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Grassau, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 11: Landkreis Traunstein. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2695-2, S. 53–76, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche Die große und bedeutende Pfarrei Grassau umfaßte das ganze Achental. Sie hatte zwölf Filialen, die ab 1806 fast alle Pfarrkirchen wurden. An der Kirche bestanden drei Bruderschaften, die Bruderschaft von der Unbefleckten Empfängnis Mariä (seit 1672), die Bruderschaft von der Ewigen Anbetung (seit 1678) und die Skapulierbruderschaft (seit 1700). Eine Marienstatue in der Kirche wurde von der Bevölkerung als Gnadenbild verehrt.

Patrozinium: Mariä Himmelfahrt

Zum Bauwerk: Der Vorgängerbau der im wesentlichen spätgotischen Kirche war vielleicht ein dreiapsidialer Saalbau (Bomhard, S. 3 f.). Nach 1400 Ausbau, Erhöhung und Neuwölbung des Chors. In der zweiten Hälfte des 15. Jh. Einwölbung des LHs, wobei der Saal zur dreischiffigen Kirche mit Rundpfeilern und Sternrippengewölbe ausgebaut wurde; Einbau der gemauerten Empore, Anbau der Katharinenkapelle an der Südseite der Kirche und Erweiterung der Sakristei. Portale von 1491: Westlich die Wappen von Albrecht IV. von Bayern und seiner Gemahlin Kunigunde von Österreich, auf dem Kreuzbalken Datum 1491. Nach 1500 Bau einer zweiten Kapelle an der Südseite der Kirche, westlich an die Katharinenkapelle anschließend.

Brand des Dachs 1570, Wiederherstellung 1572/74. Baureparaturen und Restaurierung des Kircheninnern 1639 mit Sicherung des Gewölbes im Chor und in der Seelenkapelle durch den Maurermeister Georg Fraunrieder, Ausweißen der Kirche und ornamentale Bemalung des Chorgewölbes (nicht erhalten) durch den Traunsteiner Maler Wolf Jakob Schroff: »...Jacoben Schrof, Burger und Mallern zu Traunstein, welcher alle Felder im Chor, mit Ennglkhöpfen unnd Rosenwerch außgemahlen, auch die Fennster im Chor mit Malwerch gefasst, und ziert ... 20 fl. Mer hat er Maller ... die 12 Apostl Creiz ... renovirt und sauber gemahlen« (Kirchenrechnung 1639: Zu Schroff S. 382).

Im Zusammenhang mit dieser Kirchenrestaurierung neue frühbarocke Einrichtung mit Hochaltar und zwei Seitenaltären 1639/43 (Veränderungen am Tabernakel 1716). Das Hochaltarblatt mit der Darstellung der Himmelfahrt Mariä stammt von dem Münchner Hofmaler Caspar Amort. Kanzel 1654. Im Jahr 1659 wurde ein neuer Antoniusaltar aufgestellt. 1672 wurde die Katharinenkapelle als Kapelle der Bruderschaft von der Unbefleckten Empfängnis Mariä eingerichtet; hier kam der Bruderschaftsaltar zu stehen. Anläßlich der Einführung der Andacht zu den Sieben Heiligen Zufluchten ließ Pfarrer Matthias Winkler 1695/96 die zweite Kapelle an der Südseite der Kirche erhöhen und neu wölben sowie beide Kapellen neu pflastern; den Sieben-Zufluchten-Altar stiftete der Pfarrer 1696 (Altarblatt von Jacob Carnutsch). Damals wurden beide Süd-Kapellen ausgemalt (s. S. 77), es sind aber nur kleine Teile der Ausmalung freigelegt.

1697 und 1704 bemühte sich Pfarrer Winkler um die Genehmigung zu baulichen Veränderungen der Kirche, zum Abschlagen der Rippen und Vermehrung der Fenster, sowie zur Barockisierung des Innern. Diese Arbeiten wurden 1704 vom Bischof von Chiemsee für das nächstfolgende Jahr 1705 genehmigt. Der Stuckator ist quellenmäßig nicht überliefert, doch sprechen Stil und historische Zusammenhänge eindeutig für Giulio Zuccalli, gen. Christofori († 1707).

Ein Blitzschlag am 6. 8. 1727 zerstörte das Oberteil des Turms. 1736 war der Neubau des Turm-Obergeschosses und der neuen Turmkuppel abgeschlossen, Maurermeister war Johann Haslinger aus Grassau, Zimmermeister Johann Millberger aus Ettenhausen.

1766/67 fanden Baureparaturen statt, an Turm, Kirchendach, Sakristei-Gewölbe und an den Fenstern (Voranschlag 528 fl.). Im Zusammenhang mit diesen Bauarbeiten wurde das Innere vollständig renoviert, die Ausmalung von 1707 verschwand fast ganz: die größeren Bildfelder wurden neu freskiert bis auf das Bruderschaftsbild an der Emporenunterseite (EU), die kleineren wurden zugetüncht. Im Chor wurde der Stuck verändert, ebenso der Hochaltar und die Kanzel, die Seitenaltäre wurden erneuert. Das heutige Gestühl stammt aus den Jahren 1786/92. Zu einer Erweiterung der Kirche (1845 geplant) oder zu einem Neubau (1906 geplant) kam es glücklicherweise nicht.

Dreischiffige Staffelhalle zu vier Jochen, das Sterngewölbe, heute ohne Rippen, wird von massigen Rundpfeilern getragen. Die gemauerte Empore nimmt die gesamte Breite der Kirche ein. Darüber befand sich ursprünglich eine obere, hölzerne Empore mit Brüstungsbildern von Carnutsch (s. Hauslader 1991, Abb. 18), die in den fünfziger Jahren des 20. Jh. abgebrochen wurde. Von Norden gleichmäßige Belichtung durch große Rundbogenfenster (der Umgestaltung von 1705) im Seitenschiff. Im Süden bilden die ehemals zwei Kapellen, die zu einem langen Raum zusammengezogen sind, quasi ein zweites Seitenschiff. Von Süden ist das Mittelschiff und das südliche Seitenschiff nur über die Fenster dieses Kapellenraums belichtet. Der Kirchenraum wirkt deshalb verhältnismäßig dunkel. Stark eingezogener AR zu zwei Jochen mit dreiseitigem Schluß, gute Belichtung über hohe Rundbogenfenster im Norden und im Chorschluß. An der Südseite schließt hier die Sakristei an.

Auftraggeber: Für die Ausmalung 1707 Matthias Winkler, Pfarrer von Grassau (1691–1715). Am 25.2.1704 bat er den Bischof von Chiemsee, Karl Sigismund Graf von Castelbarco, um den Konsens zur Barockisierung, »...weillen seit aufge richten Altar der siben allerheiligisten Zufluchten, und einge pflanzter Erzbruderschafft des H. Scapuliers der Zuegang und Eyffer in unserer Pfahrkürchen Grassau däglich ver mehrt, mich aber die Andacht fehrners fortzupflanzen, ge denckhte das böste Mitl zu sein, wan gedachte Kürchen von Grund auf mit Stuckhatorarbeit neben untermengter Mallerey gezihret, und mehrer Liecht hineingeführt werde«. Mit dem Maurermeister (wohl Michael Steindlmüller aus Staudach bei Grassau, Gerichtsmaurermeister von Marquartstein), dem Stuckator (Giulio Zuccalli) und dem Maler (Jacob Carnutsch) habe er sich bereits besprochen. Die Kirche Grassau habe zwar kein Geld für die Barockisierung, doch wußte Winkler »der Sach zu helffen, daß ohne Entgelt der Kürchen alles mit Gottes Gnadt ad effectum khomen solte«. Der Bischof zögerte »... weillen man nit weiss, wie der status belli ablaufen, und ob man von feindtlichen Anfählen versichert sein werdte, so bleibt Euch unverhalten, daß Wür lieber sehen thetten, war bey iezigen gefährlichen Coniuncturn (Spanischer Erbfolgekrieg) mit gemelten Vorhaben instandt gehalten, und sicherere Zeiten erwarthet würdten«. Am 4.6.1704 erneuerte Winkler seine Bitte mit dem Hinweis darauf, daß alle Materialien schon bereit seien; er selbst sei schon alt, wenn er vor der Ausführung der Barockisierung sterbe, bleibe das Werk liegen. Daraufhin gab der Bischof von Chiemsee am 19.6. 1704 die Zustimmung für das nächstfolgende Jahr 1705. Die Vergrößerung und Vermehrung der Fenster, die Stuckierung und Ausmalung wollte der Pfarrer offenbar selbst zahlen, wie aus einem Brief des Bischofs hervorgeht: »...allein wollen wir Euch in Gnader ermahnet haben, in Sachen behutsam zugehen, und, das ihr selbsten der Guetthäter seyet, bey Euch in geheim zuhalten...«. Es sollte der Eindruck vermieden werden, die Geistlichen hätten viel Geld, auch sollte anderen Pfarrern keine »Preiudiz erwachsen« (der ganze Vorgang nach AEM, Pfarrakten Grassau, Pfarrkirchenbauten). Die Kirchenrechnung 1707 meldet, es habe »anheur Herr Pfarrer allhier, dises Pfarrgottshauß auf seinen selbst aignen Costen durchgehents mit Stockhator Arbeith; und Mallerey verferttigen lassen, und hieryber (seien) etlich hundert Gulden erloffen«. Matthias Winkler, 1639 in Halfing geboren, wurde 1669 Kurat der zu Prien gehörigen Kuratie Niederaschau, die wie Prien dem Augustiner-Chorherrenstift Herrenchiemsee inkorporiert war. 1680 wurde Niederaschau durch Johann Franz Graf Preysing, Bischof von Chiemsee, zur selbständigen Pfarrei erhoben. Winkler, nun Pfarrvikar von Niederaschau, ließ ab 1687 die seit 1680 zu Niederaschau gehörende Filialkirche Sachrang neu erbauen. Dabei arbeiteten als Stuckator Giulio Zuccalli gen. Christofori und als Maler Jacob Carnutsch (mit Joseph Eder). Stuckator wie Maler waren Winkler also wohlbekannt, als er 1691 im Alter von 51 Jahren Pfarrer der benachbarten Pfarrei Grassau wurde, und mit ihnen setzte er 1706/07 die Barockisierung seiner Pfarrkirche ins Werk.

