Bad Kohlgrub, Votivkapelle St. Rochus


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 269–272, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Votivkapelle, Pfarrei St. Martin Kohlgrub, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Kloster-Ettalisches-Gericht Ammergau

Patrozinium: St. Rochus

Zum Bauwerk: Die 1633 gestiftete und auf einer Anhöhe nordwestlich des Ortes erbaute Kapelle wurde 1733 erneuert und ausgestattet. Inschrift am Chorbogen MDCXXXIII / EX VOTO / AEDIFICATUM / RENOVATUM / MDCCXXXIII / Renov. 1908 und Chronogramme an der Emporenbrüstung seXCentIs, trIgInta trIbVs AnnIs post MILLe, ECCLesIa haeC Voto persoLVto stetIt. (= 1633) und RenoVata Vero post Sae CVLVM InsIgnI SpLenDore RestaVrat Vr. (= 1733)

Die Gewölbestukkaturen werden Joseph Schmuzer zugeschrieben (Wilhelm Neu, Unbekannte Frühwerke des Baumeisters Joseph Schmuzer, in: Lechisarland 1963, S. 28). Saal zu drei Fensterachsen, im W Empore; halbrund geschlossener AR von gleicher Breite mit zwei Fenstern in der Rundung nach O

Autor und Entstehungszeit: Signatur in A Aug: Bernhardt M: Augustin Bernhardt entstammt einer Murnauer Malerfamilie, die vielfach mit Faßarbeiten beschäftigt wurde (Hofmann, S. 9 f.). Augustin Bernhardt war zwischen 1730 und 1760 tätig, von ihm stammt auch die Ausmalung der St. Georgskirche in Ramsach (S. 397–400). Die Entstehungszeit der Deckenbilder ist mit der Neuausstattung von 1733 gleichzusetzen.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A, B, C, A1-2, B1-2, C1-2) Flachtonne mit Stichkappen, AR (D, D1-2) flache Halbkuppel

Rahmen: A-D Stuckprofilrahmen, in A und C sind die Restflächen zwischen Bild und Rahmung mit stuckiertem Gitterwerk gefüllt; A1-2, B1-2, C1-2, D1-2 Ovalmedaillon mit Stuckprofilrahmen und umgebender Stuckornamentik

 

Technik: Secco; polychrom

Maße: A Höhe 6,60 m; 3,00 × 3,00 B Höhe 6,60 m; 3,10 × 3,30 C Höhe 6,60 m; 3,00 × 3,00 D Höhe 6,75 m; 2,30 × 2,90

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1908 Renovierung (s. o. Inschrift am Chorbogen), bei der offensichtlich umfangreiche Übermalungen vorgenommen und die Inschriften erneuert worden sind. Bei einer Restaurierung 1979 durch Fa. Wiegerling, Bad Tölz, wurden die Schäden beseitigt und die Bilder eingestimmt. Die photographischen Aufnahmen von B, C, D, EB1-3 zeigen noch den alten Zustand: die Bilder waren stark nachgedunkelt und wiesen zahlreiche Abblätterungen, Risse und Feuchtigkeitsschäden auf. In A und C schien das Holzlattengewölbe durch.

Beschreibung und Ikonographie

Zur Gewölbedekoration, die zarte rosa, gelb, grün und grau getönte Stukkaturen im Stil der frühen 30er Jahre des 18. Jh. zeigt, stehen die nachgedunkelten Bilder in ungünstigem Kontrast. Den Bildern, die einen Zyklus aus dem Leben des Titelheiligen zeigen, sind jeweils zwei flankierende Embleme beigegeben; chronologische Abfolge von W nach O zu lesen. Aufnahmestandpunkt für A unter B, für B-D jeweils unter der Bildmitte. Einheitlicher Darstellungsmodus ist der des »quadro riportato«; die detaillierte Architekturmalerei zielt auf räumliche Tiefenwirkung. Nur an der Bildbasis findet sich in den ins Bild einführenden Sockeln mit Inschriften ein Ansatz zur Höhenperspektive. Die Farben sind nur vereinzelt rein, meistens gebrochen angewandt. Bevorzugte Farbe ist Blau in vielen Abstufungen (Himmel, Architekturen, Gewänder, Tücher, Vorhänge), das mit Weiß – besonders in B in differenzierten Grau-, Blau- und Gelbbrechungen –, mit Grün, Gelb, Ziegelrot und Braun kombiniert wird.

Bei den Deckenbildern fällt eine Neigung zum Historisieren auf, die sich an der italienischen Malerei des Quattrocento orientiert. Die architektonischen Formen sowohl der Stadtsilhouette in A als auch der Innenräume in B und D zeigen Stilmerkmale der italienischen Renaissance, ebenso die Trachten und Tücher im charakteristischen Streifenmuster.

