Laß, Heiko:Weimar, "Goethes Wohnhaus", in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/422f1034-4e01-4789-abd7-e3c8d0c3702f

Inventarnummer: cbdd20115

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1792 schuf Heinrich Meyer für das Treppenhaus von Goethes Wohnhaus ein Deckenbild, das die Göttin Iris als Friedensbotin vor einem Regenbogen zeigte. Es ist eines der wenigen Deckenbilder des Klassizismus in Deutschland. Leider ist es nur in überfasstem Zustand erhalten.

Weimar, Frauenplan 2 (1938)
Weimar, Frauenplan 2 (1938)

Goethes Wohnhaus in Weimar

 
Weimar, Frauenplan 2 (1938)

Kurzbeschreibung und Lage

Das „Goethes Wohnhaus“[1] genannte Gebäude setzt sich aus einem repräsentativen Vorderhaus zum im Norden gelegenen Frauenplan sowie einem niedrigeren Hinterhaus, an das ein großer Garten im Süden anschließt, zusammen. Es ist heute baulich in das Goethe-Nationalmuseum integriert.

Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte

Das Gebäude wurde 1707-09 im Auftrag von Georg Caspar Helmershausen – vermutlich nach Plänen von Johann Mützel – als Wohnhaus erbaut. Es diente oft als Mietshaus und war von 1782 bis 1832 Johann Wolfgang von Goethes Wohnung. Dieser lebte hier zuerst ebenfalls als Mieter, bekam das Haus dann aber 1794 von seinem Landesherr Herzog Carl August übertragen. Goethe ließ das Gebäude vor allem im Innern nach seinen Plänen 1792-1795 verändern. So entstand ein neues repräsentatives Treppenhaus und Vorder- und Hinterhaus wurden durch das so genannte Brückenzimmer miteinander verbunden. 1885 gelangte das Wohnhaus von Goethes Enkel Walther Wolfgang von Goethe testamentarisch an den Staat. Das Gebäude wurde saniert, teilweise in der Ausstattung rekonstruiert und 1886 zum Museum eingerichtet. Später erfolgten Erweiterungen durch den Abriss von Nachbarhäusern und das Errichten von Museumsbauten an ihrer Stelle. Der westliche Hausteil erlitt 1945 schwere Kriegsschäden. 1946-1949 erfolgte der Wiederaufbau. Die Räume wurden wieder mit dem geretteten Inventar ausgestattet. 1977-1982 wurde das Wohnhaus renoviert und im Inneren teilweise rekonstruierend der Lebenszeit Goethes angenähert.[2]

Beschreibung

Das zweigeschossige Vorderhaus mit Mansarddach setzt sich aus einem achtachsigen Mittelteil mit zentralem Eingang im Erdgeschoss sowie zwei dreiachsigen leicht zurückweichenden Seitenflügeln mit Durchfahrten im Erdgeschoss zusammen. Das Vorderhaus beherbergte im Erdgeschoss überwiegend Wirtschafts- und im Obergeschoss Repräsentationsräume. Durch die zentrale Eingangstür gelangte man in ein Vestibül, von dem aus rechts ein Treppenhaus das Obergeschoss erschließt. An dessen Ende kommt man auf einen weiteren Flur – den „Gelben Saal“ – von dem aus man die in Enfilade gelegenen Räume zum Frauenplan ebenso erreicht wie das Brückenzimmer, durch das man in das Hinterhaus und den anschließenden Garten gelangt. Die Farbgebung der Räume folgt Goethes eigener Farbenlehre. Die Supraportenbilder in den Räumen stammen wie das Deckengemälde im Treppenhaus von Heinrich Meyer.[3]

Das Treppenhaus

 
Treppenhaus nach Osten

Bau- und Ausstattungsgeschichte

Das Treppenhaus wurde für Johann Wolfang von Goethe nach seinen eigenen Entwürfen von Christian Friedrich Schuricht in den Jahren 1792/1793 neu in das Haus eingebaut. 1792 und 1793 leitete Heinrich Meyer die Umbaumaßnahmen. Die Ausstattung war 1795 abgeschlossen. 1945 wurde das Treppenhaus partiell zerstört und ab 1946 wieder hergestellt.[4]

