Thalhausen, Schlosskapelle St. Anna
Thalhausen war Hofmark, ab 1701/05 im Besitz von Anton Benno Höger von Anzing, ab 1735 in dem der Grafen Hörwarth von Hohenburg. 1749 kam die Hofmark an die Freiherren von Burgau, 1774 an die Reichsgrafen von und zu Leonrod; ab 1786 im Besitz der Grafen Holnstein. Gericht Kranzberg
Patrozinium: St. Anna
Zum Bauwerk: Der gotische Vorgängerbau (1576 geweiht) war bei der Übernahme der Hofmark durch Anton Benno Höger baufällig, wurde im September 1707 abgetragen und durch einen Neubau ersetzt. 1708 war die Kapelle im Rohbau fertig. Nach dem Bericht des Vikars Severin Hueber vom Juli 1708 an den Bischof über die Möglichkeit, am Annafest (26. 7.) »super ara portatile« die Messe lesen zu lassen, war »die bemelte Capellen sambt Tach mit Bröttern wider allen einfallenden Regen, oder abfallenden Staub bestens verschlagen; an Seithen aber, mit 2 Fenstern versehen, ansonsten auch wohl von durchschleichenden Windten befreyet« (AEM). Der Stuck dürfte einige Jahre später entstanden sein; er könnte von Nikolaus Liechtenfurtner stammen (Brenninger). Als Baumeister schlägt Brenninger den Freisinger Hofmaurermeister Giovanni Giacomo Maffiol (1689/1721) vor (mit Hinweis auf Kirchdorf an der Amper).
Freistehender Zentralbau mit Vorhalle im W an höchster Stelle einer Anhöhe nordöstlich vom Schloß. Im S an den Turm angebaut das ehemalige Wohnhaus des Geistlichen. LHs steiler, hoher Achtreckraum, dessen Diagonalseiten schmäler sind als die Seiten in den Achsen. Gliederung durch geknickte Pilaster über hoher Sockelzone, mit umlaufendem, unverkröpftem Gebälk, das im N, O und W Wappenkartuschen trägt. Große Rechteckfenster in den schmaleren Diagonalseiten (statt des Fensters an der NO-Seite eine Kanzel)
Auftraggeber: Anton Benno Höger von Anzing, Thalhausen und Schönbichl, dessen Wappen sich am Chorbogen befindet, (heraldisch) rechts von einem unbekannten Wappen, das zusammen mit dem Högerwappen als Doppelwappen bei Wening 1701 den Stichen von Anzing, Thalhausen und Schönbichl beigefügt ist. Die beiden Wappen am Chorbogen sind in Form eines Ehewappens angebracht. Das (heraldisch) linke Wappen ist geviertet, hat im ersten und vierten Feld einen steigenden Löwen, golden auf schwarzem Grund, im zweiten und dritten einen stehenden Mann in schwarzgoldenem Gewand, der in den Händen Äste trägt (zu erkennen bei Wening, in Thalhausen zerstört). Es dürfte das Wappen von Högers erster Frau sein, Maria Catharina Holzner von Schönbichl, * am 15. 7. 1667 in Freising als Tochter des Hofmusikus und Kammerdieners Franz Rudolf Holzner und seiner Frau Maria Catharina, geb. von Crempon (Krempon). Die Familie von Krempon führte den steigenden goldenen Löwen auf schwarzem Grund im Wappen, der Mann mit dem Holz dürfte auf Holzner weisen (sprechendes Wappenbild). Holzner bekam die Hofmark Schönbichl 1681 von





Fürstbischof Albert Sigismund geschenkt; Schönbichl kam wohl durch die Heirat mit der Tochter an Anton Benno Höger. Maria Catharina Höger ist allerdings schon am 14. 6. 1706 in München gestorben und in die Höger-Gruft nach Anzing überführt worden.
Die Anbringung ihres Wappens an dieser dominierenden Stelle ließe sich durch ein Legat zu Gunsten eines Neubaus der Kirche erklären. Gedenktafel mit dem Wappen Högers an der nördlichen AR-Wand: In Honorem S. Annae Milracul Hoc Sacel. CVM PER/TIN. AEDIFICAVIT ET FVNDAVIT / PRAE NOB. DNVS ANT. BENNO / HÖGER AB ANZING. Thalhausen et Schönpihel / CONS. ELECT. Anno 1707.
