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Hilperting, Filialkirche St. Leonhard

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 12, Teil 1: Stadt und Landkreis Rosenheim. Hirmer, München 2006, ISBN 978-3-7774-3355-4, S. 253–258, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Filialkirche, Pfarrei Tuntenhausen, Gemeinde Großkarolinenfeld, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war die Pfarrei Tuntenhausen dem Augustiner-Chorherrenstift Beyharting inkorporiert (seit 1221). Hilperting und Jakobsberg wurden im 18. Jh. jeweils von einem Beyhartinger Konventualen, der Kooperator in der Pfarrei Tuntenhausen war, vom Kloster aus excurrendo versehen. In Hilperting bestand ehemals eine Wallfahrt zum hl. Leonhard als Viehpastor. Gericht Rosenheim

Patrozinium: St. Leonhard

Zum Bauwerk: Das Turmuntergeschoß und die südliche Langhauswand stammen noch aus der Zeit um 1400, der AR und die östlichen zwei Langhausjoche aus dem 15. Jh., mit späterer Einwölbung und Anfügung der westlichen zwei Langhausjoche. Barockisierung mit Abschlagen der Gewölberippen, Vermehrung und Vergrößerung der Fenster im späten 18. Jh. Seitenaltäre laut Inschrift 1643.

Einfacher, langgestreckter Saal zu viereinhalb Jochen ohne Gliederung, tiefe Westempore; gleichmäßige Belichtung von N und S durch je vier Fenster. Chorbogen mit spätgotischem Profil, kaum eingezogener Chor zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß; Belichtung durch zwei Fenster von S und drei im Chorschluß.

Auftraggeber: Die Fresken sind in die Zeit um 1785-90 zu datieren; 1785 war Böham im nahegelegenen Aibling ansässig geworden. Propst von Beyharting war damals Georg Lachner (1784–94; letzter Propst war Joseph Neumayr 1794–1803). Die Darstellung von Pfarrvikar und Bauern in C läßt vermuten, daß die Ausmalung auf Anregung des Pfarrvikars von Tuntenhausen von der Kreuztracht Hilperting gestiftet wurde.

Pfarrvikar war in der fraglichen Zeit P. Joachim Scheitere von Beyharting (1784-93 und 1799-1803; Pfarrer 1803-05), der auch in Jakobsberg (S. 305) als Auftraggeber in Frage kommt.

Autor und Entstehungszeit: Zuweisung an Johann Baptist Böham (* 1752 Westerndorf bei Zinneberg/Glonn † 1838 Aibling) um 1785/90

Die Bilder zeigen so große Verwandtschaft mit Fresken, die für Böham gesichert sind, z.B. mit den Fresken in Ellmosen (1790; s. S. 124–30), daß an Böhams Autorschaft nicht zu zweifeln ist. Für ihn sprechen die Form der naiven, aber reizvollen Figürchen, die Konstruktion der Schauplätze mit dem Bemühen um perspektivische Räumlichkeit – oft mit Hilfe von Pflasterplatten -, die unbefangene, naive und lebendige Art, Handlungen darzustellen, sowie Details der Gesichts-, Gewand- und Schauplatzdarstellung. Für die Datierung kann man die weitgehend von 1923/24 stammende Rocaille-Malerei um die Medaillon-Rahmen von 1–8 nicht heranziehen, wohl aber die Rahmenformen der Hauptfresken, die eine zeitliche Einordnung der Freskierung bald nach der Übernahme von Gaills Malerwerkstatt durch Böham nahelegen (vgl. die mehr klassizistischen Formen in Jakobsberg).

