Rain/Thalkirchen, Filialkirche St. Andreas
Filialkirche, Pfarrkuratie Hirnsberg, Markt Bad Endorf, Erzdiözese München und Freising; z.Z. der Ausmalung Erzbistum Salzburg, Archidiakonat und Bistum Chiemsee. Thalkirchen war wie Hirnsberg Filiale der Pfarrei Söllhuben, die bis zur Säkularisation Lehen des Erzbischofs von Salzburg war. Herrschaftsgericht Wildenwart
Patrozinium: St. Andreas
Zum Bauwerk: Neubau eines spätgotischen Chors an das romanische Langhaus (Bau von ca. 1100) und Wölbung des Langhauses in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. 1669 Ausbrechen von drei neuen und Verändern der alten Fenster. 1676 Bau des Turms und einer Vorlaube, 1708/09 bauliche Veränderungen durch Martin Mayr, Maurermeister in Unterachthal: Vergrößerung der Vorhalle, Verlegen des Portals von der Süd- auf die Westseite. Barockisierung der Kirche 1763 durch Wolfgang Mayr, Maurermeister in Unterachthal: Abbrechen der Gewölberippen, Neuverputz, weiteres Ausbrechen von Fenstern. 1870/78 Regotisierung und Erweiterung der Kirche um zwei Joche nach W.
Lange, niedrige Kirche in beherrschender Lage auf der äußersten Spitze des >Rains<, einer Höhenterrasse über der Ache. Einfacher Saal zu fünf Jochen (zwei von 1872), Westempore, gleichmäßige Belichtung durch vier Fenster im N und drei im S. AR in gleicher Breite zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß; Belichtung durch zwei Fenster im N, eines im S und zwei in den Schlußschrägen.
Auftraggeber: Pfarrer Philipp Jakob Fendt von Söllhuben, (1731-63), der altershalber seit 1759 von einem Provisor vertreten wurde. Trotzdem brachte er die Barockisierung seiner Filiale Thalkirchen noch in Gang. In einem Brief an den Propst von Herrenchiemsee als den Archidiakon, in dem es um die Finanzierung des Neubaus der Pfarrkirche Söllhuben geht, schrieb er 1753, er wolle Geld sammeln, um es »zu dem ganz« schlecht und armen St: Andreasen Filialgottshaus zu Tallkürchen zuverwenden und gleich Piezenkürchen herrichten zlassen«; er versprach, die Hälfte der Kosten, nämlich 95 fl. aus eigenen Mitteln beizusteuern (AEM, Heckenstalleriana). Fendt resignierte 1763 und zog nach Landsberg, wo er am 24.6.1768 starb. Um die versprochenen 95 fl. für das »löblich angefangene Werk der Filial zu Thallkirchen« erhob sich Streit; sie wurden schließlich von Fendts Nachfolger Joseph Ott (1763–86) erlegt (Bomhard, Bd 2, Anm. 329, S. 470). Auf Philipp Jakob Fendt gingen die Barockisierungen der drei Söllhubener Filialen Hirnsberg 1743, Pietzenkirchen um 1750 (nicht erhalten) und Thalkirchen/Rain 1763 zurück. Den nötigen Neubau der Söllhubener Pfarrkirche brachte Fendt wegen Schwierigkeiten mit den Hohenaschauer Gerichtsbeamten nicht zuwege, sondern erst sein Nachfolger Ott. Gerichtsverwalter von Wildenwart war Joseph Rosner.



Autor und Entstehungszeit: Franz Xaver Tiefenbrunner d. J. (1736 Trautersdorf † 1777/79 Trautersdorf) 1763. Signatur in A Franz Xaverij / dieffenbruner Pinxit / 1763.
»Von Franz Xaveri Tieffenbrunner Mahlern zu Trautterstort wurde dieses Gottshaus vollkommen ausgemahlen wofür selber beyfindlichen Zetls baar empfangen zu haben bekennt, die accordierte 40.-« (Heimatmuseum Prien, Kirchenrechnung Hirnsberg und Thalkirchen 1763).
