Winsen, Schloss und Witwensitz

Laß, Heiko:Winsen, Schloss und Witwensitz, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2022, URL: www.deckenmalerei.eu/3c760ba0-c4d8-11e9-b73c-931fa1e429a3

Inventarnummer: cbdd10002

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Die Schlosskapelle erhielt um 1600 eine schlichte Malerei, die Pflanzen, Engel und Tugenddarstellungen zeigt.

Bauwerk

Mit hoher Wahrscheinlichkeit gab es in Winsen bereits 1299 eine Burg im Besitz der Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg.[1] 1371 erfolgte nach der Zerstörung der landesherrlichen Burg in Lüneburg die Verlegung der Verwaltung von Lüneburg nach Winsen. Bereits seit dem 14. Jahrhundert war in Winsen der Sitz einer Obervogtei im nördlichen Teil des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg. Von 1374 bis 1523 war Winsen fast durchgehend verpfändet. Von 1592 bis 1617 diente das Schloss als Witwensitz für Herzogin Dorothea von Braunschweig-Lüneburg, die mit Herzog Wilhelm III. verheiratet gewesen war. Sie ließ das Schloss umbauen, und im Wesentlichen präsentiert es sich in seiner äußeren Erscheinung noch heute so wie damals. Aus dieser Zeit stammen der Portalschmuck mit seinen Wappen und die Schlosskapelle im ehemaligen Torturm. Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges wurden die Befestigungen des Schlosses verstärkt. Im frühen 18. Jahrhundert legte man wohl den Südwestturm sowie den Westflügel nieder und errichtete dafür die Kopfbauten an den Enden der nunmehrigen Seitenflügel. Um 1900 riss man den Treppenturm am Nordflügel ab und 1960 erfolgte der Abbruch des barocken Treppenhauses im Schloss.

Das Schloss erhebt sich hinter den Gräben der ursprünglichen Wasserburg, die teilweise noch vorhanden sind. Vom Schlossplatz kommend betritt man die nach Westen geöffnete dreigeschossige Dreiflügelanlage aus rotem Backstein. Neben der Durchfahrt im Ostflügel erhebt sich der fünfgeschossige Turm mit seinem Zeltdach. Im Gegensatz zur Feldseite zeigt der Hof Fachwerkwände. Die offene Galerie am Nordflügel stammt von 1554. Damals wurde auch ein heute nicht mehr vorhandener Westflügel errichtet, sodass wir uns den Hof ehemals geschlossen vorstellen müssen. Die ältesten Bereiche des Baus sind die Keller des Ost- und Südflügels. Sie stammen aus dem 14. Jahrhundert. Aber auch ein Deckenbalken im Turm konnte auf 1382 datiert werden.

Im Erdgeschoss des Turmes befindet sich eine zweijochige Schlosskapelle mit einem kleinen quadratischen Chor.[1] Die Kapelle wird bereits 1585 genannt. Sie diente damals als Abstell- und Lagerraum. Erst Herzogin Dorothea ließ den ehemals eingeschossigen Raum erhöhen und ein Rippengewölbe einziehen. Der quadratische Chor im Osten verfügt über ein großes Fenster. 1772 wurde die Kapelle zur Registratur umgenutzt. Die Empore und die Holzvertäfelung stammen aus dem späten 19. Jahrhundert.

Malerei

An das zweijochige Kirchenschiff mit Kreuzrippengewölbe schließt im Osten ein rechteckiger niedrigerer Chor an. Das Gewölbe wurde um 1600 mit Ornamentbändern und geometrischen Mustern, Pflanzen und Engeln ausgemalt. Hinzu kommen deutsche und lateinische Inschriften. Die farbig gefassten Rippen werden von Bändern begleitet, die auch die Gewölbekappen am unteren Rand einfassen. Aus jedem Gewölbezwickel wächst eine Pflanze. Deren Blätter und Blüten variieren von Darstellung zu Darstellung. Blatt- und Blütenformen sind nicht immer mit realen Pflanzen in Übereinstimmung zu bringen.

