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Gaissach, Pfarrkirche St. Michael

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 2: Die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach. Hirmer, München 1981, ISBN 978-3-7991-5834-3, S. 176–180, geschrieben von Bachter, Falk, Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Erzdiözese München und Freising, z. Z. der Ausmalung Filialkirche der Pfarrei Mariä Himmelfahrt, Tölz, Landgericht Tölz

Patrozinium: St. Michael

Zum Bauwerk: Der spätgotische Saalbau mit eingezogenem Chor wurde um die Mitte des 18. Jh. barockisiert; amtierende Vikare der fraglichen Zeit waren Simon Thaddäus Schmid (1735–47) und Franz Martin Jäger (1747–71). Austattung des LHs im 19. Jh.

Der zweijochige Chorraum schließt dreiseitig und wird von NO und SO durch vier Fenster belichtet.

Auftraggeber: Das Rautenwappen und der Kurfürstenhut der Bavaria in Fresko A verweisen auf den Wittelsbacher Hof in München (Kurfürst Max III. Joseph 1745–77). Auch kann die von München ausgehende Michaelsbruderschaft bedeutsam sein, die heute noch in Gaißach besteht.

Autor und Entstehungszeit: Das Fresko ist weder datiert noch signiert, sämtliche Archivalien wurden bei einem Pfarrhausbrand im 19. Jh. vernichtet. Nach Art des imitierten Stucks ist die Entstehungszeit in die 60er Jahre des 18. Jh. zu setzen. Die qualitätvolle Malerei zeigt stilistische Beziehungen zum Günther-Umkreis, z. B. die Figur Gottvaters wird bei Günther schon 1748 in Hohenpeißenberg so gestaltet (s. CBD, Bd 1, S. 411); enge kompositorische Ubereinstimmung weist das etwa gleichzeitig mit Gaißach entstandene LHs-Fresko mit der Marienkrönung in Schongau auf (dat. 1761, vgl. CBD, Bd 1, S. 517-19), das in ähnlicher Weise illusionistische Architekturrahmung und Großfiguren um die entrückte himmlische Szene anordnet und Farbe und Lichtführung für die Höhenillusion vergleichbar einsetzt.

A Maria Königin der Engel

Befund

Träger der Deckenmalerei: A, A1-8 verschliffenes Kreuz-gratgewölbe mit unebener Scheitelhöhe, Stichkappen und Gewölbezwickeln

Rahmen: A gemalter Profilrahmen mit Rocaillestuck, A1-8 imitiete Rocaille-Kartuschen

Technik: A Fresko, polychrom; A1-8 Kartuschen, alternierend monochrom ocker und grün

Maße: A Höhe 7,70 m; 5,30 × 3,60

Erhaltungszustand und Restaurierungen: 1910, 1939 und 1940 fanden Restaurierungen statt, bei denen die originale Farbsubstanz – wenn auch stellenweise etwas verblaßt – erhalten blieb; nur in den Kartuschfeldern ist eine stärkere Ubermalung zu erkennen. Bis auf Scheitelrisse und Haarrisse ist der Zustand gut.

Beschreibung und Ikonographie

A MARIA, DIE KÖNIGIN DER ENGEL Einansichtiges hochovales Bildfeld mit geschwungener imitierter Rahmenleiste, die von Stuckmalerei überspielt wird. In der illusionierten Deckenöffnung bildet eine ringsumlaufende Säulenarchitektur eine Rahmenzone und inferioren Raum für die allegorische Figur der Bavaria an der östlichen Bildbasis und für die herabschwebenden himmlischen Personen, die in Beziehung zur Marienkrönung durch die Hl. Dreifaltigkeit in einer entrückten Sphäre gesetzt sind. Die stark untersichtige Architekturmalerei und die Verkleinerung der Figuren, die auf den Höhenfluchtpunkt über der Dreifaltigkeit angelegt sind, verlangen einen Betrachterstandpunkt unter dem Chorbogen. Eine leicht vorgewölbte Deckenpartie zwischen den Stichkappen, die das Bildfeld quer durchzieht, wird durch die Malerei anschaulich als vordere Ebene gedeutet: Der Architekturrahmen ist an dieser Stelle mit je zwei Säulen und vorschwingendem Gebälk betont und wird am ehesten als tektonisches Gebilde faßbar, dazwischen kniet auf einer in die Säulenhalle herabhängenden Wolke die dominierende große Gestalt des Erzengels Michael. Dagegen erscheinen die Engelchöre über dem südlichen Gebälk weiter in die Höhe entrückt, und die allegorische Bavaria-Gruppe im gleichen Maße in die Bildtiefe entfernt. Letzteres wird noch durch einen Ausblick durch die Arkaden hinter der Gruppe verstärkt. Außerste Höhenillusion wird durch die diffus erhellte, lichtfarbig gestaltete Marienkrönung erzielt, die von einem fast weiß aufgehellten Dreiecksnimbus überstrahlt wird. Kräftiges Rot und Goldgelb zeichnen die Gewänder der Engel und Michaels aus, lichtes Blau im Gewand Mariens wird beim Erzengel und in Beimischung von Violett bei Bavaria aufgenommen. Die goldene Rahmung wird sowohl farblich im Bild mit den Kapitellen wiederholt, als auch von den goldockerfarbigen Kartuschen außerhalb des Hauptbildes umgeben. Das Graugrün der

