Baierbach, Filialkirche St. Magdalena
BAIERBACH
Filialkirche, Pfarrei Stephanskirchen-Haidholzen, Gemeinde Stephanskirchen, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Erzbistum Salzburg, Archidiakonat und Bistum Chiemsee. Baierbach war Filiale der Pfarrei Riedering, die seit 1490 dem Augustiner-Chorherrenstift Herrenchiemsee inkorporiert war. Gericht Rosenheim
Patrozinium: St. Magdalena
Zum Bauwerk: Spätgotischer Bau, bis etwa 1500 durch einen Wasserburger Baumeister errichtet. Mitte des 17. Jh. Neueinrichtung mit Altären und Gestühl. 1716 Barockisierung des Innern mit Abschlagen der Gewölberippen, Stuckierung und Ausmalung, Veränderung des Hochaltars. Der Stuckator ist nicht bekannt. 1754 Abbruch und Neubau des Turms durch Andreas Vordermayr, Gerichtsmaurermeister in Rohrdorf. Kleine Kirche am Ortsrand in freier Lage. Der Raum ist breit und relativ niedrig, LHs zu drei Jochen, Gliederung durch Wandpfeiler und Runddienste; Empore im W, an der S-Seite kleine Vorhalle. Kaum eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß. Belichtung durch hohe schmale, noch gotische Fenster, die oben aber etwas ausgerundet sind: zwei im S des LHs und ein Rundfenster über dem Eingang, das die Empore beleuchtet; eines im S des AR und drei im Schluß. Doppelstöckige Sakristei im S des AR.
Auftraggeber: Propst Jacob V. Mayr von Herrenchiemsee (1691-1717). Pfarrvikar von Riedering war P. Andreas Strobl (1709–19). Private Spenden sind anzunehmen.
Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, 1716
Bei der Freilegung der Fresken 1956 wurde in der Stuckkartusche am Chorbogen die Inschrift HOC TEMPLUM / EXOR- NATUM / 1716 aufgedeckt. Diesem Datum entspricht die Stilstufe des Stucks, der mit Akanthusranken, Blüten- und Blattzweigen das Gewölbe ohne Jochteilung überzieht. Gleichzeitig mit dem Stuck dürften die bescheidenen Deckenbilder entstanden sein. Der Autor muß im engsten lokalen Bereich gesucht werden. Aus äußeren Gründen käme am ehesten Franz Krenzner, Mesner und Maler in Prutting in Frage. Die Pfarrei Prutting war ebenfalls Herrenchiemsee inkorporiert. Die Emporenbrüstungs-Tafeln EB1-3 stammen wohl vom gleichen Autor.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Verschliffenes Kreuzgewölbe mit Stichkappen; AR Verschliffenes Sterngewölbe mit Stichkappen
Rahmen: A, B, C Einfache Stuckprofilleiste; 1-8 Ovalmedail lons mit glatter Stuckleiste
Technik: A-C, 1–8 Fresko mit Secco-Übermalungen; polychrom
Maße: A Höhe 7,70 m; 2,60 x 3,10
B Höhe 7,70 m; 2,90 x 3,10
C Höhe 7,20 m; 3,50 x 2,50
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1906 fand eine allgemeine Neuausstattung im Stil der Renaissance statt, bei der das Innere einen »unglücklichen gelben Anstrich« erhielt (BLfD) und die barocken Deckenbilder durch Max Zierer aus Rosenheim übermalt wurden. Ab 1955 gründliche Sanierung der baufälligen Kirche. Innenrenovierung mit Restaurieren des Stucks, Freilegen der ursprünglichen Fassung, Aufdecken und Restaurieren der barocken Deckenbilder und Altarrestaurierung 1956/58 durch Hugo Williroider. Erneute Restaurierung der Raumschale 1988 durch die Kirchenmalerfirma Franz Nefzger. Reinigen von Deckenfläche und Stuck, Schließen der Gewölberisse. An den Deckenbildern wurde nichts verändert. Sie sind im Ganzen schlecht erhalten, die Farbsubstanz hat durchgehend stark gelitten und zeigt nachzeichnende Retuschen. Gründliche Bausanierung 2006 im Gang.
Beschreibung und Ikonographie
Die Bilder sind alle einansichtig, die Kompositionen unbeholfen, die Schauplätze durch Versatzstücke angedeutet. Die Figurenzeichnung (soweit nicht modern übergangen) ist nicht einheitlich, es gibt Stellen einfachster fast bäuerlicher Malerei (z. B. bei 1), aber auch andere mit verhältnismäßig differenzierter Physiognomie und Gewandbehandlung (z. B. bei 4); die besseren Partien dürften auf graphische Vorlagen zurückgehen. Die Farben sind matt und wirken düster. Buntwerte sind auf ein Minimum reduziert.