Franz Xaver Tiefenbrunner d.J. wurde am 30.11.1736 als Sohn des Malers Joseph Tiefenbrunner in Trautersdorf be Prien geboren. Er heiratete am 21.6.1763 in Prien Elisabeth Mosmüller aus Feldwies und übernahm die Werkstatt schon zu Lebzeiten seines Vaters, der ihn überlebte † 1787). Von ihm sind wenige selbständige Arbeiten bekannt: neben Lüftlmalereien an Häusern in Prien und Umgebung (Kat. Prien 1990, S. 36f.) nur einige Kirchenausmalungen, außer in Rain/Thalkirchen noch St. Florian (1764, S. 467) und St. Salvator (1765, S. 470); das kleine Deckenbild in der Vorhalle der Kapelle in Weidachwies wird ihm zugeschrieben (1770, S. 521). Die Ausmalung von Rain/Thalkirchen ist sein reizvollstes Werk.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, 1–6) und AR (B, 7–10) ehem. Kreuzgewölbe, verschliffen, die Rippen sind abgeschlagen
Rahmen: Gemalte Rahmung. A und B Profilrahmen in C- Bogenformen; 1–10, B1–2 gemalte Rocaillekartuschen Technik: Fresko; sämtliche Deckenbilder sind polychrom Maße: A Höhe 4,80 m; 4,60 × 3,10 B Höhe 4,80 m; 3,90 × 2,60 Erhaltungszustand und Restaurierungen: Anläßlich der Kirchenerweiterung und Restaurierung 1870/78 wurden 1876 die Fresken des 18. Jh. übertüncht und die Kirche »von einem mit den besten Zeugnisse Dekorations-Maler vermittelst Malerei gothisiert«. 1907 erneute Restaurierung des Inneren mit Veränderung der neo- gotischen Dekorationsmalerei durch Georg Rübensal, Endorf, die Malerei war laut General-Konservatorium »sehr unerfreulich, kleinlich und bunt«. 1937 wurde die barocke Ausmalung von 1763 anläßlich einer neuerlichen Restaurierung des Innenraums durch Hugo Williroider aus Hochstätt wieder aufgedeckt und restauriert. Untersuchungen für eine geplante Restaurierung wurden 1974 durch die Fa. Gebrüder Lauber, Bad Endorf, durchgeführt. Sie ergaben, daß sich »... die heute sichtbaren Deckenbildumrahmungen, welche eine Stuckeinfassung darstellen ... noch weiter in die Deckenfläche fortsetzen«. Freilegungsproben im Bereich der Fensterumrahmung deuteten auf eine ornamentale Umrandung der Fenster hin. Man beschloß, »die Ausmalung der Kirche durch Tiefen brunner ... durch Nachfreilegungen und exakte Retuscher wieder anschaulich« zu machen. Nach Abschluß einer Außen restaurierung legte Reiner Neubauer 1994 die ornamentale Malerei des 18. Jh. im Chor frei, aber obwohl das Ergebnis befriedigte, konnten aus Kostengründen die Arbeiten nicht auch im Langhaus fortgeführt werden.
Beschreibung und Ikonographie
A GESCHICHTE DES HL. ANDREAS Längsformatiges Bildfeld, dessen beide Längsseiten je eine Szene aus dem Leben des Apostels Andreas zeigen. In der Hauptansicht nach O erhebt sich nur eine vieltürmige Stadt. Die Bildanlage ist an sich als umlaufende Szenerie gedacht, aber in naiv-unbeholfener Weise ausgeführt, sodaß die beiden Hauptszenen an der Westseite sozusagen Kopf an Kopf aneinanderstoßen und an der Ostseite die Figuren der Nordseite fast rechtwinklig auf die Torarchitektur treffen. Ein dunkler Repoussoirstreifen umzieht den Großteil des Bildfeldes. Die Farbigkeit ist frisch und bunt; Hintergrund für beide Szenen bildet ein blauer, rosig bewölkter Himmel.


