Zum Inhalt springen

Thambach, Filialkirche St. Georg

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 8: Landkreis Mühldorf am Inn. Hirmer, München 2002, ISBN 978-3-7774-9430-2, S. 267–272, geschrieben von Böhm, Cordula. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche, Pfarrei Reichertsheim (Pfarrverband Kirchdorf bei Haag), Gemeinde Reichertsheim, Erzdiözese München und Freising. Z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei Reichertsheim dem Augustiner-Chorherrnstift Au am Inn inkorporiert. Erzbistum Salzburg. Die Kirche Thambach gehörte zu von Fugger zu Kirchberg war. Gericht Neumarkt

Patrozinium: St. Georg

Zum Bauwerk: Die Kirche steht frei neben dem Herrensitz Thambach und war ursprünglich wohl eine Schloßkapelle. Erbaut 1486 (Datum im Chor und an der O-Seite außen), Weihe 1518. Kanzel 1736 (Schreiner Johann Caspar Baldauf, Maler Johann Franz Huber aus Gars). Baureparatur 1768 durch den Neumarkter Gerichtsmaurermeister Johann Georg Hechel, darauf folgend die Barockisierung 1770 mit Innenausstattung. Die Art der Barockisierung mit geschweiften Pilastern und Gurtbögen ist ähnlich wie in Reichertsheim, Oberornau und Riedbach, die 1765/68 ebenfalls von Johann Georg Hechel umgebaut wurden. Die sparsame Stuckdekoration ist der in Oberornau sehr ähnlich und ist wie dort wohl Hechel zuzuschreiben. Die Seitenaltäre sind Johann Philipp Wagner zuzuweisen. Hochaltarblatt mit der Darstellung des Hl. Georg, signiert A. A. 1782 (= Augustin Aiglstorffer aus Gars). Kleiner Saalbau (8,90×5,50m) zu drei Jochen mit Wandvorlagen, gleichbreiter AR (6,20×5,50m) zu zwei Jochen, dreiseitig geschlossen. Geschweifte marmorierte Pilaster mit Gesims. Im W Empore. Belichtung durch vier Fenster von S und zwei von N.

Auftraggeber: Als Stifter der Ausmalung und der Einrichtung st die Schloßherrschaft anzunehmen, Johann Ludwig Graf

von Fugger zu Kirchberg und Weißenhorn († 1779), dessen Frau Maria Anna Euphrosina von Elsenheim († 1770) den Sitz Thambach erbte. Ihr Sohn, Joseph Franz Xaver von Fugger stattete die Wallfahrtskirche Frauenornau aus (s. S. 94–98). Propst von Au, dem die Pfarrei Reichertsheim inkorporiert war, war Franz III. Berchtold (1761-85), Pfarrvikare von Reichertsheim waren P. Albert Penner (1763-68, s. S. 222), der die Barockisierung vermutlich noch begonnen hat, und P. Georg Traubmayr (1761 und 1768-81), der später Vikar in Pürter wurde.

Autor und Entstehungszeit: Zuschreibung an Martin Anton Seltenhorn (* 1740 Kraiburg † 1809 Kraiburg) 1770. Chronogramm am Chorbogen GLORIOSISSIME SANCTE GEORGI CVSTODI SERVOS TVOS (= 1770).

Der stilistische Befund weist eindeutig auf Martin Anton Seltenhorn, den Sohn Johann Antons, der 1770 durch Heirat in Kraiburg die väterliche Werkstatt übernahm. Schon bei der Fresken von Frauendorf 1766, die noch unter väterlicher Regie standen, zeichnet sich sein persönlicher Stil ab, der in St. Erasmus 1771/72 und in Gars 1777 voll ausgeprägt ist: drastisch bewegte, oft in ganz verrenkten Haltungen gezeichnete Figuren, breite Gesichter mit schrägen, weitgeschnittener Froschaugen, die oft nicht in einer Achse liegen, Putten mi überquellenden Formen. Übereinstimmend ist ein pastose: Pinselauftrag mit vielen Weißhöhungen.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs und AR Stichkappentonne Rahmen: A und B Stuckprofil, A1-4 Stuckrocaillekartuschen B., gemalte Rocaillekartuschen

Technik: Fresko; A und B polychrom, A1-4, B1-4 dreifarbig ocker und karmin mit vereinzelt auftretenden Buntfarben

