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Wolfegg, Schloss

Aus Deckenmalerei-Lab
Seeger, Ulrike:Wolfegg, Schloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/99c15414-f2cd-4ba9-85e4-ed3760ba5aad

Inventarnummer: cbdd10472

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

Außer dem berühmten großen Saal mit Herkules am Scheideweg von 1749 besitzt Schloss Wolfegg ein Appartement mit Deckengemälden von Franz Georg Hermann von 1729. Dort präsentiert Minerva dem göttlichen Mundschenk Ganymed den im Mittelalter von den Truchsessen auf der Waldburg gehüteten Reichsapfel.

Schloss Wolfegg

Wolfegg war seit dem Ende des 12. Jahrhunderts im Besitz der Herren von Wolfegg, die dort über Jahrhunderte eine Höhenburg bewohnten.[1] An der Stelle des heutigen Schlosses Wolfegg wurde seit Beginn des 16. Jahrhunderts gebaut.[2] Das damalige Schloss, das durch eine Ansicht der Zeit um 1555 in seinen beeindruckenden Ausmaßen überliefert ist, fiel am 13. Februar 1578 einem Brand zum Opfer.[3]

Für den Neubau gewannen Truchsess Jakob V. von Waldburg-Wolfegg (1546–1589) und seine Gemahlin Johanna, geborene Gräfin von Zimmern (1548–1613) den zuvor für die Grafen von Zimmern in Meßkirch tätigen Architekten Jörg Schwartzenberger. Nach dem Vorbild von Schloss Meßkirch entstand auch in Wolfegg zwei Jahre nach dem Brand eine regelmäßige Vierflügelanlage mit Ecktürmen.

Schloss Wolfegg folgt dem aus der italienischen Renaissance herzuleitenden Kastelltyp, bei dem die Ecktürme vor die Fassade treten und die Flügel um ein Stockwerk überragen. Der Eingang lag im Ostflügel, von wo man nach links gewandt zur Treppe im Südosttum gelangte. Der große Saal, der sich zwar mit barocker Ausstattung, doch in den Raummaßen der Renaissance erhalten hat, lag im zweiten Obergeschoss des Südflügels, sodass die Treppe als Scharnier zwischen Eingangs- und Saalflügel diente.

Erschließungsraumfolge


Treppenhaus im Südostturm


Deckengemälde: Chronos und Klio
Wolfegg, Schloss, Treppenhaus, 2. OG - Chronos und Klio


Großer Saal im Südflügel, 2. OG

Der Saal wurde während des Dreißigjährigen Kriegs 1646 durch schwedische Truppen zerstört. Sein Wiederaufbau begann 1690 nach einer Konzeption des Bildhauers Balthasar Krimmer. Krimmer schuf die 1691 aufgestellten geschnitzten Ritterskulpturen, die dem Saal seinen späteren Namen „Rittersaal“ gaben.[4]

1749 erhielt das bis dahin vermutlich schmucklose Spiegelgewölbe seine Ausmalung mit fingiertem Rocaillestuck und drei großen Gemälden zum Leben des Herkules. Kleinere Deckengemälde flankierten die Herkulesthematik mit den vier Elementen und den vier Jahreszeiten. Federführend bei der Umgestaltung, die teilweise auch die Wände betraf, war der Bildhauer Johann Wilhelm Hegenauer (1719–1754).[5]

Der Maler der Deckengemälde ist nicht bekannt. Cordula Böhm hat 1968 aufgrund stilistischer Vergleiche Johann Martin Zick (1684–1753) vorgeschlagen, der 1749 im Saal die Gemälde der vier Jahreszeiten über den Schaukaminen signiert und datiert hat.[6] Von der Forschung wurde diese Zuweisung bislang nicht weiter verfolgt.

Deckenmalerei: Herkulesszenen


Herkules am Scheideweg, Minerva und Venus buhlen um seine Gunst


Herkules wirft König Diomedes seinen Pferden zum Fraß vor


Herkules empfängt den Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyte


Deckenmalerei: Die vier Elemente in Form antiker Gottheiten


Wasser – Neptun mit Thetis und Triton


Feuer – Pluto und Proserpina


Erde – Ceres und Diana


Luft – Aeolus und die Windgötter


Deckenmalerei: Die vier Erdteile


Europa


Asien


Afrika


Amerika


Schaukamine mit den vier Jahreszeiten von Johann Martin Zick

Die vier Schaukamine an den beiden Schmalseiten des Saals entwarf der Bildhauer Johann Wilhelm Hegenauer (1719–1754).[7] Die vier Gemälde zu den vier Jahreszeiten malte Johann Martin Zick, der das Bild des Winters mit den an die Endlichkeit allen irdischen Daseins gemahnenden drei Parzen mit seinen Initialen „I M Z“ und der Jahreszahl „1749“ signierte und datierte.

