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Stuttgart, Schloss Hohenheim

Aus Deckenmalerei-Lab
Seeger, Ulrike:Stuttgart, Schloss Hohenheim, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2021, URL: www.deckenmalerei.eu/98266ada-b124-49ee-980c-f5b813a93b74

Inventarnummer: cbdd10033

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Der Text dieses Artikels steht – ausgenommen Abbildungen – unter der Lizenz CC BY 4.0. Dieser Artikel ist lediglich eine Kopie der Originalveröffentlichung auf deckenmalerei.eu und kann veraltet sein; maßgeblich ist die dortige Originalfassung.

In Schloss Hohenheim haben sich drei um 1790 bemalte Decken erhalten, darunter ein Groteskenplafond mit den vier Tages- und den vier Jahreszeiten. Mit den mutmaßlichen Künstlern Philipp Friedrich von Hetsch und Viktor Heideloff zeugen sie von der Erfolgsgeschichte der Stuttgarter Hohen Karlsschule.

Entstehungsgeschichte der Gesamtanlage

Das 1100 erstmals erwähnte Hofgut Hohenheim wurde 1676 von dem Augsburger kaiserlichen Kammerjuwelier und kurbayrischen Proviantkommissar Emanuel Garb (1648–1684) mitsamt den Resten einer mittelalterlichen Burg erworben.[1] Garb ließ sich als Herrensitz ein quadratisches Gebäude, umgeben von einem Wassergraben errichten, das den Namen Garbenhof erhielt.[2] Nachdem Garbs Erben gestorben waren, ließ Herzog Carl Eugen von Württemberg 1768 Hohenheim als erledigtes Lehen einziehen. Er schenkte es 1771 seiner damaligen Mätresse Catharina Bonafini, entzog es ihr jedoch wenige Monate später wieder, um es seiner neuen Mätresse Freifrau Franziska von Leutrum, geborene Freiin von Bernerdin, zu ihrem 24. Geburtstag am 10. Januar 1772 zuzueignen.[3]

Das erste herzogliche Schloss in Hohenheim entstand seit 1772 unter Herzog Carl Eugen von Württemberg zunächst als Erweiterung des quadratischen Garbenhofs. An der Bergseite, von der aus das Gelände sanft nach Süden abfiel, ließ der Herzog zwei eingeschossige Kavaliersbauten auf rechteckigem Grundriss errichten. Er entstand dadurch eine Gesamtanlage ähnlich der Solitude, die der Herzog wenig später zugunsten Hohenheims vernachlässigen sollte. Architekt war Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer.[4] Wie auf der Solitude richteten der Herzog und Franziska, die 1774 zur Reichsgräfin von Hohenheim erhoben wurde, ihre Wohnung im Kavaliersbau ein.[5] Der quadratische Garbenhof wurde in seinem Inneren modernisiert[6] und ebenfalls bewohnt.

Das Hohenheimer Neue Schloss

Nach dem Besuch des russischen Großfürsten Paul im Jahr 1782 mit seiner Gemahlin Maria Fjodorowna, die als geborene Prinzessin Sophie Dorothee von Württemberg eine Nichte Herzog Carl Eugens war, entschloss sich der Herzog 1785, den Garbenhof durch einen repräsentativen Neubau zu ersetzen.[7] Parallel dazu heiratete er 1785 Franziska von Hohenheim, nachdem er 1780 Witwer geworden war.[8]

Das ebenfalls von Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer entworfene Neue Hohenheimer Schloss bestand aus einem 19 Achsen langen und fünf Achsen tiefen Hauptflügel, dessen Seitenflügel als Vierflügelbauten bergseitig einen Hof einschlossen.[9] Die Seitenflügel rahmten mit vier Achsen den Ehrenhof als Gegenüber der Kavaliersbauten. An der Gartenseite, wo sich auf der Ostseite im Piano nobile das Appartement Franziskas mit dem erhaltenen Groteskenplafond befand, waren die Seitenflügel um drei Achsen gegenüber dem Hauptflügel zurückversetzt. Die Gartenfront des Schlosses erweiterte sich durch die Seitenflügel auf insgesamt 41 Achsen.

