Laß, Heiko:Wensin, Gut Wensin, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2023, URL: www.deckenmalerei.eu/78d1ee0e-0d4c-48d3-b57b-068e012a358a

Inventarnummer: cbdd10519

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In Gut Wensin haben sich translozierte, bemalte Wandbespannungen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erhalten, die das adelige Landleben im Laufe der Jahreszeiten präsentieren.

Leinwandbespannung an der Nordwand im Mittelraum des Obergeschosses
Leinwandbespannung an der Nordwand im Mittelraum des Obergeschosses

Gut Wensin

 
Herrenhaus Wensin

Kurzbeschreibung und Lage

Gut Wensin[1] befindet sich im Norden des Wardersees und war ehemals auf einer von einem Wassergraben umschlossenen Insel gelegen. Es wird von Norden über einen Wirtschaftshof erreicht. Das Herrenhaus ist an der Südostecke der ehemaligen Insel gelegen, westlich davon stehen weitere Wirtschaftsbauten, im Osten jenseits des Grabenrestes erstreckt sich ein Garten.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Gut Wensin geht auf eine Burg zurück. 1625 brannte der verschuldete Hof mit allen Gebäuden ab. Seine Lage ist unklar. 1635 wurde das Gut von Joachim von Brockdorff erworben. Er verlegte den Hof an seine gegenwärtige Stelle. 1635-42 entstand der Neubau als Zweifachhaus aus Backstein. Der letzte Brockdorff auf Wensin starb 1761 und 1763 gelangte das Gut an Wulf Heinrich von Thienen, damals dänischer Geheimer Konferenzrat und Besitzer zahlreicher weitere Güter im Land. Er ließ das Haupthaus 1776 grundlegend modernisieren, teilweise neu ausstatten und mit einem heute noch erhaltenen Portalrisalit schmücken, der die alte Bauinschrift von 1642 präsentiert. Thienen hatte keinen Nachkommen, und so gelangte Wensin 1798 an seine Hausdame Wilhelmine Schwerdtfeger, deren Nachkommen es 1887 an den Hamburger Geschäftsmann Senator Wilhelm Hastedt veräußerten.[2]

Beschreibung

Das Herrenhaus setzt sich aus zwei zweigeschossigen langen traufseitig aneinandergebauten Häusern über hohem Sockelgeschoss mit Satteldach zusammen. Jedes Haus misst neun auf zwei Achsen. An der Eingangsseite sind die mittleren drei Achsen als schwacher Risalit unter einem Schweifgiebel zusammengefasst. Die Zweiteilung des Hauses mit einer Trennwand zwischen den beiden Teilen ist im Innern nachzuvollziehen. Ursprünglich befanden sich in beiden Geschossen im vorderen – westlichen – Teil nur ein großer und ein kleiner Saal. Im hinteren – östlichen – Teil waren jeweils die Wohnräume gelegen. Erst 1776 wurde die Diele mit dahintergelegenem Treppenhaus vom großen Saal abgetrennt. Ebenfalls aus der Zeit des Umbaus stammt die Ausstattung einiger Räume mit Rokokostuck an Decken und Ofennischen. Ferner haben sich translozierte Wandbespannungen mit Malerei in einem Raum des Obergeschosses erhalten.[3]

Der nördliche Mittelraum und seine Wandbespannung

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Die Malerei wird auf die Zeit vor 1763 datiert. Wie die zusammengesetzten Stoffbahnen an den Wänden zeigen, ist die Leinwandbespannung sekundär in den Raum gekommen. Es ist denkbar, dass sie bereits von Thienen 1776 translozieren ließ. Die Malerei ist teilweise durch einen lange zurückliegenden Wassereinbruch beschädigt. Die Farben haben sich im Laufe der Jahrhunderte teilweise verändert.

Beschreibung und Ikonographie

Im nördlichen Mittelraum des Obergeschosses sind die Wände über den Sockelpaneelen komplett mit einer bemalten Leinwand bespannt. Sie zeigt verschiedene Szenen des Landlebens, die vermutlich ehemals einen Jahreszeitenzyklus darstellten.[4]

Nordwand

In der Nordwestecke erblickt man ein Paar auf dem Eis mit einem von Pferden gezogenen Schlitten. Während die Frau vorne sitzt, steht der Mann hinter ihr auf den Kufen und lenkt das Pferd. Direkt am Ufer sehen mehrere Personen dem Paar zu. Im Hintergrund sind weitere Menschen sowie schemenhaft eine Stadt auszumachen. Rechts daneben beginnt ein neues Bildmotiv mit sommerlichen Handlungen. Links geht ein Paar vor einer Ruine spazieren, gefolgt von einem Pagen. Rechts davor hat sich eine Musikerin niedergelassen. Rechts der Musikerin beginnt der Herbst. Im Hintergrund ist eine Parforcejagd zu sehen. Im Bildvordergrund werden Trauben gekeltert. Rechts der Herbstdarstellungen beginnt ein neues Bildfeld. Man erblickt eine adelige Gesellschaft beim Bootfahren – das Boot steuert gerade unter einem Naturbogen hindurch.

