Stuttgart, Neues Lusthaus
Inventarnummer: cbdd10339
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Die 1590–1593 bemalte Holztonne über dem großen Saal zierte im Scheitel die biblische Heilsgeschichte von Wendel Dietterlin. Entlang des Gesimses entfalteten sich Jagdszenen in württembergischen Forsten von Hans Steiner, Andreas Herneisen und Jakob Züberlin. Zwischen den Fenstern hingen Landkarten.
Das Neue Lusthaus

Das mehrfach umgebaute, seit Beginn des 19. Jahrhunderts zerstörte und seither nur noch als translozierte Ruine im Mittleren Schlossgarten erhaltene Neue Lusthaus wurde unter Herzog Ludwig von Württemberg (reg. 1568–1593) in den Jahren 1583–1593 errichtet. Als Architekt firmierte der Hofbaumeister Georg Beer (um 1527–1600), dem gegen Ende als Gehilfe der junge Heinrich Schickhardt (1558–1635) zur Seite gestellt wurde. [1] Seinen weit über die Grenzen des Herzogtums hinausreichenden Ruf verdankte das Lusthaus jedoch weder Beer noch Schickhardt, sondern dem Zimmermann Elias Gunzenhäuser (gest. 1606). Seine aufsehenerregende Dachstuhlkonstruktion ermöglichte eine stützenlose Holztonne über dem 60 x 20 Meter großen Saal. [2]
Das längsrechteckige Gebäude mit vier runden Ecktürmen, einem umlaufenden Altan und zwei den Langseiten symmetrisch vorgelegten Freitreppen beherbergte im Inneren zwei übereinanderliegende Säle. Der unter Saal mit Kreuzrippengewölben über 27 dorischen kannelierten Säulen beherbergte mehrere Wasserbecken, sodass er als eine Art Grotte aufzufassen war. Der obere, stützenlos von einer segmentbogenförmigen Holztonne überwölbte Saal war an den Wänden und der Decke ausgemalt.
Der große Saal
Zum großen Saal im ersten Obergeschoss liegt eine Ansicht von Friedrich Brentel vor, die sich als 1619 datierter Kupferstich erhalten hat.[3] Beide Langseiten waren zu beiden Seiten der Portale von je drei Rundbogenfenstern durchbrochen, deren Nischen bis auf den Boden reichten. Über einem gemalten Gesims, das sich in der Achse der Fensterpfeiler über zwei Konsolen verkröpfte, setzte die bemalte Holztonne an.[4] Die Stirnwände öffnete sich in je zwei Doppelfenstern. Die segmentbogenförmigen Lünetten nahmen in der Mitte ein Rundfenster, flankiert von zwei liegenden Ovalfenstern auf.
Die Ausmalung des großen Saals
Bestandsaufnahme
Eine Bestandsaufnahme der ehemaligen Ausmalung liefert Johann Jakob Gabelkover in seiner Stuttgarter Chronik von aus dem Jahr 1622.[5] Ergänzend konnte Werner Fleischhauer in seinem grundlegenden Beitrag zur Ausmalung des Neuen Lusthauses von Johann Oettinger die „Beschreibung des Beylagers Herzog Johann Friedrichs“ von 1610 sowie Christian Friedrich Sattlers Topographische Geschichte des Herzogtums Württemberg von 1784 hinzuzuziehen.[6]
Die Ausmalung der Holztonne gliederte sich in zwei Zonen. Entlang der Scheitellinie reihten sich drei von Wendel Dietterlin gemalte biblische Szenen zur Heilsgeschichte aus der Offenbahrung des Johannes.[7] Ihre ovalen oder auch kreisförmigen Kompositionen wurden durch Wolken zusammengefasst. Am Beginn stand laut Gabelkover die Erschaffung von Himmel und Erde samt dem Sündenfall. Die Mitte bildete die Anbetung des apokalyptischen Lamms durch die 24 Ältesten, umgeben von den vier Evangelistensymbolen.[8] Am Ende erschien das Jüngste Gericht.[9]Die Szenen wurden in Schrifttafeln in lateinischer Sprache erläutert.[10]
