Schwäbisch Hall, Haus Johann Melchior Seiferheld, Am Markt 9
Inventarnummer: cbdd20212
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Der Spezerei- und Eisenwarenhändler sowie Ratsmitglied Johann Melchior Seiferheld bebaute die Brandstätte von 1728 mit einem barocken Palais mit Mansardwalmdach, bekrönt vom Gott des Handels – Merkur. Die Stube im ersten Obergeschoss zieren biblische Szenen von Johann Michael Roscher um 1733.

Haus Johann Melchior Seiferheld
Bau- und Besitzgeschichte
Johann Melchior Seiferheld (1668–1749) erwarb das 1728 beim Stadtbrand zerstörte Gebäude an der Nordseite des Marktplatzes in den Jahren 1728–1732 als Brandstätte.[1] Da die zum Stätt-Tor führende heutige Marktstraße nach dem Brand verbreitert wurde, wurde das in seiner Größe beschnittene westliche Nachbargrundstück teilweise auf Kosten des Grundstücks von Johann Melchior Seiferheld erweitert.[2]
1737 verkauften Johann Melchior Seiferheld und seine Gemahlin Susanna Marie, geborene Stellwag, die Hälfte des Hauses an ihren Sohn Georg Lorenz (1711–1780).[3] Anlass dürfte dessen Hochzeit mit der Apothekerstochter Magdalena Elisabeth Bräun am 29. Oktober 1737 gewesen sein.[4] Dem ausführlichen Kaufvertrag lassen sich zahlreiche Räumlichkeiten entnehmen, so der Laden samt Ladenstube, den Georg Lorenz damals erhielt. Die im Erdgeschoss zu lokalisierende Ladenstube wurde bereits 1732 anlässlich der Bereinigung der Grundstücksgrenzen erwähnt. Damals erklärte sich der westliche Nachbar Johann Lorenz Textor bereit, das Wasser aus dem inneren Seiferheldischen Höflein nächst der Ladenstube durch seinen Anteil des Hofes abzuleiten.[2]
Johann Melchior Seiferheld handelte mit Spezerei- und Eisenwaren.[5] Er war außer Handelsmann seit 1706 Mitglied des Äußeren Rats,[6] seit 1732 Mitglied des Inneren Rates, ein Amt, das er von seinem Schwiegervater übernahm.[7] Sein Sohn Georg Lorenz folgte ihm 1750 im Amt.[7] Für ihn sind Reisen nach Ulm, Augsburg, Holland und Leipzig überliefert.[8] Seine zweite Gemahlin, die er 1739 heiratete, stammte aus Öhringen.[8]
Beschreibung
Bei dem um 1730 erbauten Gebäude handelt sich um ein dreigeschossiges siebenachsiges Barockpalais mit symmetrischer Fassadengliederung unter einem Mansardwalmdach. Das steinerne Sockelgeschoss nimmt zu beiden Seiten des Portals mit Pilasterädikula und gesprengtem Giebel drei mehrfach gerahmte Fenster auf. Von den beiden oberen verputzen Geschossen war das erste Obergeschoss das aufwendigere. Seine Rechteckfenster besaßen sowohl Giebel als auch Parapete, wohingegen die des zweiten Obergeschosses nur Parapetfelder aufwiesen.
Im 19. Jahrhundert wurde die Fassade purifiziert,[9] womit das völlig unkanonisch durchlaufende Gesims auf Konsolen über den Fenstern des Piano nobile zu erklären ist. Die ursprüngliche Gestalt überliefert die Nachzeichnung eines Gemäldes von Johann Michael Roscher.[10] Dieser Nachzeichnung ist auch die einstige Bekrönung des einstigen Zwerchgiebels mit Merkur als Gott des Handels zu entnehmen. Die Portalädikula nimmt als lagernde Sandsteinfiguren Concordia (?) mit Faszienbündel und Fortitudo mit Säule auf.