Matthias Winkler starb 1715 nach 25-jährigem Wirken in Grassau im Alter von 76 Jahren. Der Marquartsteiner Pflegsverwalters Johann Schrath nannte ihn einen »in 25 Jahren gewessten« eifrigen Seelsorger und exemplarischen Kirchherrn der Pfarrei Grassau« und schrieb, »der H: Defunctus (habe) in Lebzeiten nit allein seinen numerosen Befreundten vil Gueths gethon, sonndern auch an sein liebe Pfarrkürchen, die er durchaus mit Stuccatur Arbeith unnd Mahlerey auch Altär, unnd anndern Kürchen Zirden stattlich ausstaffirt, vil 100 fl. verwendt« (BHStA, GL Marquartstein 2352/50). Neben dem Sieben-Zufluchten-Altar und der Barockisierung verdankte die Kirche ihm eine Frühmeß-Stiftung von 2000 fl., und in seinem Testament vermachte ihr 1001 fl., dasselbe den Bruderschaften. In Grassau existiert noch ein Ölbild mit der Darstellung Pfarrer Winklers auf dem Totenbett (Sieben-Zufluchten-Kapelle, Nordwand). Der Tote trägt Albe, Kasel und Birett, sein Haupt ist auf ein Kissen gebettet, in den Händen hält er Rosenkranz und Sterbekreuz. Inschrift M. W. HVIVS LOCi PAROCHVS VIGILANTISSIMVS PER XXV AN. AETATIS SVAE 75 IVBILAEVS MYSTA. OBIIT 1715, 5. MAR

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Der Kirchenraum

Auftraggeber für die Ausmalung 1766 war Balthasar Winterholler, Pfarrer von Grassau (1756–81). Geboren am 18.6. 1702 als Sohn des Baders Melchior Winterholler und seiner Ehefrau Anna in Oberneuching (Gericht Erding) in sehr armen Verhältnissen, studierte er zunächst in Ingolstadt, ab 1728 in Salzburg. Er wurde Benefiziat in Unterwössen, das zu Grassau gehörte, und 1756 Pfarrer in Grassau, wo er am 23.12.1780 nach 25jähriger Amtszeit im Alter von 79 Jahren starb. In der Inschrift auf seinem Epitaph an der Nordseite des Chorbogens heißt es Vixit Deo et mundum odio habuit (Er lebte für Gott und haßte die Welt). Anders als der »exemplarische Kirchherr« Winkler war Winterholler ein eigenwilliger Mann, der mit seiner Gemeinde gelegentlich ernsthafte Differenzen hatte; doch tat er für die Auszierung seiner Pfarrkirche viel und betrieb mit allen Mitteln ihre Modernisierung, das Zutünchen der Fresken Carnutschs und die Neuausmalung durch einen »moderneren« Maler, wozu er auch finanziell beitrug. In seinem Sterbeeintrag heißt es: »Pastor zelosissimus et vere rectus corde ..., qui ... Ecclesiam parochialem multis, pretiosisque ornamentis ex propriis« (ornavit). Im Testament hinterließ er seiner Pfarrkirche Grassau als Universalerbin 576 fl. »mit der Condition ... das solches Gottshaus erweittert werde«; das mußte allerdings aus Geldmangel unterbleiben.

Autor und Entstehungszeit: Ausmalung 1707 Jacob Carnutsch (* um 1650 Ort unbekannt † 1716 Prien, s. S. 379) 1707 Chronogramm in der Stuckkartusche am Chorbogen DEO (ET MARIAE SOLI / LAVS AC (Honor; = 1707).

Jacob Carnutsch wird in der Kirchenrechnung 1707 (s.o.) für die Ausmalung nicht genannt, sondern nur für die Renovierung des Heiligen Grabs und für Fassarbeiten. Doch sind die erhaltenen Fresken der ersten Ausmalung unverkennbar von seiner Hand, was schon in den fünfziger Jahren durch Peter von Bomhard erkannt wurde, als nur das Bruderschaftsbild EU von der ersten Ausmalung 1707 zu sehen war.

Bis zum Auftreten von Johann Georg Stimpfl (s. S. 379, 383) 1730 war im Gericht Marquartstein kein Maler ansässig; es wurden bis gegen Ende des 17. Jh. meist Maler aus dem Gericht Traunstein beschäftigt. 1683 nennen die Grassauer

Kirchenrechnungen zum ersten Mal zwei Maler aus der näheren Umgebung für die Herstellung eines neuen Heiligen Grabs: Jacob Carnutsch und Joseph Eder. Carnutsch war damals Maler in Prien am Chiemsee, dem Hauptort der an das Gericht Marquartstein angrenzenden Herrschaft Wildenwart, Eder Maler in Frauenchiemsee, das zum Gericht Kling gehörte. 1696 malte Carnutsch - nun schon unter Pfarrer Winkler - den langen, südlich an die Kirche anschließenden Kapellenraum aus (s. S. 77). Für Fassarbeiten und kleinere Malerarbeiten wird er bis 1711 in den Kirchenrechnungen mehrfach genannt. Pfarrer Winkler kannte Carnutsch spätestens seit 1688, als dieser in Sachrang arbeitete

Ausmalung 1766 Johann Nepomuk della Croce (* 1736 Pressano bei Trient † 1819 Linz, s.S. 379) 1766. Signatur in D J della Croce. 1766 Burghusii inve: et Pinxit. Datum in C MDCCLXVI.

Im Jahr 1766 wurde bis auf das Bild EU an der Emporenunterseite die Ausmalung Carnutschs in Grassau zugetüncht bzw. durch 25 neue Fresken ersetzt, deren Autor der Burghausener Maler Johann Nepomuk della Croce war. Della Croce berichtet in einem Brief von 1809 an Felix Joseph Lipowsky über sich selbst: »In primo luogo durante la mia permanenza qui a Burghausen, ho dipinto 6 chiese: Maria Ach, Töttenweis, Heppfau, Matikhofen, Graßach, Postmünster« (dieser Brief war Grundlage für den Eintrag zu Johann Nepomuk della Croce in Lipowskys »Bairischem Künstler und Gelehrten Lexikon« aus dem Jahre 1810, s. Jahresbericht des Salzburger Museum Carolino-Augusteum 1862, S. 62 f.; Goerge 1998, S. 30).

Johann Nepomuk della Croce war seit 1758 als Maler in Burghausen ansässig. Die Ausmalung von Grassau 1766/67 war das erste große Freskenwerk des damals 30jährigen. Seine Anwesenheit in Grassau 1766/67 ist durch das Datum 1766 in Fresko D und durch die Geburt und Taufe seines Sohnes Balthasar (* 1766 † 1768) in Grassau durch Pfarrer Balthasar Winterholler bezeugt (Patin war die Wirtin Maria Theresia Strasser, bei der della Croce und seine Ehefrau vermutlich wohnten). Von seiner Anwesenheit in Grassau 1767 weiß man auch durch eine Beschwerde seines Hausnachbarn Wolfgang Pröbstl in Burghausen (Goerge 1998, S. 47). In zeitlichem Zusammenhang mit der Ausmalung entstanden in Grassau auch die Altarblätter und Auszugbilder der Seitenaltäre, außerdem eine Ecce-Homo-Darstellung, die heute als Seitenaltarblatt dient, und eine Mater Dolorosa. Della Croces Porträt des Pfarrers Balthasar Winterholler befindet sich heute im Heimatmuseum Prien.

Wie della Croce an den Grassauer Auftrag gekommen ist, ist unbekannt. Pfarrer Winterholler war insofern in der Wahl des Malers verhältnismäßig frei, als der im Gericht Marquartstein ansässige unbedeutende Maler Johann Georg Stimpfl für eine so große Freskierung nicht in Frage kam. Nach der Ausmalung von Grassau war della Croce weder im Gericht Marquartstein noch in der Herrschaft Hohenaschau oder den Gerichten Rosenheim, Kling und Traunstein mehr tätig.

Befund

Träger der Deckenmalerei: LHs und AR verschliffenes Kreuzgratgewölbe; S1-3 verschliffene Kreuzgratgewölbe; EU unregelmäßiges verschliffenes Kreuzgratgewölbe unter der Empore

Das Langhausgewölbe

Rahmen: A – C vierpaßförmige Stuckrahmen, bei A und C von Lorbeerblattornament begleitet; bei B als einfaches Stuckprofil; D Stuckrahmen von 1766; A1-2, B1-4, D1-2 Stuckkartuschen; S1-8 kräftige Stuckprofilrahmen mit Muscheln in der Längsachsen; a-m doppelte Stuckkartuschen; EU Stuckprofil Technik: Fresko; sämtliche Decken- und Wandbilder sind polychrom

Maße: A Höhe 10,10 m: 2,70 × 2,95

B Höhe 10,10m; 3,30×3,30

C Höhe 10,10m; 2,70×2,95

D Höhe 10,30 m; 4,55 × 3,09

S1-8 Höhe 7,15 m; 2,00×2,00

EU Höhe 3,00 m; 2,70 × 10,90

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Ausweißen der völlig verräucherten Kirche, an der seit 40 Jahren nichts mehr getan worden war, im Jahr 1854. Restaurierung des Innenraums und der Fresken 1923. Nächste Restaurierungen 1941/43 und 1948/51. Bei Beginn der durchgreifenden Innenrestaurierung 1970/74 war die Kirche samt den Deckenbildern wieder völlig verrußt. Restaurierung der bis zur Unkenntlichkeit verschmutzten Fresken durch Willibald und Alois Stein, Inzell (1970 Chor, 1972/73 Seitenschiffe, 1974 Mittelschiff): Die Fresken della Croces wurden gereinigt und vorsichtig retuschiert, auch das von der Carnutsch-Ausmalung noch vorhandene große Bruderschaftsbild unter der Empore (EU). Die 1766 übertünchten Fresken von Carnutsch 1707 in den Bildfeldern S7-8 sowie in den Kartuschenfeldern A1-2 und a-m wurden freigelegt. 1992 erneute Innenrestaurierung, die wieder durch Willibald und Alois Stein durchgeführt wurde und bei der die Raumfassung erneuert und die Fresken gereinigt wurden. In jüngster Zeit sind in der Kirche Rißbildungen wohl wegen Schwankungen des Grundwasserstandes zu beobachten.