In seinem Äußeren vermittelt das durchgehend zweigeschossige Neue Schloss den Eindruck ausgewogener Schlichtheit. Lediglich der fünfachsige, über drei Geschosse reichende Mittelrisalit erhielt eine Gliederung mit kolossalen, Erd- und erstes Obergeschoss zusammenfassenden Lisenen, die sich als Ecklisenen an den Rücklagen und an den Seitenflügeln wiederholen. An der Gartenseite stellt ein dreiachsiger Portikus über gekuppelten dorischen Säulen das mit Abstand prominenteste Architekturelement des Schlosses dar. Im Erdgeschoss öffnen sich durchgehend segmentbogige, im Piano nobile etwas höhere Rundbogenfenster, die durch ein kräftiges Stockwerkgesims voneinander getrennt werden. Einen großen Anteil an der Gestaltung hat der Materialwechsel von sorgfältig behauenem rötlichen Sandstein am Mittelrisalit, an den Lisenen, Gesimsen und Fenstereinfassungen und den glatt verputzten Wandflächen. Über dem Mittelrisalit erhebt sich eine flache, heute schiefergedeckte Kuppel.[10]

Das Treppenhaus des Corps de logis

Zwischen dem Eingang an der Hofseite und dem Portikus an der Gartenseite verläuft eine dreiachsige Durchfahrt, von der zu beiden Seiten entlang der Hofseite ein symmetrisch verdoppeltes Treppenhaus abgehen sollte. Lediglich das linker Hand des hofseitigen Eingangs gelegene Treppenhaus kam nach einer Steinlieferung vom Mai 1791[11] vollständig zur Ausführung, während der Raumschacht des gegenüberliegenden Treppenhauses mit einer Stockwerksdecke versehen wurde und lediglich die wandfeste Gliederung und das Deckengemälde entsprechend seinem östlichen Pendant aufweist.

Da das Treppenhaus nur zwei Joche einnimmt, mussten seine Stufen verhältnismäßig steil angelegt werden. Das längsrechteckige Wendepodest unterteilte Fischer geschickt in zwei quadratische Wendepodeste, zwischen denen er vier zusätzliche Stufen unterbrachte. Im Piano nobile münden die beiden Treppenhausschächte in ein großes dreiachsiges Vestibül, von dem man auf der Mittelachse in den großen Saal, zu den beiden Seiten auf Korridore gelangt, die der Erschließung der hofseitigen Räume und der Degagements der entlang der Gartenseite gelegenen Appartements dienen.

Das obere Vestibül erhielt eine Gliederung aus zierlichen ionischen Stuckpilastern, die über dem Gebälk eine reich ornamentierte Attika tragen und Figurennischen einfassen. Die Figuren von Philipp Jakob Scheffauer mit den Personifikationen der vier Jahreszeiten wurden im Inventar von 1793/94 erwähnt.[12] Stuckierte Trophäen mit gärtnerischen und bäuerlichen Gerätschaften versinnbildlichen in den Treppenhäusern den ländlichen Charakter Hohenheims.[13]

Zwei Putten vor Wolkenhimmel

Beide Deckengemälde über dem symmetrisch verdoppelt konzipierten Treppenhäusern zeigen vor einem sommerlichen Wolkenhimmel je zwei Putten, die gerade im Begriff sind, einen Beleuchtungskörper anzubringen. Das Gemälde über dem vollständig ausgeführten östlichen Treppenhaus zeugt von deutlich höherer Qualität.[14] Einer der Putten fliegt in ähnlicher Haltung wie ein Putto Raffaels auf seinem Fresko der Galatea in der Villa Farnesina in Rom. Sein rechter Arm ist weiter vorgestreckt als der linke, das rechte Bein leicht gebeugt, das linke etwas mehr gestreckt. Ein blaugraues Gewand bauscht sich im Flug hinter ihm auf während seine grau-weiß-hellbraun schattierten Flügel sein dem Betrachter zugewandtes Gesicht einfassen. Der zweite Putto ist in eher aufrechter Haltung gezeigt. Sein Gesicht, das er ebenfalls dem Betrachter zuwendet, ist in barocker Manier verschattet. Durch eine leichte Drehung des Rumpfes kommt der Betrachter in den Genuss eines Rückenakts in partieller Untersicht.