Beschreibung

Das Treppenhaus nimmt den ganzen rechten Teil des Erdgeschosses sowie den hofseitigen Bereich im Obergeschoss ein. Die grüne Farbe der Wände entspricht dem Zustand unter Goethe im 19. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert waren die Wände in einem Gelbton gehalten. Das Treppenhaus verfügt über drei Läufe mit breiten, sanft ansteigenden Stufen sowie zwei Wendepodeste. Der weiß-gelbliche Handlauf imitiert Marmor.

Der untere Bereich des Treppenhauses ist sehr sparsam dekoriert. Man betritt es von Osten und blickt auf die Westwand. Dort stehen in zwei Nischen nachträglich bronzierte Gipsabgüsse von antiken Skulpturen – ein betender Jüngling sowie ein bocktragender Faun. Vor ihnen erhebt sich auf einem Sockel die Skulptur eines Hatzhundes von Martin Gottlieb Klauer. Alle drei kamen zwar unter Goethe in das Treppenhaus, gehören aber nicht zur ursprünglichen Ausstattung. Teilweise handelt es sich heute um Repliken. Ehemals waren die Gipse wohl hell. 1816 wurden sie patiniert.

Man wendet sich nach Osten und erreicht über einen kurzen Treppenlauf das erste Wendepodest. Am Ende des folgenden Treppenlaufs erblickt man in der Westwand hinter dem zweiten Wendepodest eine Tür und eine Scheintür. Über beiden sind in Nischen Büsten von Apoll bzw. von Achill eingestellt. Sie gehören zur ursprünglichen Ausstattung des Treppenhauses und stehen für das beliebte Thema Arte (Apoll) et Marte (Achill).

Wendet man sich wieder nach Osten, sieht man am Ende der Treppe die Eingangstür. Ihre Supraporte zeigt ein Relief mit Jupiters Adler sowie Jupiters Blitzbündel auf einem leeren Thronschemel. Das Gipsrelief wurde von Martin Gottlieb Klauer nach einer antiken Vorlage aus Mantua geschaffen, die Goethe kannte. Es gehört im Gegensatz zur Dioskurengruppe links des Eingangs zur ursprünglichen Ausstattung des Treppenhauses. Auch diese Gruppe wurde erst 1816 patiniert. In den hölzernen Fußboden vor der Eingangstür ist das lateinische Wort „Salve“ (sei gegrüßt) eingelegt – ein Willkommengruß an alle Besuchenden.

Die Wände schließt gegen die Decke ein umlaufender Triglyphenfries nach dem Entwurf von Christian Friedrich Schuricht ab. Er wird nur durch die Supraporte unterbrochen. An der Decke befindet sich ein querovales Deckenbild von Heinrich Meyer in einem Stuckrahmen nach Entwürfen Schurichts (die Ausführung besorgte Friedrich August Käseberg). Das Bild zeigt die tauspendende Iris vor einem Regenbogen und war ebenfalls von Anbeginn an im Treppenhaus.[5]

