Zum Inhalt springen

Seeon-Seebruck, Klosterseeon, Nikolaikapelle

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 11: Landkreis Traunstein. Hirmer, München 2005, ISBN 978-3-7774-2695-2, S. 95–105, geschrieben von Bauer-Wild, Anna. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Nikolaikapelle

Ehem. Abtskapelle, in der Wohnung des Abtes gelegen. In der Kapelle wurde eine Reliquie des hl. Benedikt verehrt, die der Abt persönlich zum Geschenk erhalten hatte.

Patrozinium: St. Nikolaus

Zum Bauwerk: Die Wohnung der Seeoner Äbte befand sich bis ins frühe 17. Jh. südwestlich der Kirche im ersten Geschoß des Kreuzgang-Westtrakts. Unter Abt Simon Dullinger (1609–34) wurde ein neuer Westtrakt für die Abtei erbaut: Das Inventar nach seinem Tod 1634 erwähnt einen »Neupau«, in dem erst ein Zimmer eingerichtet war. Es dürfte sich um der späteren neuen Abteitrakt im Westen des Klosters handeln. Abt Honorat Kolb (1634–53) richtete dort die Abtei, Gästezimmer und Fürstenzimmer ein, doch zogen die Äbte zu einem noch nicht geklärten Zeitpunkt wieder in die alte Wohnung zurück. Umbau der Abtei und Bau der neuen Kapelle ab 1755/56 durch den Trostberger Maurermeister Franz Alois Mayr. Der Chronist P. Benno Feichtmayr berichtet 1761, Abt Reicherseder habe kaum den Bau der Abtei vollendet, als der Tod zu ihm kam, der ihm »die Abbtey nicht einmahl zu bewohnen vergunte« (S. 195). Die Kosten für den Abtei-Umbau betrugen nach Brugger 40 000 fl. (1993, S. 306).

Abt Adalbert Gruber (1671–94) hatte sich bei seiner Wohnung eine kleine Privatkapelle einrichten lassen. Unter Berufung auf die Genehmigung dieser Kapelle beantragte Abt Benedikt II. Reicherseder am 3.7. 1757 in Salzburg die Genehmigung einer größeren Kapelle bei der Abtei (die beantragte Kapelle näherte sich zu dieser Zeit bereits der Vollendung). Im Klosterbereich bestand eine alte gotische Kapelle, die Nikolauskapelle, die nordwestlich sehr nahe vor der Kirche stand; unter ihr befand sich der Bierkeller. Mit dem Argument, dieser Platz sei »indezent«, die Kapelle nehme der Kirche den »Prospect« und die Geistlichen müssten, um dort die Messen zu lesen, von der Sakristei aus mit dem Allerheiligsten durch Regen und übles Wetter gehen, bat der Abt um die Erlaubnis zur Transferierung der Kapelle in den Abteistock; er bekam sie am 19.8.1757. Die neue Kapelle wurde am 18.10.1757 durch den Salzburger Fürsterzbischof Sigmund Christoph Graf Schrattenbach dem hl. Nikolaus geweiht. Die alte Kapelle wurde abgebrochen. Die Kapelle liegt in der Ecke, die der Prälaturtrakt und der nördliche Kreuzgangtrakt bilden, und zwar im ersten Obergeschoß. Kleiner Saal zu zwei Jochen mit seichter Altarnische von gleicher Breite. Gliederung durch flache farbige Stuckmarmorpilaster mit Kämpfern, ohne umlaufendes Gesims. Der Chorbogen ist betont durch einen eingestellten Bogen über Pilastern. Die Altarnische ist nicht gegliedert. Die Stuckierung wird Franz Xaver Feichtmayr d.A. zugewiesen (Wolf 1969). Kreilinger vermutet die gleichen Stuckatoren wie in Baumburg am Werk (S. 114) und schreibt diesen auch den Seeoner Speisesaal zu. Belichtung durch ein Fenster hinter dem Altar und ein hohes Rundbogenfenster im S der Altarnische. Im N ist an der entsprechenden Stelle ein unten auf den Seitengang führendes Fenster, dessen obere Hälfte ein Blindfenster ist.