A GOLGOTHA (?) Ansicht nach W. Weite Berglandschaft mit zwei Städten. Die Mittelpartie ist zerstört, sie zeigte wohl den Gekreuzigten und unter dem Kreuz Maria Magdalena (ohne Abb.).
B BÜSSENDE MAGDALENA Magdalena ist in einer Höhle in der Wüste dargestellt, vor einem geöffneten Buch kniend. Zu ihren Füßen sieht man ein Salbgefäß und vier Schlangen. Von rechts tritt mit einem strahlenden Kruzifixus in der erhobenen Rechten ein gerüsteter Engel (Michael) heran und setzt seinen Fuß auf die größte Schlange.
C ERHEBUNG DER HL. MAGDALENA Die Heilige schwebt in der Bildmitte, umgeben von Engeln auf Wolken; zwei davon fassen sie an den Armen und erheben sie. Zu Füßen Magdalenas sieht man Totenschädel und Salbgefäß, in der Mitte einen Engel mit Speisen. In einer Glorie erscheinen Gottvater und Christus, von Engeln und Putten begleitet.
1–8 MAGDALENA-SZENEN Je vier Ovalmedaillons in den Gewölbezwickeln des LHs und des AR zeigen Szenen aus der Legende der hl. Magdalena, die in fast allen Szenen durch das Salbgefäß gekennzeichnet ist.
I PIETÀ Unter dem Kreuzesstamm sitzt Maria, das Schwert in der Brust, und hält den Leichnam Christi auf ihrem Schoß. Maria Magdalena ist zu Füßen Jesu auf die Knie gesunken, küßt die Hand des Toten und umfaßt seine Füße. Rechts hält ein Engel den Arm des Leichnams. Am Boden sieht man Leidenswerkzeuge.
2 NOLI ME TANGERE/CHRISTUS ALS GÄRTNER (Io 20,14-18) In einem mauerumgebenen Garten mit Springbrunnen und Gartentempel erscheint vor Magdalena der auferstandene Christus, einen Hut auf dem Kopf und einen **Spaten** in der Hand.
3 CHRISTI HIMMELFAHRT (Lc 24,50–53; Act 1,9) Landschaft mit einem kleinen Hügel im Hintergrund. Christus schwebt darüber, von Wolken wie von einer Glorie umgeben. Er hält die Fahne des Auferstandenen. Im Vordergrund sieht man Männer und Frauen, die zum Himmel blicken, darunter Maria Magdalena.
4 GASTMAHL IM HAUSE DES PHARISAERS (Lc 7,36-50) An einem gedeckten Tisch sitzt links Jesus, die Rechte segnend erhoben. Vor ihm kniet Maria Magdalena und hält das geöffnete Salbgefäß, um die Füße Jesu zu salben. Der **Gastgeber** rechts und vier Männer beobachten die Szene.
5 FEGEFEUER Über den Flammen des Fegefeuers, in dem mehrere Arme Seelen flehend die Arme nach oben strecken, schwebt ein großer Engel.
6 PFINGSTEN (Act 2,1–4) In einem Innenraum sind die Apostel und Frauen versammelt, mit Feuerzungen über ihren Häuptern. Die strahlenumgebene Taube des Heiligen Geistes erscheint darüber in einem Wolkenkranz. Links vorne ist Maria zu erkennen.
7 GRABLEGUNG CHRISTI (Mc 15,47) Joseph von Arimathäa und Nikodemus legen den Leichnam Christi in einen Sarkophag, der vor einer Felshöhle steht. Maria kniet hinter dem Sarg, die Hände vor der Brust verschlungen, neben ihr ist Maria Magdalena. Rechts ist in der Ferne der Hügel von Golgotha mit den Kreuzen zu sehen. Vor dem Sarkophag liegt auf dem Boden der Kreuztitulus INRI.
8 DIE JUNGE MAGDALENA Magdalena als junge Frau ist in einem Innenraum dargestellt, schön gewandet in Kleid und Mieder. In der Rechten hält sie eine Halskette. Vor ihr auf einem Tischchen liegt eine aufgeschlagene Schrift.
EB1-3 MAGDALENA-SZENEN Die querrechteckigen Tafeln an der Empore zeigen Szenen aus der Passion Christi, in denen nach den Evangelien Maria Magdalena anwesend war (keine Abb.).