A Hilfe für die Armen Seelen durch das Skapulier (Johann Nepomuk della Croce 1766

Beschreibung und Ikonographie

Pfarrer Winkler beschäftigte sich intensiv mit dem Bildprogramm und bat den Bischof von Chiemsee, »...damit was Fruchtbares, und Nüzliches geschehen möge, mir die Mallerey betreffent, genedigisten Rhat zuertailen, was zur sonderbaren Ehren der allerheiligisten Muttergottes, inbesonders zum heilligen Scapulier gereichen möchte. Es wurden beileiffig in kleine, und grössere Feltungen bei etlich, und dreissig (= mehr als dreißig). Das vornembste meinem Gedenckh nach solte sein, wie der heillige Simon Stockh von der allerheiligisten Himmelskönigin das heillige Kleid, oder Scapulier empfangen. Die merste Stuckh von Unser Lieben Frauen Letanei sind in der Nebencapellen schon herangezogen ... « (AEM, Pfarrakten Grassau, Pfarrkirchenbauten). Das Grundthema der ersten Ausmalung war also Maria und die Hilfe durch das Skapulier. Von dieser Ausmalung ist nicht viel übrig, doch wurden die Themen offensichtlich zum Teil bei der Ausmalung 1766 wieder aufgegriffen

Langhaus

A HILFE FÜR DIE ARMEN SEELEN DURCH DAS SKAPULIER (J. N. della Croce 1766) Ansicht nach O. In Wolken erscheint das Mariengnadenbild von Grassau, einst hoch verehrt und bei Prozessionen feierlich mitgeführt, wie es heute noch in einem Abstellraum vorhanden ist: Maria mit dem Kind auf dem Schoß sitzt auf einem ornamentierten Thronsitz mit Engelsbüsten an den Armlehnen. Mutter und Kind tragen Kronen und reiche goldbestickte barocke Kleidung. Maria hält ein Zepter. Eine helle Glorie hinterfängt das Gnadenbild. Unter den dichten grauen Wolken zu seinen Füßen sieht man in einen Abgrund, aus dem Flammen schlagen – das Fegfeuer. Im Feuer sind drei Arme Seelen angekettet, die in ihrem Schmerz die Gottesmutter um Hilfe anrufen. Von links kommt ein großer Engel, der in der erhobenen Rechten Skapuliere hält, um die Seelen aus dem Fegfeuer zu erlösen.

Dieses Bild erinnert an das >Privilegium Sabbatinum<, das nach alten Vorstellungen auf die Fürbitte Mariens einst von Christus den Karmeliten und den ihnen angeschlossenen Bruderschaften gewährt worden war und das von Papst Johannes XXII. aufgrund einer Marienvision 1322 bestätigt wurde. Es sicherte denjenigen Bruderschaftsmitgliedern, die beim Sterben mit dem Skapulier bekleidet waren, die Befreiung aus dem Fegfeuer am nächsten auf den Tod folgenden Samstag zu – und es war natürlich auch für die Mitglieder der Grassauer Skapulier-Bruderschaft eine Heilshoffnung (das Privilegium Sabbatinum war schon am Ende des 17. Jh. umstritten und spielt heute keine Rolle mehr). Die Themen der Begleitbilder A1-2 lassen vermuten, daß sich das ursprüngliche Hauptfresko von Carnutsch 1707 mit dem gleichen Thema beschäftigt hat.

A1-2 DAS SKAPULIER ALS HEILSMITTEL (J. Carnutsch 1707, 1974 freigelegt) In den beiden annähernd herzförmigen Kartuschen, die östlich von Fresko A an den Gewölbezwickeln sind, befinden sich Darstellungen noch aus der ersten Ausmalungszeit.

A1 DAS SKAPULIER ALS HEILSMITTEL FÜR ALLE Vor bergiger Landschaft erscheint Maria in Wolken, in der Hand das Skapulier. In der Gruppe von fünf Menschen unter ihr sollten offensichtlich alle Stände vertreten sein: Klar erkennbar sind ein König und ein Bischof, die schwarze Gestalt zwischen ihnen soll wohl ein Mönch sein, links erkennt man eine Frau und einen Bauern. Inschrift auf einem Schriftband unter der Szene PRO OMNIBUS OMNIA (Für Alle Alles).

A2 DAS SKAPULIER ALS SCHUTZ AUF REISEN Das Bild zeigt eine hügelige Wiesenlandschaft mit sechs bäuerlichen Menschen, von denen einer mit gefalteten Händen auf einem geschlängelten Weg unterwegs ist. Die andern blicken zum Himmel, wo Maria erscheint und ihnen Skapuliere nach unten reicht, die sie mit ausgestreckten Armen erwarten. Inschrift in einem Schriftband unter der Szene PER ME TUTISSIMUS IBIS (Durch mich wirst du ganz sicher gehen).

B ANBETUNG DER KÖNIGE (J. N. della Croce 1766) Ansicht nach O. Die Szene spielt auf einer stark geschwungenen Rampe im Vordergrund, über der sich rechts ein Pfeiler und ein gemauertes Podest erheben; der Boden des Schauplatzes fällt nach hinten steil ab. Diese Konstruktion ist stark untersichtig. Die Figurenkomposition dagegen ist es weit weniger. Maria steht hinter einem steinernen Sockel, auf dem sie das Jesuskind den drei Königen präsentiert, die von rechts herangekommen sind. Zuvorderst kniet der greise, weißbärtige Balthasar mit einem Hermelinkragen über dem Mantel und überreicht dem Kind als Geschenk ein goldenes Kästchen mit Gold und Perlen. Hinter ihm steht hochaufgerichtet, mit Turban und weitem Mantel vor dem hellen Bildgrund eine reizvolle Silhouette bildend, der Mohrenkönig Kaspar mit einem goldenen Weihrauchgefäß in Händen. Melchior ist im Hintergrund zu sehen, auch er eine schöne Figur, das jugendliche Haupt zurückgeworfen, die goldene Krone in den dunklen Locken. Hinter Maria stehen Joseph mit dem grünenden Stab und hinter den Königen zwei Soldaten mit Hellebarde und Lanze. Vor dem weiten hellblauen Himmel schwebt neben dem Stern von Bethlehem ein Putto mit roter Draperie. Unter den Fresken della Croces in Grassau ist dieses Bild mit Abstand das anziehendste, sowohl was die Komposition der bewegten Figurenszene vor dem hellen Himmel als auch was die lichte Buntfarbigkeit betrifft. Reizend ist die Gruppe vor Maria und dem lieblichen Jesusknaben, phantasievoll und malerisch die Gruppe der Könige. Die Wahl des Themas, das mit der Skapulier-Thematik der übrigen drei Hauptbilder nichts zu tun hat, erklärt sich daraus, daß Balthasar der Namenspatron Pfarrer Winterhollers war. Das Altarblatt seines Hausaltars zeigte ebenfalls die Anbetung der Könige von della Croce {ZITAT|123}.

I-4 VIER EVANGELISTEN (J. N. della Croce 1766)

An den Gewölbezwickeln des LHs-Gewölbes sind um das Hauptbild B in vier annähernd herzförmigen Kartuschen die Evangelisten in Halbfigur dargestellt. In zwei Bildern ist ein Schauplatz angedeutet, eine Säule mit Draperie (B,) und ein Baum (B).

I LUKAS

Er hat auf dem Haupt einen malerischen Turban, der an seine Eigenschaft als Maler und Porträtist der Gottesmutter erinnert, hält im Schreiben inne und blickt nach oben. Neben ihm ist der Stier dargestellt.

2 MATTHAUS

Er sitzt an einem Tisch und schreibt in ein geöffnetes Buch. Ein großer Engel neben ihm hält ihm das Tintenfaß und mit hocherhobener Hand eine zweite Schreibfeder.

3 MARKUS

Er ist wie Lukas und Matthäus als graubärtiger Mann dargestellt, an einer rot drapierten Säule sitzend, deren Basis er das Buch hält, in dem er schreibt. Er hat die Linke weisend erhoben. Bei ihm ist der Löwe.

4 JOHANNES

Er erscheint als Jüngling mit langen braunen Locken unter einem Baum. Er hält über den beschriebenen Seiten seines Buches den Kelch mit der Giftschlange, sein Attribut, und segnet ihn. Der Adler, das Evangelistensymbol, attackiert die Schlange.

C UBERGABE DES SKAPULIERS AN EINEN FÜRSTEN (J. N. della Croce 1766)

Vor einer angedeuteten Nische mit links abschließender Säule und dunkler, baldachinähnlicher Draperie erscheint ein Geistlicher in Chorkleidung, mit einem kostbaren Chorhemd aus Spitzen über dem schwarzen Habit. Auf der Brust trägt er eine Art Ordensstern an rot-weißem Band, auf dem zu lesen ist BALTA/SAR / WINTER HOLLER / P. G. (Parochus Grassaviensis). Dies und die sehr individuellen Gesichtszüge weisen ihn als Pfarrer Balthasar Winterholler aus, den Auftraggeber der Ausmalung 1766. Er hält ein reichverziertes goldenes Skapulier in Händen und reicht es einem Mann in Ritterrüstung, der vor ihm kniet und sich tief vor dem Skapulier neigt. Durch den hermelingefütterten Mantel und die Ordenskette des Goldenen Vlieses ist der Kniende als Fürst gekennzeichnet. Auf einem roten Samtkissen liegen vor ihm ein Zepter (nur der Griff ist sichtbar) und eine prachtvolle goldene Krone mit Reichsapfel und Kreuz als oberem Abschluß, die aber der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches nur ähnelt.

Der Pfarrer ist von einem Ministranten begleitet; neben ihm ist der Kopf eines dunkelhaarigen Mannes sichtbar. Zwei junge Pagen in blau/goldener Livree stehen rechts an den Stufen, einer mit zwei langen Kerzen, einer mit einer goldenen Schale, auf der er wohl das goldene Skapulier gebracht hat. Der Fürst ist begleitet von drei vornehmen Herren, einer davon ebenfalls mit Hermelin über der Rüstung und goldener Ordenskette. Dieser hält zusammen mit dem neben ihm mehr im Hintergrund stehenden Herrn eine mit roten Steinen besetzte goldene Zackenkrone hoch, sowie einen Marschallstab, während der Herr links schwarz gekleidet ist.

