Gungolding, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt
GUNGOLDING
Pfarrkirche, Gemeinde Walting, Diözese Eichstätt. Gungolding war seit 1469 Pfarrei. Das Besetzungsrecht hatte das Domkapitel von Eichstätt; z.Z. der Ausmalung Hochstift Eichstätt. Bis 1972 Reg. Bez. Mittelfranken.
Patrozinium: Maria Himmelfahrt
Zum Bauwerk: Die Kirche liegt außerhalb des Ortes auf ansteigendem Gelände und gründet auf der Bebauung eines Sitzes von Ortsadeligen. Sie ist eine für die dörfliche Gegend um die Residenzstadt Eichstätt typische, barocke Chorturmkirche, entstanden 1740 durch den Umbau einer spätmittelalterlichen Anlage. Wie die Priefer'sche Visitation von 1601/02 und die Generalheilingrechnung von 1740 bezeugen, verfügte die Kirche neben dem »unter dem Chor stehende[n] vordr Glockhen Thurm« noch über einen zweiten Turm, Indiz für die ehem. Wehrfunktion. Beim Umbau wurden der »hintere Thurm« niedergelegt, die Langhauswände erhöht und nach Westen erweitert sowie der Chorturm in der heute noch bestehenden Form aufgezogen. Das Baudatum ist über dem Kirchenportal und als stuckierte Jahreszahl um die Kartusche am Chorbogen mit der Nennung des Marienpatroziniums ASSUMPTA EST/MARIA/IN COELUM überliefert. Der Neu- bzw. Umbau, den »Herr Pau Inspector de Gabriel under Handen gehabt« – so die Generalheilingrechnung vor 1747 –, führten Handwerksmeister der umliegenden Ortschaften aus, als Maurermeister fungierte Joseph Leitner aus Pollenfeld. Zeitgleich entstand die feste und mobile Innenausstattung. Der Eichstätter Stuckator Franz Xaver Horneis »hat die Kürch in Langhaus. 62 Schuch lang und 34 breitt mit Stucca dor Arbeith verferthiget«, ebenso verzeichnet sind in der Generalheilingrechnung von 1740 die Kanzel und 1741 die zwölf Apostelstöcke. Joseph Dietrich, der die Fresken fertigte, wurde nach gleicher Quelle 1742 mit der Fassung des Hochaltars und »vor das Mutter Gottes Bildt auf dem Gungoldinge Hochaltar zu fassen« betraut. (Die spätgotische Schnitzfigur ist wieder in situ, im 19. Jh. befand sich hier das Gemälde Immaculata Conceptio, das auf dem Dachboden deponiert ist). Weihe am 10.8.1747 durch den Eichstätter Weihbischof Johann Gottfried Groß von Trockau (1745–50).
LHs (17,40 × 9,20 m) zu vier Fensterachsen, eingezogener und ausgeschiedener, gerade geschlossener AR (5,25 × 4,70 m), hier ein Fenster im Süden, dieses wie auch im LHs segmentbogenförmig; im Westen eingezogene, auf zwei Stützen stehende Orgelempore mit gerader Brüstung, in der Mitte Balkonausbuchtung; im LHs und AR ungegliederte Wände, nur am weiten, segmentbogenförmigen Chorbogen Pilastergliederung; durchgezogene Gesimsbänder als Begrenzung der Voute; sparsamer Deckenstuck mit Laub- und Bandlwerkformen im Stil der Régence-Zeit, ebenso verziert die Stuckkanzel, diese an der Unterseite des Corpus 1741 datiert.