Maße: A Höhe 5,75 m; 4,55 × 2,20 B Höhe 5,78 m; 2,75 × 2,30

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Fresken waren übertüncht und wurden um 1938 von Paul Kronwitter aufgedeckt. 1985 fand eine Restaurierung durch Kirchenmaler Klaus Heißler, Dorfen, statt, bei der der Raumeindruck von 1938 erhalten wurde. Die Fresken wurden gereinigt, die Vordergründe z. T. neu- bzw. übermalt; die Brokatmuster in den Stichkappen wurden teilweise ergänzt. Die Stuckaturen wurden ocker, grau und rosa nach der originalen Tönung gefässt. Inschrift am Chorbogen innen: Renoviert 1938 / 1985. Die Fresken sind relativ gut erhalten. Verkittete Scheitelrisse in A und B. Die gemalten Kartuschenrahmungen B1-4 sind ergänzt oder neugemalt, ebenso wie die Malerei an der Emporenbrüstung; sie unterscheiden sich deutlich von der gemalten Rocailledekoration Martin Anton Seltenhorns.

Beschreibung und Ikonographie

Das in seinem gotischen Charakter erhaltene Kirchengewölbe ist durch das sparsam stuckierte Rahmensystem gegliedert, ergänzt durch gemalte Kartuschen im AR, die in den Zwickeln figürliche Darstellungen zeigen, in den Stichkappen Brokatmalerei. Die Gesamtfarbigkeit der Decke wird beherrscht von Ocker, Grau und einem Rotmarmorton. Auch die Farbigkeit der Fresken ist von diesem Grundakkord geprägt, der in vielen Abstufungen von Braunrot (Treppe in A) bis zu zartem Rosa (Wände) die Bildschauplätze bestimmt. In den fast monochromen Kartuschen sind nur vereinzelt Buntfarben verwendet (Fresko 8, Georgs blauer Panzer). Die beiden Hauptfresken A und B enthalten zusätzlich als Lokalfarben changierendes Blau mit Weiß in der Bekleidung Georgs und des Engelchens und Grün mit Gelb in der des Kaisers und des Henkers sowie beim Drachen in Fresko B.

A ENTHAUPTUNG DES HL. GEORG Das Deckenbild erstreckt sich über die beiden östlichen LHs-Joche. Die lebhaft bewegte, mehrfach verkröpfte Rahmenform korrespondiert mit der bewegten Szenerie. Der Schauplatz ist das Innere eines Palasts, gebildet durch einen bühnenartigen Stufenaufbau, der rückwärts begrenzt ist von einer aufragenden Innenarchitektur: eine Sockelzone mit Balustrade, darüber zwei Obergeschosse, die von Pilastern in Kolossalordnung und von einem Gesims gegliedert sind. Auf der obersten Treppe agieren die Personen der Handlung. Der Kaiser sitzt breitbeinig auf dem Thron und streckt gebieterisch das Zepter aus, das den jungen Georg auffordert, dem Götzenbild zu opfern bzw. den Henker, sein Amt zu vollstrecken. Das Pendant zum Thronaufbau am rechten Bildrand bildet auf der linken Seite die Statue der Diana mit Mondsichel im Haar und dem Jagdbogen in der Rechten. Vor ihr ist ein Opferaltärchen aufgestellt, bei dem eine Sphinx lagert. Der hl. Georg trägt Rüstung und einen weiten Umhang, der effektvoll über die oberste Stufe drapiert ist. Er verweigert den Götzendienst, woraufhin der Henker zum tödlichen Streich ausholt. Diese drei Figuren sind als Gruppe eng zusammengeschlossen und durch ihre temperamentvollen ausfahrenden Gebärden auch inhaltlich in Beziehung gesetzt. Aus der linken äußeren Ecke bricht himmlisches Licht herein: ein Putto bringt Palmzweig und Lorbeerkranz als himmlischen Lohn für den Martyrer.

B GLORIE DES HL. GEORG Annähernd vierpaßförmige Bildform, in die die Komposition diagonal eingepaßt ist. Der Heilige schwebt auf Wolken. Er trägt Ritterrüstung und Schild; sein Helm ist am linken Bildrand abgelegt und mit dem Martyrerkranz vertauscht, sein Schwert mit dem Palmzweig. Zwei Putten in der Begleitung Georgs markieren die Endpunkte der Diagonalen. Der obere hält das Schwert und eine Krone, der untere bekämpft mit dem Spieß den Drachen, der sich zu Füßen Georgs windet. Wie in Fresko A wird der Mantel Georgs effektvoll als Kompositionselement eingesetzt: der obere Putto breitet ihn wie eine Schleppe aus, und der Saum ist zu beiden Seiten über die Wolken drapiert. In der Achse erscheint das Trinitätssymbol im Strahlenkranz.

