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Tegernbach, Filialkirche St. Stephan

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 4: Landkreis Fürstenfeldbruck. Hirmer, München 1995, ISBN 978-3-7774-6310-0, S. 242–246, geschrieben von Sauerländer, Brigitte. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

TEGERNBACH

Filialkirche, Pfarrei Baindlkirch, Gemeinde Mittelstetten, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung hatte das Augsburger Domkapitel das Präsentationsrecht auf die Pfarrei Baindlkirch (Baindlkirch lag im Gericht Friedberg). Tegernbach gehörte seit 1399 zur Hofmark Hofhegnenberg, die seit 1542 im Besitz der Freiherren von Hegnenberg-Dux war. Gericht Landsberg

Patrozinium: St. Stephan

Zum Bauwerk: Bausubstanz im wesentlichen romanisch, Anbau der Sakristei im 17. Jh., gemaltes Datum im Giebel 16[·]8. Umgestaltung und Freskierung 1774. Reste ornamentaler Innen- und Außenbemalung der Kirche aus verschiedenen Zeiten aufgefunden (gotisch, 17., 18., 19. Jh.). Gemalte Sonnenuhr von 1744 an der Südseite.

Einfacher Saalbau mit Westempore, ein Fenster im N, zwei im S; stark eingezogener, queroblonger AR (Chorturmanlage); das Fresko befindet sich im LHs.

Auftraggeber: Vermutlich der Baindlkircher Pfarrer Franz Xaver Ignaz Eisenmenger (1772–77), der im Deckenbild dargestellt ist. Hofmarksherr z. Z. der Ausmalung war Freiherr Georg Ignaz von Hegnenberg-Dux († 1786).

Autor und Entstehungszeit: Georg Baur (Lebensdaten unbekannt) 1774. Signatur an einem Stein über dem östlichen Rahmen von A: Georg Baur. / inv. et p:/ 1774.

Der Maler Georg Baur, von dem auch die Emporenbilder EB1-3 stammen, ist nur aus dieser Signatur bekannt. In stilistischer Hinsicht zeigt er eine gewisse Verwandtschaft mit Johann Baptist Anwander (* zwischen 1741 und 1754 in Landsberg am Lech, 1777 Meister in Augsburg, † unbekannt). Das betrifft die etwas übertriebene Artikulierung der Muskel- und Gelenkpartien und die teilweise hochstirniger Köpfe mit leicht eingedrückten Schläfen. Ähnlich ist auch die Farbgebung, die im wesentlichen gebrochene Blautöne, Ocker, Rosaviolett und Weiß verwendet (vgl. CBD, Bd 1 passim; allerdings besteht zwischen den Arbeiten Anwanders, der erst 1777 Meister wurde, und der Ausmalung von Tegernbach ein zeitlicher Abstand von fast zwanzig Jahren).

In Bildaufbau und Komposition ist eine Anlehnung an Matthäus Günther unverkennbar, besonders in der Himmelsgruppe in Fresko A (vgl. Geltendorf, Glorie des hl. Stephan 1754; s. CBD, Bd 1, S. 81).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Flachdecke. Rahmen: leicht gewellter Stuckprofilrahmen; EB1-3 verkröpfte Stuckprofilrahmen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 4,30 m; 4,10 × 2,20 EB, 1,55 × 0,85

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Abgesehen von den Fresken war die Kirche ursprünglich innen und außen bemalt. Restaurierungen fanden um 1870, 1930 und 1950 statt (Dokumentation der Freilegungsarbeiten 1986 durch die Fa. Hans Blöchl, Augsburg). Letzte Instandsetzung 1986/87 durch Alfred Binapfl, Friedberg. Die Fresken wurden gereinigt, lose Partien hinterspritzt, Risse ausgebessert und Teilebereiche retuschiert. Übermalungen des 19. Jh. waren bereits 1951 entfernt worden. Der heutige Zustand ist relativ gut. Manche Faltenpartien scheinen infolge älterer Übermalungen ihre Reliefierung verloren zu haben.

Beschreibung und Ikonographie

A DER HL. STEPHANUS ALS PATRON Einansichtige, geostete Darstellung von tafelbildmäßigem Charakter. Der gewellte Rahmen akzentuiert die Gliederung des stark längsgestreckten Freskos in drei übereinandergesetzte Figurengruppen. Ihre Abfolge ist in einer gestreckten Zickzacklinie ablesbar, die in der Südostecke des Freskos beginnt.

