Zum Inhalt springen

Schweinsteig, Kapelle

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 12, Teil 2: Stadt und Landkreis Rosenheim. Hirmer, München 2006, ISBN 978-3-7774-3355-4, S. 488–491, geschrieben von Bauer-Wild, Anna und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Kapelle in Privatbesitz, zum Einödhof Vorderschweinsteig gehörig, Pfarrei Reisach/Oberaudorf, Gemeinde Oberaudorf, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Pfarrei Flintsbach, Kuratie Audorf. Gericht Auerburg

Zum Bauwerk: Erbaut vor 1770 (s. u.), wahrscheinlich durch den aus der Nachbarschaft stammenden Maurermeister Iohann Achleitner, der damals Palier des Maurermeisters Johann Thaller von der Hausstatt war (Bomhard Bd. 1, S. 206).

Den Zentralraum erweitern im Osten und Westen jeweils flache, gerundete Anräume; die Rundungen sind mit kleiner Pilastern besetzt, die holzgeschnitzte Kapitelle haben. Der kleine Raum ist hell ausgelichtet von Nord und Süd durch je zwei Rundbogenfenster und ein Hochovalfenster. Eingezogener AR zu einem Joch mit einem durch eine Pilasterstellung abgesetzten halbrunden Schluß, an den Seiten Rundbogenfenster. Hübscher Rokokoaltar, in der Altarnische ein geschnitztes Bild, Maria mit dem Kind, in der Altarbekrönung Gottvater und der Heilige Geist. Unter den Pilasterkapitellen hängen die originalen Kreuzwegtafeln von 1769 (s. u.).

Auftraggeber: Die Ausmalung stiftete die verwitwete Schweinsteigbäuerin Sara Schweinsteiger vom benachbarten gleichnamigen Einödhof, in deren Besitz die Kapelle war anläßlich der Kreuzwegeinführung in der Kapelle. Am 3. 1. 1770 bemühte sich der Kurat von Audorf, Joseph Knoll, in Freising um die Zustimmung zum Kreuzwegablaß:

»Euer Hochfürstlichen Gnaden erlauben gnädigst in tiefster Submission vortragen zu dürfen, wasgestalten eine wohlbemittelte, doch alt erlebt, und verwittibte Päurin aus sonderer Andacht gegen den bittern Leyden, und Sterben Jesu Christi sich entschlossen in eine ihren Haus nahe angebaute, und geschlossene Capellen den heil: Creuzweeg einsezen zulassen, wie sie dan zu diesen End' bereits die gewöhnliche Station-Taflen (noch erhalten) schön verfertigen, und ich Ihr auch die heil: Abläs von 1–4 Evangelisten uas S. R. P. Provinciali deren R. P. Franciscanern bewürcket habe...«

Er bat, »die gnädigste Licenz zu verstandenen Ende umso mehr zuertheillen, als mehrbesagte Wittib einen in hochem Gebürg entlegenen, und von jenen Gottshäusern, so die Ordinari-Gottesdienste pflegen verrichtet zu werden, gegen die 2- bis 3 Stund entfernten Hof besizet ... Ybrigens kann obena-b Putten ien nante Capellen niemahlen in Verfahl kommen, weillen ein jedweder Guett-Besizer verbunden ist, selbe allzeit in guetem Stand zuerhalten« (AEM). Der Kreuzweg-Ablaß in der Kapelle Vorderschweinsteig war der erste einer ganzen Reihe von Kreuzwegablässen in verschiedenen Kapellen der Pfarrei Flintsbach (genehmigt 1772, 1776, 1782, 1785, 1788 usw.), die der damalige Pfarrer von Flintsbach, Johann Martin Stöger (1755–93), in Freising befürwortete.

Sara Schweinsteiger war eine geborene Funckh aus Oberaudorf. Sie heiratete um 1740 Joseph Schweinsteiger, den Besitzer der Einöde Vorderschweinsteig (fünf Kinder in den Taufmatrikeln Oberaudorf). Joseph Schweinsteiger starb wohl vor 1761 (die Sterbebücher bis 1761 sind verloren). Sara Schweinsteiger starb am 22. 6. 1792 im achtzigsten Lebensjahr.