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs (A und B) sowie AR (C) spitzbogiges Tonnengewölbe mit tief eingreifenden Stichkappen; ursprünglich Rippengewölbe, die Rippen sind abgeschlagen; 1–8 liegen an den Gewölbezwickeln von LHs und AR

Rahmen: A, B und C gemalte ockerfarbene Profilrahmen; A und B gelängte Bildfelder mit gekurvter Rahmung, C Rundbild; 1–8 gemalte Rocaillekartuschen

Technik: Fresko; sämtliche Deckenbilder sind polychrom

A–C, 1–8 Leonhard-Zyklus (Johann Baptist Böham 1785/90)

Maße: A Höhe 6,45 m; 4,70×2,50 B Höhe 6,45 m; 4,30×2,50

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Innenrestaurierung 1876–82. Restaurierung der Seitenaltäre 1898/99 durch Joseph Osendorfer aus Aibling. Renovierung des Innenraums 1923/24: Die Deckenbilder wurden durch Hans Kohle, Starnberg, gereinigt und restauriert. Für die Ausmalung der Kirche lieferte Georg Hilz aus Bad Aibling eine Skizze, die das Landesamt genehmigte, obwohl es urteilte, die Neuausmalung werde ein »unruhiges, buntes Gesamtbild« ergeben. Im Kostenanschlag der Kirchenstiftung wurde genannt: »Die Umrahmungen von den Bildern neu zu malen, auch die Stichkappen mit Einfassungsfriese und Brocatmuster zu bemalen. Auch der Chorbogen passend zu bemalen« (Pfarrarchiv Tuntenhausen). Es soll jedoch nicht bestritten werden, daß sich tatsächlich Reste ornamentaler Malerei freilegen ließen, aufgrund derer dann die Ausmalung Hilz' konzipiert wurde. Vor der letzten Restaurierung wurde festgestellt, daß die barocke Ausmalung durch Hilz 1923 »mit einigen Zutaten versehen« worden war. Innenrestaurierung mit Wiederherstellung der alten Raumfassung 1980/81 durch Helmut Knorr, Grafing. Die Fresken waren in schlechtem Zustand, sie zeigten Übermalungen und

Abblätterungen. Sie wurden gereinigt und gefestigt; blätternde Stellen wurden hinterspritzt und wieder angedrückt, Übermalungen abgenommen, Risse und Schäden sorgfältig ausgebessert. Die ornamentale Malerei von 1923/24 wurde belassen und restauriert.

Beschreibung und Ikonographie

Die Darstellungen in A und B sind auf die legendären Szenen beschränkt; auf himmlische Szenen wurde dabei verzichtet; dargestellt sind nur die quasi historischen Szenen ohne überzeitliche Wirkung und Bezug, wie oft in dieser spätesten Zeit der barocken Deckenmalerei. Die Vorzüge Böhams, der große Bildfelder nur mit Schwierigkeit bewältigt, zeigen sich in der Freude am Detail und - wie beim Ausblick in die Landschaft in B - in der Darstellung reizvoller und stimmungshafter Landschaftsbilder. Seine Farbigkeit ist bis auf ein mehrfach auftretendes frisches und kühles Grün stumpf und von viel rötlichem Braun in Schauplätzen und Gewändern bestimmt.

A HILFE DES HL. LEONHARD BEI DER NIEDERKUNFT DER KÖNIGIN CLOTILDE Ansicht nach W. Als Bildschauplatz ist durch eine flache Wandnische und einen Plattenboden ein Innenraum angedeutet. Vor der Wandnische steht ein mit Spitzen und Stickerei reich ausgestattetes Bett, in dem die Königin liegt, von einem runden Baldachin überdacht. Am Fußende des Bettes ist ein Tischchen mit Medizin- und Wasserflasche zu sehen. Die Königin blickt zum hl. Leonhard auf, der im Habit der Benediktiner, mit Abtkreuz und Abtstab neben ihr steht und sie segnet. Eine Dame am Bett und der König am linken Bildrand beobachten die Szene.

Der Kirchenraum (Ausmalung von Johann Baptist Böham 1785/90)
Das Chorgewölbe mit C Hl. Leonhard als Fürbitter, 1 Taufe und 2 Priesterweihe des hl. Leonhard

Als Leonhard in Aquitanien predigte, hielt sich die Königin, die ihrer Niederkunft entgegensah, in einem Jagdschloß auf, während der König jagte. Leonhard, der zufällig des Weges kam, wurde zu Hilfe gerufen, als die schwere Entbindung in Gang war. Der König bat ihn, »daß er ihm mit seinem Gebe

sein Weib wiedergebe und einen Sohn erwürbe, und ihm also zwiefache Freude spende. Da betete der Heilige, und ward seiner Bitte alsbald gewährt« (LA-Benz, S. 855).

