Sachsenried, Pfarrkirche St. Martin
Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung dem Kloster Füssen inkorporiert, Niedergericht Kloster Füssen
Patrozinium: St Martin
Zum Bauwerk: Gotischer Bau, um die Mitte des 18. Jh. umgestaltet und barockisiert; 1753 Stuckierung durch Joseph Fischer und Sohn. — Einfacher dreiachsiger Saalbau, leicht eingezogener zweiachsiger AR mit Pilasterglie derung und apsidialem Schluß; im W Doppelempore
Auftraggeber: Abt Gallus Zeiler von Füssen (1750–55); Kloster und Abtswappen am Chorbogen. Amtierender Pfarrvikar war Andreas Atterer (1748–71).
Autor und Entstehungszeit: Nach den Rechnungen im Pfarrarchiv Sachsenried erhielt 1753/54 »Herr Zeiller fü zwei Stuck in Fresko über sich samt 12 Apostel und für da Altarblatt 260 fl.« (zitiert nach Hofmann, 1957). Signatur in A über dem O-Rand: F. (schwach lesbar, aber noch original!) A. Zeiller/1759. Die Signatur ist offensichtlich bei einer Restaurierung nachgemalt und dabei verändert worden; statt 1759 muß es 1753 heißen. Die Deckenbilder in Sachsenried sind das erste bekannte Freskowerk Franz Anton Zeillers (*1716 Reutte in Tirol †1793 ebd.), eines Vetters des Johann Jakob Zeiller. Die Gemälde zeigen unverkennbar venezianischen Einfluß. Von F. A. Zeiller stammen auch die Fresken der unteren Emporenbrüstung.
Befund
Träger der Deckenmalerei: A und B Flachtonne mit Stichkappen, bei B nach O abgemuldet
Rahmen: A und B Rocailleornamentrahmen, 1–10 und B Rocaillekartuschen
Technik: Fresko; A, B polychrom, 1, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 10, B2 graukarmin auf Goldbrokatgrund, 2, 9 monochrom Ocker auf Karmingrund
Maße: A Höhe 8,50 m; 6,40 × 4,00 B Höhe 8,50 m; 4,25 × 3,60
Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1895, 1922 und 1970/71 fanden Restaurierungen statt. Bei der letzten Restaurierung durch die Firma Lang wurden in Fresko größere Risse sowie beträchtliche Feuchtigkeitsschäden in der SO-Partie des Freskos behoben. Fresko A wirkt farblich etwas beeinträchtigt. Fresko B ist farblich gut erhalten. Das Fresko an der oberen Emporenbrüstung wurde 1939 von G. Kutruff gemalt (vgl. Hofmann 1959, S. 87)
Beschreibung und Ikonographie
A BAUMWUNDER DES HL. MARTIN Das einansichtige Deckenbild hat seinen Betrachterstandpunkt unterhalb des westlichen Bilddrittels. Die Basis der Szene ist am O-Rand.
Vor einem heidnischen Tempel – wiedergegeben als barocker Monopteros – wird der einem Götzen geweihte Baum gefällt. Der Holzfäller holt zum letzten entscheidenden Hieb aus. Unter dem Baum steht unbewegt der hl. Martin und streckt seine Rechte im Segensgestus dem sich neigenden Stamm entgegen, der den Heiligen im Fall zu erschlagen droht. Der Heilige ist im Bischofsornat wiedergegeben, zu seinen Füßen das spezifische Attribut, eine Gans. Auf einem Postament zur Seite Martins steht das Fragment einer Götzenstatue, Bruchstücke davon liegen auf dem Stufensockel des Tempels zerstreut. Rings um die Szene verfolgen Zuschauer das Geschehen. Im Himmel thront von Engeln umgeben Fides. Hostienkelch, Kreuz, Heilige Schrift und die mosaischen Gesetzestafeln bezeichnen die Personifikation. Sie weist mit der Rechten empor zu der in lichtem Gewölk schwebenden Taube des Hl. Geistes und zu dem Trinitätssymbol, das in der angrenzenden Kartusche stuckiert ist.
Im Vordergrund des Bildes sind Gruppen von Figuren in theatralisch aufwendigen – teils zeitgenössisch modischen, teils antikisch orientalisierenden – Gewändern staffage-mäßig und detailfreudig wiedergegeben.



