Schwäbisch Hall, Haus Sandel, Marktstraße 9
Inventarnummer: cbdd20204
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In der Stube, die Johann Christoph Sandel (1693–1764) um 1733 in seinem nach dem Stadtbrand wiederaufgebauten Wohn- und Geschäftshaus vermutlich durch Johann Michael Roscher ausmalen ließ, dominiert die göttliche Wahrheit Szenen von Hoffnung und Errettung, so auch die Lots aus dem brennenden Sodom.

Haus Sandel Ecke Marktstraße/Am Spitalbach
Johann Christoph Sandel junior (1693–1764)
Der Vorgängerbau des heutigen Eckhauses Marktstraße 9 /Am Spitalbach, dessen Besitzer sich bis 1650 namentlich zurückverfolgen lassen,[1] wurde beim Stadtbrand 1728 bis auf den Grund zerstört.[2] Die Marktstraße, die vom Marktplatz nach Norden leicht abwärts zum Stätt-Tor führte, musste ausgehend vom Marktplatz nach dem Brand fast durchgehend neu bebaut werden.[3]
Bauherr des Eckhauses ist Johann Christoph Sandel junior (1693–1764).[4] Zwar lebte zur mutmaßlichen Erbauungszeit um 1730 noch sein gleichnamiger Vater Johann Christoph Sandel senior (1664–1738), den Ewald Jeutter als Bauherrn angibt,[5] doch sprechen folgende Argumente für die von Stadtarchivar Kuno Ulshöfer recherchierte Version mit Johann Christoph Sandel junior als Bauherrn.
Johann Christoph Sandel junior heiratete 1721 die Witwe des Handelsmanns Johann Ulrich Düring, nämlich Anna Margarete, geb. Kress von Forchtenberg. Johann Ulrich Düring war der Vorbesitzer des Hauses in der Marktstraße, das er am 23. Januar 1700 für 1050 Gulden erworben hatte.[1] Anna Margarete brachte es in die Ehe ein und Sandel junior, dessen Vater ebenfalls Handelsmann war, führte das Geschäft ihres verstorbenen Ehemanns in der Marktstraße weiter.[6]Das Wohnhaus hatte somit immer auch ein Ladengeschäft umfasst.[6]
Der Neubau des Gebäudes ist um 1730 anzusetzen. Am Außenbau brachte das Bauherrenpaar ihrer beiden Wappen an, die sie zudem beschriften ließen. Die Wappen befinden sich entlang der Marktstraße über den gebänderten Pilastern der Erdgeschossgliederung. Zur Rechten der mittleren Rundbogenarkade steht das von Johann Christoph Sandel: quadriertes Feld mit je einem goldenen Halbmond in Rot (1.4) und je einem roten Ast in Gold (2.3).[2] Die Inschrift darunter lautet: „Johann Christoph Sandel junior“.[7]
Das Wappen der Erbin steht zur Linken der mittleren Rundbogenarkade: Das obere Feld mit „grünen vegetabilen Ornamenten“[2] zeigt vermutlich Kresseblätter, im unteren Feld finden sich Farbreste in Silber.[2] Die Inschrift erläutert: „Anna Marg. Sandlin, geborn Kressin“.[7] Die Felder über den übrigen Pilastern enthalten Darstellungen der vier Jahreszeiten in Form von Putten. Frühling und Sommer flankieren dabei die Hermenfigur, die als bärtiger Atlant die Ecke akzentuiert.
Johann Christoph Sandel junior wurde 1736 in den Äußeren Rat, 1738 in den Inneren Rat der Stadt aufgenommen.[6]Seine Karriere übertraf damit die seines Vaters, der ebenfalls Handelsmann und immerhin Mitglied des Äußeren Rats war.[6] 1750 stand er an erster Stelle der Steuerzahler mit 23.300 Gulden.[8] Seine Ehe mit Anna Margarete blieb kinderlos, doch hatte Anna Margarete Kinder aus erster Ehe.[6]
Beschreibung
Das dreigeschossige Eckhaus besitzt ein hohes Sockelgeschoss aus Stein, das den starken Geländeabfall der Straße Am Spitalbach ausgleicht. Die beiden oberen, aus Fachwerk aufgerichteten und leicht vorkragenden Geschosse tragen über einem Kranzgesims ein abgewalmtes Mansarddach. Sie sind verputzt, sodass sich die Gliederung auf das schon allein wegen des dortigen Ladengeschäfts wichtigen Sockelgeschosses beschränkt.
