in weiten Partien verblaßt, die Substanz teilweise, hauptsächlich im Bildzentrum, zerstört. Deutlich sichtbare Ubermalungen an den Figuren im Himmel (Dreifaltigkeit, Rochus, Sebastian, Engel). Letzte Restaurierung 1970/71 (s. Bauinschrift)
Beschreibung und Ikonographie
0 1 DIE HLL. SEBASTIAN UND ROCHUS ALS PESTPA TRONE Das Deckenbild füllt die Flachkuppel der Kapelle und ist an den Zwickeln leicht herabgezogen, wodurch das Bildfeld annähernd rechteckig wird. Betrachterstandpunkt unter der Bildmitte. Umlaufende szenische Darstellung, in der die Verheerungen der Pest geschildert werden. Vor den Toren, Mauern und Türmen einer Stadt, deren Silhouette zum überwiegenden Teil den Hintergrund des Panoramas bildet, brennen Pestfeuer, zu denen die Toten von halbnackten Männern geschleppt oder auf Karren gefahren werden. Die S-Seite des umlaufender Panoramas bildet eine Weidelandschaft mit verendenden Pferden und Kühen. Über der Szene erscheinen in Wolken die beiden Pestheiligen, um die Dreifaltigkeit in der Himmelsmitte um Beendigung der Heimsuchung zu bitten. Der hl. Sebastian ist als Soldat gekleidet, neben seinem Helm liegen Pfeile, die Werkzeuge seines Martyriums. Aus dem gleichzeitig als Sinnbild der Pest gedeuteten Pfeil ist das Pestpatronat des hl. Sebastian entstanden. Der hl. Rochus ist in Pilgertracht mit entblößtem Bein wiedergegeben; dieses zeigt üblicherweise die Pestwunde (hier im Bild nicht zu erkennen), die der Heilige sich bei der Pflege Pestkranker zugezogen hatte. Der Hund, der ihm als Attribut beigegeben ist, brachte ihm nach der Legende während seiner Krankheit Speise und Trank.
Die Darstellung bezieht sich auf die Pest, die in Tölz und Umgebung während der Schwedeneinfälle wütete, und aus deren Anlaß auch die ursprüngliche Kapelle gestiftet worden war (Georg Westermayer, Chronik der Burg und des Marktes Bad Tölz, Tölz 1893, S. 197 f.). Der Überlieferung nach sollen in Bairawies nur der Wirt und die Kellnerin von der Seuche verschont geblieben sein. Im Gegensatz zu den traditionellen Votivdarstellungen fehlen in Bairawies die Bittflehenden als Beziehungspersonen zwischen himmlischem und irdischem Bereich (vgl. das AR-Fresko in der Mühlfeldkirche in Bad Tölz, S. 26 f.).
Quellen und Literatur
Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 424. KDB I OB (1), S. 655. Dehio-Gall OB, S. 163.