Autor und Entstehungszeit: Zuweisung an Peter Troger (* um 1737 Oberaudorf † 1793 ebenda) 1771. Chronogramm in einer Kartusche am Chorbogen Der KreVtzVVeg / abLas / aLLgeMeVn / fIr aLLe (= 1771).

Bomhard schlägt als Autor der Ausmalung Peter Troger vor (S. 206), der in der fraglichen Zeit in Oberaudorf ansässig war. Für Peter Troger gesicherte Freskierungen, die als Vergleichsbeispiele dienen könnten, gibt es nicht. Für ihn als Autor spricht aber neben den historischen Gründen auch eine gewisse stilistische Verwandtschaft mit den Werken seines bekannteren Bruders Johann Sebastian Troger.

Peter Troger war Sohn des Oberaudorfer Spielmanns und Malers Georg Troger. Er war als Maler in Oberaudorf tätig; durch die Heirat 1767 mit Maria Meyrl, der Tochter des schon verstorbenen Hauslwirts Joseph Meyrl, wurde er Hauslwirt in Oberaudorf (¼ Anwesen). Peter Troger starb am 25. 11. 1793 im Alter von 56 Jahren in Oberaudorf, »nobilis ac artificiosus Dominus« (AEM, Matrikeln Oberaudorf). Die Ausmalung der Kapelle von Windhag (1782; s. S. 563) zeigt sehr große Ähnlichkeit mit der von Schweinsteig und ist wohl auch Peter Troger zuzuordnen.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Hauptraum (A, 1–4) kleine Pendentifkuppel mit Kartuschenfelder an den Pendentifs; AR (a und b) Quertonne mit Stichkappen

Rahmen: A Stuckprofil mit gemalten Ornamenten, 1–4 gemalte Rocaille-Kartuschen

Technik: Fresko; polychrom

Maße: A Höhe 5,80 m; Ø 3,10 m

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Ab 1933 bemühten sich die Gemeinde und Privatpersonen um eine Restaurierung der damals noch kaum bekannten, allmählich verfallenden Kapelle. 1934 wurde Dach und Außenputz repariert. Schon 1957 war wieder eine Restaurierung im Gespräch, diesmal auch die des Innenraums. Trotzdem zogen sich die dringend nötigen Arbeiten noch bis 1968/70 hin, als die neue Besitzerin, Therese Trattner, sich verstärkt um Baureparaturen bemühte, die in der Folge auch stattfanden. 1974 begann man die offenbar erste Restaurierung des Innern vorzubereiten. Die Freskierung am Gewölbe und an der Westwand war durch Wassereinbrüche schwer beschädigt, größere Partien waren abgeblättert oder die Farbsubstanz durch Feuchtigkeit ausgezehrt. Die Ausmalung war stark verschmutzt, das Gewölbe zeigte viele Haarrisse. Restaurierung der Ausmalung 1977/78 durch Manfred Fronske, Landshut. 1979 entstand durch unsachgemäße Vermessungsarbeiten ein faustgroßes Loch im Gewölbe, das repariert und retuschiert wurde. 1981 Restaurierung des Altars durch Willibald und Alois Stein, Inzell.

