Höglwörth, ehem. Winterchor des ehem. Augustiner-Chorherrenstifts
Winterchor
Ehem. Mönchschor des ehem. Augustiner-Chorherrenstifts Höglwörth
Zum Bauwerk: Am 15.12.1677 schrieb Propst Johann Adan Weber nach Salzburg, er habe neben der Kirche »ain Oratorium zu Verrichtung der Tagzeiten allberaith verförttigen lassen«. Die Einrichtung des Winterchors in einem schon vorhandenen gewölbten Bauteil (s. Erhaltungszustand) ist also 1677 zu datieren, gleichzeitig mit dem Bau der unmittelbar danebengelegenen Kirche. Diesen Raum im Obergeschoß des nördlichen Kreuzgangtrakts ließ der Propst stuckieren, ausmalen und mit Chorstühlen versehen. 1678 erhielt er die Erlaubnis, in diesem Chor einen Altar aufzustellen, damit die Chorherren dort bei Krankheit in kalter Winterszeit Messe lesen konnten. Die Erlaubnis zum Messelesen im Mönchschor wurde im Lauf der Zeit ausgeweitet, bis 1762 im Chor sogar »Lobämter« gefeiert werden durften.
Bei der Visitation 1702 wird der Winterchor beschrieben: »Est variis et elegantibus picturis adornata, et habet altare fixum cum Icone Sanctorum ordinis, sed non est consecratum... « (er ist mit verschiedenen geschmackvollen Bildern geschmückt und hat einen Altar mit dem Bild der Ordensheiligen, aber er ist nicht geweiht).
Der Raum liegt parallel zur Südseite der Kirche im ersten Geschoß. Zugang von Osten rechts vom Altar, Verbindung zur Kirchenempore in der NW-Ecke, Zugang zu einem Oratorium an der Nordwand des mittleren Jochs, Tür zum westlichen Kreuzgangtrakt in der SW-Ecke. Kleiner Saal zu drei Jochen, gut belichtet durch drei Rundbogenfenster in der Südwand, geostet. Die SW-Ecke ist wegen der Verbindung zum Kreuzgang-Westtrakt unregelmäßig. Ein kleiner barocker Altar steht an der Ostwand. Das Altarblatt zeigt die Familia Sancti Augustini.
Auftraggeber: Propst Johann Adam Weber von Höglwörtl (1676-86). Auf ihn weist die bei Augustiner-Chorherren an solch dominanter Stelle sehr ungewöhnliche Darstellung des Jesuitenheiligen Ignatius von Loyola hin (W1), sowie das IHS mit Kreuz und Nägeln in Bild D.

Johann Adam Weber, geboren in Aschaffenburg, war ursprünglich Jesuit. Ein Aufenthalt bei den Augustiner-Chorherren von Neustift/Brixen veranlaßte ihn, die Gesellschaft Jesu zu verlassen und als Novize in Neustift einzutreten, wo er am 21. 12. 1656 die Ordensgelübde ablegte. Weber war Doktor der Theologie und des kanonischen Rechts; noch als Jesuit hatte er 1647-49 in Bamberg und dann in Würzburg gelehrt. Von Neustift aus lehrte er in Tirol viele Jahre kanonisches Rechts.
Am 23.5.1673 berief ihn der Salzburger Fürstbischof Max Gandolf als neuen Administrator nach Höglwörth, nachdem