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As Michael erscheint dem Bischof von Sipont

Stichkappen-Kartuschen sowie die gebrochen weiße Stuckimitation kehren in der illusionistischen Architekturmalerei wieder. Diese Farbigkeit bewirkt einen homogenen Eindruck von imitiertem Dekor der Decke und illusionistischer Raumerweiterung, über deren Öffnung sich die Himmelsszene in mehreren Ebenen auftut.

Im Bild ist die Krönung Mariens dem Patronat der Kirche entsprechend eng mit einer Engelsthematik verbunden, in der dem Erzengel Michael als Patron der Kirche ein hervorragender Platz eingeräumt ist. Maria im Typus der Immaculata mit weiß-blauem Gewand und Sternengloriole steht betend auf der Mondsichel, um die Krone aus den Händen Christi zu empfangen. Vier Engel assistieren der Krönung; einer von ihnen links unterstützt den Kreuzbalgen Christi und hält in der linken Hand ein Apothekergefäß, das wohl als Hinweis auf das Wirken des Engelchores der Virtutes (Kräfte), hier besonders für die Heilung der Kranken, anzusehen ist. (Für die Zuordnung Christus-Virtutes vgl. RDK, s.v. Engelchöre, Artikel von K.-A. Wirth, Bd 5, Sp. 555–601).

Besonders hervorgehoben durch farbliche Akzentuierung ist die Dreiergruppe der Engel im rechten Mittelgrund des Bildes, die mit ihren Attributen als Engelchöre differenziert sind: Die vordere Rückenfigur mit Küraß und Umhang trägt eine Kaiserkrone auf dem Kopf und reicht als Vertreterin der Dominationes (Herrschaften) auf einem Kissen Maria eine Krone dar. Die Halbfigur links mit Kurhut, Hermelin und Zepter trägt die Attribute des Chores der Principatus (Fürsten). Die dritte, fast ganz verdeckte Engelsfigur vertritt mit Helm und Marschallstal die Potestates (Gewalten). Der Kirchenpatron, St. Michael, im fürbittenden Gestus, repräsentiert den Chor der Erzengel. Er ist charakteristisch im Harnisch mit Kreuzstab dargestellt, Putti halten den Schild mit seinem (latinsierten) Namen QUIS/ UT/ DEUS mit Ruhmeslorbee bekränzt, sowie das Flammenschwert und die Waagschalen, Symbole des Gerichts. Die allegorische Figur der Bavaria, bezeichnet durch den weiß-blauen Rautenschild und den Kurhut, stützt sich auf den Hoffnungsanker und hat die Linke demütig an die Brust geführt. Sie wendet sich hier an Maria als die Patrona Bavariae (zum Gestus und den Flammen auf der Brust vgl. Ripa, s.v. desiderio vers’Iddio). Der Engel an der Seite der Bavaria hält ein Räucherfaß, Sinnbild der Gebete (Ripa, s.v. oratione empor. Die Neunzahl der großen Engelsgestalten kann als Hinweis auf die Anzahl der Engelchöre aufgefaßt werden. Grundlage für die thematische Konzeption der Freskos sind die Abhandlungen zum Fest Mariä Himmelfahrt, welche die Erhebung Mariens zur Königin aller Engelchöre und die Huldigung aller Engel ausführlich erörtern (vgl. Ribadeneira-Hornig, Bd 2, 15. Aug., S. 222; LA-Benz, S. 639 f.). Im Deckenbild von Gaißach ist die Ausweitung des Themas der Marienkrönung unter dem angelologischen Aspekt der Engelchöre in seltener Gewichtung dargestellt.