Johann Martin Zick (1684–1753) war ein bayrischer Freskant, der nicht mit dem in Würzburg tätigen Johann Zick (1702–1762) zu verwechseln ist.[8] Johann Martin Zick wurde in Martinszell bei Kempten geboren. 1737 signierte er die Deckengemälde der Pfarrkirche St. Johannes von Leuterschach bei Kempten. 1745 signierte er Fresken in der Stadtkirche von Neresheim.[9]

Frühling mit Kybele


Sommer mit Ceres und Celeus


Herbst mit Ganymed


Winter mit den drei Parzen


Große Stube im Südwestturm


Zwischenraum


Speisesaal im Westflügel


Möglicher Ort des Tondos Christus in Emmaus (Hermann 1729)


Appartement im Ostflügel, 1. OG


Roter Salon


Deckengemälde Allegorie Haus Waldburg

Das Deckengemälde malte Franz Georg Hermann (1692–1768), der am unteren Bildrand seine Signatur samt Jahreszahl hinterlassen hat: „F: G: Hermann pinxit 172[9]“.[10] Mit der Darstellung Minervas, die Ganymed den vom Haus Waldburg-Wolfegg behüteten Reichsapfel für ein Göttermahl überreicht, bezog sich das Gemälde in zweifacher Hinsicht auf die besondere Geschichte und die besonderen Würden der Truchsessen von Waldburg-Wolfegg.[11]

Zum einen konnten sich die Truchsesse rühmen, im Mittelalter von circa von 1220 bis 1243 auf Schloss Waldburg die Reichskleinodien gehütet zu haben. Friedrich II. von Hohenstaufen hatte sie nach seiner Krönung 1220 in Rom dem Truchsessen Eberhard von Tanne-Waldburg (1170–1234) anvertraut. Zum anderen besaßen die Truchsesse als Ehrenamt die Aufsicht über die kaiserliche Tafel. Als Zeichen dieser Ehre durften sie erste Schüssel auf die kaiserliche Tafel setzen.

Im Zentrum des Deckengemäldes steht Minerva, die dem auf Jupiters Adler herbeifliegenden Ganymed den Reichsapfel samt einigen Ehrenketten auf einem Kissen überreicht. Der hübsche Hirtenjunge Ganymed, den Jupiter in Gestalt seines Adlers geraubt hatte, war der Mundschenk der Götter. Er versinnbildlicht im Deckengemälde das Haus Waldburg-Wolfegg mit seinem an der kaiserlichen Tafel auszuübenden Ehrenamt.

Oberhalb von Minerva und Ganymed thronen in hellen, lichtperspektivisch verblassenden Farben die Götter des Olymps. Sie warten auf das Festmahl, das auf einer Tafel am linken Bildrand schon weitgehend angerichtet ist. Rechts sitzen Bacchus und Vulkan sowie ganz am Rand der nachdenkliche Saturn mit seiner Sense. Im Scheitel fliegt Merkur mit Helm und Caduceus, während Juno mit Zepter den Anschein vermittelt, Venus mit Amor zur Tafel einladen zu wollen. Oberhalb der Tafel sitzt Apoll mit der Leier. Unterhalb der Tafel und in deutlich kräftigerer, diesseitigerer Farbgebung bilden Herkules und Neptun sowie Mars eine rein männliche Gruppe.

Cordula Böhm hat das Fehlen Jupiters reklamiert.[12] Vermutlich ist er im Adler des Ganymed anwesend.

Am rechten Bildrand strebt Diana mit ihren Jagdhunden dem Olymp zu. Im kleinen Maßstab gehört sie zur Gruppe der olympischen Götter. Szenisch und farblich vermittelt sie jedoch zwischen der mehr irdischen Zone am unteren Bildrand und der himmlischen Zone. Am rechten unteren Rand sind Gefährtinnen der Diana zurückgeblieben. Sie stehen dort am Waldrand und wenden sich der Personifikation der Waldburg zu, die an der Mauerkrone und dem Sachverhalt zu erkennen ist, dass sie mit dem rechten Arm auf Ganymed und die Burg Waldburg zeigt.[13] Die Personifikation deutet zwar auf die Waldburg, die Mauerkrone auf ihrem Haupt bildet als Vierflügelanlage mit Ecktürmen jedoch Schloss Wolfegg nach.