Der Sockel wurde durch gebänderte Pilaster mit rechteckigen, dem Fries eines imaginären Gebälks entsprechenden Feldern gegliedert. Entlang der Marktstraße öffnen sich zwischen den Pilastern drei große Rundbögen. Entlang der Straße Am Spitalbach akzentuiert ein Pilaster die erwähnte Ecke mit dem Atlanten. Zwei weitere Pilaster flankieren das Eingangsjoch am untersten Ende des Gebäudes. Entlang der Straße Am Spitalbach reihen sich mehrfach profilierte geohrte Fenster mit ursprünglich geschlossenen Parapeten. Das Portal befindet sich wegen des Geländeabfalls unterhalb des Sockels zur Gänze im Kellergeschoss.
Stube im zweiten Obergeschoss
Die mit Deckenmalerei versehene Stube liegt im zweiten Obergeschoss an der Ecke Marktstraße/Am Spitalbach, sodass sie mit zwei Fenstern zum Spitalbach und zwei Fenstern zur Marktstraße sehr viel Licht erhält. Mit einer Grundfläche von 5 auf 6,6 Metern handelt es sich um einen großen Raum von immerhin 3,2 Metern Höhe.[9]
In Enfilade war der Stube entlang dem Spitalbach ein weiterer zweiachsiger Raum zugeordnet, in dem sich nur die Stuckdecke mit Bandelwerkornament, nicht das möglicherweise dort ehemals vorhandene Deckengemälde erhalten hat. Dahinter setzte sich die Enfilade entlang des Spitalbachs weiter fort.
Der Deckenstuck der Stube entwickelt sich mit Bandelwerk einerseits entlang des Gesimses, wo er jeweils in der Mitte der Strecken Medaillons für Gemälde ausbildet. Andererseits bildet er einen Bandelwerkrahmen rings um das zentrale ovale Bildfeld aus. In den Ecken thronen über flach stuckierten Eckfeldern als vergoldete Stuckreliefs die vier Kardinaltugenden Justitia, Sapientia, Fortitudo und Temperantia.
Deckenmalerei mit der göttlichen Wahrheit, umgeben von biblischen Szenen
Das zentrale Deckengemälde mit der in ihrer Ikonographie noch zu erläuternden „göttlichen Wahrheit“ rechnet mit einem Betrachter, der mit dem Rücken zum Spitalbach steht. Die vier biblischen Medaillons entlang des Gesimses sind so ausgerichtet, dass man sie von der Mitte des Raumes ringsum betrachten kann. Von ihnen sind nur drei erzählend. Die Darstellung der Arche Noah, die denselben Betrachterstandpunkt wie das Hauptgemälde aufweist und deshalb besonders hervorgehoben ist, wirkt eher wie das Bild eines Emblems.
Als Maler hat Ewald Jeutter den Schwäbisch Haller Maler Johann Michael Roscher (1702–1763) vorgeschlagen.[10]Roscher hat das Deckengemälde der am 26. Mai 1738 eingeweihten Spitalkirche mutmaßlich signiert, das somit als Referenz zu dienen hat.[11] Kennzeichen seiner Figuren sind die massigen Gewänder und die Betonung der Konturen. Beide Merkmale lassen sich in der Stube des Hauses Marktstraße 9 erkennen, wenngleich die künstlerische Qualität gegenüber der Spitalkirche etwas abfällt. Allerdings scheinen die Deckengemälde schlecht erhalten zu sein, wohingegen sie in der Spitalkirche mehrfach restauriert und wohl auch etwas nachgemalt wurden. Archivalisch ist Roscher in Schwäbisch Hall erstmals 1732 bezeugt.[12]
Die göttliche Wahrheit
Im mittleren Bildfeld lagert eine weibliche Figur mit entblößten Brüsten auf einer Weltkugel. In der linken Hand hält sie ein Augenzepter, mit der rechten stützt sie sich auf die Weltkugel, die ein geflügelter Putto zusammen mit ihr hält. Sie blickt über die Schulter auf eine Taube mit einem Blattkranz im Schnabel. Oberhalb der Figur und der Taube fliegt ein Genius mit Posaune herbei. Drei weitere Putti oder auch Genien tummeln sich in der rechten Bildhälfte, von denen zwei eine Blumengirlande halten.