Richtigstellung einer Passage bei Ewald Jeutter
Im zweiten Obergeschoss des Gebäudes Am Markt 9 befindet sich laut Ewald Jeutter eine stuckierte Decke von Johann Jakob Schweizer.[11] Da Jeutter im selben Absatz als Besitzer den Haller Bürger Johann Peter Stier (1682–1748) nennt, hat er das Haus Am Markt 9 vermutlich mit dem Nachbargebäude „Am Markt 10“ verwechselt, bei dem es sich um das „Stiersche Haus“ handelt.[12] Es beherbergt heute das Café am Markt, dessen Gastraum 1972 um den Salon des Hauses Am Markt 9, also des Hauses Seiferheld, erweitert wurde.[2]
Laut Albrecht Bedal befindet sich im zweiten Obergeschoss des Hauses am Markt 9 eine Holzdecke mit barocken Profilen.[13]
Stube im ersten Obergeschoss
Der durch Deckenmalerei ausgezeichnete Raum befindet sich im ersten Obergeschoss an der Ostseite des Hauses, wo er mit drei Fenstern den Blick auf den Marktplatz freigibt. Die Stuckdecke, die wegen ihres reichen Figurenschmucks von Johann Jakob Schweizer stammen könnte,[14] vereint die vier Jahreszeiten mit den vier Elementen.
Jeweils eine weiblich personifizierte Jahreszeit und ein männlich personifiziertes Element flankieren große Bandelwerk-Medaillons mit Prunkgefäßen. Dem Frühling mit Blumenkranz steht die Luft mit einem Vogel gegenüber. Ceres mit Ährenbündel wurde mit dem Feuer verbunden, da im Sommer bei sengender Hitze die Stoppelfelder abgebrannt werden.[15] Dem Herbst mit Weintrauben ist die Erde mit einem Spaten zugeordnet. Als Pendant des Winters mit Feuergefäß und dürrem Ast dient das Wasser mit einer Muschel.
Deckenmalerei mit dem Pfingstwunder, umgeben von vier biblischen Szenen
Die Deckengemälde sind stilistisch Johann Michael Roscher (1702–1763) zuzuschreiben, der erstmals 1732 in den Haller Steuerbüchern auftaucht.[16] Für Roscher, von dem man als Referenz die Ausmalung der Spitalkirche besitzt, sprechen die massigen Figuren, die starke Umrandung der Motive und die etwas flächigen Gesichter. Ewald Jeutter kam zu der gleichen Zuschreibung wie die Autorin.[6]
Für Roscher spricht auch die Verwendung von Christoph Weigels Bilderbibel als Vorlagen in den Nebenszenen, die Ewald Jeutter feststellen konnte.[17] Sie verbindet die Malereien im Haus von Johann Melchior Seiferheld mit denen im Haus Sandel in der nahegelegenen Marktstraße 9.[18]
Der braune Rand, der das Deckengemälde vom Stuck absetzt, findet sich ebenso in der Pfarrgasse 12 in beiden Deckengemälden, in der Oberen Herrngasse 7, im Haus der Löwenapotheke Am Markt 3 wie im Gasthaus Krone in Hessental. Er findet sich nicht in der Spitalkirche, nicht im Haus Sandel in der Marktstraße 9, nicht im Haus Döllin-Seiferheld und nicht in der Keckenburg.
Pfingstwunder
Vor einer mit Bandelwerk stuckierten Apsis sitzen Maria, umgeben von den zwölf Aposteln. Das Pfingstwunder, bei dem der Heilige Geist sichtbar als Taube auf sie herniederkam, ist als Taube in einer hellen Wolke im Zentrum dargestellt sowie durch die Flammenzungen auf allen Köpfen. Die Apsis wird von Säulen mit roten, zur Seite gerafften Vorhängen gerahmt.
Verkündigung Mariens
Maria kniet vor einem Lesepult und hat den Blick auf den hereinfliegenden Erzengel Gabriel gerichtet, Den Stab mit Spruchband, den Gabriel auf der Vorlage in der Bilderbibel von Christoph Weigel hält,[19] hat Roscher weggelassen. Die bei Weigel zwischen den beiden Protagonisten stehende Vase mit Lilie hat er am rechten Bildhälfte platziert.
Christi Geburt mit Anbetung der Hirten
In einer antikisch anmutenden Gewölbearchitektur beten Maria und Josef das auf einem weißen Tuch liegende Christuskind an. Im Hintergrund stehen Ochs und Esel, während von links die drei Hirten mit ihren langen Hirtenstäben herantreten.