Zugang von W durch ein kleines Portal. Zwei Türen im westlichen Joch führen an der N-Seite in einen Seitengang, an der S-Seite in einen kleinen Raum, der außerdem durch ein Oratorienfenster mit der Kapelle verbunden ist. Oben an den Wänden, über den Wandbildern, befinden sich je zwei Fenster, die in einen belichteten Gang (N) und einen kleinen Raum (S) führen.

Auftraggeber: Abt Benedikt II. Reicherseder von Seeon (1753-60). Das Wappen in der Ornamentkartusche am Chorbogen, bekrönt von Mitra und Pedum, variiert das von Abt Reicherseder meist gebrauchte Dreischildwappen, dessen oberer Schild das Seeoner Wappen (rotes Seeblatt auf schwarzem Dreiberg vor weißem/silbernem Grund) zeigt, die beider unteren Schilde die beiden Teile des persönlichen Wappens, den Lorbeerbaum (heraldisch rechts) und Löwe mit Krone (heraldisch links) vor blauem Grund. Das Wappen in der Abtskapelle ist zweimal gespalten, zeigt in der Mitte das Seeoner Wappen (mit einem Grashügel statt des schwarzen Dreibergs), heraldisch rechts den Baum und heraldisch links der steigenden Löwen mit der Krone.

Abt Benedikt II., geboren am 25.3.1716 als Sohn des Landshuter Weißbierwirts Leopold Reicherseder, wurde in St. Jodok getauft auf die Namen Georg Franz Leopold (Pate war der Handelsherr Georg Franz Oppenrieder, Mitglied des Rats). Am 15.8.1734 legte er die Profeß in Seeon ab. Er studierte in Salzburg Philosophie, Theologie und Jurisprudenz. Als er am 12.9.1753 im Alter von 37 Jahren zum Abt gewählt wurde, war er Professor für Rhetorik an der Benediktiner-Universität Salzburg und Praefectus scholarum. Als Generalvisitator der Salzburger Benediktiner-Kongregation spielte er eine wichtige Rolle im Orden. Er starb am 11.4.1760 in Seeon im Alter von 44 Jahren; nach Feichtmayr (s. o.) hatte er seine gerade fertiggestellten neuen Abteiräume noch nicht bezogen. Abt Benedikt hatte in seiner kurzen Regierungszeit außer der Abtei mit der Nikolaikapelle in der Klosterkirche die beiden Rokoko-Oratorien auf der Empore errichten lassen (eines davon für sich), sowie einen neuen Orgelprospekt.

Die Nikolaikapelle

Autor und Entstehungszeit: Joseph Hartmann (* 1721 Tingen † 1788 Augsburg). Signatur und Datierung in W. Ioseph Hartmann / pinxit: A: 1757.

Von Joseph Hartmann ist auch das Altarblatt der Nikolaikapelle mit der Darstellung des Patrons Nikolaus von Myra, bezeichnet Josephus Hartmann pinxit A. V. (=Augusta Vindelicorum) 1758. Der seit seiner Heirat mit der Malerswitwe Johanna Moy 1741 in Augsburg ansässige und angesehene Maler und Freskant Joseph Hartmann malte 1757 außerdem das Altarblatt für die neu ausgestattete Augustiner-Chorherrenstiftskirche Baumburg (S. 24) und freskierte 1758 zusammen mit seinem Stiefsohn Joseph Moy die zu Baumburg gehörige Kirche Mögling, (S. 106). Zu weiteren Arbeiten Hartmanns im Bereich der Gerichte Kling und Trostberg kam es nicht.

Befund

Träger der Deckenmalerei: Flaches Tonnengewölbe mit seichten Stichkappen

Rahmen: Geschwungener, ornamentierter goldener Profilrahmen, von teilvergoldeten Rocaille-Ornamenten überspielt. W1-5 seitliche schmale Goldleisten, oben und unten teilvergoldeter Rocaillestuck.

