Kleinhelfendorf, Marterkapelle St. Emmeram
Marterkapelle am westlichen Ortsrand, Gemeinde Aying, Pfarrei Helfendorf, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung Benefizium, Pfarrei Aying, Landgericht Aibling
Patrozinium: St. Emmeran
Zum Bauwerk: Neubau ab 1747 am überlieferten Marterplatz des hl. Emmeram anstelle einer 1740 abgebrochenen kleinen Kapelle. Baumeister war der Münchner Maurermeister Lorenz Sappel, der Entwürfe seines Vorgängers Michael Pröbstl († 1743) verwendete (Plan Sappels, AEM Akten Kleinhelfendorf). Stuckdekoration von Johann Schwarzenberger aus Aibling und von Gehilfen des Johann Baptist Zimmermann (s. u.). Weihe am 16. 9. 1752 durch den Freisinger Weihbischof Johann Ferdinand von Poedigheim, die mit dem 1100jährigen Emmeramsjubiläum zusammenfiel. Inschrift am Chorbogen: Dise / S. EMME RAMI / Kirchen ist von Grund neu / aufgebauet und Einge/weihe worden im / Jahr 1752. und am Bogen zur Orgelempore: Da. 11. | SAECULUM dises Marter/blazes S. EMMERAMI hier gehalten worden / Anno 1752
Zentralbau mit leicht querelliptischem Mittelraum, im O und W angeschobene annähernd halbrunde Räume. Pilastergliederung, an den Verbindungsstellen der Raumteile Dreiviertelsäulen; im W Empore. Belichtung durch je drei Fenster von N und S.
Auftraggeber: Das Landgericht Aibling; amtierender Pflegrichter Franz Xaver Freiherr von Schmid; amtierender Pfarrer war Richard Purgholzer von Aying (1746-52) amtierender Benefiziat Josef Paur (1736–70)
Autor und Entstehungszeit: Die Deckenfresken hat Johann Georg Gaill (*1721 Friedberg †1793 Aibling) im Jahr 1752 gemalt. Es ist nach Westerham (OB, LKr. Rosenheim, 1751) die zweite Kirche, die er freskierte (Lebensdaten in CBD, Bd 2, S. 549). J. G. Gaill hat außerdem das Hochaltar- und das Aufzugsbild der Kapelle und verschiedene Fassarbeiten geschaffen. Wahrscheinlich stammen
Taube mit Sonne
A Glorie des hl. Emmeram
Diamant auf Amboß
Degen
1–4 Martyrer – Embleme
auch die zwölf Bildtafeln mit der Geschichte Emmerams an den Kapellenwänden von ihm.
Im Bayerischen Hauptstaatsarchiv liegen Unterlagen zum Kapellenbau und dessen Ausstattung, die im wesentlichen einen Briefwechsel zwischen dem Kurfürstlichen Geistlichen Rat in München, dem Pfleggericht Aibling und dem Pfarrer von Aying sowie Überschläge und Rechnungsauszüge enthalten (BHStA I, GL 107, Nr. 85/6). Demnach bewarb sich Johann Baptist Zimmermann schon am 27. 2. 1750 schriftlich beim Geistlichen Rat um Ausmalung und Stuckierung. Wie aus späteren Schreiben hervorgeht wurde ihm diese auch zugesagt, ohne daß jedoch der Pfarrer oder das Gericht davon informiert wurden. Der Geistliche Rat zog vielmehr die Ausstattung hin, obgleich Pfarrer Purgholzer im Sommer 1750 auf Ausmalung drängte, »weilen die Grüst und Hölzer noch aufgericht sind und es jetzt um ein merkliches geringer kosten würde«. Im Dezember 1751 nahm Johann Georg Gaill, vom Gericht Aibling beauftragt, mit dem Kistler Joseph Eisenreich in der Kapelle »Abmessung«. Pfarrer Purgholzer war skeptisch und schrieb an den Geistlichen Rat: »ob aber diese Satisfaktion geben können und eines so großen Werks gewachsen sind, waiß ich nit, das löbl. Pfleggericht wird ihre Leit besser kennen. Ich wil ihnen dis gern vergönnen wan nur das liebe Gottshaus nit Schaden leidet «
Im Januar 1752 reichte das Landgericht die Überschläge des Schlossers des Kistlers, des Bildhauers, des Stukkators und des Malers ein, wobei Gaills Überschlag mit 759 fl. allein die Hälfte der Gesamtkosten ausmachte. Der Geistliche Rat beanstandete die drei von Gaill im AR, im Gemeinderaum und über der Orgel vorgesehenen Deckengemälde; es genüge, »wan in dem mittleren Rundel der hl. Emmeram, wie er verschie den und seine 2 Gsöllen ihme halten, seiner Seel aber gen Himmel fahre hergestellt werde«. Der zweite Kostenvoranschlag Gaills vom 29. 2. 1752 belief sich nur noch auf 611 fl. 50 kr., er betraf 19 Posten: das »Rundel« fü 100 fl., »4 schilt neben dem mittleren Rundel« (= die Emblemkartuschen für 16 fl., außerdem Altarblatt, Aufzugsbild, Fassung des Altars, de Altarfiguren, Antependium etc. Gaill nahm die Ablehnung der weiteren Deckenbilder nicht unwidersprochen hin: »Daß das Runtell in dem Cho auch in dem Langhaus sollen ausgelassen werden und das mittlere alleinig zu mahlen, wird nicht wohl stehen, dann wan selbe arbeith verfertiget, so wird man finden, daß die 2 Stuckh so ausgelassen, höchst nötig seyen würde auch in den mittleren Stuckh bei der Verschiedung des hl. Emme rami ein Glori bey der Himmelaufnahme höchst vonnöten seyn, dann das Stuck ist ville zu groß und zudem ville zu lähr, dann es hat in der größen 27 und in der braithen 24 [Schuh]«.