Verklärung Christi am Berg Tabor
Die Verklärung Christi am Berg Tabor hat der Maler, beziehungsweise sein Vorlagengeber Christoph Weigel getreu dem Lukasevangelium geschildert (Lk 9,28–36). Christus begab sich mit Petrus, Johannes und Jakobus zum Berg, um zu beten. Sein Antlitz verklärte sich und es traten Moses und Elias zu ihm.
Christus am Ölberg
Der in der Bildmitte kniende Christus wendet sich mit weit geöffneten Armen einem von rechts oben herabfliegenden Engel zu. Ein weiterer Engel stützt ihn am Rücken. Auf die schlafenden Apostel hat der Künstler verzichtet.
Bibliographie
- Bedal, Haller Häuserbuch, 2020 = Albrecht Bedal, Haller Häuserbuch, Schwäbisch Hall 2te und verbesserte Auflage 2020.
- Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall
- Jeutter, Raumdekorationen, 1995 = Ewald Jeutter, Raumdekorationen aus dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts in Bürgerhäusern der ehemals „Freyen Reichsstadt“ Hall. Ein Beitrag zu den Auftraggebern und den Dekorateuren, in: Württembergisch Franken, 79 (1995), S. 243–312.
- KDM, Jagstkreis, 1907 = Eugen Gradmann (Bearb.), Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg, Jagstkreis (Erste Hälfte), Esslingen am Neckar 1907.
- Maisch/Stihler, Schwäbisch Hall, 2006 = Andreas Maisch / Daniel Stihler unter Mitarbeit von Heike Krause, Schwäbisch Hall. Geschichte einer Stadt, Schwäbisch Hall 2006.
- Wunder, Ratsherren, 1962 = Gerd Wunder, Die Ratsherren der Reichsstadt Hall 1487–1803, in: Württembergisch Franken, N. F. 36 (1962) S. 100–160.
Einzelnachweise
- ↑ Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall. Die Lebensdaten nach Wunder, Ratsherren, 1962, S. 152, Nr. 367.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall
- ↑ Gebäudeverzeichnis – Stadt Schwäbisch Hall. Die Lebensdaten nach Wunder, Ratsherren, 1962, S. 154, Nr. 396.
- ↑ Die Hochzeit bei Wunder, Ratsherren, 1962, S. 154, Nr. 396.
- ↑ Wunder, Ratsherren, 1962, S. 152, Nr. 367. Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 263.
- ↑ 6,0 6,1 Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 263.
- ↑ 7,0 7,1 Wunder, Ratsherren, 1962, S. 108–109.
- ↑ 8,0 8,1 Wunder, Ratsherren, 1962, S. 154, Nr. 396.
- ↑ Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 273.
- ↑ Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 272. Siehe auch Maisch/Stihler, Schwäbisch Hall, 2006, S. 259. Bei der von Bedal im Detail und von Maisch/Stihler in ihrer Gesamtheit abgebildeten Ansicht handelt es sich um die Nachzeichnung eines Gemäldes, das 1902 unter den Leinwandgemälden des Schwurgerichtssaals im Rathaus zum Vorschein kam. Es stammte den Akten zufolge von Johann Michael Roscher und wurde 1903 von G. Schmidt kopiert (KDM, Jagstkreis, 1907, S. 552).
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 246 mit Abb. 3.
- ↑ Stiersches Haus – Wikipedia
- ↑ Bedal, Haller Häuserbuch, 2020, S. 274.
- ↑ Ewald Jeutter, der das Schwäbisch Haller Œuvre von Johann Jakob Schweizer ausführlich mit Bildern vorgestellt hat (Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 244–249), nimmt Johann Michael Roscher als Stuckateur an (Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 264).
- ↑ Ripa, Iconologia, 1645, S. 83.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 249. 262–265.
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 263–264.
- ↑ Siehe hierzu den Eintrag: Seeger, Ulrike: Schwäbisch Hall, Haus Sandel, Marktstraße 9 (cbdd20204), in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2025, URL: www.deckenmalerei.eu/c8e95f34-f5d4-466f-b91e-16c963622ade, letzter Zugriff: 2025-03-19
- ↑ Jeutter, Raumdekorationen, 1995, S. 263 mit Abb. 19. Siehe auch: urn:nbn:de:bsz:31-133358