Patritius Pichler mit der Administration gescheitert war. Die Höglwörther Konventualen waren zunächst gegen ihn und Weber zögerte, zu bleiben. Dann aber entwickelte sich seine Administration so gut - er führte den Klosterbau weiter und begann den Neubau der Kirche – daß die Visitation im Januar 1676 kaum etwas zu beanstanden fand. Das Domkapitel präsentierte ihn daraufhin am 4.3.1676 als Propst und der Fürstbischof bestätigte ihn am 7.3.1676. Im darauf folgenden Jahr 1677 schenkte der Salzburger Domherr Franz Ferdinand Graf von Khuenburg dem Kloster Höglwörth den Leib des hl. Placidus. Weber war Verfasser vieler Bücher und publizierte auch noch von Höglwörth aus, wo er am 24. 10. 1686 starb.
Autor und Entstehungszeit: Christoph Lehrl (* 1643 Salzburg † 1718 Höglwörth; s. S. 381) 1677/78
Überzeugende Zuweisung der Ausmalung an den Höglwörther Laienbruder Christoph Lehrl durch Hunklinger und Weger 1978. Die Ausstattung des Winterchors mit Stuck und Fresken erfolgte wohl unmittelbar nach der Einrichtung des Chors 1677. Für diese Zeit sprechen die Ornamentformen des Stucks. Von Lehrl stammt auch das Altarblatt im Winterchor: der Altar war 1678 von Salzburg genehmigt worden. Die Ausmalung des Winterchors ist die erste bekannte Arbeit Lehrls. Möglicherweise war die Sakristei von Höglwörth, die um 1680 erbaut wurde und deren Decke heute weiß getüncht, stuckierte Kartuschenfelder hat, ursprünglich auch von ihm ausgemalt (s. dazu Standl 2003, S. 88). Die Konventualen ehrten seine Arbeit in seiner Rotel: »Pinxerat is domi pulchre, alibi pulchrius« (zuhause hat er schön gemalt, woanders schöner)

Christoph Lehrl, * am 29.6.1643 als Sohn des Salzburger Zinngießers Christoph Lehrl, lernte das Malerhandwerk, trat dann aber als Laienbruder in Höglwörth ein (Profeß 1668) und arbeitete als Maler in Höglwörth und seinen Kirchen, in anderen Augustiner-Chorherrenstiften (Gars, Ranshofen), 1709 in der unteren Sakristei der Stiftskirche Berchtesgaden (S. 202 204) und 1710/11 in der Wallfahrtskirche Maria Gern (246 f.). Die beiden großen Engel an den Wandstücken der Nord- und Südwand, die an den Altar anschließen (W2-3), sind nicht von Christoph Lehrl, sondern von einem weit besseren Maler aus dem frühen 17. Jh.
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachtonne mit Stichkappen Rahmen: A,C,E,G ovale Stuckprofile mit Früchtekränzen besetzt; B,D,F Stuckkartuschen
Technik: Secco; polychrom
Maße: A Höhe 3,55 m; 1,25×1,20 B Höhe 3,55 m; 0,80×1,20 C Höhe 3,55 m; 1,75×1,20 D Höhe 3,55 m; 0,80×1,20 E Höhe 3,55 m; 1,50×1,20 F Höhe 3,55 m; 0,80×1,20 G Höhe 3,55 m; 1,50×1,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Schon 1975 waren Wand- und Deckenbilder durch einen Wassereinfall stark beschädigt, einige waren weitgehend zerstört (A und G). In der Südostecke war der Stuck durch die Feuchtigkeit verdorben. Nach einem Gutachten Sigmund Benkers 1976 war »seit der