Technik: Fresko, polychrom

Maße: Höhe 6,90 m; 4,20 x 2,80

Erhaltungszustand und Restaurierungen: Während Seeons Nutzung als Flüchtlingslager war die Kapelle Abstellraum, auf dem Altar wurde Obst gelagert, im anschließenden Raum wohnte eine mehrköpfige Familie, es wurde gewaschen und gekocht, was wegen der Feuchtigkeitsentwicklung mit großer Besorgnis gesehen wurde. Später gehörte die Kapelle zur Privatwohnung Hirschfeld und sollte 1964 restauriert werden. Der Voranschlag von Hans Mayrhofer, München (BLfD) umfaßt das Reparieren von Feuchtigkeitsschäden, das Abnehmen der Tünchschichten, Schließen der Risse, Festigen und Ergänzen des Stucks, das Reinigen seiner Vergoldung und das Reinigen der Decken- und Wandbilder. Im Zuge der Gesamtrestaurierung nach dem Erwerb durch den Bezirk Oberbayern wurde die Kapelle 1990/93 durch die Fa. Erwin Wiegerling, Bad Tölz, restauriert.

In Anbetracht ihres Schicksals ist die Kapelle erstaunlich gut erhalten, so wurde sie beim Ortstermin des BLfD am 12.7.1990 ein »seltenes Beispiel für völlige Unberührthei ohne Eingriff späterer Restaurierungen« genannt. Man fand im Hauptraum nur Spuren kleiner Eingriffe, Zementausbesserungen von Rissen, Stuckausbesserungen und stellenweise Überbronzierung von Vergoldungen. Der Ostteil beim Altar war schlechter erhalten, stärker verschmutzt, der Stuck grob ausgebessert, im Bereich der Brokatfelder waren Wasserschäden. »Die Fresken, die partiell (vor allem im Bereich dunklere Pigmente) eine pudernde Malschicht aufweisen, werden vorgesichert... Übermalungen sind keine nachweisbar... kein nennenswerter mikrobiologischer Befall... Der Aufwand an Retuschen wird gering sein«. Die Kapelle wurde nur konservatorisch behandelt, die größeren Risse wurden geschlossen, feine nicht; die wenigen Fehlstellen wurden ergänzt. Die Stuckfassung in Grün und Gold ist fast original erhalten, eine Seltenheit (frdl. Mitt. Stefan Hundhiß). Der Zustand der Deckendekoration ist sehr gut, doch haben sich seit 2003 wieder neue Risse gebildet.

Beschreibung und Ikonographie

A GLORIE DES HL. BENEDIKT Himmelsszenerie mit sich kulissenähnlich auftürmenden Wolken, die am unteren Bildrand einen kleinen Ausblick auf eine Wiese mit dem Kloster Seeon geben. Im Zentrum kniet Benedikt auf Wolken, in Mönchskleidung, ein Kreuz an violettem Band auf der Brust. Er hat die Arme weit ausgebreitet und blickt nach oben, wo, von Engeln und Putten begleitet, vor einer hellen Glorienöffnung neben der Weltkugel thronend die Dreifaltigkeit erscheint, Christus mit dem Kreuz, Gottvater mit dem Zepter und der Heilige Geist in Gestalt der Taube. Christus hält eine Zackenkrone über Benedikt. Zwei große Engel auf den Wolken bei Benedikt halten Mitra und Pedum als Zeichen seiner Abtswürde, ein Putto hält sein Attribut, den Becher mit der Schlange. Rechts im Hintergrund sind an einer Wolke kniend zwei Benediktiner und eine Benediktiner-Äbtissin dargestellt, die an den Tauben auf ihrem Buch als Benedikts Schwester, die hl. Scholastika zu erkennen ist. Die beiden jungen Mönche bei Scholastika sind Benedikts Schüler Placidus und Maurus. Sie haben eine Martyrerpalme bei sich (spezielle Attribute wurden für sie nicht entwickelt).

Ein Bildfeld im AR zeigt in vergoldetem Stuck das von Strahlen umgebene Dreifaltigkeitssymbol. Die Wolken und Puttenköpfchen sind in weißem Stuck.

W1-5 HEILIGE Fünf Wandbilder befinden sich an der N-Seite (W1-2), der S-Seite (W3-4) und der W-Wand (W5) jeweils zwischen den oberen und unteren Fenstern bzw. Türen. W1 ist kürzer als die übrigen Bilder, weil das darunterliegende Portal höher ist als Türen und Fenster.