Der Maler der beiden Putten ist nicht überliefert, doch könnte es sich um den Absolventen der Hohen Karlsschule und Hofmaler Herzog Carl Eugens Philipp Friedrich von Hetsch (1758–1838) handeln. Er kehrte 1787 aus Rom zurück. Die unterschiedlichen Haltungen der beiden Putten ermöglichten es ihm, alle Seiten der Anatomie eines Puttos zwanglos im Gemälde zu vereinen. Er malte die Putti von vorne, von hinten und teilweise von unten. Mit übergroßen Köpfen und großen Augen betonte er zusätzlich zur traditionellen Dickbäuchigkeit den kindlichen Charakter der Himmelswesen. Die fiktive Anbringung eines Leuchters war ein geschickter Kunstgriff, die akademisch austarierten Körperhaltungen erzählerisch zu motivieren. Hetsch bezog sich damit auf den Entwurf seines Lehrers Nicolas Guibal für das Deckengemälde im Großen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart. Auf dem 1782 in aller Eile von Hetsch als Provisorium ausgeführten Entwurf waren zahlreiche Putten damit beschäftigt, das ovale Gemälde an der Decke aufzuhängen.[15]

Die Putten über dem nicht vollständig ausgeführten westlichen Treppenhaus folgen denen des östlichen Treppenhauses im Sujet und in der Haltung. Sie sind jedoch weniger elegant bewegt, in der Modellierung weniger glatt und im Gesichtsausdruck weniger kindlich-weich. Sie dürften das Werk eines namentlich nicht bekannten Schülers von Philipp Friedrich von Hetsch sein, der 1790 zum Professor an der Hohen Karlsschule ernannt worden war.

Als 1957 über den beiden Treppenhausdecken die Sprengwerkskonstruktionen mit Stahl verstärkt werden mussten, konnten die Puttenpaare erhalten werden. Den umgebenden Wolkenhimmel erneuerte die Restauratorin Doris Schmauder.[16]

Das Appartement Franziskas im östlichen Seitenflügel

Das Toilettezimmer mit dem bis heute erhaltenen Groteskenplafond bildete den Schlusspunkt von Franziskas Appartement im neuen, 1785–1787 errichteten Neuen Hohenheimer Schloss.[17]Franziskas Gemächer befanden sich im Piano nobile des östlichen Seitenflügels entlang der Gartenseite. Sie wurden unabhängig vom Appartement des Herzogs im Corps de logis durch ein weiteres stattliches Treppenhaus im vierflügelig angelegten Seitenflügel erschlossen. Vom Treppenhaus gelangte man zunächst in eine vierachsige gelbe Marmorgalerie, die als gut durchlichteter Eckraum und den großzügigen Proportionen zufolge bei Bedarf auch als Saal dienen konnte.

Den Auftakt des Appartements bildete das dreiachsige weiß-braun-marmorierte Zimmer, auf das ein deutlich kleineres zweiachsiges Schreibzimmer mit englischen Kupferstichen an den Wänden folgte. Das nachfolgende einachsige Kabinett war als Bad eingerichtet mit Wänden aus Stuckmarmor und einem Bassin, das von einer „vergoldten eisenen gallerie mit laubwerck“ umgeben war.[18] Als besonders raffiniertes Ausstattungsstück hing in der Raummitte eine Uhr in Form eines Vogelkäfigs mit einer Mechanik für zwitschernde Vögel und einem Ziffernblatt an der Unterseite. Eine solche Uhr hat sich als Pariser Arbeit in Dänemark als Teil des Audienzzimmers von Königin Juliane Marie im damaligen Schloss Christiansborg erhalten. Es wird um 1780 datiert.[19]