Zuständig für Thalhausen war nicht der Pfarrvikar von Sünzhausen, sondern der – ihm fast gleichrangige und manchmal auch Pfarrvikar genannte, ebenfalls von St. Veit präsentierte – Vikar, der die Sünzhausener Filialen Kühnhausen und Burghausen betreute. Das war bis 1708 Georg Miller, ab 1708 Severin Hueber, der auch wegen des Kirchenbaus mit Freising korrespondierte.
Seitlich am LHs-Gebälk befinden sich zwei Ehewappen der späteren Besitzer von Thalhausen (ab 1786), der Grafen von Holnstein (bayerisches Wappen mit Bastardbalken).


Autor und Entstehungszeit: Marx Straubinger (* Hohenschwangau † 1723 Weilheim) um 1715. Signatur in 2: MARX STRABINGA.
Es handelt sich bei dem Maler der Thalhauser Fresken wohl um Marx Straubinger aus Hohenschwangau, der am 31. 7. 1719 die Weilheimer Malerstochter Barbara Ostler heiratete und im gleichen Jahr das Bürgerrecht in Weilheim erhielt, wo er schon am 16. 1. 1723 starb (Brenninger nach Forschungen von Reinhardt Helm, Weilheim). Die Fresken entstanden wohl gleichzeitig mit dem Stuck, der aber kaum in die Zeit direkt nach der Fertigstellung des Rohbaus 1708 zu datieren ist, sondern erst gegen 1715. Straubinger malte die unbeholfenen Darstellungen vermutlich als junger, wandernder Malergeselle.
Befund
Träger der Deckenmalerei: LHs (A, 1–4) Kuppel, Holzlattengewölbe; AR (B) Tonne mit Stichkappen
Rahmen: A, B breites vielteiliges Stuckprofil in Vierpaßform; 1–4 Stuckkartuschen; a–d Akanthus-Ornamentkartuschen in Dreipaßform mit Eierstab; Wa–d von Akanthusranken gebildete Felder in den Lünetten über den Fenstern (bzw. der Kanzel).



Technik: Fresko mit Secco; polychrom
Maße: A Höhe 10,60 m (Stich 2,00); 3,60 × 4,20 I-4 I,20 × I,60 a-a 1,00 × 0,80 D II:1
Erhaltungszustand und Restaurierungen: Die Kapelle wird bei Mayer-Westermayer (1874) als sehr ruinös bezeichnet. Zwei Restaurierungen vor 1989 sind nachzuweisen: Bei der ersten wurden die meisten Bildfelder blau überfaßt, bei der zweiten weiß übertüncht bzw. mit Brokatfeldern (1–4) oder einfachen Motiven (A) übermalt. Die LHs-Decke zeigte auch in den Bildfeldern Abbröckelungen, Risse und Wasserschäden; Salzausblühungen vor allem im nördlichen Kuppelbereich. Der Stuck war dick übertüncht. Letzte Restaurierung der Raumschale 1989/91 durch Erwin Wiegerling, Bad Tölz. Die Fresken wurden freigelegt, die Putzschicht durch Hinterspritzen der Hohlschichten gefestigt, die Risse und Fehlstellen ausgekittet, die Darstellungen retuschiert. Die Raumschale, weiß gefaßt (Pilaster marmoriert), wurde in der ursprünglichen Fassung vorwiegend in lichtroten und ockerfarbenen Tönen wiederhergestellt, der Stuck von den Tünchschichten befreit. Von den Deckenbildern war B relativ gut erhalten, die Inschriften der Embleme Wa-d waren nur spurenweise sichtbar (Seccomalerei). Sie wurden nach Angaben von Dr. Sigmund Benker rekonstruiert (s. u.). Es wurden in A Tagwerksgrenzen aufgefunden (A drei Tagwerke) und in mehreren Bildern Spuren der Kartonübertragung, die durch Durchdrücken mit einem Griffel gemacht worden war.