B Anbetung der Könige (Johann Nepomuk della Croce 1766)

[[File:Band11_chunk002_p007_img001.jpg|thumb|C Ubergabe des Skapuliers an einen Fürsten (Johann Nepomuk della Croce 1766)]

Inschrift auf der unten im Bild quer verlaufenden Stufe: BONVM OMEN, SI DAS NOMEN / MDCCLXVI (Gutes Vorzeichen, wenn Du beitrittst 1766).

Das Bild stellt den Eintritt einer fürstlichen Person in die Skapulierbruderschaft und die Verleihung des Skapuliers durch den Grassauer Pfarrer Winterholler dar. Bisher wird die Figur als Kurfürst Max III. Joseph gedeutet (Goerge 1998, S. 49–52). Die Krone im Vordergrund deutet Goerge als Kaiserkrone und sieht in ihrer Zuordnung zum Fürsten den Ausdruck des bayrischen Anspruchs auf die Kaiserwürde. Dem kann man nicht zustimmen. Der Kurhut, das Würdezeichen des bayrischen Kurfürsten, war jedem Pfarrer und jedem Maler bekannt, und er wäre dem dargestellten Fürsten zugeordnet worden, wenn es sich um Max III. Joseph handelte. Außerdem war der bayrische Anspruch auf die Kaiserkrone 1766 längst nicht mehr aktuell. Eine Mitgliedschaft des bayrischen Kurfürsten in der Grassauer Skapulier-Bruderschaft wäre außerdem wohl bekannt.

Zweifelsfrei zu deuten ist die Szene nicht, doch soll eine Möglichkeit angedeutet werden: In dem Fürsten könnte Johann Maximilian V. Franz Xaver von Preysing-Hohenaschau dargestellt sein. Er wurde als zweiter Sohn des Johann Carl Joseph Graf von Preysing, Generalfeldzeugmeisters und Statthalters von Ingolstadt am 21.2.1736 geboren und zunächst zum geistlichen Stand bestimmt. Neunzehnjährig wurde er nach dem Tod seines Bruders Johann Ferdinand Erbe seines Onkels, des kinderlosen Max IV. von Preysing-Hohenaschau († 1764). Nach dem Studium in Straßburg und einer Kavalierstour durch Frankreich und die Niederlande wurde er am Hof Max III. Josephs Kammerherr, 1758 Angehöriger des Hofrats, Mitglied des Georgi-Ritter-Ordens und heiratete 1762 Maria Theresia Gräfin von Seinsheim. 1764 erbte er die Herrschaft Hohenaschau mit Neubeuern, Brannenburg etc., wurde 1767 Hauptpfleger von Rosenheim und 1770 durch den Tod seiner Mutter Reichsritter der Herrschaften Rechberghausen und Ramsperg in Schwaben und damit reichsunmittelbares Mitglied auf der schwäbischen Grafenbank im Reichstag. Diese Würde der Reichsunmittelbarkeit war für Max V. Preysing zwar 1766 noch nicht eingetreten, stand aber doch in Aussicht.

Außerdem nahmen die Grafen von Preysing-Hohenaschau wegen ihrer großen Herrschaften, ihrer hohen Hofstellungen und ihres alten Geschlechts in Kurbayern eine herausgehobene Stellung ein. Der Orden des Goldenen Vlieses, der Hermelin und vor allem die Herrschaftszeichen Zepter und Krone standen ihnen allerdings nicht zu. Vielleicht ist das auf eine Unsicherheit des Malers zurückzuführen. Ob allerdings Max V. von Preysing-Hohenaschau Mitglied der Grassauer Skapulier-Bruderschaft war und mit dem Beitritt (si das nomen) gute Aussichten (bonum omen) für sein ewiges Heil erlangte, ist nicht bekannt. Möglicherweise sollte mit dem Bild nur gesagt werden, daß das Skapulier auch höchsten Herrschaften zum Heil gereiche.

Rätselhaft bleibt die Figur des Pfarrers Balthasar Winterholler. Sich an dieser prominenten Stelle in dieser Pose vor dem knienden Fürsten (auch wenn dieser vor dem Skapulier kniet) darstellen zu lassen, das war eine ungewöhnliche Anmaßung.

Chor

D BRUDERSCHAFTSBILD (J. N. della Croce 1766). Anstelle des heutigen großen, zwei Joche übergreifenden Bildfelds im Chor waren dort bis 1766 zwei Bildfelder mit Fresken von Jacob Carnutsch 1707. Bei der Neuausmalung durch Johann Nepomuk della Croce wurde an ihrer Stelle das neue große Bildfeld angebracht.

Maria mit dem Kind erscheint auf einem hohen Thronaufbau. Das Kind steht vor ihr, am Arm von der Mutter gehalten, und hält ein Skapulier an weißem Band hoch. Auch Maria hält ein Skapulier an sich gedrückt. Die Dominanz dieser Gruppe wird noch gesteigert durch den großen Engel, der hochaufgerichtet hinter ihr erscheint, eine Schale hochhält, die gefüllt ist, mit Skapulieren hochhaltend. Rechts von Maria, etwas unterhalb, ist ein weißbärtiger Mann in dunkelblau/violettem Gewand dargestellt, ohne alle Attribute, der vom Typ und von seiner herausgehobenen Stellung her eigentlich nur der hl. Joseph sein kann. Auf der linken Seite, wiederum etwas tiefer, ist im graubraunen Habit der Karmeliter der hl. Simon Stock zu sehen, der einer Dame ein goldenes Skapulier an blauem Band reicht. Diese gehört zur untersten Personengruppe des Bildes, die zwei vornehme Damen, eine gutgekleidete junge Bürgerin, ihren Mann und im Hintergrund den Kopf eines tiefgeneigten Mannes umfaßt.

Die beiden Damen sind historische Persönlichkeiten, die Marquartsteiner Pflegerin Juliana von Notthafft zu Weißenstein und ihre Schwiegertochter Maria Magdalena (s. u.), die zusammen im Jahr 1700 die Skapulier-Bruderschaft in Grassau gestiftet haben. Für das Paar hinter ihnen bietet sich die Deutung auf den Pflegsverwalter Achaz Wilhelm Wächinger und seine Ehefrau an. Daß es sich um Marquartsteiner Personen handelt, zeigt auch die Kirche auf hohem bewaldetem Berg. Sie stellt allerdings kaum die Pfarrkirche Grassau dar, eher die Schloßkirche St. Veit in Marquartstein.

Es handelt sich auf dem Bild eigentlich um zwei Gründungsszenen: Erstens um die Verleihung des Skapuliers an den Karmeliterpater Simon Stock durch Maria am 16.7.1251 in Cambridge zunächst als Auszeichnung des Karmelitenordens. Aus dem Skapulier wurde dann ein Gnadenmittel und Unterpfand des Heils für die Angehörigen der Skapulier-Bruderschaften. Diese Szene der Verleihung umfaßt in der Bildtradition nur Maria mit dem Kind und Simon Stock (von Engeln und Armen Seelen abgesehen). Das Grassauer Bild erinnert aber mit den beiden Damen Notthafft von Weissenstein auch noch an die Gründung der Skapulier-Bruderschaft in Grassau im Jahr 1700. Das läßt vermuten, daß das Thema von Fresko D aus zwei Bildthemen der ersten Ausstattung kombiniert wurde: Pfarrer Winkler (s. o.) schreibt, die Darstellung Simon Stocks (also die Verleihung des Skapuliers durch Maria) müsse an den wichtigsten Platz – das war der Chor. Das zweite 1707 im Chor gemalte Bild könnte dann die Gründung der Bruderschaft in Grassau zum Thema gehabt haben.

Inschrift in einer gemalten Kartuschenrahmung unten im Bild: Der H: Simon Stockb er=thailt das von B:V: Maria Empfangne Privilegi: den Marianischen pfleg Kindern.

D--, HILFE DURCH DAS SKAPULIER BEI KRANKHEIT UND TOD (J. N. della Croce 1766). Zwei kleine hochovale Darstellungen begleiten das Hauptbild.

D1-2 Hilfe durch das Skapulier bei Krankheit und Tod

LANDKREIS TRAUNSTEIN · GRASSAU

W Hieronymus
Bruderschaftsbild (Johann Nepomuk della Croce 1766)
W4 Augustinus

D. HILFE BEI KRANKHEIT Auf einem Podest ist ein nackter Mann halb sitzend dargestellt, um die Hüften nur ein Tuch, hinter ihm eine reich gekleidete Frau, die weinend ein Tuch an die Augen führt. Der Kranke blickt flehend zu Maria auf, die am Fuße einer drapierten Säule sitzt und das Kind auf dem Schoß hält. Sie und das Jesuskind reichen dem Kranken ein Skapulier.

D. HILFE BEIM STERBEN Ein halbnackter Mann ist halb liegend, totenblaß und mit geschlossenen Augen dargestellt - ein Sterbender. Er hat das Skapulier um den Hals hängen. Eine trauernde Frau ist neben ihm zu sehen. Diesem Paar erscheint Maria mit dem Kind und weist zum Himmel. Die Geste weist darauf hin, daß das Skapulier all denen, die es beim Sterben trugen, einen guten Tod und die ewige Seligkeit verhieß.

Langhaus-Hochwände

W1-4 VIER KIRCHENVÄTER (J. N. della Croce 1766) An den Hochwänden des LHs über den Arkaden der drei vorderen Joche befinden sich im ersten und dritten Joch Ornamentkartuschen mit Medaillons der Vier Kirchenväter.

W1 GREGOR DER GROSSE Papst Gregor der Große ist in einem prächtigen Rauchmantel dargestellt, auf dem Haupt trägt er eine rote anliegende Kappe, neben ihm sind Tiara und der dreifache Kreuzstab des Papstes zu sehen, auf seinem Schoß liegt ein offenes Buch. Neben seinem Ohr erscheint die Taube des Heiligen Geistes. Sie ist Symbol der göttlichen Inspiration und gleichzeitig Gregors Attribut.

W2 HIERONYMUS Er kniet als Büßer an einem Tisch, mit grauem Bart und nacktem Oberkörper, den Blick zum Himmel gerichtet. In Händen hält er ein offenes Buch und einen Totenkopf.