W1 HL. GEORG UND FIDES-ECCLESIA Auf Wolken thront Georg als strahlender junger Ritter, in goldgezierter Rüstung mit weitem roten Mantel und Federhelm, den linken Fuß in goldenem Soldatenschuh elegant auf die Wolke gesetzt. Er blickt zum Himmel auf und hält in der Rechten die Märtyrerpalme. Ein Putto weist als Georgs Attribut das Schwert vor. Am unteren Bildrand ist rechts der getötete Drache zu sehen, in dem Georgs Lanze steckt. Schräg unter Georg sitzt auf den Wolken die Personifikation der Ecclesia in blauem Kleid und weitem, als Schleier über den Kopf gezogenen weißen Mantel. Sie ist gekennzeichnet durch Rundtempel, Tiara und dreifachen Kreuzstab sowie durch den Hostienkelch, das Attribut der Ecclesia.

Die Zuordnung Georgs zu Fides-Ecclesia erinnert an seine Eigenschaft als »miles christianus«.

W2 TOD DES HL. JOSEPH Schauplatz ist ein Innenraum, dessen Räumlichkeit durch eindringende Wolken verunklärt ist. Joseph liegt auf dem Totenbett unter einer gebauschten grünen Draperie; vom Kopfende des Lagers beugt sich Maria liebevoll über den Sterbenden. Zu Füßen des Bettes sitzt Jesus, Strahlen um das Haupt, zum Himmel weisend, aber nicht in körperlichem Kontakt zu Joseph. Auf einem Podest

seitlich ist ein aufgeschlagenes Buch zu sehen. Putten in den Wolken halten den grünenden und blühenden Stab.

Der Tod Josephs wurde von der Hagiographie schon früh in die Zeit des gemeinsamen Lebens der Heiligen Familie in Nazareth, vor dem öffentlichen Leben Jesu, angesetzt. Der Trost, den dabei der Gottessohn dem irdischen Vater gespendet haben muß, war ein wichtiger Bestandteil der Josephsikonologie. Die Seeoner Darstellung läßt die tatsächliche Anwesenheit Jesu am Sterbebett in der Schwebe, zeigt aber trotzdem eindringlich den Frieden einer glücklichen Sterbestunde, in der der Sterbende sich in der Liebe Mariens und Jesu geborgen weiß.

W1 VISION DES HL. FRANZ VON ASSISI Franz von Assisi, in der einfachen, mit einer Schnur gegürteten Kutte der Minderbrüder, liegt auf einer weiten offenen Terrasse mit Balustradenabschluß nach hinten. Seine Lagerstatt ist eine zum Teil ausgerollte Strohmatte, über eine Steinstufe gebreitet, vor der wie abgestreift die Sandalen des Heiligen liegen. Der Heilige zeigt die Stigmata, in der Kutte ist in Brusthöhe ein Einstich. Sein Haupt ist zurückgelehnt auf die Strohmattenrolle, in der Linken hält er ein Kreuz, die Rechte liegt auf einem Totenkopf. Instrumente der Selbstkasteiung liegen neben ihm: eine Geißel und ein Bußgürtel. In einem aufgeschlagenen Buch ist zu lesen: DEUS / MEUS / ET / OMNIA: (mein Gott und mein Alles). In der vordersten rechten Bildecke sieht man einen Korb mit Krücke. Über dem Heiligen erscheint auf Wolken ein großer Engel, der auf Franziskus blickt und Geige spielt.

Es handelt sich um die Erscheinung des musizierenden Engels: Nach frühen Überlieferungen wurde Franz während seiner Blindheit in Rieti von einem auf der Gitarre spielenden Engel getröstet. Dieses Thema kommt in den frühen Zyklen nicht vor; Darstellungen sind erst seit dem 16. Jh. bekannt, wobei die Gitarre manchmal durch eine Geige ersetzt wird. »Obwohl die Erscheinung 1225 in Rieti stattgefunden hat, stellen die Künstler die Vision meist im Zusammenhang seines Krankenlagers und Todes 1226 dar« (LCI Bd 6, Sp. 303, Nr. 52., s.v. Franz von Assisi), was auch hier in Seeon der Fall ist.