Am unteren Rand der Gewölbe sitzen Putten, die fast symmetrisch ein mittleres Motiv einrahmen. Inschriften erläutern ihre Bedeutung. Ganz im Westen sitzen zwei Putten auf einem Sarkophag und blasen in gebogene Posaunen. Zwischen ihnen erblickt man Totenschädel und Gebeine, aus denen Getreide wächst. Der zughörige Text lautet: „Eß wirt geseyt in vergenglichkeit und stehet / wider uff in unvergenglichkeit. I. Epist. Cor. 15“. Die Darstellung mahnt an Tod und Gericht. Das Zitat bezieht sich auf die Auferstehung, die hier als Trost spendend zu verstehen ist. Im westlichen Joch an der Nordseite sitzen zwei Putten in einer blühenden Pflanze, die zwischen ihnen emporwächst, und umarmen sich. Der linke Putto hält ein Schild mit brennendem Herzen und dem Schriftzug „Charitas“, der rechte ein Schild mit Anker und dem Schriftzug „Spes“. Über der linken Darstellung steht geschrieben: „Ephes. I / Er hat uns angenehm / gemacht In dem geliebten.“, über der rechten: „Psalm 39. / Alle so auff den Herren / hoffen, werden nicht zu schanden“. Hier wird auf die Liebe Gottes verwiesen, die Hoffnung auf Erlösung gründet. Über der Südwestwand sitzen zwei Putten, die mit „PAX“ und „FIDES“ bezeichnet sind. Pax hält einen Ölzweig, Fides einen Kelch. Zwischen ihnen und einer zentralen Blüte befindet sich jeweils ein Schriftband. Bei Pax steht „PAX INTRANTIBUS“ und bei Fides „SALVS EXEVNTIBVS“. Diese Darstellung über dem Zugang zur Empore bezieht sich auf die Besucher des Gottesdienstes. Über der Nordwestwand präsentieren zwei Putten Kreuz bzw. Siegesfahne. Der Putto mit Kreuz ist als „PATIĒCA“ bezeichnet, der mit Siegesfahne als „VICTORIA“. Beide halten zwischen sich eine Kartusche mit dem verschnörkelten Monogramm Jesu „IHS“. Auch diese Personifikationen erhalten erläuternde Bibelzitate: Zu Patienca gehört der Schriftzug: „Wollen wir mit Christo zur Heiligkeit / erhoben werden, müssen wir auch mit ihm / leiden / RÖM. 8“, zu Victoria: „Jauchzet in Himmel, denn der Herr / hat Jacob erlöset, und ist in Israel herrlig / worden. ESAI., 44“. Hier wird Bezug genommen auf den Zusammenhang zwischen dem Leiden Christi und der Erlösung der Menschheit. Über der Südostwand sitzen zwei Putten, denen keine Schriftzüge beigegeben sind. Zwischen ihnen befindet sich ein Nest mit Henne und Küken. Über der Gruppe ist der Schriftzug angebracht: „Jerusalem, Jerusalem wie oft hab ich dich versam / len wolt wie eine Kluckhene ire Küchlein under / ire Flüglein, aber du hast nicht gehört. Matth. 23“. Das Zitat stammt aus dem Kontext der Klage Jesu über das verstockte Jerusalem, die Henne mit den Küken steht für die Gemeinde, die sich unter dem Schutz Jesu versammelt. Im Osten über dem Chor wird ein Altar mit brennendem Herzen gezeigt, umgeben von Rollwerk. Im linken Rollwerk liegt ein Lamm, im rechten steht ein Kelch mit Hostie. Noch weiter außen links ist ein Putto mit verbundenen Augen zu sehen. Er hält Priesterschild und Geißel. Ihm ist der Schriftzug „LEX“ (Gesetz) beigegeben. Auch rechts steht ein Putto. Er hält ein Kreuz sowie einen Schild mit der Taube des Hl. Geistes und steht für die Gnade Jesu. Ihm ist der Schriftzug „EVANGELIVM“ zugeordnet. Die beiden stehen für den Alten und den Neuen Bund. Erklärend kommen auch hier Bibelzitate hinzu. Beim Gesetz steht: „Daß gesetz ist durch Moysen gegeben“, bei der Gnade steht: „Die genad und Wahrheit durch Jesum Christum“. Der Nachweis – Joh. 1, 17 – fehlt hier. Diese beiden Putten sind nicht in Eintracht miteinander verbunden, sondern kämpfen gegeneinander.