W3 AMBROSIUS Er ist an einem goldornamentierten Podest dargestellt, in bischöflichem Ornat, mit Mitra und Stab. Er blickt in das Buch, das er in Händen hält. Neben ihm ist als sein Attribut der Bienenkorb zu sehen.

W4 AUGUSTINUS Er trägt den bischöflichen Ornat und hat neben sich Mitra und Stab. Er richtet die Augen zum Himmel und weist auf den Text in seinem Buch (nicht lesbar). Das brennende Herz auf seiner Brust ist Zeichen seiner Liebe zu Gott.

W5-6 JOHANN NEPOMUK UND SEBASTIAN (Johann Nepomuk della Croce 1766) In den Kartuschenfeldern des mittleren Jochs sind Brustbilder von Heiligen zu sehen.

W5 JOHANN NEPOMUK Er ist an einem Tisch dargestellt, in Chorkleidung, um das Haupt den Kranz aus sieben Sternen. Mit beiden Händen umfaßt er einen Kruzifixus, den er anblickt, sowie eine Martyrerpalme. Vor ihm liegt auf dem Tisch ein Buch und darauf ein Totenschädel. Kruzifix, Palme, Buch und Sternenkranz sind übliche Attribute Johann Nepomuks, der Totenschädel nicht.

W6 SEBASTIAN Er ist mit nacktem Oberkörper dargestellt und hat nur einen roten Mantel um die Schultern. Er blickt nach oben und hat die Linke aufs Herz gelegt. In der Rechten hält er als Attribut zwei Pfeile. Der Baum hinter ihm erinnert ebenfalls an sein Martyrium.

Seitenschiffe, Gewölbe

Die beiden Seitenschiffe haben je vier Gewölbejoche mit vierpaßförmigen Bildfeldern (S1-8). In zweien dieser Bildfelder (S5 und S8), die im Bereich der Empore liegen, sind die Deckenbilder Carnutschs von 1707 noch erhalten. Die übrigen sechs (S1-6) wurden 1766 von della Croce neu gemalt.

S1-6 BIBLISCHE SZENEN (J. N. della Croce 1766) Der Bildschauplatz ist bei allen sechs Bildern gleich konstruiert: ein steil ansteigender kahler oder bewachsener Felsen, dem Rahmen folgend seitlich hochgezogen, der zum Hintergrund hin wieder abfällt und so nur eine seichte Rampe als Handlungsbühne bildet. S1-5 zeigen Szenen aus dem Alten Testament, S6 eine aus der Apostelgeschichte.

Ein übergreifender Gedanke bei dieser Reihe ist das Thema der göttlichen Gegenwart und des göttlichen Eingreifens, doch ergibt sich daraus kein eigentlich stringenter ikonologischer Zusammenhang. S1 und S2 bringen Verweise auf die Eucharistie, ein Thema, dem man im weiteren Sinn auch S3 und S4 zuordnen kann, doch wird dieser Gedanke in den übrigen Bildern nicht weitergeführt.

Nördliches Seitenschiff von O nach W

S1 DAVID ERHÄLT VON ACHIMELECH DIE SCHAU BROTE (1 Sam 21,2) Inschrift Gib mir ein Prod L.i.Reg.C.21. Auf der Felsenbühne mit einem Busch links steht ein junger Krieger mit Helm, Rüstung und Lanze. Die Linke streckt er bittend aus zu dem bärtigen Hohenpriester neben ihm, der ein lichtumstrahltes Brot hochhält und mit der Rechten drauf weist.

David kam mit seinen Leuten zum Priester Achimelech und bat ihn um Brot. Achimelech hatte kein gewöhnliches Brot vorrätig, sondern nur die geweihten Schaubrote, »die man von dem Angesicht Jahwes wegnimmt, um frische Brote aufzulegen an dem Tage, da man sie wegnimmt«, und die man nur in Zustand ritueller Reinheit essen durfte. Der Priester fragte David, ob sich seine Leute von Frauen ferngehalten hatten, was David versicherte, woraufhin Achimelech die Schaubrote herausgab. Der Sinn der Darstellung ist klar: Die Schaubrote sind hier typologische Vorbilder der Eucharistie, die man nur im Zustand der Gnade empfangen darf.

S2 MANNAREGEN (Ex 16) Inschrift Himel Prod Ex. cap. 16. Über einem felsigen Bildvordergrund ragt ein großes metallenes Becken auf, in das eine Frau aus ihrer weißen Schürze kleine runde Brote gleiten läßt. Ein junger Mann rechts reicht ihr ein weiteres Brot, mit einer Miene größten Erstaunens. Links steht Moses, kenntlich an den beiden Strahlen auf seinem Haupt, mit dem Stab an einen Felsen gelehnt und weist zum Himmel, aus dem drei weitere semmelförmige Brote fallen.

Sowohl die Gestalt des Moses als auch die Inschrift machen klar, daß mit diesen kleinen Broten das Manna gemeint ist, mit dem Gott in der Wüste sein Volk speiste. Der Stab und der Felsen sind wohl Hinweis auf das Wasser, das Moses aus dem Felsen schlug, um das Volk vor dem Verdursten zu bewahren. Das Manna wird schon in den Paulusbriefen als alttestamentlicher Verweis auf die Eucharistie zitiert. Zusammen mit dem Wasser aus dem Felsen ist es Präfiguration von Fleisch und Blut Christi in der Eucharistie

S3 JAKOB RINGT MIT DEM ENGEL (Gen 32,26) Inschrift Ich Will dich Nit Gehen Lassen / du habest mich dann zuvor Gesegnet./ genes. C.32. V.26. Auf einer felsigen Landschaftsbühne mit Bäumen im Hintergrund ringt Jakob mit dem Engel. Jakob ist als schon bärtiger Mann mit lebhaft bewegtem Mantel und wild flatterndem Haar dargestellt, der den Engel mit äußerster Kraft umklammert. Der Engel seinerseits lächelt, während er ohne Anstrengung standhält. Jakobs Kampf mit dem Engel ist ein Ringen mit Jahwe, in dem Jakob den Segen Jahwes erzwingt.

Südliches Seitenschiff von O nach W

S4 OPFERUNG ISAAKS (Gen 22, 1-18; die wohl ursprünglich vorhandene Inschrift fehlt) Der junge Isaak ist entkleidet und mit gefalteten Händen auf dem Holzstoß dargestellt, der als Brandopferaltar dienen soll. Abraham hinter ihm schwingt das Schwert, um ihn zu opfern. Ein Engel erscheint und hält Abrahams Hand mit dem Schwert fest. Mit der Linken weist der Engel zum Himmel.

Nachdem Abraham anstelle seines Sohnes einen Widder geopfert hatte, sprach der Engel zu ihm: »Ich schwöre bei mir selbst - Spruch Jahwes –, weil du dies getan und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dich reichlich segnen. Ich werde deine Nachkommenschaft zahlreich machen wie die Sterne des Himmels...«.

S5 DAS OPFER ABELS/KAIN ERSCHLAGT ABEL (Gen 4,3–12; Inschrift fehlt) Öde, höhlenartige Felsschlucht. Rechts oben sieht man das nach oben flammende Feuer Abels, das von Jahwe gnädig aufgenommen wurde. Abel liegt in kühner Verkürzung mit ausgestreckten Gliedern vor Kain am Boden. Sein Lockenhaupt blutet aus einer Wunde am Hinterkopf, Gesicht und Körper sind totenbleich, die Augen halb geschlossen, die Brust zeigt Blutspuren. Kain, eine wilde nackte Gestalt mit verzerrtem Gesicht und rollenden Augen, steht über ihm und holt mit der Keule aus, um ihn vollends zu erschlagen. Abels Opfer, das von Gott angenommen wird, ist alttestamentliches Vorbild der Eucharistie.

S6 BEKEHRUNG PAULI (Act 9,1-8) Über einer dunklen Vordergrundszone mit Strauchwerk in der Mitte ist eine bewegte Szene dargestellt. Ein Mann in Harnisch, Kniehosen und weißen Strümpfen reitet auf einem Pferd und wird von einem Blitzstrahl getroffen, der von dem Jahwe-Zeichen am Himmel ausgeht. Er wirft vor Schrecken die Arme hoch, das Pferd bäumt sich wild auf. Die Begleiter des Mannes, drei Männer am rechten Bildrand und ein junger, reich gekleideter und mit einem Schwert bewaffneter Mann hinter ihm, weichen voller Entsetzen zurück.

Zwar fällt die Szene insofern aus der Reihe, als sie als einzige ein neutestamentliches Geschehen schildert, auch ist die Gestalt des Paulus nicht ganz in der ikonographischen Tradition und die Erscheinung Christi als Auge in einem Dreieck auch nicht - trotzdem handelt es sich hier mit ziemlicher Sicherheit um das Geschehen bei Damaskus

S7-8 DAS SKAPULIER ALS SCHUTZ (J. Carnutsch 1707) Diese Deckenbilder Carnutschs wurden 1766 nur übertüncht, aber nicht neu übermalt. Sie gehören zum ursprünglichen Skapulier-Zyklus. Man kann annehmen, daß die ehemaligen Bilder S1-6 ähnlich gestaltet waren wie S7-8.

S7 HOC TEGMINE TVTVS (Unter diesem Schutz sicher) Das Bild im N zeigt eine große weite Halle mit Arkadenöffnungen und einer Balustradenarchitektur im Hintergrund. Ein roter Baldachin spannt sich über den Saal. Hier liegen in zwei Doppelbetten zwei Paare, jeweils Mann und Frau. Aus dem Himmel kommen gezackte rote (Blitz)Strahlen und fallen auf die Menschen in den Betten. Während Mann und Frau im linken Bett davon getroffen werden, hält der Mann im rechten Bett als Abwehrmittel ein Skapulier hoch und wird nicht getroffen, die neben ihm liegende Frau jedoch schon.