Die Deutung der zentralen Figur ist schwierig, da sie mehrere Attribute unterschiedlicher Personifikationen in sich vereint. Die Weltkugel gehört bei Ripa zu den Attributen der Venus, da sie mit ihrer Macht das gesamte Universum beherrscht.[13] Zu Venus würden zudem sowohl die bloßen Brüste als auch der Putto neben der Weltkugel passen, den man mit Amor assoziieren könnte. Allerdings fehlen für Amor Pfeil und Bogen und auch die Taube ist in ihrer Haltung zu streng und als alleiniges Tier zu einsam, um die Turteltauben der Venus vertreten zu können.
Ewald Jeutter hat als Ikonographie die Personifikation der Wahrheit vorgeschlagen, die nackt zu sein hat und auf der Brust oder in der Hand eine Sonne haben sollte. Auch sie sitzt bei Ripa auf der Weltkugel, was zusammen mit ihrer sparsamen Bekleidung das stärkste Argument für die Wahrheit ist.[14] Die Sonne fehlt, da das Zepter mit dem göttlichen Auge für die göttliche Vorsehung steht.[15] Insgesamt hat man die Figur somit vielleicht als göttliche Wahrheit zu begreifen.
Für den rechts im Bild sitzenden Putto mit Blumengirlande hat Jeutter auf der Grundlage der deutschen Übersetzung von Ripa von 1704 eine Allegorie der Tugend-Liebe vorgeschlagen. Sie war als ein nacktes geflügeltes und mit Lorbeer gekröntes Kind darzustellen, so drei Kränze in seinen Händen hält, durch welche die drei Haupttugenden, nämlich Gerechtigkeit, Klugheit und Mäßigkeit angezeigt werden würden.[16] Hierfür spricht vor allem die Dreizahl der Putti, da keiner von ihnen drei Kränze hält.
Die Taube mit dem Blattkranz könnte sich auf die im Medaillon darunter dargestellte Arche Noah beziehen. Die göttliche Wahrheit hätte sich demnach zur Rettung der Menschheit nach der Sintflut entschlossen.
Arche Noah
Die Arche Noah schwimmt als Holzhaus auf einer Barke. Das Meer kräuselt sich in Schaumkronen. Am linken Bildrand und im Hintergrund ist das noch nicht oder nicht mehr überflutete Land zu sehen. Tiere und Menschen sind keine zugegen. Als Vorboten der Erlösung hat man vielleicht im Hauptgemälde die Taube mit dem Blattkranz zu sehen.
Flucht aus dem brennenden Sodom
Lot und seine beiden Töchter haben das hinter dem Toten Meer als brennende Stadt aufragende Sodom verlassen. Am Ufer steht zur Salzsäule erstarrt Lots Frau, die gegen das Verbot, sich zur zerstörten Stadt umzudrehen, verstoßen hatte. In Anbetracht des verheerenden Stadtbrands in Hall 1728 hat man die Szene vielleicht als Zeichen des Gehorsams, der Auserwähltseins und des Neubeginns zu interpretieren.
Die Szene von Lot und seinen Töchtern fußt seitenverkehrt auf der Bilderbibel von Christoph Weigel, worauf Ewald Jetter hinwies.[17] Deren alttestamentlichen Bilder entwarf Georg Christoph Eimmart (1638–1705).[18]
Daniel in der Löwengrube
Als Vorlage für diese Szene konnte Ewald Jeutter eine Illustration der von Christoph Weigel dem Älteren 1695 in Augsburg verlegten Bilderbibel „Biblia Ectypa: Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alt- und Neuen Testaments“ nennen.[19] Die dortige Radierung mit Daniel in der Löwengrube gleicht dem Deckengemälde umfänglich. Sie dürfte auf einen Entwurf von Christoph Eimmart zurückgehen, da Christoph Weigel im Vorwort schreibt, dieser habe das Alte Testament bearbeitet.[18]
Daniel sitzt in einem tiefen Kerker auf einem rechteckigen Block. Vor ihm liegen in der linken Bildhälfte mehrere Löwen, die auf dem Gemälde schlecht erhalten sind. Im Hintergrund sieht man eine Tür. Am oberen Rand des zum Himmel offenen Kerkers schauen Schaulustige in die Tiefe.
