Scheuring, Pfarrkirche St. Martin
Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung Kloster Schäftlarn inkorporiert, Kurfürstl. Hofmark Lichtenberg
Patrozinium: St. Martin
Zum Bauwerk: Die gotische Kirche wurde 1663 nach einem Brand wieder aufgebaut (LHs) und unter den Pfarrvikaren Makarius Gruber (1721-53) und Ignaz Wilhelm Seder (1753-69) 1753 barock umgestaltet, wie die Inschrift am Chorbogen besagt: ECCLESIA RENOVATA / 1753. Stuck F. X. Feichtmayr. - Saalbau mit eingezogenem, dreiseitig geschlossenem AR, dieser zeigt noch die gotischen Grundformen
Auftraggeber: Abt Felix Gege von Schäftlarn (1752-76) Kloster- und Abtswappen über dem Chorbogen
Autor und Entstehungszeit: Signatur in B: Martin, Kuen pinxit. 1753. (Franz Martin Kuen). Eintrag im Pfarrarchiv (zitiert bei Kraetzer, Anhang X 15): »1753 ist die Resolusion ergangen, dem Herrn Martin Khuen Burger und Freskomaler zu Weißenhorn solches Gewölb in Fresko malen zu lassen 230 fl.«
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs seitlich gekehlte Flachdecke; AR Muldengewölbe mit Stichkappen
Rahmen: A, B, C Stuckprofil von Rocaillen überspielt; B1 C1-2 Rocaillekartuschen
Technik: Fresko; A, B, B1, C polychrom, C1-2 Grisaillen auf Goldgrund
Maße: A Höhe 6,50 m; 4,55 × 5,60
B Höhe 6,50 m; 4,55 × 5,60
C Höhe 7,75 m; 4,55 × 3,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1896 und 1929 restauriert. Bei der letzten Restaurierung durch J. Huwyler wurden die Fresken von Übermalungen befreit und ausgebessert. Im AR wurde Kartuschfresko C1 aufgedeckt und C2 neu dazu ergänzt. A zeigt erhebliche Übermalungen, besonders in der Christus-Engelgruppe und bei den am Hügel lagernden Soldaten, in B sind der Engel, der mit seinem Rücken den Tabernakel stützt, und die Porträtköpfe des schnurrbärtigen Mannes mit der Frau übermalt, C ist besonders durch die brauntonige Farbigkeit verfälscht. Alle drei Fresken zeigen deutliche Spuren von ausgebesserten Rissen. An den Emporenbrüstungsbildern tritt die Malweise Huwylers so stark in den Vordergrund, daß die Darstellungen nur noch von ikonographischem Interesse sind (keine Abbildungen).

Beschreibung
A TRAUMVISION DES HL. MARTIN Das breit an gelegte Freskofeld über der Orgel ist zum Teil vom Orgelgehäuse verstellt. Der Schauplatz der Szene ist ein Feldlager bei Nacht. Den rechten Bildrand nimmt ein hohes Zelt ein, bei dem bewaffnete Soldaten - am Boden kauernd oder stehend - Wache halten. Hinter einer busch- und palmenbewachsenen Erderhebung werden unter der gestirnten Himmel geschlossene Zelte sichtbar. Die Mondsichel steht tief über der Gruppe. Über der dunklen Szene öffnet sich licht der Glorienhimmel und zeigt die Gestalten Christi und seiner Engel über einem federgeschmückten, geöffneten Zelt, in dem der hl. Martin an Tisch sitzend schläft. Ihm erscheint Christus mit dem Kreuz, einen Teil seines Gewandes vorweisend und diese Worte zu Martin sprechend: hac me veste contexit Martinus adhuc Catechumenus. Engel zur Seite des Zeltes tragen die Attribute Bischof Martins von Tours: Mitra, Stab und Brustkreuz. Das in seinem Schmuck besonders hervorgehobene Zelt des Heiligen steht über allen übrigen Zelten gleichsam entrückt in die Lichtsphäre des Himmels.
