Tegernsee, ehem. Benediktinerabtei, ehem. Rekreationssaal
Ehem. Rekreationssaal, jetzt Aula des Gymnasiums
Zum Bauwerk: Saal im ersten Obergeschoß des ehem. Klostergebäudes, am S-Ende des O-Trakts gelegen. Bau unter Abt Petrus Gutrath (1715–25), Stuckdekoration um 1730 durch Nikolaus Liechtenfurtner aus Freising und seine Gesellen Thomas und Wolfgang Glasl.
Rechteckiger Saal (20 × 11 m), mit fünf zu drei Fensterachsen, Eingang von N, Fenster nach W, S und O.
Auftraggeber: Abt Gregor Plaichshirn von Tegernsee (1726–62; Porträt im Deckenbild)
Autor und Entstehungszeit: Hauptgegenstand des nicht signierten und datierten Deckenbildes ist ein Porträt des Abtes Gregor Plaichshirn, das dem 1741 datierten, im gleichen Raum aufgehängten Porträt (Ölgemälde) genau entspricht. Diesem Datierungshinweis widerspricht jedoch folgende archivalische Nachricht: »Das Frescogemälde in hiesigen grossen Recreationszimmer ist von Melchior Bucher Maller zu Ingolstadt verfertiget worden ao. 1731.« Die Aufzeichnung befindet sich in den Rechnungsexzerpten für die Zeit 1461-1801 nach Originalrechnungen (KL Tegernsee 254, fol. 13, BayHStA I; frdl. Mitt. Christina Thon, Berlin).
Der stilistische Befund stimmt mit dem Werk Melchion Puchners (* 1695 Schongau † 1759 Ingolstadt) überein. Bei Annahme des archivalischen Datums ist das Deckenbild des ehem. Rekreationssaales sein frühest bekanntes Fresko im südlichen Oberbayern, wo Puchner 1737/38 der umfangreichen Freskenzyklus der Benediktinerpropsteikirche Fischbachau (s. S. 470-96) und die Fresken der Pfarrkirche Bayrischzell (s. S. 455-59) geschaffen hat. (Zum Stil Puchners vgl. Bernhard Rupprecht, S. 264 f.) Eine Reihe nicht mehr erhaltener barocker Deckengemälde im ehem. Klostergebäude sind in obengenannten Klosterliteralien überliefert (frdl. Mitt. Christina Thon): die von Hans Georg Asam 1698 gemalten Jahreszeiten in den »neuen Zimmern«, das 1728 von Johann Baptist Zimmermann stuckierte und von Johann Degler ausgemalte Refektorium (Kontrakt bei Thon S 354 f) der 1770 von Matthäus Günther ausgemalte »Quirinssaal« sowie die 1774 von H. Galler (wohl Franz Gaulrapp) gemalten »2 schönen Gastzimmer, item das Rundel, dann die Plafond auf der Stiege«.

Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachdecke mit Hohlkehle Rahmen: Stuckprofil
Technik: Fresko; polychrom
Maße: Höhe 7,40 m; 6,20 × 10,00
Erhaltungszustand: Das Deckenbild wurde noch nicht restauriert. Zahlreiche leichte Risse, Durchscheinen der Holzlattendecke, geringfügige Abblätterungen und Verschmutzungen; Farbsubstanz gut erhalten.
Beschreibung
ALLEGORISCHE VERHERRLICHUNG DES KLOSTERS TEGERNSEE UND SEINES ABTES GREGOR PLAICHSHIRN Die rechteckige Grundform des Freskos in der Mitte der mit Blattranken und Gitterfeldern stukkierten Decke entspricht dem Grundriß des Saales. Flache Bogenlinien beleben den Umriß. Die Komposition, auf ein breites Querformat angelegt, ist nahezu tafelbildmäßig durchgeführt. Die geringfügigen Verkürzungen der Schauplatzarchitektur und der Figuren erzeugen kaum Raumillusion. (Aufnahmestandort unter dem W-Rand des Bildes) In der Mitte des Bildes erheben sich über einer seichten Bodenzone ein Monopteros links und dicht dahinter ein steil ansteigender Berg rechts. Dick geballte Wolken senken sich von einem Landschaftshimmel in die Szene hinein. Tempel, Berg und Wolken vermitteln dabei keine bildräumlich wirksame Tiefen- und Höhenillusion. Sie sind der Figur einer Pyramide eingeschrieben, die Wolkenausläufer davor einem Dreieck im umgekehrten Sinn. Die Kompositionsfiguren verbinden und durchdringen sich in der Mitte und heben die Hauptfigur des Bildes, Minerva mit dem Bildnis des Abtes, hervor.