Auftraggeber: Die Freskendekoration wurde, wie die Wappen bzw. die Inschriften in den Bildfeldern dokumentieren, von einzelnen Personen finanziert. Das Hauptbild A im LHs stiftete Pfarrer Josef Leonhard Mayer (1730–43), der 1743 in der Pfarrei verstarb. Dies ergibt der Vergleich des unterhalb von Jakobus d. Ä. auf der Stufe angebrachten Wappens – von zwei Sternen flankierter Schrägbalken – mit dem Siegel von Pfarrer Mayer gezeichneter Briefe, die in den Pfarrakten überkommen sind. Fresko B im AR stiftete nach Ausweis der Inschrift Andreas Baumgartner (m = Moierbauer?), über dessen Namen sein Wappen – je drei Bäume im Schild und im Helmzier – angebracht ist. (Das Wappen findet sich noch einmal im Chor und zwar in stuckierter Form in der Voute der Stuckdecke hinter dem Hochaltar, zusammen mit den Initialen A/BG und der Datierung 1741. Andreas Baumgartner hat demnach also auch die Stuckausstattung des Chores gestiftet.) Baumgartner war der Besitzer des Moierhofes in Gungolding, wo sich das Wappen laut Dorfchronik am Eingang des 1974 abgerissenen Bauernhauses und auf einer Ofenplatte befand. Nach den Kirchenbüchern starb der »villicus« Andreas Baumgartner am 2.2.1756 im Alter von 73 Jahren. Auch die Spender, deren Namen die vier Eckmedaillons im LHs überliefern, konnten in den Kirchenbüchern eruiert werden. Die Sterbeeinträge von Nikolaus Liepoldt und Michael Wolff datieren vom 21.3.1751 bzw. 1.12.1753; beide starben über siebzigjährig als verwitwete Bauern. Sebastian Mayr und Johannes Neffzger waren Fischer; ihre Sterbeeinträge sind unter dem 12.5.1764 bzw. 2.1.1761 verzeichnet, sie wurden 66 bzw. 55 Jahre alt.
Autor und Entstehungszeit: Joseph Dietrich (* 1696 Wernfels bei Spalt † 1745 Eichstätt) 1740. Signatur und Datierung J. Dieterich/1740 in A, Datierung 1740 zudem in 2 und 3. Die Ausmalung ist die letzte gesicherte Freskodekoration im Werk des Eichstätter Malers. Die Fresken zeigen den für Dietrich sehr charakteristischen Stil auf. Einansichtige Architektur- und Himmelsszenerien, die nach den perspektivischen Prinzipien der Schrägsicht und Verkürzung konzipiert sind, bilden den Schauplatz der Kompositionen. Typisch sind die derb-bäuerlich wirkenden Gesichter und mehrfach verwendete Kompositionen wie die Dreifaltigkeitsgruppe in B. Die Verwendung von Vorlagen und beliebten Versatzstücken dokumentiert die Bildung Dietrichs, dessen handwerklich geprägter Malstil insgesamt gesehen jedoch künstlerisches Können und Souveränität vermissen lässt. In Gungolding ist die quellenmäßig nicht nachweisbare Schulung Dietrichs in der Werkstatt des Eichstätter Malers Matthias Zink greifbar. So zeigen einige der Gewänder im Hauptbild A die Vorliebe Dietrichs für changierende Farbzusammenstellungen, die ebenso im Werk Zinks nachweisbar ist. Ferner sind die Dietrich'schen Evangelisten der Kanzel in Gungolding Kopien der Zink'schen Kanzel-Evangelisten in Hitzhofen von 1722 (siehe S. 281 und 286).


An der Emporenbrüstung befinden sich vier Gemälde mit Szenen aus der Kindheit Jesu. Die mittleren, Öl auf Holz, sind um 1700 zu datieren, die seitlichen, Secco auf Putz, ins 19./20. Jh.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs Flachdecke mit Hohlkehle; AR Flachdecke mit Hohlkehle
Rahmen: Stuckprofil, grau gefasst, teils in geschweifter Form
Technik: Fresko; polychrom
Maße: A Höhe 6,60 m; 4,70 × 3,80
B Höhe 5,70 m; 2,35 × 1,75
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Deckengemälde sind in gutem, weitgehend originalem Zustand. In einem Gutachten des BLfD wurde 1947 eine »unglückliche Restaurierung wohl aus dem vorigen Jh.« beklagt. Der Kostenvoranschlag des Spalter Kirchenmalers Leopold Seefried sah als Maßnahme an den Deckenfresken eine trockene Reinigung und Abwaschung mit reinem Wasser vor. Die Restaurierung erfolgte vermutlich erst 1954 im Zuge der Innenrestaurierung durch die Eichstätter Firma Schmer. Eine letzte Innenrestaurierung wurde 2007 vorgenommen. Durch Nässe im Dachstuhl und durch Absenkung von Deckenbalken waren Teile aus dem oberen Stuckprofil der Hohlkehle über dem rechten Seitenaltar herausgefallen.