Auf das Bad folgte das dreiachsige Toilettezimmer, in dem sich der nachfolgend zu besprechende Plafond erhalten hat. Von dort ging die Enfilade in das Corps de logis über. Sie führte direkt in die Garderobe, die an der Südostecke des Corps de logis das herzogliche Schlafzimmer mit Doppelbett bediente.[20] Nach 1966 wurden das Bad, das Toilettezimmer und ein hinter dem Bad gelegenes fensterloses Kabinett zu einem modernen vierachsigen Raum vereinigt, der seither als Bibliothek genutzt wird.[21]

Das Toilettezimmer

Das Toilettezimmer erstreckte sich ursprünglich über drei Achsen, von denen die mittlere den heute allein erhaltenen Ovalplafond mit Groteskendekor aufnahm. Laut Inventar von 1794 besaß der Raum ursprünglich eine zweigeschossige Gliederung.[22] Das untere Geschoss war ringsum mit Spiegeln besetzt, die durch einen Kamin (in der Nordwestecke), die drei Fenster und vier Türen unterbrochen waren. Blaue Taftvorhänge hingen vor Fenster und Türen. Im zweiten Geschoss umzog den Raum eine Galerie mit vergoldetem Eisengeländer, deren Wände ebenfalls mit blauem Taft verkleidet waren. Da der ovale Groteskenplafond seiner Länge nach die gesamte Tiefe des Raums zwischen Fensterwand und gegenüberliegender Wand einnimmt, beschrieb das Eisengitter der Galerie vermutlich ebenfalls ein Oval, sodass die Galerie an zwei Seiten halbmondförmig zu begehen gewesen wäre. Der Zugang könnte von den angrenzenden, vermutlich entresolierten Kabinetten erfolgt sein.

Blau als textile Leitfarbe des Raumes zeigte sich außer in den Sitzmöbeln (6 Banquets und ein Fauteuil) am Kamin. Sein schwarz-grauer Marmor war mit einer Dekoration in der Art der englischen Manufaktur Wedgewood versehen, also mit weißen Figuren auf blauem Grund. Die Reliefs aus Porzellan waren Arbeiten „der Ludwigsburger Fabric“.[22]

Der Groteskenplafond

Beschreibung

In seinem Aufbau fingiert der völlig plane Plafond eine Kuppel, die sich nach einer hohen Voute und einem Sprengring als Laube gegen den Himmel öffnet.[23] Dieser ansonsten flächig behandelte Aufbau wurde wie das Ziffernblatt einer Uhr in zwölf Kompartimente unterteilt. Das Oval der Laube durchziehen goldene Stäbe, zwischen denen sich Gitterwerk entspannt und Blumengirlanden hängen. Den fingierten Sprengring ziert ein Fries mit gegenläufigen goldenen Blattranken auf hellblauem Grund. Palmetten und Vasen markieren die zwölf Achsen des Plafonds, wobei vier Vasen acht Palmetten gegenüberstehen.

In der fingierten Voute werden die Achsen in herabhängende, nach unten breiter werdende Bänder überführt, deren Groteskendekor jedoch mit den Symbolen der zwölf Tierkreiszeichen vom Fuß der Kuppel Richtung Sprengring entwickelt ist. Am Fuß der Voute verläuft ein Fries mit gegenläufigen Blattranken. Er bildet zugleich den Sockel der sich zwischen den herabhängenden Bändern erhebenden Blattbaldachine.

Die Hauptachsen des Ovals nehmen zwischen den heranhängenden Bändern Allegorien der vier Tageszeiten auf. An den Langseiten werden sie von Baldachinen mit den Personifikationen der vier Jahreszeiten flankiert. Zu Seiten des Morgens thronen Ceres (Sommer) und Bacchus (Herbst), zu Seiten des Abends ein alter Mann mit verdorrtem Zweig (Winter) und Flora (Frühling). In der Gesamtschau ergibt sich dadurch die Abfolge von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, die mit den Tierkreiszeichen in den herabhängenden Groteskenbändern übereinstimmt.