B DER KÖNIG BIETET LEONHARD EINE BELOHNUNG AN

Ein Innenraum ist durch Fenster, Wand und Baldachin angedeutet, ein Plattenboden führt vom Vordergrund in die Szene ein, die im Mittelfeld spielt. Rechts führt ein Torbogen ins Freie, eine Waldlandschaft mit springendem Rehbock. Leonhard ist eben eingetreten und wird von König und Königin begrüßt. Der König ist mit goldener Rüstung, Umhang und perlenverziertem Turban mit Krone, die Königin durch einen Hermelinkragen und ein Krönchen ausgezeichnet. Der König öffnet ein Schatzkästchen, das neben ihm auf einem kleinen Tisch steht und dessen Umhüllung ein kleiner Page in Händen hält. Leonhard neigt sich mit ausgebreiteten Armen vor dem König. Das Königspaar bietet Leonhard die Schätze an. Die Personen sind steife Figürchen mit ungeschickten Gesten, aber die Details in Kleidung und Kopfputz sowie die Landschaft sind sorgfältig ausgeführt.

Es ist die Szene dargestellt, wie der König dem Heiligen seine Dankbarkeit beweisen wollte: »Der König bot ihm einen großen Schatz Goldes und Silbers. Er aber wollte es nicht nehmen, und mahnte ihn, daß er es sollte den Armen geben; und sprach: Von allem diesen bedarf ich nichts; ich begehre nichts anderes, denn allein zu wohnen in dieser Wälder einem, daß ich fern von allen Schätzen der Welt Gott dem Herrn möge dienen. Da wollte ihm der König den ganzen Wald geben, er aber sprach: Den ganzen Wald mag ich nicht nehmen, ich begehre allein soviel, als ich in einer Nacht mit meinem Esel umreiten mag. Das gewährte ihm der König mit Freuden« (ebd.).

C LEONHARD ALS FÜRBITTER

Vor einer weiten, bäuerlichen Landschaft mit dem Dorf Hilperting und seinen Bauernhöfen (nach dem Historischen Atlas hatte Hilperting um 1750/60 sechs Höfe) knien zu beiden Seiten Bauern und Bäuerinnen mit dem Pfarrvikar. Oben in den Wolken thront der Heilige, dem Engel seine Attribute, Mitra, Abtstab und die Kette halten und blickt segnend auf die Menschen herab, die sich seinem Schutz anheimgeben.

1-8 LEONHARD-SZENEN

In acht Ovalmedaillons an den Gewölbezwickeln sind Szenen aus der Legende des hl. Leonhard sowie seine Patronate dargestellt; 1 und 2 liegen im AR, 3–8 im LHs. In der Zählung folgen auf die chronologisch geordneten Legendenszenen die Patronatsszenen.

I TAUFE LEONHARDS

Kircheninneres; ein vornehmer Herr hält sein Kind über ein Taufbecken, ein Priester tauft es; in der Kirchenbank kniet eine Dame. Leonhard war der Sohn von fränkischen Edelleuten am Hofe des Merowingerkönigs Chlodwig; er wurde von Remigius, dem Bischof von Reims, getauft und erzogen (LA-Benz, S. 854).

Kapellenbau

HIRNSBERG

2 PRIESTERWEIHE Kirchenraum; ein Bischof sitzt unter einem Baldachin, ein Ministrant hält ihm den Stab. Vor dem Bischof kniet Leonhard in Priestergewand. Leonhard verschmähte die weltlichen Ehren, die ihm der König anbot, und wurde unter der Führung des Bischofs Remigius zum Priester.

3 LEONHARD UMREITET DEN WALD Der Heilige, in Benediktinertracht, sitzt auf seinem Esel und reitet durch einen Wald. Der König hatte Leonhard die Bitte gewährt, ihm soviel vom Wald von Noblac zu geben, wie er in einer Nacht umreiten könne (s. B).