W4 LEOPOLD III. DER BABENBERGER, MARKGRAF VON ÖSTERREICH Auf einer mächtigen Wolke kniet Markgraf Leopold, über dem Haupt einen Heiligenschein. Er trägt einen weiten, hermelingefütterten Mantel mit Hermelinkragen, darunter die Rüstung; ein Engel hinter ihm hält auf rotem Kissen den Fürstenhut. Dahinter ragt eine Fahne auf, weiß mit breitem roten Mittelbalken und goldenen Adlern. Leopold hat die Rechte auf die Brust gelegt und blickt zum strahlenumgebenen Dreifaltigkeitssymbol auf. Er weist mit der Linken auf ein großes Kirchenmodell, sein Attribut, das ein Engel vor ihm präsentiert. Das Bild wird meist als Darstellung Aribos, des Stifters von Seeon gesehen; dagegen spricht außer dem Heiligenschein die Fahne.

Leopold (* um 1073 in Melk † 15.11.1136, Heiligsprechung 1485) regierte nach seinem Vater Leopold II. († 1095). Er wird in der Regel als noch junger, aber bärtiger Fürst im Hermelinmantel dargestellt, oft mit Fahne. Das Kirchenmodell ist sein Attribut wegen der Stiftungen von Klosterneuburg, wo er auch begraben ist, von Heiligenkreuz und Klein-Mariazell.

Als Wappen führt Leopold meist den Bindenschild und/oder die goldenen Babenberger Adler auf blauem Grund (s. Statue von Stefan Godl in der Hofkirche Innsbruck, Maximiliansgrab); die Fahne in der Nikolaikapelle ist eine freie Kombination der beiden Wappen. Aribo dagegen hat die bayerischen Löwen und Rauten (s. Wandbild in der ehem. Stiftskirche Seeon, S. 94).

Wc ANNA LEHRT MARIA An einer Säule, die von roten Draperien fast verhüllt ist, sitzt Anna, ein geöffnetes Buch auf dem Schoß, auf einer Art Terrasse, die nach hinten durch ein geschwungenes Mäuerchen mit Ziervase abgeschlossen ist. Vorne auf Stufen sieht man einen Arbeitskorb, aus dem ein Wollknäuel gefallen ist. Auf Annas Knie gestützt kniet betend das Mädchen Maria und blickt zum Himmel auf. Ihr Haupt ist von Sternen umgeben; ein Putto hält einen Kranz aus weißen und roten Rosen über sie. Über der Szene schwebt der Hl. Geist in Gestalt der Taube.

Die Auswahl der Heiligen in den Fresken zeigt, daß es sich bei der Nikolauskapelle um eine reine Privatkapelle des Abtes Reicherseder handelte: Er wählte für die Darstellung die Patrone seiner Geburtsnamen Georg, Franz und Leopold sowie seines Ordensnamens Benedikt. Diese Patrone traten schon auf einem der Triumphbögen auf, die anläßlich seines Einzugs als Abt in Seeon – nach der Weihe in Salzburg – errichtet wurden. Das Thema Anna lehrt Maria ist vielleicht aus der alten Abtskapelle seines Vorgängers Rufinus Mayr übernommen worden, der ein besonderer Verehrer der hl. Anna war.

Ein Bedeutungsschwerpunkt des Programms ist – bestimmt von der Rolle des Raums als Aufbahrungsort für den Abt – der Gedanke vom Trost in der Sterbestunde. Hierzu gehören die einander gegenüber liegenden Wandbilder W1 und W4 der Tod Josephs und der Tod Franz von Assisis. Franz von Assisi stirbt, von himmlischer Musik getröstet; Joseph stirbt liebevoll umfangen von Maria und gesegnet von Jesus. Abt Benedikt war ein leidenschaftlicher und zärtlicher Verehrer Mariens. Seine Marienverehrung ging auf eine wunderbare Errettung in der Kindheit zurück: in die Isar gefallen und vom reißenden Fluß weggerissen, wurde er durch eine Marienerscheinung gerettet (Sölch). Unter seiner Herrschaft wurde die Wallfahrt zum Mariengnadenbild von Bräuhausen neu entfacht. »Zu der Mutter Gottes nach Preuhausen waren gerichtet alle seine Gedanken; nach Preuhausen zieleten alle seine Worte und Werke« (Sölch). So wurde der Tod Josephs in Gegenwart der liebenden Gottesmutter für den Abt zum Inbegriff des gnadenvollen Todes. Diesem Sinnkomplex sind auch die beiden Seitenfiguren am Altar, Petrus und Maria Magdalena zuzuordnen. Beide hatten gesündigt, beide bereuten tief und beiden wurde von Jesus voller Liebe vergeben. Einer der beiden stuckierten Putten am Altar hält einen Totenkopf.