1–8 MARTERSZENEN Acht begleitende Kartuschen, je vier in LHs und AR, zeigen die legendären Stufen des Georgs-Martyriums. Bildschauplatz ist bei allen ein Kerker, nur in 6 ist der Schauplatz in Rauch gehüllt und nicht näher gekennzeichnet. Die chronologische – in den verschiedenen Viten nicht einheitliche – Abfolge beginnt mit der Gefangennahme Georgs und der Erscheinung Christi nordöstlich am Altar und endet mit der Bleimarter auf der Südseite östlich. Inhaltlich sind die Ereignisse dem Tod und der Glorie Georgs in den Hauptfresken voranzustellen.

Die Bildunterschriften auf gemalten Spruchbändern unterhalb der Kartuschen beziehen sich teils direkt auf den Bildinhalt, teils haben sie Lemma-Form; auch eine Stelle aus der Bibel kommt vor (7). Sie interpretieren jede Marter als himmlische Wohltat und als Möglichkeit, sich mit Christus noch inniger zu verbinden. Ähnlich lauten die Lobpreisungen, die Georg unter den jeweiligen Martern der Legende nach an Christus richtete.

Der Kirchenraum
Georg auf das Rad geflochten
Altarraumfresken: B Glorie des hl. Georg; 1 Georg im Kerker, 2 Georg am Zerrgerüst, 7 Georg im Kessel aus siedendem Blei, 8 Georg von Christus gekrönt

Die Georgsvita, die im wesentlichen auf die 496 durch Papst Gelasius Ludwig festgelegte Fassung zurückgeht, erfuhr als nicht historisch beweisbare Vita unterschiedliche Bearbeitungen und Kürzungen. Die folgenden Szenen finden sich teilweise in der Legenda Aurea (LA-Benz) S. 304–06, hauptsächlich aber bei Surius-Via, 1574–80, Bd 2, S. 515–18; vgl. LCI Bd 6, Sp. 372; BiblSS Bd 7, Sp. 512–31. Zur Georgs-Ikonographie s. auch Weilkirchen, S. 288–91).

Decke gefesselten Arme werden über eine Winde nach oben gezogen (diese Marter wird selten dargestellt).

3 GEORG UNTER DEM MÜHLSTEIN VNVM EX HIS NON CONTERETUR (Dieser eine wird nicht zermalmt; Ps 33, 21) Ein riesiges Mühlrad liegt auf dem Leib Georgs, dieser stützt sich an Händen und Füßen unter dem Gewicht auf.

4 GEORG AN DER GEISSELSÄULE CANDIDVS ET RVBICVNDVS (Weiß und Rot; Cant. 5,10) Georg, nur mit Helm und Lendentuch bekleidet, ist an eine Säule gefesselt; der Leib ist mit blutenden Wunden bedeckt. Peitsche, Ruten und Haken auf einem Sockel und am Boden weisen auf seine Folter.

I GEORG IM KERKER VINCTVS IN DOMINO (Gefesselt an den Herrn; Epheser 4,1) Eine vergitterte Kerkerhöhle, Georg ist mit hochgereckten Armen an das Gitter gekettet.

2 GEORG AM ZERRGERÜST TRACHE ME POSTTE s GEORG AUF DAS RAD GEFLOCHTEN IN MEDIO ROTARVM (In der Mitte der Räder; Ez 10,2) Georg ist, den Körper von mehreren Rädern umschlossen, in der Mitte der Drehvorrichtung gefesselt.

THAMBACH

Leib über und über mit Wunden bedeckt, an das mit eisernen Zähnen besetzte Folterrad gebunden.

Georg kniet im Kerker, in einem Strahlennimbus erscheint ihm Christus, nur von einem Mantel bekleidet und den nackten Körper mit Wunden bedeckt. Er setzt ihm eine Krone auf. Georg wurde während seines Martyriums mehrfach gestärkt durch Erscheinungen Christi.

Quellen und Literatur

StAL, Pfleggericht Neumarkt, Kirchenrechnungen. BLfD, Akt Thambach, Kirche St. Georg.

Mayer-Westermayer, Bd 2, S. 171–73. KDB I OB (2), S. 2062

Stadt- und Landkreis Wasserburg, Heimatbuch (Hg. Sigfrid Hofmann), Wasserburg 1962, S. 156f.

Historischer Atlas Bd 36, Mühldorf (Helmuth Stahleder), München 1976, S. 244, 283, 291.

With then 1976, S. 244, 283, 291. Denkmäler in Bayern, Oberbayern, München 1986, S. 450. 788–1988, 1200 Jahre Reichertsheim, Festschrift und Chronik der Gemeinde Reichertsheim, 1989, S. 44, 73. Dehio 1990, S. 1163. C. B.

UNTERZARNHAM