Wessobrunn, Kreuzbergkapelle Hl. Kreuz
Kreuzbergkapelle, Pfarrei Wessobrunn, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung zur Klosterpfarrei gehörig
Patrozinium: Hl. Kreuz
Zum Bauwerk: Neubau 1595 an Stelle einer älteren Holzkapelle durch Abt Benedikt Schwarz (Inschrifttafel in der Kapelle); Neuausstattung 1771. – Einfacher Saal zu drei Jochen mit Pilastergliederung; eingezogener AR in der Form eines Kreissegments; im W Empore. Das Fresko befindet sich im Gemeinderaum.
Auftraggeber: Abt Engelbert Goggl von Wessobrunn (1770–81), dessen Wappen sich zusammen mit dem Klosterwappen am Chorbogen befindet
Autor und Entstehungszeit: Signatur am O-Rand des Freskos: M: Gündter Pinxit. 1771 (Matthäus Günther)
Befund
Träger der Deckenmalerei: Flachtonne mit Stichkappen. Rahmen: Stuckprofil, von Rocailleornamenten überspielt. Technik: Fresko; polychrom
Maße: Höhe 5,25 m; 6,40 <math>\times</math> 4,20
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Letzte Restaurierung 1955; der Zustand ist gut, die Farbsubstanz im wesentlichen unbeschädigt.

Beschreibung
KREUZAUFFINDUNG UND MARTYRIUM DER BENEDIKTINER VON WESSOBRUNN Zentralperspektivische Anlage mit umlaufender terrestrischer Szenerie, die als schmale Rampe ringsum den Rahmen begleitet und nach hinten ins Bild jäh abfällt. Teilweise starke Verkürzungen und Untersichten; Standort des Betrachters unterhalb der Bildmitte. Durch die im Verhältnis zum kleinen Bildfeld ziemlich großen Figuren entsteht im Zentrum des Bildes, in der Himmelszone, nur ein sehr kleiner Freiraum, in dem, rings von dem dichten, gedrängten, bewegten irdischen Geschehen eingeengt, die Dreifaltigkeit auf Wolken dargestellt ist.
Das Deckenbild ist ikonographisch in zwei Bildteile geschieden. Die Hauptansicht liegt im Osten, auf sie ist die Darstellung der Dreifaltigkeit bezogen.
Hier ist die Prüfung des wahren Kreuzes durch die hl. Helena dargestellt. Die zentrale Szene der Kreuzesprobe mit der Kaiserin und dem Bischof Makarios ist flankiert durch die Rückenfigur eines stehenden Ministranten und die Gruppe einiger Männer, die ein Kreuz aufrichten. Die ansteigende Landschaftsszenerie – links ein Fels, rechts ein Baum – trennt die Szene klar von der gegenüberliegenden. Die Szene ist in Form eines Dreiecks komponiert, dabei sind die perspektivischen Höhenlinien effektvoll hervorgehoben.
Die gegenüberliegende Seite, das Martyrium der Wessobrunner Mönche darstellend, wirkt durch die etwas kleineren Figuren, durch die Ausbreitung der Szene bis zu den Rahmeneinbuchtungen in der Bildmitte und durch den freieren Himmelsraum darüber weniger gedrängt.
Auf einem Hügel in der Mitte der Szene kniet ein Benediktiner, ein Kreuz in den Händen. Hochaufgerichtet steht der Henker hinter ihm und holt mit dem Schwert zum tödlichen Streich aus. Im Vordergrund liegen die gemarterten Mönche, zum Teil schon enthauptet, zum Teil die tötenden Soldaten über sich.
In der westlichen Bildhälfte fehlen in dem Getümmel von Speeren, Schwertern, Keulen und Dolchen der Mordszene die betonten Höhenlinien fast ganz. Die Komposition bildet mit ihrem freieren, offeneren und unorganisierten Charakter ein gewisses Gegengewicht zur Strenge und engen Geschlossenheit der östlichen Bildhälfte.
Ähnlich wie Günthers Fresko in St. Leonhard am Forst zeigt das Wessobrunner Deckenbild klassizistische Merkmale: ein formal betontes, klares Kompositionsschema und deutliche Konturen – viele irdische Figuren sind als scharfumrissene Silhouetten vom Himmel abgehoben. Die Farben des Wessobrunner Bildes sind auf eine helle, ockergraue Grundtonigkeit abgestimmt. Ein dunkles, intensives Rot, das in den Gewändern der irdischen Figuren auftritt und das Violett- oder Grauschwarz der Mönchskutten sind in größeren Farbpartien von dem hellfarbigen Grund abgesetzt. Wie in St. Leonhard eignet dem Fresko eine gleichmäßige, diffuse Helligkeit, wie dort erscheint die Himmelsglorie als zartfarbige Folie.
Ikonographie
Auf das Patrozinium der Kapelle bezieht sich die Szene in der Hauptansicht: Die hl. Kaiserin Helena findet auf Golgotha die drei Kreuze; zusammen mit Bischof Makarios versucht sie, das Kreuz Christi zu erkennen, indem sie die drei Kreuze nacheinander auf einen Toten legt: beim wahren Kreuz erwacht jener zum Leben. Dieser Moment der Kreuzlegende ist dargestellt. Von den beiden falschen Kreuzen, jenen der Schächer, liegt eines im Vordergrund, das zweite wird von Knechten aufgerichtet (vgl. Ribadeneira-Hornig, Bd 1, 3.5., Fest der Erfindung des Hl. Kreuzes, S. 678 f.).
Die westliche Bildhälfte zeigt ein Geschehen aus der Geschichte Wessobrunns: Bei den Hunneneinfällen im Jahr

955 wurde auch das Kloster Wessobrunn heimgesucht und in Brand gesteckt. Der Tradition nach gelang es Abt Thiento mit sechs im Kloster verbliebenen Mönchen – die anderen waren schon vorher entflohen -, auf einen nahen Hügel zu entkommen; sie wurden jedoch von den Hunnen entdeckt und, da sie ihrem Glauben nicht abschwören wollten, getötet. An der Stelle ihres Martyriums, eben auf dem später so genannten Kreuzberg, wurde zunächst eine Kreuzsäule (»sancta Crucis Columna«), später eine hölzerne Kapelle errichtet, die am Ende des 16. Jh. durch die gegenwärtig bestehende Kirche ersetzt wurde. Der Stein, auf dem Abt Thiento das Martyrium erlitt, ist in die Kirche eingebaut. Coelestin Leutner berichtet ausführlich über die Ermordung der Wessobrunner Mönche, über deren Reliquien und Verehrung (Historia monasterii Wessofontani, S. 64 ff.). Günthers Darstellung entspricht dem Bericht genau. Mit dem Abt, der durch ein Brustkreuz ausgezeichnet ist, sind es sieben Benediktiner, die hingemetzelt werden. Zwei von ihnen sind enthauptet – Leutner hebt eigens hervor, daß man bei den Gebeinen zwei Enthauptete fand. - Der Golgothaszene ist die des Wessobrunner Kreuzberges gegenübergestellt, wodurch sicher die Vorstellung vom Kreuzberg als eines Wessobrunner Golgotha veranschaulicht wird.
Literatur siehe S 599