Der marianische Gedanke, der in W1 angeschlagen und in W4 fortgeführt ist, wird in einer ähnlichen Figuration am Altar vollendet. Zeigt W1 Maria als Mädchen, ausgezeichnet durch ihre unbefleckte Empfängnis (Sternenkranz), ihr künftiges Schicksal als Gottesmutter durch weiße Rosen im Kranz, als Schmerzensmutter durch rote Rosen im Kranz angedeutet, so tritt sie am Hochaltar triumphal in der verklärten Gestalt und A Glorie des hl. Benedikt (Joseph Hartmann 1758)]

A Glorie des hl. Benedikt (Joseph Hartmann 1758)
W, Tod des hl. Joseph
W4 Leopold III. der Babenberger, Markgraf von Österreich
W. Hl. Anna lehrt Mari

in dem Rang auf, der ihr aufgrund ihrer Verdienste gebührt. Der Altaraufbau bildet anstelle des Auszugs eine Öffnung, hinter der das Ostfenster sichtbar wird. Vor diesem hellen Licht ragt die Statue der Immaculata auf, mit Sternenkranz, Zepter, Weltkugel und Schlange, in Blick und Gestus bezogen auf das Dreifaltigkeitssymbol, das an der AR-Decke golden zwischen weißen Stuckwolken erscheint.

Ein dritter Bedeutungsstrang beschäftigt sich mit Kloster Seeon. Im Deckenbild erscheint Benedikt, der Ordensgründer, der Seeon der Dreifaltigkeit empfiehlt. Das Abtswappen am Chorbogen, von dem die bekrönende Mitra und das Pedum in die Darstellung des Klosters im Fresko hineinragen, zeigt deutlich, daß hier das Seeon von 1757 gemeint ist, das unter dem Schutz des Ordensgründers steht. In diesem Sinnzusammenhang stehen auch die Darstellungen Leopolds, des Klostergründers und -Beschirmers (W4), und Georgs als Beschützer der Kirche allgemein, in die auch Seeon mit einbezogen ist. Mit dem hl. Nikolaus, dessen Patrozinium bei der Verlegung der Abtkapelle notwendigerweise übernommen werden mußte, beschäftigt sich nur das Altarblatt: Es zeigt den Heiligen in der Glorie, von Engeln umgeben, wobei sein Wasser- und Schifffahrtspatrozinium durch das Schiff in Seenot unten im Bild hervorgehoben wird, ebenso wie durch die Inschrift im Buch, das der große Engel zu Nikolaus' Füßen hält: PROHI BUI FLU/MINA / EIUS. / Ezech. 31 / V. 15. (Ich hielt ihre Ströme zurück. Ezech. 31, 15).

Quellen und Literatur

BHStA, KL Fasz. 674/10: Äbte, Wahl und Tod; Inventare; Beschreibung des Einzugs Benedikts II. in Seeon 3.1.1753; Fasz. 276: Acta das Bauwesen ... betrf. 1641–1803.

BHStA, KL Seeon Nr. 73: Rotel Abt Benedikt Reicherseders. AEM, Klosterakten 313: Visitationen 1600–1759, Geschichte; 314, 315, 316: Abtwahlen 1521–1653; 1665–1701; 1727–60. AEM, Pfarrakten Seeon, Bauten II: Restaurierung 1933/36; Transferierung der Nikolaikapelle 1757–60.

AEM, Matrikeln Landshut St. Jodok, Taufe Abt Reicher seders.

BSB, Clm 1458 und 1459: Annalen von Abt Honorat Kolb; Clm 1460: Annalen Abt Columban Freidlspergers 1701–25. Dombibliothek Freising, Hs 13: P. Benno Feichtmayr, Introductio ad Annales Monasterii Seonensis ... Anno 1761. BLfD, Akten Pfarrkirche St. Lambert Seeon seit 1880; Seeon, Schloß (ehem. Kloster), seit 1933.