Stufen und ein einfacher Sockel bezeichnen den irdischen Schauplatz, wo eine Menschengruppe mit flehend erhobener Hände zum hl. Stephanus, ihrem Kirchenpatron, emporblickt. Mittelpunkt der Szene ist ein auf den Stufen sitzendes Kind in einem langen Nacht- oder Krankenhemd. Neben ihm kniet der Ortsgeistliche in Soutane und Superpelliceum, in der Rechten ein geöffnetes Buch mit der Inschrift Sancte / Stepha/ni. / Ora/pro no/bis!, mit der Linken auf das Kind verweisend. Hinter dem Kind kniet ein bäuerliches, offenbar wohlhabendes Paar, vermutlich die Eltern (Stifter?). Es wird von Assistenzfiguren in ländlicher Tracht begleitet. Der Vater hat den breitkrempigen Hut an die Brust gedrückt, die Mutter trägt die teure, hohe Pelzmütze des Wintergewandes und hat eine Geldtasche umgegürtet. Die Form der weißen Haube mit glatt am Gesicht anliegenden Spitz hat größere Ähnlichkeit mit der Tracht im Gebiet Aichach-Schrobenhausen als mit der Dachauer Tracht, deren Frauenhauben einen plissierten Rand zeigen. Das entspricht auch der Lage von Tegernbach im äußersten Westen des LK1 Fürstenfeldbruck.

Dargestellt ist der Pfarrer Franz Xaver Ignaz Eisenmenger mit Pfarrangehörigen. Eine Anfang des 20. Jh. handgeschriebene »Series Parochorum« von Baindlkirch (Pfarrarchiv, frdl. Hinweis von H. Pfarrer Xaver Wölfle) enthält zu Pfarrer Eisenmenger einen erhellenden Begleittext, der von einem älteren Text abgeschrieben wurde: »vixit tempore calamitatibus pleno, in quo annonae defectus. Bavariam universam vicinos que S. Romani Imperii circulos – utpote Sueviam, Palatinatum, Austriam etc fere per triennium presserat; famem secuti sunt morbi ac praecipue febris calida pupida (sic), qua fere omnes imperii provinciae vexatae sunt; morbos subsecuta est...

« (Er lebte in einer unglücksvollen Zeit, als der jährliche Lebensmittelvorrat nicht ausreichte. Dieser Mangel hatte ganz Bayern und den benachbarten Gebieten des Heiligen Römischen Reiches - wie zum Beispiel Schwaben, der Pfalz, Österreich etc. schwer zugesetzt; auf den Hunger folgten Krankheiten und insbesondere ein hitziges ... Fieber, wodurch fast alle Provinzen des Reiches ausgezehrt wurden; auf die Krankheiten folgte unmittelbar der Tod, mit keinerlei Unterschied gegenüber Alt und Jung beiderlei Geschlechts und mit den Armen wurden die Reichen in einem kurzen Zeitraum hinweggerafft). »

Zwei Putten leiten vom nördlichen Bildrand zu der zentralen Figur des auf Wolken knienden hl. Stephan über, der auch auf der anderen Seite von Putten flankiert wird. Die Putten zeigen seine auf sein Martyrium verweisenden Attribute: Steine, Palmzweig und Martyrerkrone. Der jugendliche Heilige im Diakonsgewand vermittelt in seiner Gestik und dem schräg nach oben gerichteten Blick zwischen den Bittstellern und der über ihm auf der Weltkugel thronenden Gruppe von Gottvater und Gottsohn mit dem Kreuz. Christus hält eine goldene Krone über das Haupt des Heiligen, eine Anspielung darauf, daß der Name Stephanus Krone bedeutet (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 1036) und dieser Heilige der erste Blutzeuge Christi war. In Fortsetzung der Zickzacklinie der Komposition blickt Christus zur Taube des Hl. Geistes empor, die am westlichen Bildabschluß in einer hellen Himmelsöffnung erscheint und von der ein Strahl über Gottvater und Gottsohn auf den Heiligen herniederfällt.