An den kurzen Enden des Ovals werden die Allegorien der Nacht und des Tages von den Initialen Franziskas von Hohenheim flankiert. Die Initialen FHZW (Franziska Herzogin zu Württemberg) stehen jeweils in Gold vor einem Hermelinmantel, der von zwei Vestalinnen gehalten wird. Sie beziehen sich auf den Titel einer Herzogin von Württemberg, den Carl Eugen Franziskas geben wollte, womit er jedoch auf den Widerstand seiner jüngeren Brüder stieß.[24] Der Plafond besitzt keinen alleinigen Betrachterstandpunkt. Steht der Besucher mit dem Rücken zum Fenster, fällt sein Blick auf die Allegorie der Nacht und die Buchstaben „F“ und „H“. Steht er mit dem Rücken an der Rückwand, erblickt er über den Fenstern die Allegorie des Tages mit den Buchstaben „Z“ und „W“.

Die Personifikationen der vier Jahreszeiten sitzen jeweils in fein gesponnenen Rankenbaldachinen. Die vier Tageszeiten sind als Gestirne in Medaillons dargestellt, die über Opferschalen schweben. Zwei Vestalinnen schüren das Feuer und halten Gefäße oder Blumen in die Höhe. Die Präsentation der Hermelinmäntel greift die der Tageszeiten auf, indem zwei Vestalinnen den Mantel vor dem Betrachter ausbreiten.

Datierung und Künstler

Elisabeth Nau referiert eine Quelle, derzufolge der Theater- und Dekorationsmaler Viktor Heideloff am 4. September 1790 für das Toilettezimmer eine Abschlagszahlung von 440 fl., am 17. November nochmals 400 fl. erhielt.[25] Außerdem wurde am 2. August 1790 dem Bildhauer Ziegler ein Abschlag für das Toilettezimmer der Herzogin bezahlt.[26]

Viktor Wilhelm Peter Heideloff (1757–1817) stammte aus Stuttgart, wo er an der Hohen Karlsschule zum Maler ausgebildet wurde. Zu den Aufgaben der Eleven gehörte die dekorative Ausgestaltung der herzoglichen Schlösser. Der Landschaftsmaler Joseph Anton Koch, der offen gegen diese Dekorationsarbeiten rebellierte, bezeichnete seinen Lehrer Adolf Friedrich Harper despektierlich als „Arabeskengott“.[27] In einem Bericht über Kochs Rebellion heißt es vorwurfsvoll, der Herzog habe ihn [Koch] in die Akademie aufgenommen, „um einen Künstler, nicht einen Handlanger, Farbenreiber, Arabeskenschmierer aus ihm zu machen.[28]

Die Zuweisung an Viktor Heideloff ist aufgrund der Figuren plausibel. Ihr etwas kantiger, antikische Einfachheit suggerierender Duktus in der Haltung und in den Gesichtern wiederholt sich in den Figuren von Heideloffs Gartenansichten des Englischen Dörfle in Hohenheim.[29]

Programm und Synthese

Da sich der Groteskenplafond in Schloss Hohenheim im Anschluss an ein Bad befand, darf für seine Gestaltung nicht nur die Tradition der Groteskenplafonds in Kabinetten, sondern auch die Tradition des Groteskendekors in Bädern seit der italienischen Renaissance bemüht werden. Berühmte Groteskendekorationen waren in Rom im Vatikan in der Stufetta des Kardinals Bibbiena und in der Engelsburg in der Stufa Papst Clemens VII., Medici zu sehen.

Groteskenplafonds, deren Mitte frei von didaktischer Szenerie als Laube oder Rosette gestaltet wurden, zierten seit dem Barock vorrangig Kabinette, mithin Räume, die dem Rückzug und der Entspannung vorbehalten waren. Beispiele für diesen Anbringungsort finden sich in Wien im Unteren Belvedere des Prinzen Eugen von Savoyen und im Heiligenkreuzer Hof.[30] Im Unteren Belvedere hat sich zudem als Gartensaal ein quadratischer Raum mit Groteskenplafond erhalten, dessen Bestandteile mit den vier Jahreszeiten und den vier Elementen den zyklisch wiederkehrenden Kreislauf der Natur versinnbildlichen.[31] Die Verknüpfung der von unten nach oben wachsenden, mit herabhängenden Elementen dekorierten Grotesken mit dem immer wieder neuen Wachsen und Vergehen der Natur dürfte auch in Hohenheim die Wahl der Sujets beeinflusst haben. Auf das dort ländliche Ambiente bezog sich bereits die Dekoration des Treppenhauses des Corps de logis mit den Skulpturen der vier Jahreszeiten und den gärtnerischen Reliefs.