Auflösung des Stiftes ... dort nichts mehr geschehen« (BLfD) Ab 1979 war die Restaurierung im Gespräch, 1985/86 begann man mit der Reparatur von Dach und Speicher über dem Winterchor. Innenrestaurierung 1987; es wurde festgestellt, daß das Gewölbe älter sei als Stuck und Fresken. Den Stuck restaurierte Hans Zerle, Bad Reichenhall. Als Originalfassung des Raums wurde grauer (ungefaßter) Stuck auf rotem Grund festgestellt. Die vorhandene Farbfassung - malachitgrün auf weiß - entsprach der der Klosterkirche und stammte wohl aus dieser Zeit (1765); man entschloß sich, diese Fassung beizubehalten und zu restaurieren. Die sehr schwierige Restaurierung der Decken- und Wandbilder übernahm Hans Mayrhofer. München. »Die Deckengemälde von Christoph Lehrl, um 1678, sind stark verschmutzte und abpudernde Seccomalereien und müssen gereinigt und fixiert werden. Die durch Wasserschäden bis auf die Sinopien beschädigten Bilder werden z.T. retuschierend behandelt, z.T. sollen die Sinopien ohne Veränderungen sichtbar bleiben« (Gutachten des BLfD). Keines der Bilder konnte wirklich gerettet werden. G (David) und 5 (Placidus) sind bis auf Umrisse zerstört, W2 (Virgil und Rupert) weitgehend, alle anderen Bilder zeigen starke Beeinträchtigungen der Malschicht; doch konnte die starke und ungewöhnliche Farbigkeit im Gesamteindruck wiederhergestellt werden.

Beschreibung und Ikonographie
Der starkplastische, variationsreiche Stuck von 1677 mit der kühlen, weiß-malachitgrünen Fassung von 1765 steht in Gegensatz zu der merkwürdig starkfarbigen Ausmalung, die von allem auf drei Farben basiert, intensivem Kobaltblau, hellen Ocker als Lichtfarbe und einem ungewöhnlichen dunkler Braunrot. Daraus resultiert ein Raumeindruck, der die schwache Qualität der Ausmalung fast vergessen läßt.


Bilder an der Decke
A GOTTVATER Bildfeld unregelmäßig hochoval. Gottvater erscheint mit Zepter in Wolken, die Rechte segnend erhoben. Engel und Putten verehren ihn.
B Hl. GEIST Querovales Bildfeld; in der Mitte die Taube des Heiligen Geistes, von der Strahlen ausgehen; verehrende Putten und Puttenköpfchen.
C CHRISTUS Hochovales Bildfeld; Christus thront auf Wolken, man sieht die Seitenwunde. Er hält in der Linken das Kreuz, in der Rechten ein Zepter. Putten und Puttenköpfchen umgeben ihn.
D NAMEN JESU In einem querovalen Bildfeld erscheint vor Strahlen das IHS, mit Kreuz über dem H-Balken und drei Nägeln darunter; um das IHS ein Wolkenkranz mit Putten und Puttenköpfchen. Das IHS wird »bei den Jesuiten ... seit
Ignatius von Loyola mit Beifügung von Kreuz und dre Nägeln zu einer Art Ordenswappen« (LThK Bd V, Sp. 363 f. s v IHS)
E IMMACULATA Hochoval; Maria steht auf der Schlange mit dem Apfel im Maul und auf der Mondsichel. Sie hält in der Hand die Lilie. Von oben fallen Strahlen auf sie. In Wolken Putten und Puttenköpfchen.
F JOSEPH Queroval; Joseph mit dem Jesusknaben, der ihn liebkost. Er ist von Wolken überschnitten, so daß er als Halbfigur erscheint. Bei ihm ist ein Engel.
G DAVID Hochoval; König David kniet an einer Säule unter einer Baldachindraperie. Auf Stufen vor ihm liegt die Harfe.
Vier Schriftkartuschen befinden sich an den Gewölbezwickeln bei C und D. An der N-Wand DOCE ME Psl: 118. V.66. und an der S-Wand BONITATEM und weiter an der N-Wand ET SCIENTIAM und an der S-Wand ET DISCIPLINAM (Bonitatem, et disciplinam, et scientiam doce me. Lehre mich Urteil und Einsicht, denn ich baue auf deine Gebote. Ps 118.66).