A ROCHUS VERTEILT ALMOSEN – Der Armen Trost (Inschrift in der Abbildung nicht sichtbar) Bildschauplatz ist eine mit niedrigem Buschwerk und Bäumen bestandene Wiesenfläche; im Hintergrund sieht man eine oberitalienische Stadt an einem Berghang. In der Bildmitte steht Rochus in Pilgerkleidung (Pelerine mit Muschelabzeichen, Hut mit gekreuzten Nägeln auf der Krempe, Pilgerstab); am Gürtel trägt er den Rosenkranz. Um ihn scharen sich Arme und Krüppel, Almosen aus der Hand des Heiligen erwartend.

 

B ROCHUS PFLEGT KRANKE – der Krancke Hilf. Bildschauplatz ist das Innere eines Spitals. In der Bildmitte steht der Heilige auf Stufen, die optisch in das Bild einführen und auf denen Kranke und Krüppel gelagert sind. Hinter diesem starkfarbigen Proszenium öffnen sich die Räume des Spitals in den Hintergrund; dort werden weitere Kranke sichtbar.

C ROCHUS IM KERKER - Ein Allgemeine Zuflucht. Das Bild zeigt ein Kerkergewölbe auf Pfeilern mit vergitterten Fenstern im Hintergrund. In der Mitte ruht der Heilige gefesselt auf einem steinernen Lager, das mit einem Tuch bedeckt ist. Er hat die Hände mit dem Rosenkranz über der Brust gekreuzt und hält den Blick nach oben gerichtet, wo ein Engel in Wolken erscheint, der auf ein Blatt mit der Inschrift zeigt Wer Rochi / hilf Begehrt / Wird seiner / Bitt gewert. Die Seele des Heiligen schwebt auf einem Lichtstrahl zum Himmel, wo in hellem Licht Engelsköpfchen erscheinen.

 
 

D VEREHRUNG DES LEICHNAMS DES HL. ROCHUS - Ein grosser Heiliger. Im Vordergrund des Bildes liegt der Heilige auf einem mit Tüchern bedeckten Stufenkatafalk aufgebahrt, von zahlreichen klagenden und betenden Männern und Frauen umgeben. Hinter diesem Proszeniumsaufbau geben Bogenarchitekturen den Blick frei auf einen großen Kirchenbau, an dem Arbeiter beschäftigt sind (rechts), und auf eine Folge von Kuppelräumen (Mitte).

A1-2, B1-2, C1-2, D1-2 EMBLEME Die Embleme flankieren als Ovalmedaillons die Hauptbilder und stehen jeweils in direktem inhaltlichen Zusammenhang damit, sind also alle auf das Leben und Wirken des hl. Rochus bezogen. Als Vorlage diente, bis auf D2 (Stella matutina Boschius, mit dem auch die Lemmata übereinstimmen.

 
 
D Verehrung des Leichnams des hl. Rochus

A1 PROIECTIS / AGILIOR Springender Hirsch, der sein Geweih abgeworfen hat.

A2 IUVAT ABIECISSE / CADUCUM Schlange, die ihre Haut an einem Stein abstreift.

Den springenden Hirsch, der sein Geweih abgeworfen hat und die sich häutende Schlange bezieht Boschius (Classis 1, Nr. 656 und 658) auf die »Paupertas voluntaria Hominum Religiosorum«. In diesem Sinn stehen sie auch zu Seiten von A, das die freiwillige Armut des hl. Rochus zum Thema hat.

B1 IMMEMOR IPSE / SUI. Pelikan, der seine Jungen mit dem eigenen Blute nährt.

 
 

B2 SOSPITAT / INTUITU. Bienen, die aus dem Bienenkorb fliegen und durch den Sonnenschein aus ihrer Erstarrung wiederbelebt werden.

Der Pelikan und die Sonne über dem Bienenkorb sind bei Boschius (Classis 1, Nr. 70 und 50) auf den Tod Christi am Kreuz und die Heilung der Kranken durch die Wunder Christi bezogen; hier sind es dementsprechend Sinnbilder für die Aufopferung des hl. Rochus in selbstloser Pflege der Kranken und auf deren Heilung im Zeichen des Kreuzes.

C1 ET MEMOR / AB ALTO. Baum, von dem eine Henne Futter für ihre Jungen herabwirft.

Das Bild der fürsorglichen Henne auf dem Baum deutet Boschius (Classis 1, Nr. 74) als Sinnbild der Himmelfahrt Christi und der Gnaden, die den Menschen dadurch zuteil wurden. Auf den Tod des hl. Rochus bezogen verweist es auf die Fürsprache des Heiligen im Himmel.

C2 SINE PONDERE / SURSUM. Zur Sonne auffliegender Paradiesvogel.