S6 Bekehrung Pauli

S8 HOC TERRET ACCIPITREM (Das schreckt der Habicht) Das Bild im S zeigt eine Landschaft mit Bäumen und einem großen Haus links. Am Haus hängt ein Vogelkäfig, über dem eine blecherne Windfahne angebracht ist. In der Luft schwebt ein Raubvogel. Unten stehen sich zwei Gestalten gegenüber: ein Teufel und eine Seele. Die Seele ist in Menschengestalt gegeben, nackt und nur mit einem weißen Tuch teilweise umhüllt. Sie hält dem Teufel das Skapulier vor. Der Sinn dieser emblemähnlichen Darstellung ist: wie eine Windfahne am Vogelkäfig den Habicht abschreckt, so schreckt das Skapulier den Teufel von der Seele ab, und er hat keine Gewalt über sie.

a-m DAS WIRKEN DES SCHUTZENGELS (J. Carnutsch 1707) An den Gewölben der Seitenschiffe befindet sich zwischen den Hauptbildern jeweils ein Kartuschenpaar, dessen Darstellungen sich gegenüberliegen und mit dem Kopf aneinanderstoßen. Sie haben jeweils kurze Inschriften. Die Bilder bilden einen Zyklus über das Wirken des Schutzengels, der thematisch mit dem Skapulier-Zyklus nichts zu tun hat, in dem aber doch gelegentlich auf das Skapulier angespielt wird. Er beginnt an der Ostseite des südlichen Seitenschiffs mit der Annahme des Neugeborenen durch seinen Schutzengel, geht von dort nach Westen mit dem Wirken des Schutzengels in der Kindheit und im nördlichen Seitenschiff von Westen nach Osten, wo er mit dem Beistand beim Sterben endet

Der Schutzengelkult war 1707 noch ein verhältnismäßig junger Kult, vor allem von den Jesuiten gefördert. Das Schutzengelfest wurde von Paul V. 1608 erst für die Länder des Heiligen Römischen Reichs und von Clemens X. 1670 für die ganze Kirche vorgeschrieben. Theologisch formuliert wurde die Lehre vom Schutzengel durch Jeremias Drexel SJ (* 15.8. 1581 Augsburg † 19.4. 1638 München), seit 1598 Mitglied der Societas Jesu und seit 1615 Hofprediger in München, dem bedeutendsten asketischen Schriftsteller des 17. Jh. in Deutschland. In seiner Schrift »Horologium Auxiliaris Tutelaris Angeli«, München 1621 (im Folgenden zitiert nach Jeremias Drexel, Opera, München 1628, S. 146-227, besonders S. 197-203, »Consideratio IVta. Angelorum in homines officia«) entwickelt Drexel die Lehre vom Schutzengel, ausgehend von der Geschichte von Tobias und dem Engel (Tob 5,4- 11,21), und sich außer auf die Bibel nur auf die Kirchenlehrer stutzend.

Möglicherweise lag in Grassau beim Verfassen des Programms eine volkstümlichere Schrift vor, doch war Pfarrer Winkler mit Sicherheit fähig, aus Drexels Text sein Bildprogramm zu entwickeln. Die Hilfe, die Winkler für das Programm beim Bischof von Chiemsee erbeten hatte (s.o.), kam - wenn sie kam - kaum vom Bischof, sondern vom Augustiner-Chorherrenstift Herrenchiemsee, zu dem Winkler gute Beziehungen hatte seit seiner Zeit als Pfarrvikar der dem Stift inkorporierten Pfarrei Niederaschau.

a/b ANNAHME DES KINDES UND ANREGUNG ZUM GUTEN Nach Drexel ist dem Kinde im Mutterleib schon ein Engel als Schutzengel bestimmt: »Infans materno utero vix prodit, et en adest Angelus, quem ei Deus in tutelam assignavit ab aeterno... Nascentes nos in suam fidem recipit...« (S. 198). Im Augenblick der Geburt ist also der Engel zur Stelle, den Gott dem Kind als Schutzengel seit Ewigkeit bestimmt hat. Er nimmt das Kind in seinen Schutz und führt es auf den Weg des Heils.

a SVSCIPIT (Er nimmt an) Sinngemäß vorausgehend die Inschrift auf dem Schriftband über der Szene: S. ANG/ELVS CVSTOS CLIENTEM / SVVM (Der Schutzengel nimmt sich seines Schützlings an; dieser Satzanfang bezieht sich auch auf alle weiteren Verben: excitat, sublevat, offert ... usw.). In einem Innenraum, angedeutet durch Fenster und Draperien, steht eine Wiege mit einem Säugling. Ein Engel beugt sich über das Kind. Aus Wolken, die eingedrungen sind, fällt ein Skapulier herunter. Hier ist dargestellt, wie der Schutzengel das Neugeborene als ihm anvertrauten Schützling annimmt und gleichzeitig das Kind das Skapulier als Heilsgarantie erhält.

b EXCITAT (Er regt [zum Guten] an) Säulengetragener gewölbter Raum. In einem reich ausgestalteten Himmelbett liegt ein kleines Kind, die Händchen gefaltet. Der Schutzengel steht neben dem Bett und zeigt zum Himmel, das kleine Kind zum Gebet anleitend.

c/d HILFE UND WEISUNG DURCH ENGEL Dem Schutzengel ist nach Drexel das körperliche und seelische Heil des Kindes anvertraut: »In periculis omnibus tuetur« (S. 200).

S7-8 Das Skapulier als Schutz (Jacob Carnutsch 1707)

LANDKREIS TRAUNSTEIN · GRASSAU l/m SCHUTZ VOR DEM TEUFEL UND GELEIT ZUM HIMMEL »In mortis luca defendit. Non est quod quis addu bitet ... Angelos adfuisse in morte, qui eum post mortem tan honorificis exequiis detulerunt, in sinum optimi Patris- (S. 202). Auch beim Tod der ihnen Anvertrauten sind di Schutzengel zugegen und bringen sie in den Schoß Gottes. De gute Tod ist Anliegen der Skapulierbruderschaft.

g/h Anleitung zum sittsamen Leben; i/k Rat und Hilfe auf dem Lebensweg; l/m Geleit zum Himme
a-m Das Wirken des Schutzengels (Reihenfolge jeweils von oben nach unten

l TUETUR (Er beschützt) Hier ist ein älterer Mann zu sehen, der an einem Tisch kniet. Hinter ihm steht der Schutzengel, der in der Rechten das Skapulier hält und den Teufel, der im Hintergrund erscheint, damit abwehrt.

m COMITAT/VR (Er begleitet) Leeres Himmelbett, übe dem rechts der Schutzengel erscheint, der die Seele des Ver storbenen in Händen hält und zum Himmel trägt.

Nördliches Seitenschiff, Nordwand

NW1-, MARIA ALS HELFERIN UND FURBITTERIN (J. Carnutsch 1707) Zwischen den Fenstern befinden sich an der Wand des nördlichen Seitenschiffs unter dem Gewölbeansatz extrem breite und niedrige Kartuschen. Aus den Akanthusrahmen wachsen jeweils seitlich des Kämpfers Blattranken empor und rahmen sie. Diese Bilder sind zwischen dem ersten und zweiten Joch (NW1) sowie zwischen dem zweiten und dritten Joch (NW,), Zählung von O nach W.

NW3-4 Fragmente Am Seitenaltar im O und an der Empore im W der Nordwand sind entsprechend zwei angeschnittene Bildfelder: im Osten vom nördlichen Seitenaltar überschnitten (Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten?), im W von der Empore halbiert (Mann auf einem Esel).

NW, MANNA UND SKAPULIERE ALS HIMMLI- SCHER SEGEN Das Bildfeld ist durch eine Art Mauer mit Tor zweigeteilt. Links strecken Menschen die Hände zum Himmel aus, von dem das Manna in Form kleiner weißer Bällchen fällt. Eine Frau trägt das gesammelte Manna zum Haustor

An der rechten Seite sind Bauern zu sehen, Männer, Frauen und ein Kind, die die Arme nach den Skapulieren ausstrecken, die Maria aus den Wolken nach unten wirft. Eine Frau im Vordergrund hebt ein Skapulier auf. Die Inschrift ist nicht erhalten bis auf die Buchstaben SAT in einem Schriftband über der Szene. Der Sinn ist klar: Wie das Manna die Juden in der Wüste rettete, so rettet das Skapulier, von der Gottesmutter verliehen, die Menschen aus vielen Nöten.

NW, ABIGAIL VOR DAVID/MARIA VOR CHRISTUS Die alttestamentliche Szene links zeigt eine kniende Frau vor einem orientalischen Herrscher. Sie ist begleitet von einer Magd, die eine große Amphore hält, und einem Knecht, der einen Esel führt. Der Herrscher weist auf Soldaten, die ihm folgen. Es handelt sich um die Szene, in der Abigail König David versöhnt (1 Sam 25, 2-35). Abigails Ehemann Nabal hatte König David schwer beleidigt und David machte sich mit seinen Kriegern auf, um sich zu rächen. Da kam ihm Abigail auf einem Esel und mit Geschenken entgegen und versöhnte ihn. Diese Szene ist ein beliebter Antetypus für Maria als Fürbitterin: Wie Abigail bei David Verzeihung und Verschonung für ihren Mann Nabal erlangte, so erlangt Maria bei Christus Verzeihung und Verschonung für die sündigen Menschen.

SW. Petrus

Maria tritt auf der rechten Seite des Bildes auf: Christus erscheint als Strafender in den Wolken, er schwingt das Richtschwert und die Geißel. Auf Erden ist eine Landschaft mit Stadt und einem flehenden Mann zu sehen. Eine Zwischenstellung nimmt Maria ein, erhöht über der Erde vorn am Bildrand die Arme bittend erhoben. Sie ist von zwei nicht zu identifizierenden Figuren begleitet (ein Engel?). Inschrift in einer Schriftband über der Szene NIHIL NEGANS TE HONO RAT (Er ehrt dich, indem er dir nichts verweigert).

NW, Maria als Helferin und Fürbitterin

Inneres Südliches Seitenschiff, Südwand

SW1-3 WANDBILDER (J. N. della Croce 1766) An der Längswand des südlichen Seitenschiffs sind drei hochformatige Fresken. Zählung von O nach W. Obwohl die drei Bilder auf den ersten Blick inhaltlich ohne Zusammenhang sind, stellen die Inschriften einen Sinnzusammenhang her: Der sündige Mensch ist der Gnade Gottes bedürftig: er kann sich nicht einmal des gegenwärtigen Tages sicher sein (SW1), muß stets der Todesstunde gewärtig sein, in der er im Stand der Gnade gefunden werden muß (SW2) und ist verloren, wenn er im Fall der Sünde nicht noch Zeit hat, in der er bereuen und die Gnade Christi wieder erlangen kann wie Petrus (SW3). In dieser Hinsicht lassen sich die Bilder einem Grundgedanken beider Ausmalungen, dem von Hilfe und Trost in der Sterbestunde, einordnen.

