Schwülper, Herrenhaus
Inventarnummer: cbdd10010
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Das Herrenhaus in Schwülper von 1718–22 wurde 1972 abgerissen. Die Decke des Hauptsaals mit Deckengemälden wurde nach Wolfenbüttel transloziert und zeigt nach Vorlagen Paul Deckers den Triumph der Venus sowie Tugendpersonifikationen.

Bauwerk
Das Herrenhaus in Schwülper[1] war für Reichfreiherr Georg Wilhelm von Marenholtz, Kammerherr und Magdeburger Domherr sowie seine Gemahlin Hippolytha Agnese von Plato von Baumeister Christian Georg Vick 1718–22 erbaut worden. Es entstand damals ein zweigeschossiger, dreizehn Achsen breiter und fünf Achsen tiefer Bau unter steilem Walmdach. Die Längsseiten hatten dreiachsige Mittelrisalite. Das überwiegend symmetrisch gegliederte Innere wurde über ein Vestibül erschlossen. Eine imperiale Treppe an der Rückseite erschloss das Obergeschoss mit seinem zentralen Hauptsaal über dem Vestibül. An den Seiten fanden sich Appartements.
Der Hauptsaal mit drei hohen Fenstern reichte in das Obergeschoss und hatte eine Wandvertäfelung sowie ein Deckengemälde aus der Werkstatt des Wolfenbütteler Hofmalers Johann Georg Pickhardt.[2] Die Stuckaturen im ganzen Haus wurden von Carlo Francesco Gorini geschaffen.[3]
Heute befindet sich die Decke im ehemaligen Essgemach des Herzogsappartements des Wolfenbütteler Schlosses. Im Gegensatz zum neuen Anbringungsort in 3,15 Metern Höhe war der ursprüngliche Hauptsaal mit 6 Metern annähernd doppelt so hoch.[4] Die Dekoration dieses Raumes war bei einem Brand 1918 zerstört worden. Daher konnten die Täfelungen im Wolfenbüttteler Raum dem verlorenen Raum in Schwülper nachgebildet werden.
Deckenmalerei aus dem ehemaligen Hauptsaal
Das Hauptbild
Das Deckengemälde zeigt im Deckenspiegel mit kräftigem Rahmen den Triumph der Venus.[5] Die Voute gewährt durch eine Phantasiearchitektur hindurch Ausblicke in den Himmel. An jeder Seite sind zwei Tugendpersonifikationen zu sehen. Es handelt sich um Kaseinmalerei, die secco auf den Putz aufgetragen wurde. Bereits im 19. Jahrhundert sind Ausbesserungen an der Malerei mit Ölfarben durchgeführt worden. Ein irreversibler Überzug von Wachs lässt die Malereien heute dunkler erscheinen. Für den Ausbau in Schwülper und den Transport nach Wolfenbüttel wurde die Malerei auseinander gesägt. In Wolfenbüttel wurden Fehlstellen nach dem Einbau geschlossen und retuschiert.
Auf dem Hauptbild ist Venus zentral auf einer großen Wolkenbank in ihrem Muschelwagen zu sehen. Ihm sind zwei Täubchen vorgespannt. Vier geflügelte Eroten und Amor umkreisen Venus. Letzterem reicht sie Pfeil und Bogen. Link von Venus stehen die drei Grazien – ohne Bezug zur Gruppe um Venus. Rechts der Venus lagern vier Frauen, die als „Gespielinnen“ der Venus bezeichnet wurden und ebenfalls ohne Bezug zur ihr sind.[2]
Die Malerei in der Voute
In der Voute sind Allegorien der Acht Tugenden dargestellt.[2] Auf der Südseite — der Eingangsseite in Wolfenbüttel — sind es Gerechtigkeit (Justitia) mit Schwert und Waage, Eintracht (Concordia) mit Ölzweig und Stab. An der Ostseite erblickt man Mäßigkeit (Temperantia) mit Schale und Zügel sowie Frieden (Pax) mit Öl- und Palmzweig. Auf der Nordseite wird die Tapferkeit (Fortitudo) mit Schwert und Säule präsentiert sowie die Weisheit (Sapientia) mit Schlange und Spiegel. An der Westseite schließlich lagern Nächstenliebe (Caritas) mit flammendem Herzen sowie die Hoffnung (Spes) mit Adler und Anker.
Die Vorlagen
Das Deckengemälde geht auf zwei Kupferstiche von Paul Decker aus dessen Fürstlichen Baumeister von 1711 bzw. 1716 zurück. 1711 erschienen die Vorlagen für die Tugenden, 1716 die Vorlage zum Mittelbild.[6]
Die ehemalige Deckenmalerei aus dem Treppenhaus
Ein weiteres Deckengemälde befand sich in Schwülper im Treppenhaus und zeigte wohl Mars und Venus. Es ist verloren und nur über zwei Fotografien dokumentiert.
In der Mitte erblickt man Mars und Venus auf Wolken. Mars ist nahezu komplett entwaffnet – ein letztes Teil hält er in seiner linken Hand – und lehnt sein Haupt an Venus. Diese lagert über ihm und hat ihn quasi überwunden. Amor und weitere Putten umkreisen das Paar. Amor am unteren Bildrand hat seinen Bogen gegen das Paar gerichtet und hält einen Blumenkorb. Drei weitere Putten tragen ebenfalls Blumenkörbe. Eine vierte trägt Disteln oder Laub, eine fünfte eine Posaune und eine sechste einen Gegenstand, der auf den Fotografien nicht zu identifizieren ist. Eventuell soll dargestellt werden, wie Mars und Venus von Amoretten entkleidet werden.
Bibliographie
- Boeck, Schwülper, 1976. – Boeck, Urs: Eine Baustelle um 1720. Zur Erinnerung an das Herrenhaus von Groß-Schwülper, in: Niedersächsische Denkmalpflege (1976) Bd. 8, S. 85-94.
- Grote, Hans-Henning: Die Wohnungen Herzog Anton Ulrichs im Schloss Wolfenbüttel und im Schloss Salzdahlum. In: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, 93 (2012), S. 180-195.
- Grote, Wolfenbüttel, 2005. – Grote, Hans-Henning: Schloss Wolfenbüttel. Residenz der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Braunschweig 2005.
- Grote, Wolfenbüttel, 2008. – Grote, Hans-Henning: Schloss Wolfenbüttel. Residenz der Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg. Braunschweig 2008.
- Hagen, Wolfenbüttel, 1978. – Hagen, Rolf: Schloß Wolfenbüttel (Museum 6), Braunschweig 1988.
- Möller, Hans-Herbert: Die Einrichtung des Venussaales im Schloß Wolfenbüttel, in: Niedersächsische Denkmalpflege (1978) Bd. 9, S. 105-119.
Einzelnachweise
- ↑ Boeck, Schwülper, 1976; Grote, Schloss Wolfenbüttel, 2005, S. 116.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Grote, Wolfenbüttel, 2005, S. 116.
- ↑ Boeck, Schwülper, 1976, S. 90.
- ↑ Hagen, Wolfenbüttel, 1988, S. 66; Grote, Wolfenbüttel, 2008, S. 30.
- ↑ Möller, Venussaales, 1978, S.111–112; Grote, Wolfenbüttel, 2005, S. 115-116; Grote, Wohnungen, 2012, S. 183.
- ↑ Grote, Wolfenbüttel, 2005, S. 116. Paul Decker: Fürstlicher Baumeister oder Architectura Civilis. Teil I Augsburg 1711, Pl. 46. Teil II Augsburg 1716, Pl. 16.