Programm

Das ganze Treppenhaus soll in seiner Gesamtheit einen antik-italienischen Eindruck hervorrufen. Die einzelnen Ausstattungselemente, die teilweise erst später aufgestellt wurden, unterstützen diese Anmutung, sind aber nicht zwingend für die Bestimmung eines möglichen Programms heranzuziehen. Wichtig sind die Büsten von Apoll und Achill, der Triglyphenfries, die Supraporte und das Deckenbild, die zur ursprünglichen Ausstattung gehören. Es wurde bereits angeführt, dass Apoll und Achill das Thema Arte et Marte visualisieren. Passenderweise ist Achill über der Scheintür angebracht. Durch die reale Tür unter Apoll hindurch gelangte der Besuchende hingegen zu den privaten Räumen Goethes – zum Dichter. Der Triglyphenfries charakterisiert das gesamte Treppenhaus als Ort der Kraft und (militärischen) Stärke. In diesem Kontext ist auch die die Supraporte mit dem Blitzbündel Jupiters, das er in seinen Kämpfen verwendete, zu sehen. Jupiter hat seinen Schemel jedoch verlassen – dieser ist leer. Offenbar hat er seine Kriegshandlungen erfolgreich abgeschlossen. Man verlässt also den Bereich des Krieges und betritt über die Schwelle des „Salve“ auch hier den Bereich der Kunst wie bereits auf dem darunter liegenden Wendepodest unter Apoll hindurch. Dass dies keine Überinterpretation ist, belegt die Darstellung der Iris in einem jonischen Stuckrahmen an der Decke. Mit der jonischen Ordnung wird ein Raum der Kunst und Wissenschaft angedeutet. Und die Göttin Iris bzw. der Regenbogen, der ebenfalls Iris ist, deutet an, dass Jupiter seinen Kampf erfolgreich beendet hat. Denn der Regenbogen bzw. Iris verkündet den durch Jupiters Sieg errungenen Frieden. Sie ist die Friedensbotin.[6] Man kann das so verstehen, dass die Künste und damit Goethes Schaffen im Frieden gedeihen, der durch den Kampf errungen wurde. Das Treppenhaus wurde in jenen Jahren ausgestattet, in denen die europäischen Monarchen und mit ihnen auch Goethes Landesherr Herzog Carl August gegen das revolutionäre Frankreich kämpften.

Das Deckengemälde - Die tauspendende Iris vor dem Regenbogen

 

Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte

Das querovale Deckenbild[7] wurde im Auftrag Johann Wolfang von Goethes 1792 von Heinrich Meier mit Leimfarben auf festes Papier gemalt. Es misst 2,15 auf 2,46 Meter. Den Stuckrahmen schuf Friedrich August Käseberg erst 1795. Bereits 1825 wurde das Gemälde ein erstes Mal restauriert. Nach geringen Beschädigungen im Krieg am 9. Februar 1945 wurde es von Hugo Gugg komplett und leider auch im Duktus viel gröber übermalt. Zwei Farbaufnahmen von Rolf-Werner Nehrdich ermöglichen eine Beschreibung des Zustandes vor 1945. Sie standen für die Restaurierung durch Gugg nicht zur Verfügung.[8]

Beschreibung und Ikonographie

Die geflügelte Göttin Iris ist vor ehemals blauem Himmel dargestellt. Sie bewegt sich scheinbar in Richtung Eingangstür, wie ihr flatterndes Manteltuch andeutet, das gemäß antiken Vorbildern über ihren Kopf geschwungen ist. Aufgrund des Mantels ist ihr Gesicht verschattet, das sie den Betrachtenden frontal zuwendet. Der Mantel bildet zusammen mit ihren Flügeln einen dunklen Hintergrund für die Gestalt, die im Gegensatz dazu mit einer hellen Tunika bekleidet ist. In ihrer ausgestreckten rechten Hand hält sie eine Muschel, aus der wenige Tautropfen herabfallen. Hinter ihr wölbt sich ein großer Regenbogen am Himmel. Iris ist die Friedensbotin, die nach dem Krieg dessen Ende verkündet. Mit Sicherheit können auch Bezüge zu Goethes Farbenlehre hergestellt werden – allerdings war diese 1792 noch nicht ausformuliert. Und selbstverständlich passt sie zu dem antiken Eindruck, den das Treppenhaus hervorruft.[9]

Gestalterische Mittel – Komposition und Ansichtigkeit

Das Bild hat keine perspektivische Verkürzung. Daher gibt es auch keinen idealen Standpunkt zur Betrachtung, der beim Aufstieg im Treppenhaus ohnehin unmöglich wäre. Jedoch nimmt die Malerei auf die Lichtverhältnisse vor Ort Rücksicht. Der obere Teil ist gegen die Fenster gerichtet, was erklärt, warum das Gesicht der Iris verschattet ist.[10]