Beschreibung und Ikonographie
A HIMMELFAHRT MARIENS Das einansichtig konzipierte Deckengemälde wird von einer schmalen Erdzone eingeleitet, über der sich eine Treppenanlage mit seitlichen Podesten aufbaut. Obenauf erhebt sich ein kolonnadenähnlicher Architekturprospekt, der in halbrunder Form knapp Zweidrittel der Treppenbreite hinterfängt. Den Schauplatz um den auf der oberen Treppenstufe stehenden, leeren Sarkophag Mariens bevölkern die Zwölf Apostel sowie die beiden Frauen, die nach der Legenda Aurea beim Tod Mariens anwesend waren. Die vordere der beiden Frauen hält das Leichentuch Mariens, einem der Beweise der Himmelfahrt Mariens, empor. Von den Aposteln sind zwei durch beigegebene Attribute eindeutig bestimmbar. Diese sind Petrus, der am linken Bildrand auf dem Podest kniet und durch den am Boden liegenden Schlüssel zu identifizieren ist, und Jakobus d. Ä., der rechts stehende Mann mit den Attributen Pilgerstab und Pilgerhut sowie den Muscheln am Umhang und am Hut. Jakobus ist auf der Hutkrempe namentlich bezeichnet, die Buchstaben OBVS sind noch zu erkennen, während die drei ersten Buchstaben Iac wohl übermalt sind? Möglicherweise kann in dem Mann am rechten Bildrand, der dem Betrachter ein geöffnetes Buch präsentiert, ein zeitgenössisches Porträt gesehen werden. Da sich unterhalb von ihm auf einer Setzstufe das Wappen von Pfarrer Josef Leonhard Mayer befindet, kann man ein Porträt des Auftraggebers vermuten. Die obere Bildhälfte nimmt eine Himmelsszenerie ein. Hier sitzt Maria über der vom leeren Sarkophag ausgehenden Wolkenband, umgeben von sie stützenden Engeln und Putten, die ihre Attribute Rosenkranz und Lilie tragen. Marias Haupt wird von der Zwölf-Sternen-Gloriole umrahmt, einem Attribut des Bildtypus der Immaculata Conceptio.
B KRÖNUNG MARIENS Inmitten des eine Himmelszone vorstellenden, einansichtigen Bildfeldes kniet Maria auf einer Wolke. Als Zeichen der Immaculata Conceptio ist ihr zu Knien die Mondsichel beigefügt. Marias Haupt ist von hellen Lichtstrahlen umgeben, was ihre Auszeichnung durch Christus und Gottvater unterstreicht. Beide – Christus als Erlöser mit dem Kreuz und Gottvater als Weltenherrscher mit der Weltkugel – sind dabei, sie mit einer Krone zu krönen. Über der Dreiergruppe schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Am unteren Bildrand befinden sich der Name und das Wappen des Stifters (s. unter Auftraggeber).
1-4 SZENEN AUS DEM LEBEN MARIENS Die Langhausecken schmücken vier bassgeigenförmige, kleinere Bildfelder, die in einansichtigen Kompositionen Szenen aus dem Leben Mariens vorstellen und das Hauptbild A thematisch ergänzen.