B DIE BRUDERSCHAFT MARIA VOM TROST Das Freskofeld hat das gleiche Breitformat wie A; es zeigt wie dieses die in starker Untersicht gegebene irdische und darüber in gemäßigter Untersicht die himmlische Szene. Hinter einer schmalen Brüstung über dem Bildrahmen erhebt sich ein steinernes Stufenpodest mit einem blumengeschmückten Altar. Ein Weltpriester im Chorrock vor dem Altar gibt den schwarzledernen Gürtel an die die Stufen hinansteigenden Männer und Frauen aus. Ein Prämonstratenserpater ihm zur Seite hält den Schrein mit den Gürteln. Wolkenbahnen senken sich vom Himmel herab und dringen in den nach oben geöffneten Kirchenraum ein. Christus im Glorienschein — begleitet von Engeln mit seinem Kreuz — eilt einem hl. Papst entgegen, der vor einem überdimensionalen, von Engeln getragenen Sakramentsschrein kniet, den Schlüssel des Tabernakels in seinen Händen. Ein wenig tiefer, zur linken Seite, nimmt eine Gruppe von drei Heiligen am himmlischen und irdischen Geschehen teil. Unterhalb dieser präsentieren Engel — auf einer dunklen Wolke ganz innerhalb des Bereiches des Kirchenraumes — das Heilszeichen der Bruderschaft, ebenso wie zwei Putti über dem Tabernakel.

Die Kirchenszene der Austeilung des schwarzledernen Gürtels ist in eine flach ansteigende Diagonale komponiert – sowohl der Stufen-Altar-Aufbau als auch die Gruppierung der Personen folgen diesem Schema. Die Himmelszone der Darbietung des Tabernakelschlüssels – figurenreicher und breiter entfaltet – ist darüber in einer gegenläufigen Diagonale angeordnet. Die zentralen Gruppen, formal analog gestaltet, sind übereinander aufeinander zu gestellt. Den Abschluß der beiden Bewegungsströme bilden architektonische Versatzstücke, Altar und Tabernakel. Das Freskobild B zeigt in der Bildanlage und in den einzelnen Bildfiguren große Verwandtschaft zu den vier Jahre jüngeren Fresken Kuens in Eresing (Fresko A und D). Farblich ist die Darstellung von dem für Kuen typischen Übergang von dunkleren, warmen Tönen am Bildrand, als der dem Betrachter nächsten Zone, zu den transparenten lichten Tönen der distanzierten Himmelszone bestimmt. Doch ist die Farbskala wesentlich matter und undifferenziert als in Eresing, was wohl im wesentlichen auf den schlechteren Erhaltungszustand zurückzuführen ist.
B1 TAUBE DES HL. GEISTES Innerhalb der stuckierten Rocaillen zwischen den beiden Fresken A und B ist ein kleines Freskofeld, das als eine Art Ausschnitt die Fortsetzung des Bildes in B darstellt: Aus der wolkenumkreisten Himmelsglorie fliegt die Taube des Hl. Geistes herab – in Richtung auf die Himmelsszene der Darbietung des Tabernakelschlüssels.
C HL. NORBERT Das längsformatige, einansichtig steil komponierte Freskobild im Chorgewölbe wird ganz von der Wiedergabe eines hohen Kuppelraumes als Schauplatz einer himmlischen Szene eingenommen. Eine kassettengeschmückte, prächtige Kuppel, getragen von pilasterbesetzten Pfeilern, wölbt sich über einer Heiligenszene: Auf einem hohen, runden Treppenpodest kniet der hl. Norbert in weißem Habit, ein Engel legt ihm das weiße Ordensgewand an, ein zweiter trägt eine Stola heran, während ein Putto eine geflochtene Kordel über dem Heiligen ausgebreitet hält. Darüber, dem Heiligen huldvoll zugewandt, thront die Mutter Gottes, Maria mit dem Kind; zu ihrer Seite steht der hl. Bischof Augustinus, sein Regelbuch aufgeschlagen vorweisend. – Vor den Stufen des Podestes stürzen zwei Engel auf Wolken mit dem Altarssakrament zwei ketzerische Feinde der eucharistischen Lehre hinab. Eine geschweifte, rocaillegeschmückte Brüstung erhebt sich über dem Bildrahmen, den Ansatz des Treppenpodestes verdeckend.