Die beiden himmlischen Szenen sind durch ockerfarbene getönte Wolkenzüge hinterlegt und verbunden; das zarte Rosaviolett der Diakons-Dalmatik schließt sich mit dem gleichfarbigen Mantel Christi zusammen. Im irdischen Be reich sind dunkle Ockertöne, Grau, gebrochenes Blau und Weiß vorherrschend. Das Weiß des Superpelliceums und des Krankenhemdchens bindet die Szene optisch an das Weiß der Diakons-Albe. In Komposition und Farbgebung sind bei aller Bescheidenheit des Freskos künstlerische Überlegungen spürbar, doch ist die Figurenauffassung naiv. Insgesamt hat das Fresko den Charakter eines Votivbildes.

EB1-3 HEILIGENSZENEN An der Emporenbrüstung befinden sich drei querformatige Bildfelder; EB1 in der Mitte, EB2 links (S) und EB3 rechts (N). Die drei Emporenbilder schließen sich farblich durch die zarten Grüntöne ihrer pflanzlichen Kulissen zusammen. Die Malweise erscheint duftiger und detaillierter als in A. Wahrscheinlich war ihre Oberfläche weniger angegriffen als die des LHs-Freskos.

EB1 MARTYRIUM DES HL. STEPHANUS (Act 7, 55–60) Stephanus, in goldfarbener Dalmatik, kniet in der Bildmitte, im freien Gelände außerhalb Jerusalems, dessen Stadtsilhouette seitlich im Hintergrund durch Palast, Pyramide und Rundtempel gekennzeichnet ist. Linker Hand erscheint vor der Stadtmauer ein Hoherpriester in Begleitung und weist...

Der hl. Stephanus als Patron

mit der Hand auf einen der drei Steiniger, die den Heiligen umzingelt haben. Dieser Steiniger ist halbnackt. Er steht für die falschen Zeugen, die die ersten Steine werfen mußten. Hierzu legten sie ihre Oberkleider ab und übergaben sie dem jungen Saulus, der der Steinigung zugestimmt hatte (LA- Benz, S. 62; Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 1034). Saulus, in ockerfarbenem kniekurzen Gewand, flankiert die Szene rechter Hand, als Zuschauer vor einem Busch sitzend. Er hält mit der Rechten eine Lanze und das rote Obergewand des Steinigers. Über Stephanus öffnet sich der Himmel, und ein Putto mit Palmzweig und Martyrerkrone in Händen schwebt herab.

EB2 PETRUS ALS BÜSSER Vor Totenkopf und aufgeschlagenem Buch kniet Petrus in der Einsamkeit als Büßer. Das Thema ist nicht ungewöhnlich (s. Fröttmaning, Medaillon A4; s. CBD, Bd 3/I, S. 81), besonders in der Zuordnung zu Magdalena. Gesichts- und Kleidungstyp sowie die Gewandfarben Gelb und Blau verweisen eindeutig auf Petrus; ungewöhnlich ist jedoch der Totenkopf und das Weglassen des Hahnes.

EB1, MAGDALENA ALS BÜSSERIN In einer mit verschiedenen Pflanzen bewachsenen Felsennische kniet Magdalena an einem Steinsockel, auf dem ein aufgeschlagenes Buch, Totenkopf und Geißelrute liegen. Sie trägt ein herabgeglittenes weißes Hemd unter einem gelben Mantel und betet vor einem aus Ästen zusammengebundenen Kreuz.

EB1 Magdalena als Büßerin

Quellen und Literatur Pfarrarchiv Baindlkirch, Series Parochorum

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 394. Steichele-Schröder, Bd 2, S. 436 ff. Hopp, Jakob, Pfründestatistik der Diözese Augsburg, Augsburg 1893, Bd 1, S. 105. KDB I OB (1), S. 477.

Heimatbuch Fürstenfeldbruck (o.V.), Fürstenfeldbruck 1952 S. 304 f., 265. I -- II -- - - - - - - - - - - - - - -

Landkreis Fürstenfeldbruck (o.V.), Heimatbuch, Pörsdorf 1963, S. 206. Dehio-Gall OB, S. 141.

Historischer Atlas I, Bd 22/23, S. 128 ff., 150, 192 f. Kraft, Klaus und Florian Hufnagel, Landkreis Fürstenfeldbruck (= Baudenkmäler in Bayern, Bd 12), München 1978, S. 82 f.

Kunst- und Kulturdenkmäler, S. 360. Dehio 1990, S. 1152

B. S.