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Eichstätt, ehem. Domherrenhof Schönborn

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 13: Landkreis Eichstätt. Hirmer, München 2008, ISBN 978-3-7774-4475-8, S. 241–244, geschrieben von Bauer-Wild, Anna und Grimminger, Christina. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

z. Z. der Ausmalung Domherrnhof Schönborn, ab 1770 im Besitz von Friedrich Christoph Wilderich Graf von Walderdorf dem Neffen von Wilhelm Marquard Graf von Schönborn dem Erbauer der Anlage, 1810–17 Sitz des Generalkommissariats des Oberdonaukreises, danach Residenz der Eichstätter Bischöfe

Zum Bauwerk: Der ehem. Domherrnhof entstand als Vierflügelanlage durch den Umbau zweier zuvor selbständiger Höfe. Die Bauleitung hatte der Eichstättische Hofbaudirektor Gabriel de Gabrieli; als Baudatum gilt seit Max Domarus die Zeit nach 1736. Zuvor hatte Giovanni Domenico Barbieri den heute nicht erhaltenen W-Flügel umgestaltet (»1735... Außerdem machte ich das Gewölbe der Galerie des hochwürdigster Herrn Propst Graf von Schönborn in Eichstätt«). Innenausstattung teils bauzeitlich, teils klassizistisch (1782 Stuckierung der Räume im ersten Obergeschoss durch den Würzburger Materno Bossi). 1968–70 Abbruch des W-Flügels, General sierung des S-Flügels und Ausbau des N-Flügels.

Dreiflügelige Anlage aus dreigeschossigem Wohnhaus im S, einem schmalen zweigeschossigen Seitenflügel im O und einem zweigeschossigen Wirtschaftsgebäude mit Mittelpavillon im N. Das Palais im S ist aus drei giebelständig gefügten Bauten, was im Grundriss über alle drei Stockwerke nachvollziehbar ist. Außengliederung aus für Gabrieli typischen Bänder- und Doppelpilastern, die Eckerker sollen auf die Vorgängerbauten und auf Jakob Engel als deren Baumeister verweisen. Im Inneren, östlich an den mittigen Eingangsflez anschließend, Stiegenhaus über knapp die Hälfte der Haustiefe (8 x 4 m), hier gerade, zweiläufige Treppe mit Richtungswechsel, Aus- und Antritt in den Obergeschossen mit zwei korbbogigen Arkaden, gegliedert durch Hermenpilaster, Stuckde-

Fliehender Mann mit Augenbinde (nach 1736)

EICHSTATT BISCHOFLICHES PALAIS

Koration im Stil des Laub- und Bandlwerks (sicher nicht von Franz Gabrieli, wie Franz Mader in den KDB meint, vielleicht von Franz Xaver Horneis), Treppengeländer in Eichenholz aus aneinandergefügten C-Bögen, mit Muschelwerk verziert. Die Deckenbilder befinden sich über dem Antrittsraum des Erdgeschosses (A) und über dem Zwischenpodest im ersten Obergeschoss (B, C). Belichtung von A durch ein Hoffenster, B und C unbelichtet (hier Tür zu einem straßenseitigen Zimmer).

Auftraggeber: Wilhelm Marquard Graf von Schönborn (* 1683 in Mainz, Domherr in Bamberg, Trier, Speyer und Augsburg, 1711 Domkapitular in Eichstätt, 1735 Dompropst, † 1770 in Eichstätt).

Schönborn ist ein Spross der berühmten fränkischen Familie, aus der im 18. Jh. eine große Anzahl ranghoher und einflussreicher kirchlicher Würdenträger erwuchs. 1704 wurde Schönborn Domizellar in Eichstätt, nach seiner ersten Residenz 1708-09 soll er bereits einen Hof, wohl einen der drei Vorgängerbauten, erstanden haben. Der Kauf weiterer Bauten und der Umbau erfolgte jedoch erst nach der Eichstätter Bischofswahl von 1736, was Domarus wie folgt begründet: Schönborn soll bis zu seiner Wahl zum Dompropst 1735 auf den Eichstätter Bischofsstuhl spekuliert haben, erst nach 1736 sich voll und ganz auf sein Amt an der Spitze des Domkapitels konzentriert haben. Daraus erst ergab sich der Zweck nach einem repräsentativen Palais.