Minerva sitzt auf Wolkenpolstern vor Tempel und Berg; sie präsentiert das ovale Brustbildnis, Puttogenien huldigen diesem. Über den Wolken, dicht bei Minerva, ist der Gipfel des Berges mit dem Flügelroß Pegasus sichtbar. Lichtbögen wölben sich einer Glorie ähnlich über Tempel, Berggipfel und die Gruppe Minervas. Rechts im Bild ist Apollo auf Wolken über den Bäumen am Bergabhang stehend dargestellt, zu seinen Füßen die neun Musen.
Die schräg übereinander gestaffelten, flachen Erdstufen sind von den Figuren mythologischer und allegorischer Gestalten besetzt, und zwar dicht gedrängt im Mittelgrund der rechten Bildhälfte. Die Bewegungen und Gesten aller Figuren weisen pointiert zum Abtsbildnis vor dem Tempel hin. Drei groß gezeichnete Figuren im Vordergrund führen als Repoussoir in die Bildszene ein. Links und rechts an den Bildrändern ist am tiefen Horizont ein Ausblick auf die Tegernseer Landschaft gegeben.
Während die Figurenbezeichnung noch im Sinne des Barocks (etwa C.D. Asams) körperhaft plastisch ist, und auch die verselbständigten Gewandbäusche Volumen besitzen, weist die Farbigkeit des Bildes bereits auf das des Klosters

Ikonographie und Ikonologie
Als Trägerin des Abtsbildnisses ist Minerva die Hauptfigur des Bildes. Sie ist traditionell in Brustpanzer und Helm wiedergegeben. Die Lanze ist durch ein Symbol des Ruhmes, einen Lorbeerzweig, ausgezeichnet. Das Attribut Eule bezeichnet sie als Göttin der Weisheit. Minerva ist dem antikischen Tempel zugeordnet. Der Tempel der Göttin ist christlich gedeutet nach dem Bibelvers Prov 9, 1 (»Sapientia aedificavit sibi domum . . . «) als Tempel der Weisheit ein Bild für das Kloster Tegernsee.
Apollo, der Führer der neun Musen, ist durch die Bildkomposition als die zweitwichtigste Figur gekennzeichnet. Er ist mit wehendem Mantel über nacktem Körper, mit Lorbeerkranz (= Preis der Dichter) und Lyra (des Musagetes) am Hang des Berges Parnaß, des Sitzes Apollos und der Musen, dargestellt. Auf dem Gipfel entspringt unter den Hufen des Pegasus die Quelle Hippokrene des Berges Helikon. Der Quellbach ist am Berghang und unten, zu Füßen der Musen, fortgeführt – er bezeichnet wohl auch den Kastalischen Quell der Musen.
In einer Reihe, dicht nebeneinander, sitzen vier Musen. Links ist Kalliope durch eine Bildnisbüste und ein Buch bezeichnet. Daneben sind wohl Terpsichore mit einer Lyra und Erato mit einem Amor-Putto zu erkennen. Ripa, s. v. muse, nennt neben Saiten- und Blasinstrumenten für Erato »un'Amorino alato« (S. 348) oder »un Cupido« (S. 351). Die dunkle (= ernste) Maske in der Hand der vierten Muse deutet wohl auf Melpomene. Davor lagern drei Musen, von denen Klio mit Posaune links und Urania rechts mit Fernrohr, Zirkel und Himmelsglobus sicher zu benennen sind. Die liegende Rückenfigur in der Mitte ist mit entblößtem Nacken und aufgelöster Frisur wiedergegeben. Am Boden liegen ein Ährenbüschel und eine Sichel, die als Attribute der Ceres bekannt sind. Hier ist vielleicht Thalia gemeint, die Ripa beschreibt: »Giovane di lascivo, & allegro volto, . . . « (S. 347) und »Con la destra mano tiene una maschara con i corni, & con la sinistra un cornucopia pieno di foglie, & di spighe di grano: ma verdi, & per terra un'aratro« (S. 351).
Hinter den am Boden sitzenden zwei schreitende bzw. tanzende Musen: links Flöte blasend Euterpe, rechts tänzerisch bewegt, eine Laute und ein Notenheft tragend, vielleicht Polyhymnia, für die es kein spezifisches Attribut gibt. Ripa beschreibt sie mit Gesten des Gesanges und der Rhetorik (S. 347–351). Tanzbewegung und Laute könnten auch auf Terpsichore hinweisen (vgl. Ripa, S. 348 f.), die jedoch in dieser Darstellung in der Figur mit Lyra bereits benannt wurde.
Links steht zu Füßen Apollos dessen Schwester Diana, als Göttin der Jagd mit Perlengeschmeide und Mondsichel im Haar, einen Köcher mit Pfeilen geschultert, eine Lanze in der Hand, begleitet von zwei Jagdhunden, die ein Putto führt. Ihr entgegen kommt aus dem Vordergrund ein höfisch gekleideter Knabe, ein Gewehr und eine brennende Fackel in Händen. Erlegtes Wild liegt am Boden zwischen Diana und dem Knaben.