Die in kräftigen Farbtönen gemalten Vordergrundfiguren sind deutlich abgesetzt von der in lichten Tönen wiedergegebenen Baumwunderszene und der himmlischen Gruppe. Die bestimmenden Farbtöne des Freskos, Ocker, gebrochenes Orange und Grün und lichtes Blau und Weiß-mischtöne sind komplementär angelegt. Besonders wirkungsvoll kommt dieser Farbklang in der Figur des Holzfällers und des Baumes, welche vor die helle Kulisse des Tempels gesetzt sind, zur Geltung. Die nuancenreiche helle Farbpalette, welche gut aufeinander abgestimmte Übergänge aufweist, verleiht dem Fresko seine Qualität.
Von dem Baumwunder berichtet die Vita des Sulpicius Severus in Kapitel 13 (CSEL, Bd 1, S. 122 f.). Der hl. Martin hatte bei der Bekehrung der Bewohner eines Dorfes einen alten heidnischen Tempel zerstört. Zum Zeichen der Wahrhaftigkeit seines Glaubens stellte er sich unter die einem »Dämon« geweihte Fichte bei diesem Tempel, als diese auf sein Geheiß gefällt wurde. Der Segensgestus des
Heiligen bewirkte, daß die Fichte auf wunderbare Weise ihre Fallrichtung änderte und den Heiligen unversehrt ließ. Die Freskodarstellung zeigt nicht dem Bericht des Sulpicius folgend einen zerstörten Tempel, sondern nur eine zerschlagene Götzenstatue (vgl. die gleiche Szene in Kirzingers Fresko der Pfarrkirche von Thaining, s. LKr. Landsberg am Lech). Das Baumwunder und die Götzenstatue heben die missionarische Tätigkeit des hl. Martin hervor.
In den Kartuschen am O- und W-Rand des Freskos A ist das IHS bzw. ein Dreifaltigkeitssymbol stuckiert.
B PATRON HL. MARTIN Das einansichtige Chorfresko zeigt eine Himmelsszene. Der Betrachterstandort befindet sich unterhalb des westlichen Bilddrittels. Die heiligen Patrone Martin und Maria, auf Wolken kniend wiedergegeben, wenden sich fürbittend an die Hl. Dreifaltigkeit. Christus ist als Salvator mit dem Leidenskreuz und der Dornenkrone, Gottvater als der Weltschöpfer und Regent und zwischen ihnen der Hl. Geist in Gestalt der Taube dargestellt. Die Wolken geben einen Ausblick auf den Ort Sachsenried, den die Heiligen dem göttlichen Schutz anempfehlen. Die Ortsansicht ist minuziös in Vogelperspektive wiedergegeben.
Das Fresko wird farblich bestimmt von dem Dreiklang der klaren Farben in den Gewändern Martins – Goldgelb – Christi – Karminrot – und Mariens – lichtes Blau und Karminrot. Die Figuren sind wirkungsvoll von den Wolken abgehoben, welche in diffusen, farbig abgestuften Grautönen gemalt sind.
Ba Das apokalyptische Lamm mit Kreuzesfahne auf dem Buch mit sieben Siegeln
1–10 Kartuschen in LHs und AR mit den 12 Aposteln in Ganzfigur vor ornamentiertem Hintergrund und angedeuteter Bodenzone, wo sie namentlich bezeichnet werden
EB1-3 An der unteren Emporenbrüstung befinden sich Darstellungen der vier Kirchenväter (keine Abbildungen) EB1 Augustinus versucht die Dreifaltigkeit zu ergründen – Legende vom Knaben, der das Meer in ein Sandgrübchen schöpfen wollte EB2 Gregor und Hieronymus über ihren Schriften an einem Schreibtisch sitzend EB3 Ambrosius, der, gelehnt an sein Attribut, den Bienenkorb, ins Schreiben vertieft ist


Quellen und Literatur
Braun-Augsburg, Bd 1, S. 161 KDB I OB (1), S. 594 Thieme-Becker, Bd 36, S. 433 Hofmann, Sigfrid, Neue Beiträge zur Geschichte der Pfarrkirche St. Martin in Sachsenried, in: Lech- und Ammerrain 8, 1957, S. 23. -, Der Landkreis Schongau, München 1959, S. 87 Dehio-Gall OB (1952), S. 267 Fried, Pankraz und Sebastian Hiereth, Die Landgerichte Landsberg und Schongau (= Historischer Atlas von Bayern, Bd 22/23), München 1971, S. 240, 257.