EB1 KREUZTRAGUNG Jesus auf dem Kreuzweg wendet sich zurück zu drei Frauen, unter ihnen Maria mit dem Schwert im Herzen und Maria Magdalena mit dem Salbgefäß.
EB2 KREUZAUFRICHTUNG Soldaten richten das Kreuz mit Christus auf. Links **steht** drei weinende Frauen, darunter Maria mit dem Schwert in der Brust und Maria Magdalena.
EB1 DREI FRAUEN AM GRAB Weite Landschaft mit aufgehender Sonne, rechts der Hügel von Golgotha. Zwei kleine Engel sitzen auf dem leeren Sarkophag, an dem Maria Magdalena kniet. Rechts sind die beiden anderen Marien dargestellt.
Zur Ikonologie
Das Baierbacher Magdalena-Programm mischt durch die Evangelien überlieferte Szenen mit legendären. Die chronologisch erste Szene (8) zeigt Maria Magdalena als die reiche Erbin der Burg Magdala: »Da nun Magdalena überflüssig reich war, und die Wollust allzeit eine Gesellin ist des Reichtums, sah sie ihre Schönheit und ihren Reichtum an ... « (LA-Benz, S. 472). Ihre Bekehrung (4) wird durch die Salbung der Füße Jesu beim Gastmahl des Pharisäers dargestellt, bei der Jesus zu ihr sagte »Dein Glaube hat dich gerettet, geh hin in Frieden« (mit der Sünderin im Evangelium wird traditionell Maria Magdalena gleichgesetzt). Es folgen Szenen der Passion, bei denen ihre Anwesenheit durch die Evangelien bezeugt oder in der Bildtradition überliefert ist. Sie ist eine der Frauen, die Jesus von Galiläa her gefolgt waren und wird als solche namentlich genannt (Lc 24,10). Sie war es, »die neben dem Kreuze stund beim Tode des Herrn; die da Salbe bereitete, seinen Leichnam zu salben; die sich nicht von dem Grabe kehrte, da die Jünger davon gingen; der Christus bei seiner Auferstehung zuerst erschien« (LA-Benz, S. 472 f.). Von ihrer Anwesenheit unter den Frauen am Grab und vor allem bei der Erscheinung Christi im Garten berichten die Evangelisten.
Die Anwesenheit Maria Magdalenas bei der Himmelfahrt Christi (3) und der Ausgießung des Geistes (6) wird erstmals im Legendenroman des Pseudo-Rhabanus Ende des 12. Jh. erwähnt (PL, Bd CXII, S. 1431 ff.); in der Folge ging sie in die Bildtradition ein.
Maria Magdalenas Leben in Buße und Einsamkeit (B und C) fand an einem Ort statt, »die ihr von Engelshänden war bereitet. An der Statt waren nicht Wasserbrunnen, noch Freude an Bäumen und Gras« (LA-Benz, S. 477); die Schlangen in Fresko B weisen wohl auf die Unwirtlichkeit des Ortes hin, der Engel mit dem Kreuz darauf, daß der Platz ihrer Buße von Engelshänden bereitet war. In C sind die Motive der Elevation der Heiligen durch Engel zu den Gebetsstunden einerseits und ihrer himmlischen Speisung andererseits verbunden. »An jeglichem Tag ward sie zu den sieben Gebetsstunden von Engeln auf in die Lüfte geführt, und hörte mit leiblichen Ohren den Gesang der himmlischen Heerscharen« (LA-Benz, S. 478). Magdalena im Fegfeuer (5) ist ein ungewöhnliches Thema, doch nicht gegen die Lehre von den Armen Seelen, zu der die Möglichkeit einer weiteren Läuterung auch gottgefälliger Menschen nach dem Tod gehört.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Riedering, Pfarrbeschreibung; Filiale Baierbach 1614–1853.
AEM, Kunsttopographie des Erzbistums Dekanat 34/Rosenheim, Pfarrei Stephanskirchen, Filiale Baierbach 41.15.2. (Peter von Bomhard und Georg Brenninger). BLfD, Akt Baierbach, Filialkirche St. Magdalena.
Mayer-Westermayer, Bd II, S. 787. KDB I OB (2), S. 1773 f. Bomhard, Bd 1, S. 236–39, 415 f., 456. Detterbeck, Karl und Konrad Breitrainer, Riederinger Heimatbuch, Riedering 1988, S. 326. Dehio 1990, S. 90.