Unmittelbar vor dem Monopteros präsentiert eine weibliche Personifikation eine weiße und eine blaue Weintraube. Zu ihren Seiten stehen Körbe mit Trauben; ein Putto hält eine Rebe am Stock, ein zweiter eine Birne. Die Personifikation verkörpert den Weinbau und ist hier an Stelle von Ceres, der Göttin der Äcker und der Vegetation, dargelegt.
Links im Vordergrund steigt Neptun, gestützt auf einen Dreizack, aus dem Wasser und reicht einen Fisch dar, hinter ihm seine zwei Rösser. Die Personifikation ganz im Vordergrund kniet neben antiken Baufragmenten, sie hält Marmorplatte, Meßlatte, Papierrolle und Zirkel. Diese Gestalt verkörpert die bildenden Künste, in erster Linie Architectura und inbegriffen wohl auch Plastik und Malerei. Die Gebirgslandschaft im Hintergrund zeigt das alte Kloster Tegernsee, Klostertor, Pfarrkirche, Getreidestock (alle jetzt abgerissen) und das noch bestehende »Geistliche Herrenhaus«; links ist das Dorf Kreuth zu sehen (das Kloster Tegernsee hatte zur Entstehungszeit des Freskos einen Expositus in Kreuth – Lindner, S. 133).
Abt Gregor Plaichshirn ist als der Schutzherr von Tegernsee, als der Mehrer von Reichtum und Ansehen, verherrlicht. Minerva, die Schutzherrin der Wissenschaften und Künste, hält sein Bildnis. Ein Genius bläst die Posaune (Sinnbild für Fama), ein anderer bekränzt das Bildnis mit Lorbeer, Puttogenien tragen Blumengirlanden herbei. Der Tempel Minervas und der Parnaß Apollos bezeichnen die geistige Kultur des Klosters. Den Reichtum des fruchtbaren Klosterlandes, die Agrarkultur, das Jagd- und Fischereirecht, veranschaulichen die Personifikation Weinbau und Obstanbau (s. die Weintrauben und die Birne), die Götter Neptun (Fischreichtum) und Diana (Wildreichtum). Die Personifikation Architectura alludiert die Bautätigkeit und Kunstpflege Abt Gregor Plaichshirns. Gleich in den ersten Jahren seiner Regierung setzte Abt Gregor Plaichshirn den Klosterbau unter Leitung des kurfürstlichen Architekten Johann Gunetzrhainer fort. Es entstand unter anderem der an den Konventtrakt stoßende Bau, der das Refektorium und den Rekreationssaal enthält. Diese Arbeiten begannen im Jahre 1728 und dauerten bis 1732 (Lindner, S. 128 f.). Später entstand ein neues Buchdruckereigebäude, er legte 1736 den Grundstein zum neuen Abteigebäude (Lindner, S. 129) und ließ Schloß Achleiten neu erbauen (Lindner, S. 130). Er vermehrte die Bibliothek und ließ mit großen Kosten liturgische Bücher neu auflegen. Auf das Volk suchte er durch Aufführung religiöser Schauspiele einzuwirken (Lindner, S. 131).
Die allegorische Apotheose des Bildnisses im Deckenfresko zeugt von dem anspruchsvollen Selbstverständnis des Tegernseer Abtes als geistlichem Herrscher (vgl. die Fresken Daniel Grans von 1730 mit der Apotheose des Bildnisses von Kaiser Karl VI. in der Nationalbibliothek Wien nach dem literarischen Programm des Conrad Adolph von Albrecht). Am 4. Juni 1727 bestätigte Kurfürst Karl Albrecht dem Abt von Tegernsee den Primat vor allen bayerischen Äbten. Abt Gregor Plaichshirn genoß hohes Ansehen, und seine Aussprüche wurden von den übrigen Abten gleich »Orakeln respektiert«; Tegernsee erreichte unter ihm den »Höhepunkt seines Glanzes« (Lindner, S. 132).

Spezialliteratur zum Rekreationssaal
Lickleder, Georg, Der Olymp am Tegernsee, in: Das Tegernseer Tal 2, 1954, S. 32–34.
Rupprecht, Bernhard, Akzente im Bau- und Kunstwesen Ingolstadts von der Ankunft der Jesuiten bis zum hohen 18. Jahrhundert, in: Ingolstadt, hg. v. Wilhelm Müller und Theodor Reismüller, Bd 2, Ingolstadt, 1974, S. 237 f. u. 246 f.
Thon, Christina, Johann Baptist Zimmermann als Stukkator, München und Zürich 1977.
Literatur siehe S. 59