Windhag, Kapelle Mariä Vermählung


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 12, Teil 2: Stadt und Landkreis Rosenheim. Hirmer, München 2006, ISBN 978-3-7774-3355-4, S. 561–563, geschrieben von Bauer-Wild, Anna und Sinkel, Kristin. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Kapelle beim Einödhof Windhag, Breitenau, Gemeinde und Pfarrei Kiefersfelden, Erzdiözese München und Freising; z. Z. der Ausmalung war Kiefersfelden Filiale der Pfarrei Oberaudorf. Kapelle und Hof sind in Privatbesitz. Der Hof liegt in der Schöffau, er war einst herzogliches Lehengut und ist schon 1269/71 genannt. Gericht Auerburg

Patrozinium: Mariä Vermählung

Zum Bauwerk: Nach einer gerahmten Urkunde in der Kapelle wurde sie 1782 durch den Bauern Sebastian Wildgruber und seine Ehefrau Maria im Jahr 1782 erbaut (Datierung im Fresko 1782) und vom Oberaudorfer Pfarrvikar Joseph Knoll (1766–97) geweiht.

Annähernd kreisrunder, kleiner Zentralbau (5,00×5,40 m) genordet, Pilastergliederung und umlaufendes Gebälk, Belichtung durch vier Rundbogenfenster in den Diagonalen; ein gezogener AR von einem Joch mit halbrundem Schluss (2,60×2,20 m), Belichtung von O und W.

Auftraggeber: Sebastian Wildgruber und seine Ehefrau Maria Rechenauer. Sebastian Wildgruber (* um 1726) war seit dem Tod des Vaters Georg Wildgruber Besitzer des Einödhofes Windhag in der Schöffau. Er heiratete am 18. 11. 1764 in Oberaudorf Maria Rechenauer (* 6.8.1740), die Tochter des Bartholomäus Rechenauer und seiner Ehefrau Anna. Nach dem Taufregister Oberaudorf hatte das Paar keine Kinder. Es verkaufte den Hof 1799 an Andreas Schweinsteiger. Maria Wildgruber starb am 12.11.1805, Sebastian Wildgruber am 21.2.1809 im Alter von 83 Jahren. Über dem Eingang Inschriftkartusche mit der Jahreszahl 1782 und den Initialen der Stifter S:W./ M:R / 1.7.8.2./ O:A:M:D:G: (Sebastian Wildgruber / Maria Rechenauer / 1782 / Omnia ad maiorem Dei gloriam. Die letzten fünf Buchstaben sind bedeutend kleiner als die Stifterinitialen).

Autor und Entstehungszeit: Zuweisung an Peter Troger (* 1737 Oberaudorf † 1793 Oberaudorf) 1782

Bomhard (S. 219) bringt die Malerei in Zusammenhang mit dem in Oberaudorf ansässigen Maler Peter Troger, der ab 1769 auch Hauslwirt in Oberaudorf war. Die Ausmalung von Windhag zeigt Übereinstimmungen mit der der Kapelle von Schweinsteig (1771; S. 490), die ebenfalls Peter Troger zuge- wiesen wird. Davon abgesehen macht die soziale Nähe in einer kleinen Gemeinde es wahrscheinlich, daß ein guter Bekannter beauftragt wurde.

In der fraglichen Zeit waren im Oberaudorfer Bereich zwei weitere Maler ansässig, Bernhard Behamgruber, Bauer und Maler in Schindlberg bei Niederaschau (* 30.7. 1764 Behamgrub † 13.4. 1833 Schindlberg) und Sebastian Trainer, der sog. Grisst bei Oberaudorf (* 12.1.1723 Oberaudorf † 29.7.1788 ebenda). Von diesen beiden Malern sind keine Werke überliefert.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Kuppel über umlaufendem, leicht verkröpftem Gebälk

Rahmen: Das Fresko setzt über einem verkröpften Stuckprofil an

Technik: Fresko; polychrom

Maße: Höhe 7,55 m; ∅ 5,00 m

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Erste Sanierung des kleinen Bauwerks 1934 mit Dachreparatur, Entfeuchten durch einen Trockengraben und Erneuerung des Innenputzes bis zu einer Höhe von 2 m; damals wurde festgestellt, daß die Freskobemalung in gutem Zustand sei und keiner Restaurierung bedürfe. Erneute Bausanierung 1960 mit Restaurierung des Altars durch Kunstmaler Hahn. Das Kuppelbild zeigt keine Spuren von Restaurierungen, es ist gut erhalten bis auf einen Wasserflecken und einen größeren Wasserschaden in den Diagonalen; Verschmutzung besonders im mittleren Bereich.

Beschreibung und Ikonographie

SCHEINKUPPEL MIT VIER LATEINISCHEN KIRCHENVÄTERN Die leichte Schrägsicht in eine Kuppel mit Scheinlaterne ist auf den Aufnahmestandpunkt in der Mitte darunter mit Hauptblickrichtung gegen Norden angelegt. Über dem Stuckprofil setzt die Malerei verdeckt an; halb überschnitten rollen sich an der umlaufenden Bildbasis architektonische Versatzstücke, verbunden durch Frucht- und Blumendekor. Sie bilden in den Achsen große Konsolen, auf denen die Kirchenväter mit ihren Symbolen und von Putten begleitet thronen. Die Kuppelschale ist durch gemalte breite Gurte in vier Hauptfelder und vier schmälere Zwischenfelder geteilt die als zwickelförmige Rahmung für die weitausladenden Gewandfiguren gesehen werden können. Die acht Gurte umklammern im Scheitel der Kuppel einen plastisch gemalten Mauerring, über dem eine Scheinlaterne ansetzt, in deren illusionierter Himmelsöffnung die Geisttaube mit einem Ring im Schnabel schwebt.