Die Südseite zeigt die Berufung des Andreas (Mt 4,18-20 u. Par.). Jesus steht am Ufer des Sees, Andreas und Petrus sitzen in einem Boot und werfen ein Netz aus. Sie blicken beide zu Jesus, der mit ausgebreiteten Armen dargestellt ist, um die Berufung anschaulich zu machen. Auf der Wasserfläche im Hintergrund sieht man ein Segelboot, in dem zwei Männer sind: Jakob, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, die anschließend an die Berufung von Petrus und Andreas von Jesus berufen wurden (Mt 4,21 f.).
Die Nordseite zeigt das Martyrium des hl. Andreas: Im Vordergrund einer weiten hügeligen Landschaft mit einzelnen Bäumen ist das schräge Balkenkreuz aufgestellt, von Soldaten und Wächtern umgeben. Mit dem vornehm gekleideten Mann in der Mitte der Szene dürfte der Landpfleger Aegeas gemeint sein, der Andreas zum Tod verurteilt hatte. Andreas selbst kommt von rechts auf das Kreuz zu und bricht bei seinem Anblick in eine Lobpreisung des Kreuzes aus (LA-Benz, Sp. 26 f.). Hinter ihm Soldaten und Volk.

RAMERBERG
8 JOHANNES mit Kelch, Buch, Schreibfeder, daneben der Adler mit dem Tintenfaß im Schnabel
9 MARKUS mit dem Löwen, Feder und Buch
10 MATTHÄUS mit dem Engel, Feder und aufgeschlagenen Buch
B, VERKÜNDIGUNG Am östlichen Ende von B, zu seiten des Hochaltars, zeigen die beiden Kartuschen die Verkündigung: links (B1) Maria, an ihrem Betstuhl kniend, rechts (B2) den Engel mit der Lilie; über Maria schwebt die Taube des Heiligen Geistes.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Söllhuben, Bauten II: Reparatur der Filialkirche Thalkirchen 1876; Personalia 1661-1763; Resignationen und Verlassenschaften 1730–1769.
AEM, Heckenstalleriana B 715: Briefwechsel des Pfarrers Fendt mit Herrenchiemsee.
Heimatmuseum Prien: Kirchenrechnung der Söllhubener Filialen Hirnsberg und Thalkirchen 1763.
BLtD, Akt Thalkirchen/Rain, Filialkirche St. Andreas
Buehl, Joseph, Geschichtliche Anmerkungen über die Pfarrei und Hofmark Söllhuben und die dazu gehörigen Orte in Oberbayern, in: OAVG 5, 1844, S. 147–83, S. 161, 180. Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 196, 220, 222. KDB I OB (2), S. 1672.
Schleich, Stefan von, Hirnsberg über dem Simssee, Rosenheim 1952, S. 12–14.
Bomhard, Bd 2, S. 211–16.
Historischer Atlas I, Bd 38 Rosenheim. Die Landgerichte Rosenheim und Auerburg und die Herrschaften Hohenaschau und Wildenwart (Gertrud Diepolder, Richard van Dülmen und Adolf Sandberger) München 1978, S. 172. Detterbeck, Karl und Konrad Breitrainer, Riederinger Heimatbuch, Riedering 1988, S. 364.
Thalkirchen (o.V., o.O.), vervielfältigtes Ms als Kirchenführer. Katalog der Ausstellung 1250 Jahre Truthersreute – Trautersdorf 740–1990 im Heimatmuseum Prien, Prien 1990, S. 36 f. Dehio 1990, S. 997.
Naimer, Erwin, Das Bistum Chiemsee in der Neuzeit (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Stadt und des Landkreises Rosenheim Bd XI), Rosenheim 1990, S. 57. A. I