Am 10. März 1752 gab der Geistliche Rat zu dem revidierten Überschlag Gaills seine Zustimmung, schränkte jedoch die Arbeit des Stukkators Johann Schwarzenberger von Aibling auf »eine simple Leisten« ein. Noch vor dem offiziellen Arbeitsbeginn ging am 19. April ein Brief der »gesambten Gmain zu Helfendorf« beim Geistlichen Rat ein, in dem für die Ausmalung der »Fresco Mahler Zimmermann« gefordert und Beschwerde geführt wurde: »Als will hingegen der Gerichtsschreiber zu Aybling den dasigen Mahler mit aller Gewalt eindringen, der doch alleinig auf Leinwaht und nicht in Fresco zu mahlen kundig, folgsamb Ihre Churf. Durchlaucht ... nicht verlangen werden, daß bemelte Capellen mit derley Mahlereyen verpfuscht und in die Länge keine Daur hat...«
Am 25. April 1752 wurde der Tod des Stukkators Schwarzenbergers gemeldet. Der Geistliche Rat versuchte nun – erstmals offen –, für die Ausmalung und Stuckierung Johann Baptist Zimmermann durchzusetzen, aber nur mit geringem Erfolg: Zimmermann wurden »vor die aus Stockatorung die Helfte [= 200 fl.] gnedig zugesagt, ...weilen ein Maler aus Aybling die Ausmahlung an sich gezogen«. Bis zur Antwort des Pflegrichters am 13. Juni hatte Gaill nämlich sein Fresko in der mittleren Hängekuppel schon zur Hälfte fertiggestellt, und am 20. Juli wurde vom Pfarrer die »nit ganz ausgetrocknete Malerei« erwähnt.
Nach Ausweis der Akten war die Stuckierung bereits 1749 begonnen worden; Entwurfszeichnungen für Kleinhelfendorf belegen, daß der

Gewölbestuck größtenteils Schwarzenberger zuzuweisen ist (vgl. Abb. bei Böhm, S. 45). Zimmermann schickte 1752 zwei Gehilfen nach Kleinhelfendorf, die offenbar Schwarzenbergers Stuckierung nur noch vollendeten. Die beiden weiteren Gewölbe der Kapelle wurden ohne Bilderschmuck belassen.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Hängekuppel, in der O-W Achse segmentförmig angeschnitten. Rahmen: A bemalter Stuckwulst, 1–4 Stuckornament. Technik: Fresko; A polychrom, 1–4 monochrom ocker. Maße: A Höhe 12,10 m (Stich 1,20); 6,70 × 7,40. Erhaltungszustand und Restaurierungen: Letzte Restaurierung durch Helmut Knorr, Grafing. Das Deckenbild A ist gereinigt und ausgebessert und die originale Farbigkeit der Bilder 1–4 freigelegt worden. Dabei wurde eine IHS Darstellung im AR-Gewölbe, eine spätere Zutat, über
Beschreibung und Ikonographie
Das Verhältnis von Stuckornament und Bildformat in der Hängekuppel weist eine merkwürdige Diskrepanz auf, die die Differenzen bei der Auftragsvergabe widerspiegelt (s. Autor).
Die dezente Stuckdekoration beschränkt sich auf rocaillengeschmückte Profilabschnitte, die, das Kuppelgesims variierend, ein mögliches Bildfeld umreißen. Die Kartuschenfelder 1-4 sind Bestandteil dieser geschwungenen Rahmenform. In diese ist völlig unvermittelt ein zweiter, leicht querelliptisch verlaufender Stuckwulst eingesetzt, der das Kuppelfresko einfaßt.