Beschreibung und Ikonographie

Das gesamte Gewölbe des kleinen Hauptraums ist von Malerei überzogen, die durch Jocheinteilung und Kuppelansatz gefeldert ist. Auf der seichten Wölbungsfläche des Chorbogens ist ockerfarbenes Brokatmuster gemalt, und darauf – als Grisaillen – die stark plastisch wirkende Mittelkartusche mit der Inschrift, weitere Rocaillen, Putten und Ranken als »stucco finto«. Der Bogen im Westen hat auf zarterem Brokatgrund eine Mittelkartusche mit zwei Putten auf rosafarbenem Grund und seitlich Ziervasen. Die Blätter und Blüten hier sind bunt gemalt. In die Pendentifs sind flächenfüllend Rocaille-Kartuschen mit farbigen Bildfeldern gesetzt. Die Schildbögen der Schiffswand sowie die abgemuldete Chorwölbung zeigen ebenfalls Rocaillemalerei mit Blüten und Puttenköpfchen. Die Freskierung ist in der Fülle der Darstellungen und in der Aufteilung anspruchsvoll wie die eines weit größeren Raums und für eine bäuerliche Privatkapelle erstaunlich und ungewöhnlich.

A MARIA HIMMELFAHRT Das runde Kuppelbild hat eine – thematisch bedingte – Hauptansicht, doch ist es zentralperspektivisch korrekt konstruiert. Es zeigt eine umlaufende Szenerie, gebildet teils durch Architekturen, die zur Bildmitte hin fluchten, teils durch Landschaft, wo die Bäume die Flucht-

Das Gewölbe der Kapelle mit den Fresken A Mariä Himmelfahrt, 1–4 Evangelisten (Peter Troger 1771)

Das Gewölbe der Kapelle mit den Fresken A Mariä Himmelfahrt, 1–4 Evangelisten (Peter Troger 1771) Die Himmelsszenerie in der Mitte ist eine zartfarbige Wolkenlandschaft mit vielen lebhaft bewegten Engels- und Puttenfiguren. In der Bildmitte erscheint Maria in weißem Gewand mit blauem Mantel: die Sterne um ihr Haupt sind vor der starken Auflichtung des Hintergrunds kaum mehr sichtbar. Maria wird von Christus empfangen, der auf sein Kreuz weist. Über Maria ist Gottvater mit Zepter und Weltkugel zu sehen, darüber als hellste Darstellung die weiße Geisttaube.

Die Architekturen im Vordergrund der umlaufenden Szene setzen fast überall unmittelbar am Rahmen an und geben nur in der Ansicht nach Westen ungehindert Ausblick in die Landschaftstiefe. Über geschwungenen Stufen, Rampen und Balustraden erheben sich antikische Bögen und Arkaden, Tempel und Toröffnungen, die sich immer wieder zum Landschaftsgrund hin öffnen. Einige Details sind malerisch ruinenhaft. Oben werden die Bauten von den Wolken überspielt. In der Hauptansicht kniet Petrus vorn auf den Stufen, im blauen Gewand und gelben Mantel, die Schlüssel in der Linken. Mit der Rechten zeigt er nach oben auf Maria im Himmel; Mariens Sarkophag wird hinter Petrus sichtbar. In dem mehrschichtigen Bühnenraum, der sich zwischen den architektonischen Versatzstücken bildet, sieht man mehr oder weniger deutlich weitere Apostel, die im ganzen etwa die Zwölfzahl ergeben. Kenntlich gemacht ist außer Petrus nur der jugendliche Johannes im grünen Gewand und roten Mantel. Anwesend sind auch Frauen, über die Dreizahl hinaus, die in den Legenden überliefert ist.

Der Maler spielt stellenweise mit illusionistischen Effekten, so bei dem Apostel links von Petrus, der, auf einem Sockel sitzend, die Füße in den Kirchenraum baumeln läßt, und in den Engel, der sich, zwischen den Architekturen in den Vordergrund kommend, geradewegs in die Tiefe zu stürzen scheint. Die Farbigkeit der umlaufenden Szenerie wird in den Architekturen von hellen Braun-Grautönen, in den Landschaftsteilen von zartem Graugrün bestimmt, die Farbwerte der Himmelsdarstellung sind sehr hell, fast weißlich. Die weniger Buntfarben – vor allem Blau, aber auch Rot – wirken davor frisch und lebendig. Im Ganzen ist das Hauptfresko, dafür daß es von einem so gut wie unbekannten Maler ist, erstaunlich qualitätvoll, in Komposition, Farbgebung und Bildidee. Trotz der Winzigkeit der Bilder – die Einzelfiguren sind kaum 50 cm groß – hat die Ausmalung fast monumentalen Charakter.