Sölch, P. Carolus, Der bey Gott und den Menschen beliebte Abbt: Oder des Herrn Benedicti Löblichen Stift und Klosters zu Seon ... Würdigisten ... Abbten Leich-, Lob- und Ehren-Predigt (8.5. 1760), Salzburg 1760 (BSB, 2Bavar. 970/I/39).

KDB I OB (2), S. 1830–51; Nikolaikapelle S. 1851 f. Hartig Bd 1, S. 32–37; Nikolaikapelle S. 36.

Wiest, Veneranda OSB, Honorat Kolb. Abt von Seeon 1603–1670 (= Studien und Mitteilungen des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige, Ergänzungsheft 13), 1937, S. 34–39.

Bomhard, Peter von, Der Chiemgau – Landschaft und Kunst (= GKF Nr. 18), München-Zürich 1955, S. 41.

Historischer Atlas I, Bd 16, Die Landgerichte Wasserburg und Kling (Tertulina Burkhard), München 1965, S. 291 f.

Wolf, Friedrich, Der Stuckator Franz Xaver Feichtmayr d.Ä. und sein bedeutender Mitarbeiter Jakob Rauch, in: Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben 59/60, 1969, S. 257. Hemmerle, Josef, Die Benediktinerklöster in Bayern (= Germania Benedictina Bd 2), Augsburg 1970, S. 286–91.

Weiermann, Herbert, Kunstgeschichtliche Denkmäler, in: Heimatbuch des Landkreises Traunstein Bd II, Trostberg 1970, S. 148–54.

Scholz, Helmut, Das Kloster Seeon. Baugeschichtliche Untersuchung mit Rekonstruktionsversuchen (Diss TU München 1971), Uni-Druck München 1972.

Kreilinger, Kilian, Der bayerische Rokoko-Baumeister Franz Aloys Mayr. (= Jahrbuch des Vereins für christliche Kunst Bd 9), München 1976. Seeon, Nikolauskapelle S. 114 f.

Ferstl, Anton und Josef Klemens Stadler, Kirche und Kloster Seeon (= KKF Nr. 91, 1935), München-Zürich 1979.

Dischinger, Gabriele, Zeichnungen zu kirchlichen Bauten bis 1803 im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, 2 Bde, Wiesbaden 1988, Textband S. 228–36, Tafelband S. 146–51.

Dehio 1990, (s.v. Klosterseeon), S. 549–54.

Brugger, Walter, Seeon, Freilassing 1991.

Kloster Seeon. Beiträge zur Geschichte, Kunst und Kultur der ehemaligen Benediktinerabtei (hg. vom Bezirk Oberbayern durch Hans von Malottki), Weißenhorn 1993.

Brugger, Walter, Die Bau- und Kunstgeschichte des Klosters Seeon, in: Kloster Seeon 1993, S. 255–316. Nikolaikapelle S. 296–306.

Prinz, Friedrich, Mönchtum und Kultur. Die frühmittelalterlichen Grundlagen, in: Kloster Seeon 1993, S. 45–54.

Roth, Hans, Die Seeoner Äbte vom 16. Jahrhundert bis zur Säkularisation des Klosters 1803, in: Kloster Seeon 1993, S. 123–50. Abt Martin Kötterlein S. 125, Abt Benedikt II. Reicherseder S. 146 f.

Zehetmair, Eva-Maria, Das Benediktiner-Kloster in Seeon – ein historischer Abriß, in: Kloster Seeon 1993, S. 93–122.

1000 Jahre Seeon. Ein Heimatbuch. Beiträge zur Kloster-, Pfarr- und Ortsgeschichte (Hg. Festausschuß Seeon, Schriftleitung Meinrad Schroll), Seeon 1994.

Parisi, Jeannette, Studien zu Leben und Werk des Augsburger Barockmalers Joseph Hartmann mit einem Katalog seiner Fresken (Mag. München 1994), S. 38–47.

Rauscher, Paul, die Bildwerke der Abtkapelle St. Nikolaus, St. Ottilien 1998.

Kloster Seeon im Spiegel der Zeit (Hg. Kultur- und Bildungszentrum des Bezirks Oberbayern), Seeon 1999.

Brugger, Walter, Kirche und Kloster Seeon (= KKF Nr. 91, 1935), München-Zürich 241999.

A. B.