I GEBURT MARIENS Dieses Fresko zeigt Anna und Joachim, zwischen ihnen die Wiege mit dem neugeborenen Kind. Das ältere Ehepaar blickt zum Himmel empor, wo Gottvater mit Weltkugel und Zepter erscheint, die Rechte zur Weissagung erhoben. Die irdische Szene ergänzt eine in sich gesunkene, junge Frau mit einem wie auf dem Bildrand stehenden Wasserschaff, Hinweis auf das erste Bad des Kindes. Das Fresko weist mit Nicolauß Liepoldt den Namen des Stifters aus.
2 TEMPELGANG MARIENS Maria wird von dem auf der obersten Stufe einer Treppenanlage und vor einem Tempelprospekt stehenden Hohen Priester empfangen. Anna und Joachim sind links als Begleitung Mariens zu erkennen. Auf den Stufen lagert zuunterst ein Mann mit über dem Kopf gezogenem Mantel. Unten am Bildrand der Stiftername Michael Wolff 1740.
3 VERKÜNDIGUNG AN MARIA (Lc 1,36-38) Die durch wenige Versatzstücke als Innenraum geschilderte Szenerie zeigt Maria vor dem Lesepult, der der Engel mit der Lilie auf einer Wolke stehende erscheint. Über beiden schwebt die Taube des Heiligen Geistes. An der Setzstufe steht der Name des Stifters und die Datierung Sebastian Mayr 1740.
4 TOD MARIENS Das Bildfeld stellt Maria im Bett liegend dar, um sie herum die zwölf Apostel, von denen am rechten Bildrand aufgrund der Farbigkeit seiner Kleidung und seiner Trauergeste Johannes Evangelist identifizierbar ist. Darüber erscheint Christus mit den Wundmalen auf einer Wolke. Die Beschriftung Johannes Neffzger am unteren Bildrand bezeichnet auch hier den Stifter.
Emporenbrüstung
SZENEN AUS DER KINDHEIT JESU Die beiden mittleren Bilder (Zwölfjähriger Jesus im Tempel und Flucht nach Ägypten) stammen vermutlich noch aus der Innenausstattung vor dem Kirchenumbau von 1740, die beiden äußeren (Anbetung der Hirten und Heiliger Wandel) sind neuere Zutaten.



Kanze
Die Darstellungen an der Stuckkanzel zeigen die Vier Evangelisten als Halbfiguren mit ihren Symbolen. An der Rückwand Christus im Typus des Guten Hirten (Abb. S. 257).
Quellen und Literatur
DAEI, Kirchenbücher Gungolding 4 u. 11 zu den Stiftern; Pfarrakten Gungolding I,1: Baulichkeit an der Pfarrkirche; V,1: Pfarrbeschreibung; R2: Generalheilingrechnungen; Buchner Eichstätter Bistumsgeistliche.
BLfD, Akt Gungolding, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Kunstinventar Diözese Eichstätt, Gungolding, bearbeitet von Christina Grimminger, 1994.
KDB V MF (2), S. 113–17 mit Fig. 68.
Buchner Bistum Eichstätt 1937, S. 435–42
Goers, Annemarie, Das Marienthema in Fresken süddeutscher Kirchenräume des 17. und 18. Jahrhunderts unter besondere Berücksichtigung des Marienlebens. Ein Beitrag zur Ikonographie der Barockzeit, München 1948, Anhang I (A 29), I (LIV).
Neuhofer, Theodor, Beiträge zur Kunstgeschichte des Hoch stifts Eichstätt, in: SHVE 61, 1965/66, S. 9-92, hier: S. 44. Grimminger, Christina, Der Eichstätter Maler Joseph Dietrich (1696–1745). Leben und Werk, ungedr. Magisterarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt 1991, S. 102-07
Dehio OB 1990, S. 388; 2006, S. 418f
(o.V.) Gungolding. Dorfchronik, hg. anlässlich der 1111-Jahr Feier, Eichstätt 2006, S. 78f., 146f.
C. G