4 KAPELLENBAU Der Heilige steht im Wald vor einem unvollendeten Bau; Äste sind zu einem primitiven Dachstuhl gefügt. Leonhard, zu dem sich zwei Mönche gesellten, baute im Wald von Noblac »ein Capell unserer lieben Frauen..., setzte einen Altar zu Ehren seines H. Lehrmeisters Remigii hinein, und stiesse für sich und noch 2 fromme Ordens-Männer ein Wohnhütt daran, woselbst er alsdann mit ihnen ein Wunder-strenges Leben in stättem Wachen, Fasten und Betten führte« (Ribadeneira-Hornig, Bd 2, S. 699).

BRUNNENWUNDER In einem Wald vor einer kleinen Klause steht Leonhard und blickt segnend auf ein kreisrundes Wasserloch im Boden. »Eines allein ware ihnen in so vergnügter Einsamkeit überaus beschwärlich, daß sie das Wasser sehr mühesam von weitem herbey bringen müsten: solches vermittelte der Mann Gottes auch, und erlangte durch sein Gebett nächst der Capell einen so Wasser-reichen Brunnen von Gott, daß biß auf den heutigen Tag auch alle Umligende darmit nach Genügen versehen sevnd« (ebd.).


6 LEONHARD ALS PATRON DER GEFANGENEN In einem Gewölbe sind links zwei Männer zu sehen, deren Füße mit Ketten gefesselt sind. Rechts erscheint hinter einem Gitterfenster ein Gesicht. Alle blicken zum hl. Leonhard auf, der in Wolken darüber dargestellt ist und segnend die Hand erhebt. Leonhard wurde zum Patron der Gefangenen, weil er in seiner Jugend, als er am Hofe des Königs wohlgelitten war, viele Gefangene befreite. Nach Leonhards Tod geschahen Gefangenenbefreiungen auf Anrufen des Heiligen: »Nach dem Hinscheiden hielten die Wunderwerck ihren Lauft

ebenso zahlreich, als bey Lebzeiten, bevorab die Gefangene betreffend, deren solche Menge auf freyen Fuß kame, daß sein H. Grab mit ihrem daselbst danckbarlich aufgehenckten Verhafft-Geräthe dick umfasset ware« (ebd.).

7 LEONHARD ALS PATRON DES VIEHS Leonhard thront in Wolken über einer baumbestandenen Wiese, auf der sich Kühe und Pferde tummeln. Durch das Kettenattribut, das Leonhard als Gefangenenpatron erhielt, und durch die Umdeutung der Ketten in Viehketten wurde Leonhard zum volkstümlichen Viehpatron.

8 LEONHARD ALS PATRON DER KRANKEN Ein Krüppel, ein Pestkranker mit Glöckchen und eine Frau in Kindsnöten bitten den auf Wolken erscheinenden Heiligen um Hilfe. Wegen der glücklichen Entbindung der Königin (A) galt Leonhard als Patron der schwangeren Frauen.

Quellen und Literatur

StAM, LRA 119024: Restaurierungen 1898 und 1923. AEM, Diameleton Tuntenhausen, Bauten II: Restaurierungen 1923.

AEM, Kunsttopographie des Erzbistums München und Freising, Dekanat 34/Bad Aibling, Pfarrei Tuntenhausen, Filiale Hilperting (Peter Germann).

Pfarrarchiv Tuntenhausen, Filiale Hilperting, Verschiedenes; Kirchenrechnung 1980.

BLfD, Akt Hilperting, Filialkirche St. Leonhard.

Schmidtsche Matrikel, Bd 2, S. 43 f.

Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 73.

KDB I OB (2), S. 1600.

Engel, Rudolf, Land zwischen Isar und Inn, München-Zürich 1975, S. 247.

Historischer Atlas I, Bd 38 Rosenheim. Die Landgerichte Rosenheim und Auerburg und die Herrschaften Hohenaschau und Wildenwart (Gertrud Diepolder, Richard von Dülmen und Adolf Sandberger), München 1978, S. 45.

Dehio 1990, S. 429.

HIRNSBERG