 
 

<math>\mathbf{D}_2</math>

 
EB2-3 Attribute des hl. Rochus

Der Paradiesvogel, der alles Irdische verachtet, bei Boschius (Classis 1, Nr. 101) Bild für die »Contemplatio delitiae«, bezieht sich hier auf die Geringschätzung irdischer Leiden im Hinblick auf die Erlösung und damit auf die Gefangenschaft des hl. Rochus.

D1 Dum morior / Orion Untergehende Sonne über einer Landschaft.

Die Auferstehung vom Tod wird mit dem Bild der untergehenden Sonne

(vgl. Boschius, Classis 3, Nr. 92) symbolisch dargestellt.

D2 Stella Matutina Stern über nächtlicher Landschaft. Picinelli (Liber 1, s. v. planetae, Nr. 367) bezieht dieses Sinnbild auf den Tod Christi am Kreuz und auf alle, »qui e calamitatum umbris magis gloriosi et admirabiles resplendent«. In diesem Sinn kann ein Bezug auf den Tod des Heiligen hergestellt werden.

Da SUAVIS / VBIOUE (= UBIQUE) Weihrauchgefäß Der Weihrauch ist biblisches Sinnbild für Gebet und Verehrung.

EB1 STIFTUNG UND NEUAUSSTATTUNG DER VOTIVKAPELLE Das mittlere Bild an der Emporenbrüstung zeigt die Rochuskapelle, die in topographisch getreuer Wiedergabe auf einer Anhöhe steht. Zwei Gruppen von Stiftern schreiten auf die Kapelle zu. Von links, vom Dorf Kohlgrub mit der Pfarrkirche her, in historisierenden Trachten, die Gründer der Votivkapelle von 1633, von rechts die Stifter der Neuausstattung. Inhaltlich gehören hierzu folgende Inschriften: Sex hundert drey und dreyssig Jahr, / nach Tausendt dorth die Jahrzahl war / Als hier die pest sehr starckh Regiert / Es liess kein hauß schier ohnberiehrt / So starckh hat sye alhier getobt, / daß sich die Gmainde alher verlobt. (S-Wand). - Nur 2. Baar Ehevolck ganz und gar / Aus der Gemaindt gesundt noch war. / Da Sankt Rochus der gross Batron, / hat uns hilfreich erlöst davon. / Aus Glybdt dis Kirchlein wurd aufgericht / Nach hundert Jahren Renoviert. (N-Wand)

 
 
 

EB2 Hund mit Brot im Maul – Ein Hund versorgte den hl. Rochus während seiner Krankheit auf einsamem Feld täglich mit Speisen von der Tafel seines Herrn.

EB3 Pilgerabzeichen des hl. Rochus – Stab, Pelerine mit Muschel und gekreuzten Nägeln, Hut.

Ikonographie

Die Stiftung der Votikapelle zum hl. Rochus, dem Pestpatron, geht auf die Pest im Dreißigjährigen Krieg zurück (s. Inschrift zu EB1); um 1733 flackerte die Pest zum letzten Mal auf und gab damit wohl den Anlaß zur Neuausstattung.

Der hl. Rochus von Montpellier verteilte nach dem frühen Tod seiner wohlhabenden Eltern sein Erbe an die Armen (A), übertrug die Verwaltung seiner elterlichen Besitzungen seinem Vetter und zog als Pilger nach Rom. Auf dem Wege dorthin geriet er in die von der Pest heimgesuchten Orte Aquapendente, Siena und Piacenza, wo er, wie auch in Rom, die Kranken pflegte und durch ein Kreuzeszeichen viele von der Pest heilte (B). Nach eigener, schwerer Krankheit kehrte er in seine Heimatstadt zurück; er wurde nicht erkannt, als Spion verdächtigt und von seinem Vetter ins Gefängnis geworfen. Dort starb er nach fünf Jahren an der Pest: »alsdann fande sich bey dem H. Cörper ein geschribene Taffel folgendes Inhalts: Zu wissen, daß, wer mit der Pest behafftet, zur Fürbitt des H. Rocchi seine Zuflucht nehmen wird: der entsetzlichen Sterbsucht entgehen werde« (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 16. 8., S. 233; vgl. Inschrift in C). Der erschütterte Vetter bestattete den Leichnam aufs prunkvollste und baute um seine Begräbnisstätte eine Kirche (D), bis, 150 Jahre später, die sterblichen Überreste des Heiligen in die ihm zu Ehren errichtete Kirche S. Rocco in Venedig überführt wurden (Ribadeneira-Hornig, loc. cit., S. 232–34).

Quellen und Literatur

KDB I OB (1), S. 586.

Hofmann, Sigfrid, Die Kirchen der Pfarrei Murnau (= Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Heimatpflegers von Oberbayern, Reihe A, Heft 5), Schongau 1958, S. 8–11, 21 f., 29.

Dehio-Gall OB, S. 201.