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Hieronymus, Südansicht des Kuppelfreskos

In der Hauptansicht gegen Norden erscheinen auf Wolken zu Häupten des Kirchenvaters Ambrosius zwei Putten, die zwischen sich das Marienmonogramm tragen, aus dem ein flammendes Herz und daraus eine Lilie hervorsprießt, die in die Kuppelöffnung hinein den Strahlen der Geisttaube entgegenblüht.

Die Vier Kirchenväter halten alle ein Buch und die Schreibfeder in der Händen. Im Norden ist über dem Chorbogen Ambrosius im Bischofsornat dargestellt, um die Schultern hat er das Pallium. Unten an dem Podest, auf dem er thront, sind Bischofstab und Bienenkorb zu sehen. In der Ostansicht thront Augustinus ebenfalls in Bischofskleidung, mit den flammenden Herzen in Händen. Über ihm erscheint ein Dreieck mit drei Flammen als Dreifaltigkeitssymbol; zu seinen Füßen sitzt ein Putto, der aus einem Löffelchen Wasser schüttet und damit auf die legendäre Szene der Begegnung vor Augustinus mit dem Kind am Meer anspielt. Der Putto hält auch die Mitra. Gegen Süden über dem Eingang ist Hieronymus als Eremit zu sehen, mit entblößtem Oberkörper und langem Bart; von oben ragt die Posaune des Gerichts, in seinem Buch stehen die Worte veni/te ad/ Judi/tium. Der Putto unter ihm hält den Kardinalshut und den zweifachen Kreuzstab. Noch unter dem Putto kauert der Löwe als Attribut von Hieronymus; hier hält er zugleich das Schild mit der Stifterinschrift. Gegen Westen ist Papst Gregor der Große dargestellt; er hält das dreifache Kreuz in der Linken und blickt zur Geisttaube der Inspiration auf, die über seinem Haupt schwebt. Ein Putto zu seinen Füßen hält die Tiara.

Die perspektivisch konstruierte Kuppelschale mit der illusionierten Himmelsöffnung wirkt auf den Betrachter stimmig. Obgleich in einer gemauerten Kuppel gemalt, erscheint sie wegen ihrer kleinen Ausmaße doch verhältnismäßig flach. Die fast monumental zu nennenden Kirchenväter-Figuren sind in Wirklichkeit kaum einen Meter groß. Sie sind leicht untersichtig und verkürzt angelegt, wirken aber doch kaum integriert in die Kuppelräumlichkeit, sondern bleiben an der vordersten Bildebene. Das wird unterstützt durch die farbige Gegenstandsbezeichnung der Gewänder und Attribute. Wenn auch die Buntfarben der Gewänder, wie ein helles Kobalt, ein Graugrün und ein dunkles, fast farbloses Purpur mit Weiß gehöht lichthaltig erscheinen, stehen sie doch mehr im Vordergrund als die zarteren Tönen von Rosa, Hellocker und Weiß der Architekturmalerei mit dem feinen Rankendekor der Spätzeit. Zweifellos ist in der Hauptansicht mit den Darstellungen des Ambrosius, des Marienmonogramms und der Geisttaube mit dem Ring eine Bedeutungsachse zu sehen, die sich eng auf das Altarblatt bezieht, wo die Vermählung Mariens dargestellt ist. Ambrosius dürfte hier als Verfasser eines Kommentars gezeigt sein, der sich auch mit dem Thema der Vermählung Mariens beschäftigt: »Mit gutem Grund ist Maria eine Vermählte, zugleich aber auch Jungfrau; denn sie ist Vorbild der Kirche, die makellos ist, aber auch Braut. Als Jungfrau hat diese uns vom Geiste empfangen, als Jungfrau gebiert sie uns ohne Schmerzenslaut. Und vielleicht war die heilige Maria deshalb einem anderen verlobt, von einem anderen (mit der Leibesfrucht) erfüllt, weil auch die einzelnen Kirchen vom Geiste und von der Gnade erfüllt werden, gleichwohl aber äußerlich einem sterblichen Priester angetraut sind« (Ambrosius, Lukaskommentar II,7; Bibliothek der Kirchenväter 21, Kempten 1915, S. 52 f.). Die Geisttaube in der Kuppelmitte, die den Ring bringt, bezieht sich auf Maria als die Braut des Heiligen Geistes, die Lilien am Marienmonogramm weisen auf ihre Jungfräulichkeit in der Verbindung mit Joseph. Ambrosius kommentiert in der angegebenen Stelle nicht nur die Vermählung Mariens, die das Kapellenpatrozinium ist, sondern weitet das Thema auf die ganze Kirche aus. Auch dieser Gedanke ist in der Ausmalung aufgegriffen, in der Darstellung der Kuppel, die Zitat der Peterskuppel in Rom ist, sowie durch die Kirchenväter als Fundament des kirchlichen Lehrgebäudes

Quellen und Literatur

AEM, Martikeln Oberaudorf. BLfD, Akt Breitenau, Kapelle Windhag

Bomhard, Bd 1, S. 219.

Moser, Hans, Chronik von Kiefersfelden (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Stadt und des Landkreises Rosenheim, Hg. Albert Aschl), Bd III, Rosenheim 1959, S. 65 503 und 517; Abb. 19, Tafel XIII.

 

Rosenegger, Josef, Die Geschichte der Pfarrei »Zu Unserer lieben Frau« in Oberaudorf (hg. anläßlich der 1200-Jahr- Feier der Pfarrei), Oberaudorf 1992. 3. Die Kapellen in Oberund Niederaudorf und in Kiefersfelden, S. 67–101. Windhag S.99 f.

A. B./K. S