Unterhalb der geistlichen Szenen entfalteten sich entlang des Gesimses zwischen hohen schlanken Bäumen als weltliches Erbe zwölf figurenreiche Jagdszenen, in denen Hintergrund als Herrschaftsveduten die Ämter des Herzogtums zu erkennen waren. Gemäß Christian Friedrich Sattlers Bestandsaufnahme von 1784 handelte es sich auf der rechten Seite um Brackenheim, Hohenasperg, Stuttgart, Herrenberg, Tübingen und Nagold, auf der linken um Neuenstadt, Backnang, Schorndorf, Kirchheim, Urach und Heidenheim.[11]In einigen Jagdteilnehmern wurden der Herzog und seine Entourage porträtiert.[12]
An den Fensterpfeilern und den nicht durchfensterten Wandstücken hingen 16 Tafeln mit allen Forsten und Ämtern des Herzogtums Württemberg, samt den darin liegenden Städten, Schlössern und Flecken.[13] Über den Fensterpfeilern hingen an den Konsolen des gemalten Gesimses 48 Medaillons mit Porträts der vornehmsten Räte.[14] Die Lünetten wurden von Wendel Dietterlin mit Scheinarchitektur versehen.[15]
Entstehungsgeschichte und beteiligte Künstler
Die Entstehungsgeschichte der Ausmalung ist durch Quellen sehr gut überliefert. Ihre Auswertung ist Werner Fleischhauer zu verdanken.[16]Bereits in der ersten, vom Geograph Georg Gadner (1522–1605) erdachten Konzeption vom August 1587 sollte die Topographie des Herzogtums zusammen mit der Jagd als vornehmes Herrschaftsregal dargestellt werden.[17] Mit dem konkreten Entwurf fühlten sich sowohl Gadner als auch der Hofmaler Hans Steiner jedoch überfordert, da sie sich nicht vorstellen konnten, wie sie erstens die großen Figuren mit der kleineren Herrschaftsvedute kombinieren könnten und zweitens die an der Decke erforderliche perspektivische Verkürzung nicht beherrschten.[18]
Die zur Ausführung gelangte Ausmalung begann im Januar 1590 durch den Hofmaler Hans Steiner. Noch im selben Jahr holte er sich den Nürnberger Maler Andreas Herneisen (1538–1610) zur Hilfe, der dafür zwei Sommer veranschlagte.[19]Für die drei Historien entlang der Scheitellinie wurde Wendel Dietterlin aus Straßburg (1550–1599) verpflichtet.[20] Sein Lohn bestand aus 1680 Gulden einschließlich eines Hauszinszuschusses und Naturalien.[21] Die Konzeption der biblischen Historien erarbeitete Georg Gadner zusammen mit dem Hofprediger Lucas Osiander.[22]
Für die topographisch genau erfassten Hintergründe der Jagdszenen wurden weitere Maler hinzugezogen.[23] Andreas Herneisen malte den Stuttgarter und den Heidenheimer Forst. Hans Steiner übernahm den Kirchberger und den Neuenstädter Forst. Weitere Maler waren Hans Dorn (nach 1550–1594) für den Böblinger und den Nagolder Forst, Hans Karg (1551–um 1610) für den Schorndorfer. Der in Tübingen ansässige Maler Jacob Züberlin (1556–vor 1607) übernahm den Tübinger Forst. Die Maler mussten die Landschaften und auch das Jagdgeschehen selbst in Augenschein nehmen.[12]
Technik
Die Deckenmalerei wurde auf insgesamt 52 Leinwandtücher gemalt.[21]
Bibliographie
- Fleischhauer, Renaissance, 1971. - Werner Fleischhauer, Renaissance im Herzogtum Württemberg, Stuttgart 1971.
- Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932. - Werner Fleischhauer, Die Malereien im Stuttgarter Lusthaus, in: Württembergische Vergangenheit. Festschrift des Württ. Geschichts- und Altertumsvereins zur Stuttgarter Tagung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine im September 1932. Festschrift Peter Goeßler, Stuttgart 1932, S. 305–333.