Beschreibung und Ikonographie
A GLORIE DER HL. ANNA Ansicht nach W. – Anna thront auf dem räumlich unbestimmten, ockerfarbenen Vordergrund (Wolken, Erde?) mit ausgebreiteten Armen, umgeben von drei knienden Engeln. Schräg vor ihr ist ein junger Mann (Joachim?) dargestellt, der ein Gefäß hält. In Wolken schweben Engel und Putten, die Blumen halten, Rosen, Tulpen und eine Sonnenblume. Im Scheitel erscheint das Dreifaltigkeitssymbol mit umgebenden Puttenköpfchen.
1–4 ANNA-SZENEN Die begleitenden Kartuschen in den Achsen zeigen Szenen aus dem Leben der hl. Anna und die Heilige als Patronin.
1 VERKÜNDIGUNG DES ENGELS AN ANNA (S) Szene in einem weiten Garten mit Heckentor und Springbrunnen. Anna kniet im Vordergrund. Über ihr schwebt ein Engel, der einen Gnadenstrahl, der vom Dreifaltigkeitszeichen ausgeht, über einen Spiegel auf Joachim leitet. Dieser ist als Hirte mit zwei Schafen seitlich im Hintergrund zu sehen, in einer Wiesenlandschaft, die durch eine Ruine mit Turm charakterisiert ist. Im Vordergrund sieht man eine große Rose. In der Geschichte von der Unbefleckten Empfängnis Mariens (apokryph) geht die Verkündigung des Engels der Begegnung an der Goldenen Pforte unmittelbar voraus, die als der Moment der Empfängnis Mariens gilt. Das runde Tor im Hintergrund könnte Hinweis auf die goldene Pforte sein. Die Rose ist Mariensymbol, der Turm kann als Gleichnis für die unversehrte Jungfräulichkeit Mariens stehen (Marienlexikon Bd 2, S. 153 f., s. v. Davidsturm [Genoveva Nitz]), in unserem Zusammenhang vielleicht auch für die unbefleckte Empfängnis Mariens.
2 TEMPELGANG MARIENS (O) Bildschauplatz ist eine schloßartige Architektur mit Balustraden und seitlich einem Altaraufbau mit Opferfeuer. Das Mädchen Maria schreitet die Treppe zum Tempel hinauf und wird vom Hohepriester mit Gefolge empfangen. Himmlisches Licht fällt auf Maria.
3 VERMAHLUNG MARIENS (N) Szene auf einem weiten, balustradenumgebenen Platz, vor einem Altar, der von zwei Säulen flankiert ist. Maria und Joseph stehen vor dem Hohepriester, der von zwei weiteren Priestern begleitet ist. Rechts sieht man zwei Figuren mit Gebärden der Verehrung, wohl ursprünglich Joachim und Anna. Zwei Putten im Vordergrund halten zwei Spiegel. Hübsche Hintergrundsarchitektur mit Balustraden.
4 ST. ANNA ALS PATRONIN (W) Rechts sind vier Bittflehende zu sehen, deren einer fast nackt und auf Krücken gestützt ist. Vor seinem Mund die Buchstaben S. ANA. Einer der Bittflehenden scheint verschüttet zu sein. Rechts ist hinter einer Mauer ein Ausblick aufs Meer gegeben, wo Schiffe in Seenot sind. Am Bildrand ein Leuchtturm.
a-d NAMEN ANNA Das Hauptbild umgeben gelangte Dreipaßfelder mit den gemalten Buchstaben A NNA, umgeben von geflügelten Puttenköpfchen. Die vorderen Felder (O-Seite) sind durch reichere Stuckierung und andere Tönung sowie Vergoldung von den hinteren (S-Seite) unterschieden. Über diesen Feldern befindet sich jeweils ein kleines Medaillon mit einem Symbol, je einem Stern in NW und SO, einer Mondsichel in NO und einer kleinen Sonne in SW.