Offenbar ist hiermit die Anordnung des Geistlichen Rats hinsichtlich »simpler Leisten« strikt befolgt worden. Gaill hat so sein Mittelfresko scharf von der Stuckdekoration der Hängekuppel abgesetzt. Die Fresken sind im Kuppelfeld formal wie farblich schlecht koordiniert.
A GLORIE DES HL. EMMERAM Reine Himmelsszenerie, zentralperspektivisch angelegt, aber ohne konsequente Untersichten und Verkürzungen, Betrachterstandpunkt westlich von der Bildmitte, etwa unter der Geist-Taube.
Die Himmelskuppel ist gefüllt mit Wolkenpolstern, die sich zur Höhe hin zu einem puttogesäumten Ring verdichten; dieser umschließt die Lichtglorie mit der Hl. Dreifaltigkeit. Ihr zu Füßen kniet der hl. Emmeram, in der Mittelachse der Hauptansichtsseite. Begleitengel tragen seine Bischofsinsignien, und Christus hält ihm die Martyrerkrone entge gen. Emmeram zu Seiten knien etwas tiefer die Apostelfürsten Petrus und Paulus und, zurückgesetzt in verkleinertem Maßstab, die Patrone von München und Freising, Bischof Benno mit Fisch und Schlüssel und Bischof Korbinian mit Bär. Engelsgruppen und Puttoköpfchen sind locker in die Wolken komponiert.

Die W-Seite der Kuppel nimmt die Darstellung eines Engelskonzerts ein, das durch verschattete Farbgebung und stärkere Verkürzungen Höhenillusion erzielt.
Die Farbigkeit ist vom Rosa-Grau-Weiß des Wolkengrundes bestimmt, der nur wenig Himmelsblau freiläßt. In kleineren Flächen sind Farbkontraste gesetzt: Blau - Gelb bei Petrus, Rot - Grün bei Paulus, Rot, Blau und Gelb in verschiedenen Abstufungen bei Emmeram und den Engeln. Zur »Höhe« hin sind die Farben in das helle unbunte Grundkolorit aufgelöst.
Ergänzungen zur Ikonographie: Gaill hat in dem einer Flachkuppelfresko die Glorie des hl. Emmeram dargestellt. Der ursprüngliche Plan des Pfarrers Purgholzer sah Leben, Tod und Glorie des Heiligen in drei großen »Rundeln« und acht kleineren Deckenbildern als Themen vor (Böhm, S. 45). Das Hochaltarblatt Gaills zeigt das Martyrium, der zwölfteilige Bilderzyklus an den Kapellenwänden das Leben Emmerams.
Demnach lebte Bischof Emmeram in Regensburg am Hof des Herzogs Theodo. Dessen Tochter Uta wurde vom Sohn eines Richters verführt, worauf diese sich Emmeram anvertraute, der unmittelbar vor einer Pilgerreise nach Rom stand. In seiner Abwesenheit beschuldigte man Emmeram der Verführung. Utas Bruder Lantpert nahm seine Verfolgung auf, holte ihn bei Kleinhelfendorf ein und unterwarf ihn grausamen Martern.
Die Marterkapelle umschließt einen Granitblock, auf dem der hl. Emmeram der Überlieferung nach gemartert wurde. Auf diesem Stein befindet sich eine lebensgroße Figurengruppe von 1789, eine realistische Darstellung des Martyriums. (Vgl. St. Emmeram Helfendorf 1680-1980, S. 8-22, 58-66).
Quellen und Literatur
Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 46–47.
KDB I OB (2), S. 1021. Wenk, Pfarrer in Hohenbrunn, Geschichtliche Notizen über Helfendorf (Ms. von ca. 1940 im Pfarrarchiv Helfendorf), S. 106-07. Eismann, Josef, Die St. Emmeramskapelle zu Kleinhelfendorf, in: Holzkirchner Merkur Nr. 231, 26./27. Sept. 1953. Bomhard, Peter von, Kunstdenkmale im Landkreis Aibling, in: Bayerland 57, 1955, S. 173.
Bauer, Anton, Die Wallfahrten und Gnadenbilder im Gebiet des alten Dekanats Aibling, in: Der Mangfallgau 2, 1957, S. 69 f.
Hauke, Wolfgang, St. Emmeram und Marterkapelle zu Kleinhelfendorf, Ottobeuren 1975.
Thon, Christina, Johann Baptist Zimmermann als Stukkator, München 1977, S. 173.
Der Landkreis München (o. V.), München 1979, S. 31, 53–55.
St. Emmeram Helfendorf 1680–1980, Festschrift hg. v. Erich Lang, Pfarrer, Kleinhelfendorf 1980.
Böhm, Cordula, Kleinkarierte Denkart hemmt große Meister, Intrigenspiel um die Gestaltung der Marterkapelle Kleinhelfendorf, in: Charivari 2, 1981, S. 42-51. C. B.