Für nahezu alle Puttenpaare lassen sich Vorbilder finden (nicht für das Paar mit der Gluckhenne). Die grafischen Vorlagen finden sich in den rahmenden Bordüren der Bibelbilder in Tobias Stimmers 1576 erschienenem „Neue künstliche Figuren biblischer Historien“. Am unteren Rand der Blätter beschäftigen sich Putten miteinander und mit Symbolen. In der Vorlage haben die Putten keinen konkreten Bezug zum Text, in Winsen kommt daher eine Erläuterung hinzu. Die Darstellungen folgen der Grafik nicht immer eng, sondern sind teilweise in Haltung und Bewegung abgewandelt. Die Vorlagen für Pax und Justitia etwa präsentieren auf ihren Schilden bei Stimmer A und Ω.

Die Malerei ist nicht in ihrer ursprünglichen Form auf uns gekommen.[2] Vielmehr wurde die Malerei überfasst – vermutlich um 1900. Diese Fassung ist es, die heute weitgehend zu sehen ist. Die Unstimmigkeiten zwischen Blüten und Blättern könnten aus dieser Zeit stammen. Die Überfassung greift jedoch in allen „wesentlichen figürlichen und ornamentalen Formen“ die darunterliegende Originalfassung auf. Allerdings weicht die Farbigkeit vom Original ab. Bei der wohl zwischen 1890 und 1910 erfolgten Überfassung wurde um die damals noch vorhandenen Schriftfelder herumgestrichen. Die Buchstabenfolgen wurden erst später nachgezogen. Die Ornamentfelder sind heute im Gegensatz zum Original leicht versetzt, etwa an Gurtbögen und Rippen. Die Rippen selbst waren gar nicht gefasst. Ursprünglich war die Grundfarbe der Decke ein hellockriges Weiß, sie war nicht so gebrochen und patiniert wie heute. In den Gewölbekappen des Chores wurden keine originalen Reste festgestellt. Die Kapelle wurde zuletzt von 1998 bis 2000 saniert.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Anton, Studien, 1977. – Anton, Elisabeth: Studien Zur Wand- und Deckenmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts in protestantischen Kirchen Norddeutschlands. Diss. München 1974. München 1977.
  • Büttner, Schloß, 1999. – Büttner, Hellmut: Das Winsener Schloß. Neue baugeschichtliche Erkenntnisse. In: Kreiskalender 1999 (Jahrbuch für den Landkreis Harburg). Winsen 1999, S. 99-110.
  • Gröll, Schloßkapelle, 2001. – Gröll, Walter: Die Deckenmalereien in der Schloßkapelle zu Winsen (Luhe). In: Kreiskalender 2001 (Jahrbuch für den Landkreis Harburg). Winsen 2001, S. 131-139.
  • Laß, Burgen, 2012. – Laß, Heiko: Burgen, Schlösser und Herrenhäuser in Hamburg und Umgebung. Entdeckungsreisen zu unbekannten und bekannten Objekten. Berlin 2012.
  • Archivalien:
  • NLD, Außenstelle Lüneburg, Akt Nummer: 406-57721/0, III., Winsen /Luhe, Schloßplatz 4, Schloßkapelle.
  • NLD, Restaurierungsakten, Akt Nr. 033-1423-001-02 (1)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Laß, Burgen, 2012, S. 124-125; Büttner, Schloß, 1999, S. 99-110.
  2. Vgl. Außenstelle Lüneburg, Akt Nummer: 406-57721/0, III., Winsen /Luhe, Schloßplatz 4, Schloßkapelle. Darin besonders Schreiben von Restaurator Klaus Thösnes vom 27.2.1987. Vgl. Außenstelle Lüneburg. Vgl. ferner NLD, Restaurierungsakten, Akt Nr. 033-1423-001-02 (Schloss Winsen, Schlosskapelle).