a und b Die kleine Quertonne im AR hat tief einschneidende Stichkappen. Hier sind jeweils auf Brokatmuster zwei Putter über einem kleinen Wölkchen gemalt. Die Putten im N (a) halten Krone und Zepter der Himmelskönigin, die Putten im S (b) halten einen Blumenkranz. Die Wölbungsfläche ist mit Rocaille-Ornamenten bemalt (Abbildung s. S. 490).

W DIE HEILIGE FAMILIE MIT PATRONEN Über dem westlichen Eingang befindet sich ein Wandbild, das in gemalter Rocaille-Rahmung die Patrone zeigt, in deren Schutz sich die Besitzer des Einödhofes Schweinsteig stellten. Unten im Bild ist dieser Hof zu sehen, in einer Landschaft, wo sich Pferde und Rinder tummeln. Im Himmel erscheinen auf Wolken Maria und Joseph mit dem Jesusknaben. Joseph hält eine Lilie. Davor knien links der hl. Florian von Lorch in römischer Soldatentracht, der Patron gegen Feuersgefahr, der Wasser aus einem kleinen Schaff schüttet. Ihm gegenüber kniet der Viehpatron Leonhard von Noblac im Benediktinergewand mit dem Abtkreuz auf der Brust, den Stab in der Hand; zu seinen Füßen liegen Ketten Gefangener, aus denen sich Leonhards Viehpatronat herleitete.

Quellen und Literatur

AEM, Pfarrakten Flintsbach, V. Verschiedene Kapellen bei Bauernhöfen 1710–1819. BLfD. Akt Schweinsteig, Kapelle. Dachauer, Sebastian, Chronik mehrerer Ortschaften aus der Umgebung von Brannenburg. 9. Swinstic, Schweinsteig, in: OAVG 5, 1844, S. 233–38. Sieghardt, August, Die Familie Schweinsteiger von und zu Schweinsteig, in: Heimat am Inn 5, 1931, Nr. 3, S. 1–3 und Nr. 4, S. 1–4. -. Die Schweinsteiger von und zu Schweinsteig. Schicksale eines alten Inntaler Bauerngeschlechtes, in: Heimat am Inn 1957, Nr. 2, S. 11–13. Pückler-Limburg, Siegfried Graf von, Die Schweinsteiger von und zu Schweinsteig, in: Heimat am Inn 1957, Nr. 4, S. 28 f. Bomhard, Bd. 1, S. 206 f. Rosenegger, Josef und Nikolai Molodovsky, Meister im Inntal (= Kleine Pannonia-Reihe Nr. 41), Freilassing 1974, S. 46 f. Pabst, Helmut, Das Buch von Brannenburg, Brannenburg 21977. Schweinsteig S. 45. Historischer Atlas I, Bd 38 Rosenheim. Die Landgerichte Rosenheim und Auerburg und die Herrschaften Hohenaschau und Wildenwart (Gertrud Diepolder, Richard van Dülmen und Adolf Sandberger), München 1978, S. 291. Dehio 1990, S. 1101. Rosenegger, Josef, Brannenburg-Degerndorf. Chronik und Dokumentation der Gemeinde Brannenburg, Brannenburg 1990. Familiengeschichte Schweinsteig S. 532. Bernrieder, Josef, Unser Audorf. Chronik II. Teil, Oberaudorf 1991, S. 436 (mit Werkverzeichnis Trogers). -, Die Geschichte der Pfarrei »Zu Unserer lieben Frau« in Oberaudorf (hg. anläßlich der 1200-Jahr-Feier der Pfarrei) Oberaudorf 1992. 3. Die Kapellen in Ober- und Niederaudorf und in Kiefersfelden, S. 67–101. Schweinsteig S. 92 f.

A. B./K. S.