Zum Inhalt springen

Kochel, Pfarrkirche St. Michael

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 199–202, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung der Benediktinerabtei Benediktbeuern inkorporiert; Klosterherrschaft Benediktbeuern

Patrozinium: St. Michael

Zum Bauwerk: Erste Gründung 742. Anstelle eines romanischen, dann gotischen Baues, entstand 1688/89 der barocke Kirchenbau unter Verwendung des gotischen Chores. Baumeister Caspar Feichtmayr aus Wessobrunn. Weihe am 11. 9. 1690 durch den Augsburger Bischof Eustach Egolph von Westernach. 1725/35 Stuck- und Freskoausstattung. Um 1780 Überarbeitung und Ergänzung der Stuckdekoration durch Franz Edmund Doll. Dreiachsiger Saalbau, zweiachsiger AR, dreiseitig geschlossen. Oratorium auf der S-Seite des LHs im östlichen Joch

Auftraggeber: Abt Magnus Pachinger von Benediktbeuern (1707–42); Kloster- und Abtswappen am Chorbogen; amtierende Pfarrvikare P. Anselm Winkler (1720–30) bzw. P. Coelestin Spaiser (1730–37)

Autor und Entstehungszeit: Die Fresken sind weder signiert noch datiert, auch in den Tagebüchern des Benediktiner-Historiographen Karl Meichelbeck († 1734) ist kein Hinweis auf die Ausstattung der Kirche überliefert. Der stilistische Befund deckt sich zeitlich mit dem der Stuckdekoration, die um 1725/35 datiert wird (Mindera), und läßt den Autor im Künstler-Umkreis von Kloster Benediktbeuern vermuten. Stilistisch darf die Kenntnis H. G. Asams vorausgesetzt werden, der in Benediktbeuern die Abteikirche 1683/87 freskierte (S. 39). Die Figur der Ecclesia Lateranensis H. G. Asams (Fresko a in Benediktbeuern) zeigt auffallende Verwandtschaft mit der Figur der Ecclesia in Fresko D in Kochel, die der monastischen Profeß (Benediktbeuern, Fresko b) mit der des hl. Michael (Fresko D). Aber auch Beziehungen zum Stil J. B. Zimmermanns, der um 1724 und 1731/32 in Benediktbeuern tätig war (s. S. 100), sind augenfällig, besonders in Fresko B (Figurengruppe unter dem Baldachin) und werden erhärtet durch den stilistischen Befund der Stukkaturen, die dem Umkreis des Johann Baptist Zimmermann zugeschrieben werden (Mindera, Schlor).

Eine Entscheidung wird erschwert durch den von Übermalungen beeinträchtigten Erhaltungszustand der Fresken, sowie durch die unzureichende Forschungslage. So sind die für den in Frage kommenden Zeitraum archivalisch belegten Klostermaler von Benediktbeuern wie Frater Lucas Zais, Matthias Allezee, Michael Schalck (vgl. Mindera 1939 und 1956) in Werken kaum eindeutig nachgewiesen. Ebenfalls muß offenbleiben, ob die stilistischen Unterschiede, die zwischen Haupt- (A-D) und Nebenfresken (1–6) zu beobachten sind, auf zwei Autoren schließen lassen oder auf die verschiedenen Restaurierungen zurückzuführen sind.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs Korbbogentonne mit Stichkappen, AR Tonne mit Stichkappen, auf Gesimskonsolen ruhend

Rahmen: A–D geschweifte Stuckprofilrahmung, von Band- und Muschelwerk überspielt, 1–6 Stuckkartuschen mit einfacher Leiste, von Akanthus- und Blumenranken überspielt

Technik: Fresko; A–D polychrom, 1, 2, 5, 6 monochrom violett, 3, 4 monochrom ocker

Maße: A Höhe 7,60 m; 3,30 × 3,10

B Höhe 7,60 m; 3,30 × 3,10

C Höhe 7,60 m; 3,30 × 3,10

D Höhe 7,20 m; 4,00 × 3,00

D Michael Fürst des Alten und Neuen Bundes

Die Fresken A–D und 1–6 erscheinen teilweise erneuert (besonders auffällig die nackten Figuren in B und C). Die Farbsubstanz wirkt angegriffen. Zahlreiche kleinere und größere Parallelrisse in allen Fresken