Vorlagen und Vergleiche

Eine direkte Vorlage gibt es nicht. Ideengeber war wohl ein Wandbild aus Herculaneum, das 1765 publiziert wurde.[11]

Stellung der Malerei

Die Iris Meyers ist eines der wenigen Deckenbilder des Klassizismus in Deutschland.[8]

Bibliographie

  • Literatur:
  • Beyer, Restaurierung, 1997. – Beyer, Jürgen: Die Restaurierung der Innenräume in Goethes Wohnhaus, in: Beyer, Jürgen/Seifert, Jürgen (Bearb.): Weimarer Klassikerstätten. Geschichte und Denkmalpflege. 2. Aufl. Bad Homburg/Leipzig 1997, S. 49-66.
  • Dehio, Thüringen, 2003. – Dehio, Georg: Thüringen (Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Bearbeitet von Stephanie Eißing und Franz Jäger. 2. Aufl. München/Berlin 2003.
  • Hecht, Goethes Haus, 2020. – Hecht, Christian: Goethes Haus am Weimarer Frauenplan. Fassade und Bildprogramme. München 2020.
  • Holler/Knebel, Goethes Wohnhaus, 2011. – Holler, Wolfgang/Knebel, Kristin (Hrsg.): Goethes Wohnhaus. Weimar 2011.
  • Lehfeldt, KDM H. 18, 1893. – Lehfeldt, Paul: Die Bau- und Kunst-Denkmäler Thüringens. Heft 18. Grossherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach. Amtsgerichtsbezirk Weimar. Jena 1893.
  • Oehmig, Goethes Wohnhaus, 1997. – Oehmig, Christiane: Goethes Wohnhaus/Goethe-Museum, in: Beyer, Jürgen/Seifert, Jürgen (Bearb.): Weimarer Klassikerstätten. Geschichte und Denkmalpflege. 2. Aufl. Bad Homburg/Leipzig 1997, S. 215-224.
  • Quellen:
  • Baiardi, Pitture, 1765. – Baiardi, Ottavio Antonio: Le Pitture Antiche D'Ercolano E Contorni Incise Con Qualche Spiegazione. Bd. 4. Neapel 1765.

Einzelnachweise

  1. Hecht, Goethes Haus, 2020; Holler/Knebel, Goethes Wohnhaus, 2001; Oehmig, Goethes Wohnhaus, 1997.
  2. Hecht, Goethes Haus, 2020, S. 35-43; Dehio, Thüringen, 2003, S. 1331; Beyer, Restaurierung, 1997, S. 49-50; Oehmig, Goethes Wohnhaus, 1997.
  3. Hecht, Goethes Haus, 2020; Dehio, Thüringen, 2003, S. 1331-1332; Lehfeldt, KDM H. 18, 1893, S. 410-412.
  4. Hecht, Goethes Haus, 2020, S. 45, 50; Dehio, Thüringen, 2003, S. 1332; Beyer, Restaurierung, 1997, S. 51; Oehmig, Goethes Wohnhaus, 1997, S. 218.
  5. Hecht, Goethes Haus, 2020, S. 45-107; Dehio, Thüringen, 2003, S. 1332; Beyer, Restaurierung, 1997, S. 51-52; Oehmig, Goethes Wohnhaus, 1997, S. 218.
  6. Vgl. Hecht, Goethes Haus, 2020, S. 52, 56, 59, 63-64, 83, 86-87, 97. Hecht will das Bildprogramm als Huldigung Goethes an seinen Landesherrn Herzog Carl August verstanden wissen.
  7. Hecht, Goethes Haus, 2020, S. 83-90; Oehmig, Goethes Wohnhaus, 1997, S. 218.
  8. 8,0 8,1 Hecht, Goethes Haus, 2020, S. 83.
  9. Hecht, Goethes Haus, 2020, S. 86-88.
  10. Hecht, Goethes Haus, 2020, S. 83, 87.
  11. Baiardi, Pitture, 1765, S. 2, so Hecht, Goethes Haus, 2020, S. 86.