- Lieske, Frömmigkeit, 1973 . - Reinhard Lieske, Protestantische Frömmigkeit im Spiegel der kirchlichen Kunst des Herzogtums Württemberg (Forschungen und Berichte der Bau- und Kunstdenkmalpflege in Baden-Württemberg, 2), München 1973, hier S. 33–37.
- Weber-Karge, Paradeiß, 1989. - Ulrike Weber-Karge, „… einem irdischen Paradeiß zu vergleichen …“. Das Neue Lusthaus in Stuttgart. Untersuchungen zu einer Bauaufgabe der deutschen Renaissance, Sigmaringen 1989.
- Ziegler, Fragmente, 2015. - Nikolai Ziegler, Vergessene Fragmente. Die Ruine des Neuen Lusthauses im Stuttgarter Schlossgarten, in: Schwäbische Heimat, 66 (2025), S. 437–444.
- Ziegler, Innovation, 2016. - Innovation im Verborgenen. Der Dachstuhl des Neuen Lusthauses als „Meisterwerk der Zimmermannskunst“, in: Ausst.-Kat. „Eine der edelsten Schöpfungen deutscher Renaissance“. Das Neue Lusthaus zu Stuttgart, bearb. von Nikolai Ziegler, Stuttgart 2016, S. 70–83.
- Ziegler, Lusthaus, 2016. - Nikolai Ziegler, Zwischen Form und Konstruktion. Das Neue Lusthaus zu Stuttgart, Ostfildern 2016.
Einzelnachweise
- ↑ Zum Neuen Lusthaus: Fleischhauer, Renaissance, 1971, S. 54–74; Weber-Karge, Paradeiß, 1989. Zuletzt zur Baugeschichte der Renaissance mit den Quellen: Ziegler, Lusthaus, 2016, S. 21–29. Der junge Schickhardt als Gehilfe in Ziegler, Fragmente, 2015, S. 440.
- ↑ Ziegler, Innovation, 2016.
- ↑ Eine ausführliche Beschreibung des Saals bei Weber-Karge, Paradeiß, 1989, S. 45–50. Der Stich ist abrufbar: Wahre Contrafactur des Saahls in dem fürstlichen Württembergischen Lusthauß zu Stuetgarten | Staatsgalerie
- ↑ Das von Wendel Dietterlin entworfene gemalte Gesims bei Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 318.
- ↑ Den genauen Wortlaut der Chronik zur Ausmalung bringt Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 305–307.
- ↑ Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 307.
- ↑ Lieske, Frömmigkeit, 1973, S. 33–37.
- ↑ Die detaillierte Beschreibung geht aus dem Konzept des Hofpredigers Lucas Osiander hervor (Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 316). Die Abbildung des Entwurfs von Wendel Dietterlin bei Weber-Karge, Paradeiß, 1989, Abb. 61 (Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart). Eine Kopie befindet sich in der Hamburger Kunsthalle: Sammlung Online | Hamburger Kunsthalle (hamburger-kunsthalle.de)
- ↑ Die Abbildung des Entwurfs von Wendel Dietterlin bei Weber-Karge, Paradeiß, 1989, Abb. 62.
- ↑ Weber-Karge, Paradeiß, 1989, S. 48.
- ↑ Zitiert nach Chr. Sattlers Topographischer Geschichte von Württemberg 1784 bei Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 307.
- ↑ 12,0 12,1 Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 320.
- ↑ Zitiert nach der Chronik von Gabelkover bei Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 307. Als einzige Tafel hat sich die des Stuttgarter Amts, gemalt von Hans Steiner erhalten (Landesmuseum Württemberg).
- ↑ Zitiert nach Oettinger bei Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 307. Ausgeführt wurden die Porträts von Philipp Greter (Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 319).
- ↑ Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 318.
- ↑ Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932. Ebd., S. 311, Anm. 5 nennt Fleischhauer die im HStAS verwahrten Bestände.
- ↑ Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 311.
- ↑ Die von Gadner formulierten Bedenken in ihrem originalen Wortlaut bei: Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 311–313.
- ↑ Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 313–314.
- ↑ Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 314.
- ↑ 21,0 21,1 Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 317.
- ↑ Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 314–315.
- ↑ Die hierzu seinerzeit erstellte Liste referiert Fleischhauer, Stuttgarter Lusthaus, 1932, S. 317.