SW1 DER GUTE HIRT In einer kargen Landschaft mit Felsen und Buschwerk, mit einer Quaderbrücke im Hintergrund ist Jesus zu sehen, als Hirt mit Hut und Hirtenschippe. Er trägt ein Schaf auf dem Arm. Um ihn lagert die Schafherde. Unterschrift in einer Stuckkartusche NEC TV / HODIE SECVRVS (Auch heute bist du nicht sicher).

SW2 ENGELSSTURZ In einem wildbewegten, blitzdurchzuckten Himmel erscheint Michael mit ausgebreiteten Schwingen, mit Helm und Schild Quis ut Deus, in der Rechten das Flammenschwert. Engels- und Teufelsfiguren stürzen in die Tiefe, auf die oberste hat der Erzengel seine Füße gesetzt. Unterschrift in einer Stuckkartusche CAVE NE HIC MINVS HABENS / INVENIARIS (Hüte dich, daß du hier nicht ungenügend gefunden wirst).

SW. PETRUS Petrus steht auf Steinstufen, den rechten Arm weisend erhoben, in der linken Hand die Schlüssel. Hinter ihm erscheint der Rundtempel als Symbol der Ecclesia. Ein Engel auf einer Wolke neben ihm hält den Hahn als Attribut Petri und weist mit der Rechten auf das IHS in einem Strahlenkranz. ALIORVM / IRRECVPERABILI / DAMNO (Für andere zum nicht mehr gutzumachenden Schaden).

EU BRUDERSCHAFTSBILD (J. Carnutsch 1707) An der Emporenunterseite befindet sich ein langgestrecktes Deckenbild der ersten Ausmalungszeit, ein Bild von großem volkskundlichen Interesse. Schon seine Form ist sehr ungewöhnlich: Es hat zwei annähernd querovale Ausbuchtungen im Norden und in der Mitte und verbindende, sehr viel schmälere Stege. Ursprünglich hatte es vielleicht nach Süden anschließend eine dritte Ausbuchtung; darauf weist eine weiterlaufende Rahmenleiste hin. Ansicht nach O.

Das Bild bezieht sich auf die Bruderschaften an der Kirche Grassau, die Bruderschaft von der Unbefleckten Empfängnis Mariä (seit 1672), die Bruderschaft von der Ewigen Anbetung (sog. Stundbruderschaft, seit 1678) und die Bruderschaft Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel oder Skapulierbruderschaft (seit 1700).

EROBERUNG DES HIMMELS (nördliche Ausbuchtung) Inschrift auf einem Schriftband darunter REGNVM CAE- LORVM VIM PATITVR ET VIOLENTI RAPIVNT ILLVD. Matthaei C. 11 V. 12 (Das Himmelreich leidet Gewalt und Gewalttätige reißen es an sich. Mt 11,12).

Das Bild und seine Symbolik

Das Bild entwickelt sich von links nach rechts. Nach einem kurzen, stummelartigen Bildteil folgt die erste querovale Ausbuchtung, die in einer weiten Landschaft mit Bergen und Ansiedlungen einen hohen steilen Berg zeigt, dargestellt in der Art der Babylonischen Türme, abgetreppt und von einer Stadt gekrönt. Zuoberst sieht man ein portalähnliches Gebilde, das die Inschrift trägt IANUA COELI (Tor zum Himmel). Zur Stadt selbst führt vom Berg aus ein Tor mit der Inschrift auf einem Schriftband QUAM ANGUSTA EST PORTA und zum Tor ein Weg in Form eines Schriftbands (et) ARTA VIA / QUAE DUCIT / AD VITAM (Mt 7,14: Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt).

Am Fuße des Berges werden Kanonen abgefeuert. Kanoniere sind mit Kanonenkugeln, Zündschnüren und Ladestöcken an einer Kanone beschäftigt. Rings um den Berg sind weitere Kanonen angeordnet, in deren Mündungen das Zündfeuer zu sehen ist. Aus ihnen allen steigen Kanonenkugeln hoch und explodieren über der Himmelsstadt.

Die Kanonen sind beschriftet: Links 7.SS. REFUGIA (Sieben Heilige Zufluchten) und im Hintergrund PERPETUA DEI ADORATIO (Ewige Anbetung). Aus der explodierenden Kugel der ersten Kanone fallen über der Stadt auf dem Bergeauf dem Kopf stehend - die Sieben Zufluchten in der üblichen Anordnung kopfüber nieder (s. das Altarblatt mit den Sieben Zufluchten von Carnutsch in der Kapelle, S. 77). Die Kugel aus der Kanone der Ewigen Anbetung beschießt die Himmelsstadt mit Rosenkränzen.

Rechts von der Gruppe der Kanoniere ist eine große Kanone beschriftet IMA/CULATA CON/CEPTIO (Unbefleckte Empfängnis); die Kugel, die aus ihr nach oben steigt, platzt und aus ihr stürzt kopfüber das Bild der Immaculata Conceptio auf die Himmelsstadt nieder. Eine weitere Kanone, aus der eine Kugel abgefeuert wird, trägt die Inschrift ARCHI/FRA- TERNITAS SS: SCAPULARIS; aus der Kugel fallen Skapuliere.

Im Vordergrund rechts liegt ein Schriftband mit der Inschrift HISCE EXPUGNATUR CAELUM GRASSAUI (Damit wird in Grassau der Himmel erobert). In diesem Bildteil sind also die drei in Grassau existierenden Bruderschaften sowie die sehr volkstümliche Andacht zu den Heiligen Sieben Zufluchten, die von Pfarrer Winkler eingeführt worden war (s. S. 78), als Waffen dargestellt, mit deren Hilfe man den Himmel – das ewige Heil – erlangen kann.

An diese querovale Ausbuchtung schließt sich ein niedriger Verbindungssteg an, der zur nächsten Ausbuchtung führt. Durch eine senkrechte, imitierte Stuckleiste wird die Darstellung der Belagerung der Himmelsstadt rechts im Bereich des Zwischensteges abgeschlossen.

Eroberung des Himmels mit dem Allerheiligsten

EU Bruderschaftsbild (Jacob Carnutsch 1707)

PROZESSION MIT DEM ALLERHEILIGSTEN IN GRASSAU Der folgende Bildteil - Verbindungsstück, zweite querovale Ausbuchtung und niedriges Endstück – zeigt eine Prozession in Grassau, bei der das Allerheiligste mitgeführt wird. Sie zieht von links nach rechts und entfaltet sich über mehr als zwei Drittel der Bildfeldbreite. Am rechten Bildrand, im Bereich des abschließenden niedrigen Steges, ist ein Bildstock mit der Kreuzigungsgruppe unter einem Baum dargestellt: die heute noch existierende Lindenkapelle südlich von Grassau an der alten Straße nach Marquartstein. Um sie zieht die Spitze der Prozession, eine Schar von Kindern, angeführt von einem Ministranten mit Vortragekreuz. Den Kindern folgen Bauern, Männer und Frauen in ihren Trachten; ein Mann reicht einem greisen Bettler ein Almosen.

Ein zweiter Ministrant, der eine Fahne trägt, geht einer Schar von Bruderschaftsmitgliedern voran, die weiße Kutten und Bruderschaftsstäbe tragen: Mitglieder der Bruderschaft von der Unbefleckten Empfängnis, der weißen Bruderschaft. Es folgt ein Mann in blauer Bruderschaftskleidung, der eine Fahne trägt. Er geht einer großen Prozessionsfigur voran, einer Statue der Gottesmutter, die unter einem prachtvollen roten Baldachin von vier Männern in blauen Kutten getragen wird: es ist das »Principal U.L. Frauen Bildt«, die Figur von Maria und dem Kind in königlicher Kleidung mit Kronen auf einem Thronsessel, das auch in Fresko A dargestellt ist und das sich immer noch in Grassau befindet (s. S. 58). Es wurde bei Prozessionen stets von vier Mitgliedern in der Tracht der Skapulier- oder blauen Bruderschaft getragen.

Es folgen ein Kreuzträger und zwei Angehörige der weißen Bruderschaft in ihren Kutten, hinter denen zunächst Ministranten zu sehen sind, dann ein allein schreitender Herr in schwarzem Gewand. Bomhard vermutet in ihm wohl zu Recht Achaz Wilhelm Wächinger, der Pflegsverweser war während der Zeit, in der die Witwe des Pflegers Achaz Ludwig I. von Notthafft zu Weissenstein († 1698) die Pflegsnutzung innehatte. An dieser Stelle erhebt sich hinter der Prozession die Pfarrkirche von Grassau mit dem gotischen Spitzturm (abgebrannt 1727).

Angeführt von zwei kindlichen Ministranten naht nun die Hauptgruppe, Geistliche, die den Pfarrer Matthias Winkler begleiten, der unter einem Himmel das Allerheiligste trägt. Außer dem Kooperator und dem Koadjutor in Grassau nahmen an den wichtigen Prozessionen auch die Benefiziaten und Kuraten der einzelnen Filialkirchen teil (z. B. ist eine Bestimmung erhalten, nach der der Kooperator von Schleching bei Prozessionen den Himmel begleiten mußte, im Chorrock mit brennender Kerze, s. AEM, Pfarrakten, Personalia).

Der Himmel über dem Allerheiligsten wird von vier Bruderschaftsmitgliedern in weißen Kutten getragen. Zuseiten des Himmels geht ein eleganter junger Herr in blauer Weste, Kniehose und Kniestrümpfen, einem schwarzen Rock mit goldenen Knöpfen und feiner Spitzenwäsche (Bomhard vermutet in ihm den Lehrer Fürpaß, was wegen der eleganten Kleidung eher nicht anzunehmen ist). In ihm könnte der junge Achaz Ludwig von Notthafft zu Weissenstein dargestellt sein, Sohn Achaz Ludwigs I. († 1698) und späterer Pfleger von Marquartstein (1715-53). Dem Himmel folgen wieder ein Fahnenträger, ein Herr und zwei vornehm gewandete Damen, die eine weißhaarig, die andere noch jung: es sind die beiden Stifterinnen der Skapulier-Bruderschaft, Juliana und Magdalena von Notthafft. Sie werden begleitet von einem vornehmen blonden Fräulein und einem jungen Mann, der der alten Dame den Sonnenschirm trägt, wohl Angehörigen der Familie Notthafft. Dahinter gehen zwei einfache Frauen in eher bürgerlicher Tracht, vielleicht Frauen aus der Familie des Pflegsverwalters Wächinger.