1-4 VIER KIRCHENVÄTER In den zwei östlichen Stichkappen der Nordseite und den entsprechenden Stichkappen der Südseite befinden sich Ornamentkartuschen mit den Darstellungen der Kirchenväter in Halbfigur.
5 PLACIDUS In einer Stichkappe der Südseite ist in einer Kartusche ein römischer Märtyrer gezeigt, der Palme und Keule hält; hier ist wohl der Märtyrer Placidus gemeint, dessen Leib 1677 nach Höglwörth gekommen war (s. S. 225)
Bilder an der Altarwand und den Wandzungen
In der Mitte der Ostwand steht der Altar mit dem Bild der Familia Sancti Augustini, also den Angehörigen des Augustinerordens.
Zwei Schriftkartuschen zunächst am Altar lauten INSPICI ET FAC (an der Nordwand) und SECUNDUM EXEMPLAR (an der Südwand). Sie beziehen sich auf die Altargeräte (Inspice, et fac secundum exemplar quod tibi in monte monstratum est. Siehe zu, daß du sie genau nach dem Modell machst, das ich dir auf dem Berg gezeigt habe.)

PLAR. Exod. 25. V.40. (an der Südwand). Sie beziehen sich auf die Altargeräte (Inspice, et fac secundum exemplar quod tibi in monte monstratum est. Siehe zu, daß du sie genau nach dem Modell machst, das ich dir auf dem Berg gezeigt habe.)
W. IGNATIUS VON LOYOLA Links neben dem Altar als Pendant zur Türe auf der andern Seite, befindet sich die lebensgroße Figur des Jesuitenheiligen in schwarzem Habit und weißem Chorrock, die Sonnenscheibe als sein Attribut in der Hand. Inschrift darunter S. IGNATIVS / DE LOIOLA. Über der Tür und über der Ignatius-Figur befindet sich jeweils eine stuckierte Kartusche, deren Inschriften lauten ERAT ILLIS COR UNUM (links, über Ignatius) und ET ANIMA UNA IN DEO (rechts, über der Tür). Sie beziehen sich auf das erste Kapitel der Augustinerregel »Das erste, weshalb ihr in Kloster zusammengekommen seid, ist, daß ihr einträchtig in Hause miteinander wohnet und eine Seele und ein Herz ir Gott habet« (s. Heimbucher I, S. 398).
ENGEL Die großen, fackeltragenden Engel an den Wandstücken der Nord- und Südwand, die an den Altar anschließen, sind auf Wolken stehend dargestellt. Sie ziehen jeweils einen Vorhang vom Altar weg auf.
Bilder an der Nordwand
W2-3 PATRONE HÖGLWÖRTHS UND SALZBURGS An der Nordwand befinden sich in den beiden östlichen Jochen Wandbilder mit je zwei Heiligen nebeneinander, in halber Figur.
W2 PETRUS UND PAULUS Die beiden Kirchenpatrone Höglwörths sind mit ihren Hauptattributen dargestellt, Petrus mit einem großen Schlüssel, Paulus mit Schwert und geöffnetem Buch.
W3 RUPERT UND VIRGIL Die beiden Bischöfe und Patrone der Diözese Salzburg sind als Bischöfe dargestellt, mit Mitra und Stab. Rupert, der Gründer des Bistums, hat das Salzfaß bei sich, Virgil, der Erbauer des Salzburger Doms, das Dommodell.
Schriftkartusche über der Tür zur Orgelempore der Kirche ORATIONIBUS INSTANTI / HORIS ET TEMPORIBUS / CONSTITUTIS. S. Reg. Cap: 5. (Drittes Kapitel der Augustinerregel: »Dem Gebete oblieget zu den bestimmten Stunden und Zeiten«, s. Heimbucher I, S. 398).
Quellen und Literatur
AEM, Klosterakten 103: Visitationen, zu Christoph Lehrl. AEM, Klosterakten Höglwörth, 114 814107: Altar für den Winterchor 1678.
BLfD, Akt Höglwörth, ehem. Klosterkirche St. Peter und Paul.
Hunklinger, Georg und Josef Wegner, Höglwörth (= Kleine Pannonia-Reihe Nr. 68), Freilassing 1978. Dehio 1990, S. 437. Standl C 0/ 00