Beschreibung und Ikonographie

Die Fresken sind durchwegs einansichtig angelegt und mit nur geringen Untersichten durchgeführt; Betrachterstandpunkt jeweils zentral unter der Figur des hl. Michael. Die Fresken A-C zeigen geradezu stereotyp ein- und dieselbe Kompositionsweise: Das Bildfeld ist horizontal halbiert in Himmel und Erde (bzw. Hölle in C). Der untere Bildteil ist mit einer vielfigurigen Darstellung gefüllt, im Himmelsbereich dominiert jeweils die Figur des hl. Michael. Die Figuren sind proportional zum Bildraum auffallend groß, eine Figur füllt in der Längsachse etwa das halbe Bildfeld. Die Farbigkeit der Bilder wird von Karmin-, Blau-, Violett-, Grün- und Braunwerten bestimmt; alle diese Werte sind sehr hell und in Weiß eingebunden. Einen lebhaften Gegensatz bildet dazu der blaue Mantel Michaels in allen Fresken.

A SCHLACHT BEI SIPONT Vor dem Hintergrund einer Kirche und einer Stadtmauer tobt der Kampf zwischen Sipontern und Goten. Das Eingreifen des hl. Michael in Wolken bewirkt die Flucht der Goten. Die kämpfenden Soldaten sind nicht verschieden charakterisiert, sie tragen alle Helm und Leder- oder Metallpanzer und haben als Waffen Lanzen (bzw. ein Schwert). Die Halbmonde bezeichnen hier offenbar die Kriegszelte der Goten.

B WUNDER AM MONTE GARGANO – GRÜNDUNGSSZENE Schauplatz ist ein gebirgiges Terrain. Am Boden niedergestreckt liegt der vom Pfeil getroffene Rinderhirte, daneben der Stier, von dem der Pfeil auf den Schützen zurückgelenkt wurde. Im rechten Bildteil die Darstellung der Kirchengründung: Der hl. Michael in Wolken bestimmt den Platz vor seinem Heiligtum, der Höhle, für die Kirche ihm zu Ehren. Die Gründungsszene bedeutet hier gleichzeitig auch die Gründung der St. Michaels-Kirche zu Kochel. Der Bauplan bezeichnet exakt den barocken Kirchenbau von Kochel mit den eingetragenen Bildfeldern; Bischof Laurentius von Sipont alludiert somit Abt Magnus Pachinger von Benediktbeuern.

A und B stellen als die beiden geläufigsten hagiographischen Szenen das Wirken des hl. Michael in der Heilsgeschichte in nachchristlicher Zeit dar (LA-Benz, S. 808-11; AASS, Sept., Tom 8, 29. 9., S. 1–123; Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 431–37)

C ENGELSTURZ (Apoc 12, 7) Michael mit Schild (darauf das IHS) und Flammenschwert, begleitet von einem Engel mit blitzeschleuderndem Flammenbündel, stürzt die verstoßenen Engel ins Höllenfeuer.

D MICHAEL FÜRST DES ALTEN UND NEUEN BUNDES Streng axialer Bildaufbau, in geringer Untersicht durchgeführt. Mit Treppenstufen, Säule und Mauer ist ein bühnenhafter Schauplatz angedeutet, der den Himmelsraum an drei Seiten begrenzt. In der Bildmitte kniet auf einer Wolke der hl. Michael, dem Putti zu Seiten die Attribute (Schild, Kreuz, Seelenwaage) halten. Darüber die Hl. Dreifaltigkeit, von Puttoköpfchen gesäumt. Auf dem Treppenpodest sind die Personifikationen des Alten und Neuen Bundes dargestellt. Aufrecht stehend, den Blick zum Himmel gerichtet, präsentiert die Personifikation des Neuen Bundes, eine junge, reichgekleidete Frau, das Buch mit den sieben Siegeln (Apoc 5, 1) mit dem Gotteslamm darauf und einen Ölbaumzweig, Symbol für Frieden und Versöhnung. Papstkreuz und Tiara konkretisieren die Figur als die Ecclesia, die römisch-katholische Kirche. Gegenüber der Alte Bund oder Synagoge als alte Frau sitzend und herabblickend, die mosaischen Gesetzestafeln und ein Gerichtsschwert – als Gegenstück zum Ölzweig – in Händen, am Boden ein Weihrauchgefäß, Hinweis auf die alttestamentarischen Opfer (vgl. Schlor, S. 10, und die Darstellung gleichen Themas in Gaißach, S. 178f).