W1–4 SYMBOLE DER TUGENDEN ANNAS UND MARIENS Auf den Schildbögen der Fensternischen (bzw. Kanzel) in den Diagonalseiten des Oktogons werden in vier Akanthus-Stuckkartuschen Vögel gezeigt, deren emblematische Eigenschaften Tugenden symbolisieren. Die Inschriftreste (s. in Klammer) wurden bei der letzten Restaurierung nach Angaben von Dr. Sigmund Benker ergänzt. (NW) Pelikan MISERICORDISSIMAE (MISERI..) (NO) Emporfliegender Adler PRVDENTISSIMAE (...TSSIMAE) (SO) Zwei Schwäne CANDIDISSIMAE (Inschrift nicht erhalten) (SW) Henne mit Küken CLEMENTISSIMAE (...IEMENTISSIMA...) EB Emblem an der Emporenbrüstung: Sonnenblume DEVOTISSIMAE (...DEV...SS...)
B VEREHRUNG DER DREIFALTIGKEIT Das vierpaßförmige Bildfeld zeigt in einer Wolkenszenerie das strahlenumgebene Dreifaltigkeitssymbol. Ringsum in Wolken Engel und Putten. Ein Engel hält eine Posaune (krummer Zink), vor der das Wort GLORIA erscheint, ein zweiter ein Schriftband ALELUJA.

EU STAMMBAUM JESU Fresko im Vorhaus unter der Empore; Ansicht nach W. — Vor einer weiten Flußlandschaft sieht man Anna am Fuß eines früchtetragenden Baumes, in dem die Halbfigur Mariens und über dieser das Jesuskind erscheint.
Am hölzernen Gatter, das Vorhaus und Hauptraum trennt, finden sich zwei Embleme und mehrere Inschriften. Außenseite
Gebälk Mitte: Klopft hier all mit vertrauen an, Khombt her von allen orthe(n),/ Bey Sanct Anna wird auffgethan, allen die Gnadenporten.

Gebälk links: Iesus sein Liebe Anfrau ehrt, was Sie von Ihm begehret / St. Anna zlieb Er alls beschert, Ihr bitt wird allzeit gwehret.
Gebälk rechts: Mariae der Himmels-Königin Thuet auch nichts mehrer gfallen / Als das der mensch mit Herz und Sinn, Sanct Annan liebt vor allen.
Türsturz: Dis Gotts-hauß ist gantz dedicirt Der Heiligen Annae zu ehren, / weillen Ihr alles Lob gebihrt, als Anfrauen Gott des Herren. / Im Jahr Christi 1718
Links unten: Halbkugel mit daraufstehendem Stern und Monogramm ANA, schräg darüber links oben IHS, rechts oben MRIA (Marienmonogramm) Der Gegenschein tragt uns viel ein.
Rechts unten Emblem: Unter einem Baldachin über Stufen erhöht ein Schrein (Arche), bez. S. Anna. Darauf Totenschädel bzw. Kind (wohl ursprünglich Seraphim), das ganze unter Baldachin. Sanct Anna thuet ehren Die Arche des Herren.
Innenseite
Stell dich allhier andechtig ein, gewiß ists, es kann nit ander sein / Wer bey St. Anna Wunder Gnadt, auch Maria ganz gnedig hat.
Quellen und Literatur
AEM, Pfarrakten Wippenhausen: Schloßkapelle Thalhausen 1700–1915.
AEM, Kunsttopographie, Dekanat Weihenstephan, Pfarrer Wippenhausen, Thalhausen (Georg Brenninger).
Erzbischöfliches Ordinariat München, Baureferat: Thalhausen, Schloßkapelle St. Anna, Schlußdokumentation von Erwin Wiegerling zur Restaurierung der Raumschale 1989-91.
Wening I, 1701, S. 40, mit Abb. der alten Kapelle. Schmidtsche Matrikel Bd 1, S. 341
Mayer-Westermayer, Bd 1, S. 476
KDB I OB (1), S. 431.
O.V., Zur Geschichte von Thalhausen, in: Frigisinga 5, 1928, S. 22–27 und 422–25.
Historischer Atlas I, Bd 11/12, 1958 (Pankraz Fried), S. 239 f.
Alckens, August, Landkreis Freising, Freising 1962, S. 104. Kemp, S. 304.
Dehio 1990, S. 1162
Steidl, Josef A., Ein deutliches Zeichen der Zuneigung. Neues Jugendhaus Thalhausen eingeweiht – ehemaliges Schloß mit großem Park, in: Münchner Katholische Kirchenzeitung 11. 8. 1991, S. 16.
A.B./C.B.