In Grassau entstanden in der Barockzeit drei Bruderschaften, die das Glaubensleben, die Volksfrömmigkeit und den festlichen Jahreslauf im Marquartsteiner Tal entscheidend prägten. Im Jahr 1672 wurde auf Drängen der Pfarrkinder und der Gerichtsbeamten in Marquartstein durch Pfarrer Christoph Niederhauser die Gründung der Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis vorbereitet und durch Johann Franz Graf von Preysing, Fürstbischof von Chiemsee, errichtet. Feierliche Einführung am Fest der Unbefleckten Empfängnis 1672. Am 20.9. 1673 hatte die Bruderschaft schon über 1000 Mitglieder. Die Mitglieder trugen weiße Kutten mit blauen Bändern; daher wurde sie weiße Bruderschaft genannt. 1674 trat der Fürstbischof von Chiemsee, Johann Franz Graf von Preysing, selbst in die Bruderschaft ein.

Im Jahr 1678 wurde auf den bestimmten Wunsch des Kurfürsten Ferdinand Maria die Bruderschaft der immerwährenden Anbetung des allerheiligsten Sakramentes (auch Stundbruderschaft genannt) in Grassau eingeführt; ihre Consiliumsmitglieder hatten rote Gewänder (rote Bruderschaft).

Im Jahr 1700 wurde die Bruderschaft Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel oder Skapulier-Bruderschaft eingerichtet und zwar auf Betreiben und Kosten der Freifrau Maria Juliana von Notthafft zu Weissenstein, geb. Kapfer von Pilleck und Talersdorf, der Witwe des Pflegers Achaz Adam von Notthafft zu Weißenstein († 1685), und ihrer Schwiegertochter Maria Magdalena, geb. Freiin von Pappenheim, der Witwe des Pflegers Achaz Ludwig I. von Notthafft zu Weissenstein († 1698). Pfarrer Matthias Winkler bereitete die Stiftung vor, den Konsens zur Errichtung gab am 30.7. 1699 Sigmund Carl Graf von Castelbarco, Fürstbischof von Chiemsee, und am 10.8.1700 wurde die Skapulier-Bruderschaft in Grassau feierlich eingeführt. Sie wurde wegen der blauen Bruderschaftskutten auch blaue Bruderschaft genannt.

Die Skapulier-Bruderschaft wurde schon 1701 der älteren Bruderschaft von der Unbefleckten Empfängnis inkorporiert, aber nur, was Vermögen und Rechnungslegung anbelangt, nicht in Kleidung und geistlichen Zwecken. Die Stund-Bruderschaft oder rote Bruderschaft gelangte nie zur Blüte, an sie erinnert aber im Bild von der Erstürmung der Himmelsstadt die Kanone der »Perpetua Dei Adoratio«.

Der Vorstand oder der Magistrat einer Bruderschaft bestand aus dem Präses als geistlichem Leiter, der in der Regel der Pfarrer war, aus dem Präfekten als weltlichem Leiter, und aus den Assistenten und Consultoren. In Kutten nahmen nur diese Vorstandsmitglieder an den Prozessionen teil. Jede Bruderschaft hatte eine Fahne. Wir können also in der vorderen, der weiß gekleideten Gruppe das Consilium der Bruderschaft von der Unbefleckten Empfängnis mit ihrer Fahne, in der zweiten, blau gekleideten Gruppe das Consilium der Skapulierbruderschaft mit ihrer Fahne sehen. Den Himmel tragen wieder Mitglieder der weißen Bruderschaft, während die Mitglieder der blauen Bruderschaft das Vorrecht hatten, das große Mariengnadenbild zu tragen. Außer den Kutten gab es als Abzeichen die Bruderschaftsstäbe, die an der Spitze das Bruderschaftszeichen (aus bemaltem Blech) trugen. Viele solcher Stäbe sind in Grassau noch erhalten. Nach einem Inventar von 1700 (AEM) hatten die Bruderschaften »40 Stäbe mit gemallenen eisernen Schilten; 8 weiß färbene Khutten bei denen Prozessionen zu gebrauchen; 4 blau geferbte leinene Khutten bei denen monatlichen Umbgängen der Bruderschaft S. Mariae Carmelo zu gebrauchen; 4 Bruderschaft Stäb zu Umbtragung des Prinzipal U.L. Frauen Bildt de S. Carmelo; 10 blau geferbte Khutten...«. Auf dem Bild sieht man die blauen Kuttenträger, die das Marienbild tragen.

Bei der dargestellten Prozession handelt es sich nicht notwendigerweise um eine Fronleichnamsprozession, denn Grassau hatte die im Jahr 1700 erteilte Erlaubnis, »bey den monatlicher Processiones zu Grassau das Venerabile herumtragen zu dürfen« (BHStA I, KL Herrenchiemsee Nr. 107/II); d.h. das Allerheiligste unter dem Himmel durfte allmonatlich mitgeführt werden. Wahrscheinlich handelt es sich um eine bestimmte historische Prozession im Zusammenhang mit der Stiftung der Skapulier-Bruderschaft, denn als Carnutsch 1707 das Deckenbild malte, war Maria Juliana Notthafft von Weissenstein schon tot († 29. 6. 1702).

Der Hochaltar stammt von 1640/42 und wurde 1766 überarbeitet. Das Altarblatt Mariä Himmelfahrt ist eine Kopie nach Peter Candids Himmelfahrt Mariä in der Frauenkirche in München. Es stammt ebenso wie das Auszugsbild, das Gottvater mit Engeln darstellt, von dem Münchner Maler Caspar.

EU Bruderschaftsbild unter der Orgelempore (Jacob Carnutsch 1707)
Die als Gnadenbild verehrte Madonna von Grassau

Amort. Die Altarfiguren stellen nördlich Joseph mit dem Jesusknaben und südlich Johannes Evangelist mit Kelch und Adler dar. Beide Figuren sind von dem Münchner Bildhauer Matthias Schütz.

Die beiden Seitenaltäre sind als Gegenstücke 1639/40 entstanden und 1766 überarbeitet worden. Die Hauptbilder und die Auszugsbilder dieser Altäre sind von Johann Nepomuk della Croce. Das Altarblatt des nördlichen Seitenaltars, der der hl. Anna geweiht ist, zeigt Anna mit Maria und dem Jesusknaben; das Auszugsbild die hl. Maria Magdalena. Der südliche Altar ist Maria geweiht, die auf dem Altarblatt zwischen Augustinus und Johannes dem Täufer dargestellt ist. Der Auszug zeigt die hll. Florian und Leonhard

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Quellen und Literatur

BHStA, GL 2352, Nr. 49/5 (Geistlicher Rat): Die Gotteshäuser im Pfleggericht Marquartstein überhaupt und Kirchenreparationen im bes. betr. 1669–1784.

BHStA I, KL Herrenchiemsee Nr. 107/II, unter Grassau: Bruderschaften.

StAM, Geistlicher Rat, Kirchen- und Stiftungsrechnungen, Kirchenrechnungen Gericht Marquartstein.

StAM, Landbauämter 1700: Ausweißen 1854, Neubaupläne 1906.

AEM, Pfarrakten Grassau, Pfarrkirchenbauten 1666–1847: Barockisierung unter Pfarrer Winkler; Bauten II: Geplante Erweiterung und Restaurierung 1853/54, geplante Erweiterung 1904, Restaurierung 1923; Bruderschaften 1672–1897; Personalia 1632–1778.

AEM, Nachlaß Peter von Bomhard Nr. 189: Auszüge aus dem StAM; Auszüge aus den Kirchenrechnungen des Gerichts Marquartstein; Auszüge aus BHStA GL Fasz. 2352 Nr. 50; Auszüge aus dem Pfarrarchiv Grassau (Kirchenrechnungen Grassau). Nr. 191: Über die Baugeschichte der Kirche Grassau.

AEM, Matrikeln der Pfarrei Grassau. BLfD, Akt Grassau, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

Wagner, Johann Joseph, Geschichte des Landgerichts Traunstein, IV. Geschichte des Decanats Haslach, V. Pfarrei Graßau, in: OAVG 28, 1868/69, S. 166–73.

Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 532–41. KDB IOB (2), S. 1779f.

Reichenwallner, Adalbert und Hugo Schnell, Grassau im Chiemgau (= KKF Nr. 37), München 1934.

Bomhard, Peter von, Der Chiemgau (= GKF Nr. 18), München 1955, S. 26f.

Hausladen, Johann Michael, Grassau – die Mutterpfarrei im Achental, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd I. Trostberg 1963, S. 148–52.

Hausladen, Johann Michael, Grassau im Chiemgau (Kirchenführer), Ottobeuren 1966.

Weiermann, Herbert, Kunstgeschichtliche Baudenkmäler, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Bd II, Trostberg 1970, S. 113–366. Grassau S. 198f.

Liedke, Volker, Zur Genealogie der Burghauser Malerfamilie della Croce, in: Ars Bavarica 3, 1975, S. 94–110.

Bomhard, Peter von, Grassau Chiemgau (= KKF Nr. 37), München und Zürich 21974, 31984, 41994.

Schricker, Elisabeth, Joseph Eder und Jacob Carnutsch. Ein Beitrag zur Barockmalerei im Chiemgau, ungedr. Mag. München 1988, S. 108–22.

Ende der Prozession an der Lindenkapelle

Dehio 1990, S. 371 f.

Hausladen, Johann Michael, Grassau in alten Ansichten, Zaltbommel 21991.

Goerge, Dieter, Johann Nepomuk della Croce 1736–1819. Leben und Werk (= Burghauser Geschichtsblätter 50), Burg hausen 1998, S. 46–58 und passim.