Vorlagen für feine, der Antike nahestehende Grotesken stellte die Stichserie der Loggien Raffaels im Vatikan bereit, die Giovanni Volpato und Giovanni Ottoviani 1772–1777 herausgaben. Herzog Carl Eugen besaß davon ein koloriertes Exemplar.

Die Vorbilder für die Ausgestaltung der Appartements im neuen Schloss in Hohenheim könnten zum einen im Katharinenpalast in Zsarskoje Zelo (heute Puschkin) liegen. Dort ließ Katharina die Große 1779 die Räume des Großfürsten Paul und seiner Gemahlin Maria Fjodorowna durch ihren Architekten und Innendekorateur Charles Cameron neu ausgestalten. Im Grünen Speisezimmer findet sich die auf Pompejanische Wandmalereien zurückgehende Wandgestaltung mit feinem weißen Stuck auf stark farbigem einfarbigem Grund, die in Hohenheim ganze Raumfolgen prägt. Im Schlafgemach Maria Fjodorownas sind die Türen mit Groteskenfeldern vertäfelt. Im Blauen Zimmer alternieren Groteskenfelder mit einer Pilasterordnung.[32] Zum anderen weiß man, dass Franziska von Hohenheim 1791 in Paris im Hôtel Marbeuf in der rue Faubourg Saint-Honoré von zwei Salons so sehr beeindruckt war, dass sie sie in Hohenheim nachahmen lassen wollte.[33]

Bibliographie

  • Oskar Widmann, Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer 1746–1812. Ein Beitrag zur Geschichte des Louis XVI. in Württemberg, Stuttgart 1928.
  • Elisabeth Nau, Schloss Hohenheim. Eine Charakteristik des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Württemberg. Phil. Diss. Ludwig-Maximilians-Universität München, Tag der mündlichen Prüfung: 3. August 1943.
  • Hermann Heinrich Fischer, Hohenheim einst und jetzt, Stuttgart 1954.
  • Elisabeth Nau, Hohenheim Schloß und Gärten. Mit einem Beitrag von Claudius Coulin, zweite erweiterte Auflage Stuttgart 1978.
  • Ausst. Kat. Joseph Anton Koch 1768–1839. Ansichten der Natur, Christian von Holst, Stuttgart 1989.
  • Annegret Kotzurek, Die Hohenheimer Schlösser und ihre Innenausstattung, in: Hohenheimer Themen. Zeitschrift für kulturwissenschaftliche Themen, 11 (2002), S. 27–60.
  • Alessandra Zamperini, Ornament and the Grotesque. Fantastical Decoration from Antiquity to Art Nouveau, London 2008.
  • Anton Lang, Schloss Hohenheim. Wiederherstellung der historischen Räume, erweiterte Fassung, Stuttgart 2012. https://elib.uni-stuttgart.de/bitstream/11682/102/3/Schloss_Hohenheim_0_45.pdf
  • Zeugnisse eines Gartentraums. Die Hohenheim-Gouachen aus dem Besitz Herzog Carl Eugens von Württemberg, hg. Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Redaktion: Patricia Peschel und Nadine Kröhn, Regensburg 2016.