C Weibliche Personifikation mit Füllhorn

Autor und Entstehungszeit: Autor unbekannt, nach 1736. Der Stil der Ölgemälde verweist auf die beiden Eichstätter Maler Joseph Dietrich (* 1696 Wernfels bei Spalt † 1745 Eichstätt) und Johann Michael Franz (* 1715 Dirlewang bei Mindelheim † 1793 Eichstätt). Bezüglich der Figur Haar- und Barttracht, der zerknitterten, flatternden Draperien und der Farbigkeit sind die Gemälde den zeitnahen Tafelbildern Dietrichs, den 1736 für die Aula Mariana im Eichstätter Jesuitenkolleg gefertigten acht Darstellungen von Marienverehrern, vergleichbar (die Bilder sind z. Z. im Erdgeschossgang des Priesterseminars aufgehängt). Bei einer späteren Datierung wäre jedoch auch Franz als Schöpfer der Gemälde möglich; er lebte seit 1739 in Eichstätt und führte nach dem Tod von Dietrich dessen Werkstatt fort. Erstaunlicherweise weisen die gesicherten Ölgemälde der 1740er Jahre von Franz andere Stilmerkmale auf als die Ölbilder im Schönbornhof. Stilistische Parallelen zeigen sich jedoch in der Gewandbehandlung und in den Landschaftsszenerien zu frühen Fresken von Franz, etwa dem Hauptbild in der Eichstätter Maria-Hilf-Kapelle von 1744 (s. S. 177). Zur Entstehungszeit nach 1736, s. unter Auftraggeber.

Befund

Träger der Deckenmalerei: B, C Flachdecke; A über Hohlkehle

Rahmen: geschnitzter, vergoldeter Rahmen; profilierter Stuckrahmen

Technik: Öl auf Leinwand

B Höhe 3,40 m; 0,95 × 1,35 C Höhe 3,40 m; 0,95 × 1,35

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Bild C weist Übermalungen auf; zusammen mit Bild B ist es 1924 in den KDB in sitù erwähnt, Bild A dagegen nicht. Im Zuge des Umbaus des Bischöflichen Palais 1968–70 wurden umfangreiche Arbeiten am Stuck v. a. des ersten Obergeschosses vorgenommen, über die Gemälde sind keine Nachrichten überliefert (frdl. Mitt. Claudia Grund, Eichstätt).

Beschreibung und Ikonographie

A-C Die drei querovalen, wie Tafelbilder konzipierten und in die Decke eingelassenen Leinwandgemälde sind wohl unterschiedlicher Provenienz und dürften hier in Zweitverwendung angebracht sein. Bild A ist minimal niedriger als B und C, die zwar von der Größe zusammen gehören zu scheinen, nicht jedoch von den Proportionen (die weibliche Personifikation in C ist größer angelegt als Jupiter in B). Zudem macht die ebenbürtige Behandlung einer weiblichen Personifikation zu Jupiter keinen Sinn. Aus den drei Bildern erschließt sich kein Programm.

A FLIEHENDER MANN MIT AUGENBINDE Ansicht nach O. Landschaftsszenerie; während rechts der Ausblick in die Ferne und eine Stadtsilhouette zu sehen ist, hinterzieht gut die Hälfte des Bildes eine felsige Berglandschaft. Davor ist ein kräftiger, bärtiger Mann mittleren Alters, bekleidet mit einem kurzen, togaähnlichen Kleid, das die Brust freilässt, und einer voluminösen Draperie, die Augen mit einem weißen Tuch verbunden, in schnell voranschreitender Bewegung abgebildet. Nach Ripa tragen vier männliche Personifikationen eine Augenbinde: Errore (Irrtum), Favore (Gunst), Furore (Zorn) und Ignoranza (Unwissenheit), doch erlaubt die Darstellung keine Identifizierung mit einer dieser Personifikationen. Auch in der Zusammenschau mit den beiden anderen Bildthemen in B und C lässt sich der Fliehende nicht benennen.