1–6 MICHAEL-SZENEN Mehrfigurige szenische Darstellungen in den Zwickeln der Stichkappen

1 MICHAEL PATRON DER ARMEN SEELEN Betende Seelen im Fegfeuer, eine von ihnen wird vom hl. Michael zum Himmel geführt. Inschrift: Signifer S Michael / repraesentet eas in / lucem sanctam / offert. in Missa Defunctorum (Textstelle aus dem Offertorium in Missam Defunctis des römischen Meßbuches)

2 MICHAEL PATRON DER STERBENDEN Der Tod (Stundenglas und Pfeil), Priester mit Sterbekerze und ein Ministrant mit Weihwasserbecken umringen das Bett eines Sterbenden, dessen Seele zum hl. Michael aufsteigt. St. Michael auf Wolken schleudert Blitze auf den Teufel am Fußende des Bettes, der fliehend dem hl. Michael die Zunge herausstreckt. Inschrift: Constitui te principem / super omnes animas / suscipiendas. / Eccles. in offic. (Anrufung aus dem Officium zu den Festen des hl. Michael am 8. Mai und 29. Sept.: Ad Laudes et per Horas, jeweils Nr. 3, Breviarium Monasterium; Edition Tournai 1884, Bd 1, S. 613, Bd 3, S. 351).

Die angelologischen Darstellungen 1 und 2 zeigen den hl. Michael als Patron der Sterbenden und der Armen Seelen, bezogen auf den hl. Michael als Engel des Weltgerichts (vgl. LA-Benz, S. 809 mit den dort zitierten Quellenangaben und Gaißach, A4, S. 178 f.)

3 MICHAEL ALS BEFREIER DANIELS Der hl. Michael erscheint Daniel, um ihn aus der Löwengrube zu führen. Inschrift: Misit Angelum suum : / Michaelem: et / conclusit ora / leonum. / Dan. 6. V. 22 (= Dan 6, 23)

4 MICHAEL AM TEICH BETHESDA Der Erzengel Michael bringt das Wasser des Badehauses (= Bethesda) in Wallung; der erste, der es danach besteigt, wird geheilt. Inschrift: Angelus |: Michael: / descendit De Caelo-et / sanabatur unum. / Jo 5 V. 3. (= Io 5, 4)

3 und 4 sind freie Adaptionen auf den hl. Michael, denen biblische Engelserscheinungen zugrundeliegen. Dabei ist der Einschub des Namens Michael in den Unterschriften durch Striche und Doppelpunkte gekennzeichnet.

4 Michael am Teich Bethesd

5 DER ENGEL ERSCHEINT DEN HIRTEN (Lc 2, 9) Verkündigung der Engelsbotschaft von der Geburt des Heilandes. Im Hintergrund der Stall mit der Hl. Familie

6 DER ENGEL AM OLBERG (Lc 22, 43) Jesus wird angesichts der Erscheinung des Leidenskelchs von einem Engel bekränzt. Im Hintergrund die schlafenden Jünger, die nahenden Verräter und die Stadt Jerusalem.

5 und 6 Die Beziehung des Verkündigungs- und des Olbergengels auf den hl. Michael ist ungewöhnlich. Michael ist durch Kreuzstab und Kreuzschmuck bezeichnet.

Das Hochaltarbild zeigt in einer Kopie von 1724 nach Guido Reni den Triumph Michaels über Luzifer.

Quellen und Literatur

Meichelbeck, Carolus, Chronicon Benedictoburanum, München 1751.

Mindera, Karl, Benediktbeuern. Das Handwerk im Dienst der Kunst auf dem Boden der Grundherrschaft Benediktbeuern, München 1939, S. 56 f.

-, Benediktbeuern (= GKF, Nr. 23), München 31970, S. 41.

Schlor, Walter, Kochel am See, Wangen 1973.