Einzelnachweise

  1. Hierzu: Fischer, Hohenheim, 1954, S. 25.
  2. Der Umriss des Gebäudes geht aus dem Gartenplan von J. Seybold von 1778 hervor: http://digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen/sammlungsliste/werksansicht/?no_cache=1&tx_dlf%5Bid%5D=6791&tx_dlf%5Bpage%5D=1
  3. Nau, Hohenheim, 1978, S. 9–10.
  4. Widmann, Fischer, 1928, S. 41–51.
  5. Kotzurek, Innenausstattung, 2002, S. 32–35. In Hohenheim war es der westliche, auf der Solitude der östliche Kavaliersbau, doch entsprachen sie sich in ihrem Verhältnis zum Hauptgebäude.
  6. Kotzurek, Innenausstattung, 2002, S. 28–32.
  7. Nau, Hohenheim, 1943, S. 143–148 mit Daten zum Baufortschritt. Die Grundsteinlegung fand am 24. Juni 1785 an der Südostecke des Corps de logis (unter dem Schlafzimmer des Herzogs) statt, 1787 und 1789 wurde das Bauholz zuerst zum linken, dann zum rechten Seitenflügel geliefert. Siehe auch Nau, Hohenheim, 1978, S. 86–89.
  8. Lexikon Haus Württemberg, 1997, S. 265–266.
  9. https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1526282915745/1/
  10. Den Quellen zufolge verwarf Herzog Carl Eugen die ursprünglich geplante Schieferdeckung aus Kostengründen, sodass es 1788 zu einer Ziegeldeckung kam (Nau, Hohenheim, 1943, S. 148).
  11. Nau, Hohenheim, 1943, S. 152.
  12. Nau, Hohenheim, 1934, S. 229. Die Originale der heutigen Abgüsse wurden nach Schloss Favorite bei Ludwigsburg verbracht (Kotzurek, Innenausstattung, 2002, S. 40).
  13. Kotzurek, Innenausstattung, 2002, S. 40.
  14. Das Gemälde lediglich knapp erwähnt bei Nau, Hohenheim, 1934, S. 227.
  15. Kat. Ausst. Glück Württembergs 2004, S. 91.
  16. Lang, Hohenheim Wiederherstellung, 2012, S. 192–193.
  17. Eine Beschreibung des Appartements anhand des Inventars von 1794 bei Kotzurek, Innenausstattung, 2002, S. 53–57, dort S. 41 auch ein Grundriss von 1783 mit Legende. Der Grundriss, der sich im Original in der Universitätsbibliothek Stuttgart befindet (https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1526282915745/1/), auch in Kotzurek, Zimmer, 2001, S. 637. Außerdem die Beschreibung bei Nau, Hohenheim, 1934, S. 160–163.
  18. Kotzurek, Innenausstattung, 2002, S. 54.
  19. http://www.kongernessamling.dk/de/rosenborg/object/fuglebur
  20. Das Doppelbett auf einem Grundriss von Fischer: https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1526282950975/1/
  21. Lang, Hohenheim, 2012, S. 284.
  22. 22,0 22,1 Kotzurek, Innenausstattung, 2002, S. 56.
  23. Kappe Beschreibungen des Plafonds bei Nau, Hohenheim, 1934, S. 241–242; Nau, Hohenheim, 1978, S. 95 und bei Kotzurek, Innenausstattung, 2002, S. 55–56. Eine Farbabbildung bei Merten, Schlösser, 1987, Tafel IV.
  24. Lexikon Haus Württemberg, 1997, S. 266.
  25. Nau, Hohenheim, 1943, S. 162a. Nau spricht von Karl Heideloff, was jedoch ein Versehen sein muss, dass Viktors Sohn Karl Alexander erst 1789 geboren wurde.
  26. Nau, Hohenheim, 1943, S. 162a.
  27. Ausst. Kat. Koch, 1989, S. 9. Den Hinweis auf diese Bemerkung verdankt die Autorin Herrn Felix Muhle.
  28. Ausst. Kat. Ausst. Koch, 1989, Kat.-Nr. 1.
  29. Abbildungen bei Nau, Hohenheim, 1978 und Gartentraum, 2016.
  30. Seeger, Stadtpalais und Belvedere, 2014, S. 303–308.
  31. Seeger, Stadtpalais und Belvedere, 2014, S. 309–318 mit Farbtafel 12.
  32. Vgl. Zamperini, Grotesque, 2008, S. 245–246.
  33. Nau, Hohenheim, 1934, S. 150 und Nau, Hohenheim, 1978, S. 88–89.