Befreiung Petri aus dem Kerker
Auch die Szene mit der Befreiung Petri entstammt laut Jeutter seitenverkehrt der Bilderbibel von Christoph Weigel.[20] Sie dürfte auf einen Entwurf von Johann Jacob Sandrart zurückgehen, da Christoph Weigel im Vorwort schreibt, dieser habe die Passion und die Apostelgeschichten bearbeitet.[18]
Durch die geöffnete Tür hat ein Engel den Kerker betreten. Petrus erkennt ihn und kniet vor ihm nieder, während seine beiden Mitgefangenen in dumpfen Schlaf verharren. Der Engel im blauen Gewand mit großen Flügeln wird von einem intensiv gelben Licht hinterfangen. Petrus trägt ein rotes Gewand.
Bibliographie
- Bauer, Weigel, 1982 = Michael Bauer, Christoph Weigel (1654–1725), Kupferstecher und Kunsthändler in Augsburg und Nürnberg, in: Archiv für die Geschichte des Buchwesens, 23 (1982), Sp. 693–1186.
- Bedal, Haller Häuserbuch, 2020 = Albrecht Bedal, Haller Häuserbuch, Schwäbisch Hall 2te und verbesserte Auflage 2020.
- Haller Häuserlexikon – Besitzerliste 1827 – Stadt Schwäbisch Hall
- Jeutter, Raumdekorationen, 1995 = Ewald Jeutter, Raumdekorationen aus dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts in Bürgerhäusern der ehemals „Freyen Reichsstadt“ Hall. Ein Beitrag zu den Auftraggebern und den Dekorateuren, in: Württembergisch Franken, 79 (1995), S. 243–312.
- Ulshöfer, Sandelhaus, 1974 = Kuno Ulshöfer, Das Sandelhaus in der Marktstraße. Ein Architekturdenkmal aus alten Zeiten, in: Der Haalquell. Blätter für Heimatkunde des Haller Landes, 26 (1974), S. 39–40.
- Wunder, Bürger, 1980 = Gerd Wunder, Die Bürger von Hall. Sozialgeschichte einer Reichsstadt 1216–1802 (Forschungen aus Württembergisch Franken, 16), Sigmaringen 1980.
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Haller Häuserlexikon – Besitzerliste 1827 – Stadt Schwäbisch Hall
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Ulshöfer, Sandelhaus, 1974, S. 39.
- ↑ Zum Stadtbrand und Wiederaufbau: Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 180–187.
- ↑ Ulshöfer, Sandelhaus, 1974.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 260–261.
- ↑ 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 Ulshöfer, Sandelhaus, 1974, S. 40.
- ↑ 7,0 7,1 Abb. bei Ulshöfer, Sandelhaus, 1974, S. 40.
- ↑ Wunder, Bürger, 1980, S. 90 und S. 292.
- ↑ Die bei Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 261 angegebenen Raummaße sind falsch.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 260.
- ↑ Das Datum der Einweihung bei Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 255. Die Signatur „J.M.Roscher Pinxit“ ist mit Vorbehalt zu betrachten. Sie wurde in barocken Lettern mit schwarzer Farbe über(!) die in weiß gemalte Signatur des Restaurators Weisschädels von 1840 gemalt. Die Jahreszahl 1737, die Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 255 für Roschers Signatur in der Spitalkirche nennt, ist nicht zu erkennen.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 249.
- ↑ Ripa, Iconologia, 1645, S. 76.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 261. Ripa, Iconologia, 1645, S. 665.
- ↑ So Ralph Paschke im Zusammenhang mit Regensburg, St. Emmeram (Ausst.-Kat. Asam 1986, S. 257 mit Tf. 74).
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 261.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 262. urn:nbn:de:bvb:12-bsb11198925-2.
- ↑ 18,0 18,1 18,2 Bauer, Weigel, 1982, Sp. 890.
- ↑ urn:nbn:de:bvb:12-bsb11198925-2. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 261–262. Zum Typus der Bilderbibel und speziell der Bilderbibel von Christoph Weigel: Bauer, Weigel, 1982, Sp. 886–894.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 262.