C1-2 FORTITUDO UND JUSTITIA Der hohe Kuppelbau in C öffnet sich zu seiten der Heiligenszene in zwei gewölbte Nebenräume. Als eine Fortsetzung derselben wirken die in C1 und C2 nur eben angedeuteten Raumfolien. Hier sind die
Ikonographie
A TRAUMVISION DES HL. MARTIN Das erste LHs-Fresko ist auf den Kirchenpatron bezogen; dargestellt ist eine Traumvision des hl. Martin, von der Sulpicius Severus in der Vita des Heiligen berichtet: Dem Katechumenen Martin im Heeresdienst erscheint Christus und zeigt die Hälfte des Mantels, welche dieser tags zuvor an einen Bettler vor dem Tor von Amiens geschenkt hat (Sulpicii B DIE BRUDERSCHAFT MARIA VOMTROST Das Bild bezieht sich auf die seit 1708 in Scheuring bestehende Gürtelbruderschaft Maria vom Trost. Die Austeilung des Heilszeichens der Bruderschaft, des schwarzledernen Gürtels an die Mi gegeben. Im himmlischen Bereich ist der durch goldene Cappa, Tiara, Kreuzstab (allerdings anstelle des Drei fachkreuzes des Papstes ein Doppelkreuz) ausgezeichnete Heilige wohl als Papst Gregor XIII. anzusehen, der die unter dem Namen Maria-Trost-Bruderschaft vereinigten Gürtelbruderschaften 1575 bestätigte. Als Oberhaupt der Kirche ist ihm von Christus die Verfügungsgewalt über das vom Erlöser gestiftete Sakrament der hl. Eucharistie, das Unterpfand des Heiles, verliehen (Schlüssel zum Taber nakel). Der Erlöser der Welt (Kreuz, Wundmale) weist auf das im Sakrament gegenwärtige Opferlamm Christus hin (Sakramentsschrein, bezeichnet durch den Namen Jesu, das IHS, und das apokalyptische Lamm). Als fürbittende Patrone der Bruderschaft sind dargestellt: Maria – auf den von ihr getragenen und als Reliquie verehrten Gürtel bezieht sich das Heilszeichen der Bruderschaft -; Monika (wiedergegeben als Matrone), die Mutter des Augustinus - auf diese wird der Gürtelkult zurückgeführt - und schließlich der Augustinereremit Nikolaus von Tolentino (Mönch in brauner statt in schwarzer Kutte, mit Lilie und Stern auf der Brust), ein besonderer Patron der Armen Seelen

C HL. NORBERT Das Chorfresko ist dem Ordenspatron der Prämonstratenser gewidmet - die Pfarrkirche war einer Abtei dieses Ordens, Schäftlarn, inkorporiert. Die Szene zeigt der Ordenstradition gemäß die wunderbare Spende des Ordenskleides und der Ordensregel durch Maria und Augustinus. Das tatkräftige Einschreiten des Heiligen gegenüber Irrlehrern – der Tradition gemäß der Ketzer Tanchelin von Antwerpen und dessen Anhangwird in der Sturzszene alludiert. Das Doppelkreuz bezeichnet den Heiligen als Erzbischof von Magdeburg, der Olivenzweig den Friedensstifter der Kirche. (Literatur zu Norbert s. Steingaden LKr. Weilheim-Schongau.)
EB1-3 An der Orgelempore ist in der Mitte die orgelspielende hl. Cäcilie (EB2) dargestellt, seitlich je zwei Apostel (keine Abbildungen): Jakobus der Jüngere mit dem Bildnis Jesu, das die Ähnlichkeit zwischen Jakobus und Jesus zeigt; Matthias mit Beil (EB3); Matthäus als Evangelist und Simon mit Säge (EB1). – Die ungewöhnliche Darstellung des Jakobus tritt wenig variiert im gleichen Jahr in einen Brüstungsbild von Heinrichshofen bei Kuen auf.
Quellen und Literatur
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 389
Hopp, Jakob, Pfründe-Statistik der Diözese Augsburg Augsburg 1893, Bd 2, S. 221.
KDB I OB (1), S. 544
Rüber, Eduard, Die Malerfamilie Kuen von Weißenhorn. in: Das Schwäbische Museum, H. 3, 1925, S. 65–82.
Kraetzer, Edgar Werner, Franz Martin Kuen. Ein schwäbischer Rokokomaler des 18. Jh., ungedr. Diss. Würzburg 1928, S. 29 f.
Dehio-Gall, OB (1964), S. 280
Müller-Hahl, Bernhard (Hg.), Heimatbuch Stadt- und Landkreis Landsberg am Lech, Aßling-München 1966, S. 604–06.