B JUPITER Ansicht nach S. Landschaftsszenerie mit Blick auf eine Stadt (links) und ein bergiges Flussufer (rechts). In der Bildmitte formiert sich ein Wolkenballen, auf dem Jupiters schwarzer Adler mit weitausgestreckten Flügeln, mit einem Fuß ein Blitzbündel haltend, abgebildet ist. Jupiterselbst sitzt mit übereinandergelegten Beinen auf dem Adler, seine Nacktheit lediglich mit einer roten Draperie bedeckend; er ist bärtig und hat lockiges Haar, sein zur Seite geneigtes Haupt ist bekrönt, in der Linken hält auch er ein Blitzbündel.

C WEIBLICHE PERSONIFIKATION MIT FÜLLHORN Ansicht nach S. Himmelsszenerie; auf Wolken liegt eine weißliche, junge Gestalt; ihre vollschlanke Figur bedeckt eine weiße Bluse, ein roter Rock und eine grüne Draperie, in ihrem braunem Haar trägt sie einen Kranz aus zarten Blumen. Die Figur hält mit beiden Händen ein auf ihrem Schoß liegendes Füllhorn mit Früchten (Äpfel und Trauben). Ripa weist Abondanza (Überfluss), Allegrezza (Heiterkeit), Concordia (Eintracht), Eternità (Ewigkeit), Fortuna (Glück), Pace (Frieden), Providenza (Vorsehung), u. a. das Füllhorn zu; die Gestalt kann jedoch nicht eindeutig identifiziert werden.

PUTTO MIT FÜLLHORN (ohne Abb.) Kleines Tondo, im Durchgang zur Bibliothek im O-Flügel (privat, nicht öffentlich zugänglich), Öl auf Leinwand, in die Decke eingelassen, ein in Wolken schwebender, nackter Putto mit roter Draperie, der ein mit Blumen gefülltes Füllhorn in Händen hält, unbekannter Künstler der Zeit um 1720–39, bei Mader erwähnt.

An der S-Wand des Zwischenpodestes des zweiten Obergeschosses hängt ein großes Ölgemälde (ohne Abb.), 180 × 260 cm, eine italienische Landschaft darstellend, nach Mader, S. 588 ob der geschweiften Form einst in die Decke eingelassen, vielleicht im östlichen Eckzimmer des ersten Obergeschosses vor Einzug der Trennwand und der Stuckierung. Die Zuweisung an Johann Michael Franz hat bereits Angela Müller, S. 120f. mit Abb. verworfen. Sie bemerkte, dass Bildaufbau, Farbpalette und detaillierte Darstellung nicht für Franz typisch sind.

Quellen und Literatur

Kunstinventar Diözese Eichstätt, Bischofspalais Eichstätt bearbeitet von Claudia Grund, 2005/06.

KDB V MF (1), S. 574–603 mit Abb

Domarus, Max, Marquard Wilhelm Graf von Schönborn. Dompropst zu Bamberg und Eichstätt. 1683–1770 (= SHVE 58, 1943/60, erschienen 1961), S. 127–29 (Der Schönborner Hof in Eichstätt).

Pehnt, Wolfgang, Karljosef Schattner. Ein Architekt aus Eichstätt, Stuttgart 1988, S. 46–49.

Müller, Angela, Die Ölgemälde des Johann Michael Franz. Hofmaler zu Eichstätt (1715–1793), ungedr. Magisterarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt 1988.

Denkmaltopographie Eichstätt, S. 116–19 mit Abb.

Mielke, Friedrich, Treppen in Eichstätt (= Scalalogia Bd III), Eichstätt 1989, S. 188–93.

Grimminger, Christina, Der Eichstätter Maler Joseph Dietrich (1696–1745). Leben und Werk, ungedr. Magisterarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt 1991, S. 110–14.

Gabriel de Gabrieli. Fürstbischöflich Eichstättischer Hofbaudirektor (1671–1747), hg. im Auftrag von Diözese Eichstätt, Landkreis Eichstätt und Stadt Eichstätt, Eichstätt 1997, S. 25 f. Margadant, Silvio und Emanuel Braun (Hg.), Giovanni Domenico Barbieri (1704–1764). Ein Graubündner als Hofmaurermeister des Fürstbischofs von Eichstätt. Autobiographie und Ausgabenjournal, Regensburg 2004, S. 93.

Schick, Magdalena unter Mitarbeit von Brun Appel, Besitzgeschichte der Eichstätter Domherrnhöfe, in: SHVE 97, 2004, S. 7–76, hier: S. 55–58 (Schönborn-Hof).

A. B./C. G.