A1-8 MICHAEL-SZENEN Die monochrom ocker und grün gemalten Kartuschen sind nach Bildform und Themenstellung paarweise um das Hauptfresko geordnet. In sechs historischen – vier biblischen und zwei hagiographischen – Szenen sowie zwei angelologischen Darstellungen ist das Wirken des Erzengels Michael in der Heilsgeschichte behandelt

A1 ST. MICHAEL VOR JOSUE Der Erzengel erscheint im Harnisch dem gerüsteten Josue und verkündet ihm den Befehl des Herrn, der in der angegebenen Schriftstelle Josue C:5 V:13 lautet: »Cum autem esset Iosue in agro urbis Iericho, levavit oculos et vidit virum stantem contra se, evaginatum tenentem gladium, perrexitque ad eum, et ait: Noster es, an adversariorum?« Der Erzengel antwortet: »Nequaquam: sed sum princeps exercitus Domini, et nunc venio.« Damit wird ihm die Eroberung Jerichos verkündet.

A2 DER SCHRECKLICHE REITER Vor einer Gruppe von drei Soldaten erscheint der berittene Erzengel, eine Lanze in Händen. In 2 Mach 3, 25 (nicht an der angegebenen Stelle 2 Macha: C 6 V 8), wird von dem wunderbaren Eingreifen eines himmlischen Reiters zur Errettung des Tempelschatzes berichtet: »Apparuit enim illis quidam equus terribilem habens sessorem, optimis operimentis adornatus: isque cum impetu Heliodoro priores calces elisit: qui autem ei sedebat, videbatur arma habere aurea«. Einzelheiten des biblischen Berichts sind hier vernachlässigt; A1 und A2 beziehen die beiden im Alten Testament berichteten Erscheinungen eines himmlischen Kriegers auf den Erzengel Michael als Anführer der himmlischen Heerscharen.

A3 MICHAEL FÜRST DES ALTEN UND NEUEN BUNDES Der Erzengel schwebt zwischen einem Papst mit Tiara und Papstkreuz und einem Hohenpriester mit siebenarmigem Leuchter und Gesetzestafeln. »Ipse olim princeps fuit synagogae, sed nunc constitutus est a domino in principem ecclesiae« (LA-Graesse, S. 642).

A4 DER ENGEL DES GERICHTS Am Lager eines Sterbenden, dem ein Priester beisteht, erscheint Michael als Seelenwäger, zu seinen Füßen der überwundene Drache (Apoc 12, 7), hier als Bezeichnung des Satans und der Hölle. Im Himmel thront auf Wolken der Christus des Jüngsten Gerichts, gekennzeichnet durch das Kreuz und die Seitenwunde als Leidensmerkmale und die Gerichtssymbole Schwert und Lilie, die von seinem Mund ausgehen.

Die angelologischen Szenen A3 und A4 stellen wesentliche Funktionen des Engels in der Heilsgeschichte dar (Quellenangaben in LCI, Bd 3, Sp. 255 f.).

A5 DER STREIT UM DEN LEICHNAM DES MOSES Der geharnischte Erzengel vertreibt den Teufel vom Leichnam des Moses. Epist: Jud: V:9 »Cum Michael Archangelus cum diabolo disputans altercaretur de Moysi corpore, non est ausus judicium inferre blasphemiae: sed dixit: Imperet tibi Dominus.« (Iudae 9).

A6 DANIEL IN DER LÖWENGRUBE In einem gewölbten Raum sitzt Daniel zwischen vier Löwen, der Erzengel schwebt zu ihm herab. Dan: 6 V:22 »Deus meus misit Angelum suum, et conclusit ora leonum« (Dan 6, 22). Wie bei A1-2 ist hier die biblische Engelserscheinung auf Michael bezogen worden.

A7 DAS WUNDER AM MONTE GARGANO Der Erzengel schwebt vor einer Höhle und erhebt schützend seinen Schild über einen Stier im Höhleneingang, während er seine Rechte gegen einen vom Pfeil getroffenen Mann ausstreckt. (vgl. A8)

A6 Daniel in der Löwengrube

A8 ST. MICHAEL ERSCHEINT DEM BISCHOF VON SIPONT, Michael bezeichnet dem am Betstuhl knienden Bischof die Höhle vom Monte Gargano als sein Heiligtum (vgl. die vorangehende Szene A7).

Die Legende vom Monte Gargano berichtet vom wunderbaren Eingreifen Michaels, der nicht duldet, daß ein Stier in seinem Heiligtum getötet wird, und den vergifteten Pfeil auf den Schützen zurücklenkt. Darauf erscheint der Engel dem Bischof von Sipont, erklärt ihm den rätselhaften Vorgang und gebietet ihm, die Höhle als sein Heiligtum zu schützen (LA-Graesse, S. 642–43; AASS, Sept., Tom. 8, 29. 9., S. 61–63)

Quellen und Literatur

KDB OB I (1), S. 665. Mayer-Westermayer, Bd 3, S. 431–34. Dehio-Gall OB, S. 218.