Am linken Bildrand bläst die geflügelte Fama in ihre Posaune, die mit der Fahne des Hauses Waldburg-Wolfegg behangen ist. Mit ihrem Lorbeerkranz bekränzt sie den unter ihr sitzenden Gott Janus. Er ist außer an seinen beiden Gesichtern am Schlüssel und der Lanze zu erkennen. Er gehört zum Janustempel im antiken Rom, dessen Türen geöffnet blieben, solange sich Rom im Krieg befand. Auf dem Gemälde lehnt Janus an abgelegten Waffen, was vermutlich als Zeichen des Friedens zu deuten ist.

Cordula Böhm hat den Schlüssel des Janus als Schlüssel zur Waldburg gedeutet. Er zeige an, dass die Reichsinsignien auf der Waldburg in sicherem Gewahrsam sind.[14]

Kabinett mit Vogelbildern an den Wänden


Deckengemälde: Verbannung der Laster durch die Kardinaltugenden in einer Person


Ehemalige Garderobe mit translozierter Decke


Deckengemälde: Die vier Kardinaltugenden stützen die Weltkugel


Programm und Synthese


Bibliographie

  • Babinger, Zick, 1920 = Franz Babinger, Der Maler Johann Martin Zick, in: Monatshefte für Kunstwissenschaft, 13 (1920), S. 312–313.
  • Böhm, Hermann, 1968 = Cordula Böhm, Franz Georg Hermann, Der Deckenmaler des Allgäus im 18. Jahrhundert, Phil. Diss. München, 1968.
  • Fesseler, Schütz, 1988 = Alexandra Fesseler, Schütz, Johannes, in: Hugo Schnell / Uta Schedler, Lexikon der Wessobrunner Künstler und Handwerker, mit Beiträgen von Alexandra Fesseler, Norbert Jocher, Ulrich Knapp und Eva Christina Vollmer, München - Zürich 1988, S. 273–277.
  • KDM Waldsee, 1943 = Die Kunstdenkmäler des ehemaligen Kreises Waldsee, bearbeitet von Adolf Schahl unter Mitarbeit von Werner von Matthey, Stuttgart 1943, hier S. 295–305.
  • Mayer, Tugendhelden, 1995 = Bernd M. Mayer, Die Truchsessen als Tugendhelden. Das Bildprogramm des Rittersaales in Schloß Wolfegg, in: Im Oberland. Kultur, Geschichte, Natur. Beiträge aus Oberschwaben und dem Allgäu, 6 (1995), Heft 2, S. 3–14.
  • Romberg, Wolfegg = Marion Romberg, Wolfegg (Ravensburg), Schloss, in: Wolfgang Schmale (Projektleitung): Erdteilallegorien im Barockzeitalter, Wien, besucht 23.01.2024.
  • Rudolf, Ravensburg, 2013 = Hans Ulrich Rudolf (Hg.), Stätten der Herrschaft und Macht. Burgen und Schlösser im Landkreis Ravensburg (Oberschwaben. Ansichten und Aussichten, 9), Ostfildern 2013.

Einzelnachweise

  1. Rudolf, Ravensburg, 2013, S. 448–449.
  2. Rudolf, Ravensburg, 2013, S. 449.
  3. Rudolf, Ravensburg, 2013, S. 450.
  4. Zur Vorgeschichte, der Entstehung und der Konzeption des Saales ausführlich: Mayer, Tugendhelden, 1995.
  5. Mayer, Tugendhelden, 1995, S. 8.
  6. Böhm, Hermann, 1968, S. 241.
  7. Mayer, Tugendhelden, 1995, S. 8–10.
  8. Die Verwechslung beispielsweise bei Mayer, Tugendhelden, 1995, S. 10.
  9. Alle Angaben nach Babinger, Zick, 1920. Die von Babinger ebenfalls abgeführte Signatur in Neuler bei Ellwangen des Jahres 1756 ist Zick abzuschreiben. Es handelt sich dort um die Signatur des Malers Johann Michael Zink (1694–1765). Siehe: Neuler (Ostalbkreis), St. Benedikt | Erdteilallegorien
  10. Böhm, Hermann, 1968, S. 58–60.
  11. Entsprechend: Böhm, Hermann, 1958, S. 59–60.
  12. Böhm, Hermann, 1958, S. 59.
  13. Cordula Böhm hat in dieser Figur zusätzlich Ceres erkannt, doch fehlen jegliche Attribute wie Ährenbündel oder Sichel, die diese Identifikation stützen könnten (Böhm, Hermann, 1958, S. 59).
  14. Böhm, Hermann, 1958, S. 59–60.