Westwand

An der Westwand ist rechts der Eingangstür eine weitere Sommer- oder Herbstdarstellung zu sehen: Frauen bringen Obst und Korngarben zu einem Einsiedler. Links der Tür sind mehrere Fragmente zusammengenäht, die Tiere zeigen. Auf einem sind Hunde zu sehen, auf einem anderen Hasen und auf einem dritten Schwäne im Wasser. In den Bäumen über ihnen sitzen jeweils exotische Vögel, aber auch eine Eule.

Südwand

An der Südwand folgt im Westen ein Waldstück mit wilden Tieren wie Hirsch, Reh, Fuchs und Hasen sowie einem Reiher am Himmel – es handelt sich um Jagdwild, das dem Herbst zuzuordnen ist. Im östlichen Teil der Südwand ist erneut eine adelige Gesellschaft im Sommer dargestellt – in diesem Fall vor einem Garten. Links hat sich eine Frau niedergelassen, die von ihren Dienerinnen mit Blumen frisiert wird. In der Mitte geht ein Paar spazieren, von einem Pagen, einem Diener und einem Hund begleitet. Dahinter fällt der Blick in die Tiefe des formal gestalteten Gartens. An dessen Seite steht ein Lusthaus. Ganz rechts kniet ein weiterer Bediensteter.

Bibliographie

  • Literatur:
  • Dehio, Schleswig-Holstein, 2009. – Dehio, Georg: Hamburg. Schleswig-Holstein (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Johannes Habich, Christoph Timm, Lutz Wilde. München/Berlin 2009.
  • Lafrenz, Herrenhäuser, 2023. – Lafrenz, Deert: Gutshöfe und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein. 2 Bde. Petersberg 2023.
  • Lafrenz, Herrenhäuser, 2015. – Lafrenz, Deert: Gutshöfe und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein. Petersberg 2015.
  • Neuschäffer, Südholstein, 1987. – Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Südholstein. Würzburg 1987.
  • Rumohr, Herrenhäuser, 1987. – Rumohr, Henning von: Schlösser und Herrenhäuser im Herzogtum Schleswig. 3. Aufl. Würzburg 1987.
  • Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983. – Rumohr, Henning von/Neuschäffer, Hubertus: Schlösser und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein. Frankfurt 1983.
  • Schulze, Bericht, 1991. – Schulze, Heiko K. L. : Bericht über neue Ergebnisse der Bauforschung des Landesamtes für Denkmalpflege 1985-1988, in: Nordelbingen 16 (1991), S. 189-254.
  • Seebach, Herrenhäuser, 1985. – Seebach, Carl-Heinrich: 800 Jahre Burgen, Schlösser und Herrenhäuser in Schleswig-Holstein. Neumünster1985.
  • Stilling, Herregårde, 2021. – Stilling, Niels Peter: Danmarks Herregårde. Slesvig og Holsten. Kopenhagen 2021.

Einzelnachweise

  1. Lafrenz, Herrenhäuser, 2023, S. 677-679; Stilling, Herregårde, 2021, S. 262-265; Lafrenz, Herrenhäuser, 2015, S. 615-617; Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 960-961; Schulze, Bericht, 1991, S. 234-242; Neuschäffer, Südholstein, 1987, S. 35-49; Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983, S. 308-311.
  2. Lafrenz, Herrenhäuser, 2023, S. 677; Lafrenz, Herrenhäuser, 2015, S. 615; Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 961; Neuschäffer, Südholstein, 1987, S. 41-45; Seebach, Herrenhäuser, 1985, S. 37.
  3. Lafrenz, Herrenhäuser, 2023, S. 678-679; Lafrenz, Herrenhäuser, 2015, S. 616-617; Dehio, Schleswig-Holstein, 2009, S. 961; Neuschäffer, Südholstein, 1987, S. 42, 48.
  4. Lafrenz, Herrenhäuser, 2023, S. 679; Lafrenz, Herrenhäuser, 2015, S. 617; Dehio, Schleswig-Holstein, S. 961; Neuschäffer, Südholstein, 1987, S. 48; Rumohr/Neuschäffer, Schlösser, 1983, S. 311.