Schorndorf, Haus Vaihinger, Gottlieb Daimler Straße 18
Inventarnummer: cbdd20177
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Vermutlich 1764 anlässlich der Übergabe des vom Vater Johann Vaihinger um 1745 neu erbauten Hauses an den Sohn Johannes David wurde die Felderdecke des Verkaufsraums mit dem über das Meer dahineilenden Handelsgott Merkur, den vier Jahreszeiten und teilweise exotischen Landschaften en camaïeu bemalt.

Haus Vaihinger

Der Stadtbrand von 1743 und die Folgen für die heutige Gottlieb-Daimler-Straße
Am 3. Dezember 1743 wurde Schorndorf von einem Stadtbrand heimgesucht, dem 112 Häuser, 5 Scheunen, zwei Keltern und zwei Erker der Stadtbefestigung nördlich der Stadtpfarrkirche zum Opfer fielen.[1] In erster Reihe, unmittelbar gegenüber der Nordflanke der Stadtpfarrkirche, befand sich das heutige Gebäude Gottlieb-Daimler-Straße 18.
Der Wiederaufbau geschah nach Plänen und Vorgaben des herzoglichen Baumeisters Johann Christoph David von Leger (1701–1791).[1] Die Stadt sollte nicht mehr „auf die alte irreguläre und enge Weiß wieder werde gebauet“,[2] sondern so angelegt werden, dass ein neuerlicher Brand möglichst verhindert oder aber schnell gelöscht werden würde. Straßen wurden begradigt und erweitert, Häuser vor- und zurückgesetzt.[1] Diejenigen, die nach dem von Leger neu angelegten Plan Grund verlieren würden, sollten aus der Stadtkasse entschädigt werden.[1]
Einige Hausbesitzer waren mit dem Problem konfrontiert, dass ihr Keller, der den Brand überdauert hatte, gemäß dem neuen Stadtplan nicht mehr zur Gänze unter dem neu zu errichtenden Haus, sondern teilweise unter dem nunmehr erweiterten Straßenraum lag. Hier war eine besondere „Verwahrung“ der Kellergewölbe erforderlich, wofür ebenfalls eine Entschädigung zugesichert wurde.[1] Die Verwahrung der Keller betraf ganz besonders die Nordseite der heutigen Gottlieb-Daimler-Straße, da der Abstand zwischen Stadtpfarrkirche und Häuserzeile um mehrere Meter verbreitert worden war.
Die Häuser gegenüber der Nordflanke der Stadtpfarrkirche, also in der heutigen Gottlieb-Daimler-Straße, waren durchgehend giebelständig mit gebrochenem Satteldach. Ihre Höhe von zwei oder drei Geschossen verteilte sich auf ein steinernes Erdgeschoss, das wie im Haus Vaihinger auch eineinhalb Geschosse umfassen konnte, und aus verputzten Fachwerkstockwerken.[3]
Das Haus der Familie Vaihinger
Das Haus Gottlieb-Daimler-Straße 18, das als Eckhaus an die schmale Bahngasse grenzt, kam 1735 in den Besitz der Familie Vaihinger. Der Kaufmann und Stiftungskastenverwalter Johannes Vaihinger (1704–1780)[4] erwarb es von den Kindern der Rotgerberfamilie Schuler.[5] Anlässlich der Heirat seines Sohnes Johann David Vaihinger (1738–1802)[6] im Jahr 1764 überließ er diesem das Gebäude gegen Bezahlung.[7]
Das prominent gegenüber dem Langhaus der Stadtpfarrkirche gelegene Gebäude wurde kurz nach dem Brand, also um 1745, neu errichtet. Um die neue Straßenflucht einzuhalten, musste es um circa 6 Meter zurückgesetzt werden, was im Keller die Errichtung einer Scheidewand und die Verlängerung des Kellers an der Hausrückseite nach sich zog.[8] Die einstige Ausdehnung des Kellers entlang der Straßenseite vergegenwärtigt heute ein Wechsel im Straßenbelag.
Geschäftslokal mit Deckenmalerei

Der ebenerdig zu betretende Geschäftsraum nimmt über eineinhalb Geschosse den linken Teil des Gebäudes ein. Im rechten, etwas schmäleren Teil befinden sich ein weiterer schmaler Raum und die ins Obergeschoss führende Treppe.[9] Der Geschäftsraum erhält sowohl von der Fassade zur Kirche als auch an der Seite zur Bahngasse Licht. Die flache Holzdecke ist durch profilierte Leisten in unterschiedlich große bemalte Felder unterteilt, deren Ausrichtung parallel zu den Wänden verläuft. Die Felderdecke ist schmäler als der Raum, sodass sich entlang der Wände ursprünglich Einbauten befunden haben könnten.
Merkur umgeben von zum Teil exotischen Landschaften und den vier Jahreszeiten
Schwierigkeit der Interpretation der Inschrift
Merkur hält auf dem Deckengemälde einen Brief mit der Aufschrift: „Herrn Herrn Jo: David. Vayhinger An(n)o 1750 a Schorndorf“ in den Händen. Jahreszahl und der Name des Adressaten lassen sich nicht ohne weiteres mit dem bisherigen Wissen zum Gebäude vereinbaren.
Einerseits passt die Datierung 1750 sehr gut zu den Anhaltspunkten zur Baugeschichte, doch lautet andererseits die Adresse nicht auf den Namen des Bauherrn Johannes Vaihinger, sondern auf den seines Sohnes Johann David, der das Gebäude anlässlich seiner Hochzeit 1764 von seinem Vater gegen Bezahlung erhielt. Adolf Schahl erschien deshalb eine Entstehungszeit der Deckenmalerei 1765 plausibler als 1750. Als Urheber schlug er den Porzellanmaler Philipp Jakob Ihle (1736–nach 1790) vor, der die Decke 1765 bemalt haben könnte.[3]
Die Zuweisung an Ihle wurde von Julius Fekete stilistisch zurückgewiesen,[10] sodass die Holzdecke durchaus 1750 bemalt worden sein könnte. Allerdings müsste man dann davon ausgehen, dass Johannes Vaihinger ebenfalls im zweiten Vornamen David hieß, was den archivalischen Erwähnungen zufolge nicht der Fall gewesen zu sein scheint.
Eine weitere Unsicherheit besteht in der schlecht lesbaren Buchstabenfolge oberhalb der Jahreszahl 1750. Sie wird gemeinhin als „Anno“ gelesen, doch könnte es sich auch um eine verschriebene Abkürzung von „Fundato“ handeln. In diesem Fall würde sich 1750 auf den Hausbau beziehen, der Namenszug hingegen auf den damaligen Auftraggeber Johann David Vaihinger. Der vorliegende Beitrag tendiert zu einer Entstehungszeit 1765.
Anordnung der Gemälde
Im Zentrum der Felderdecke steht das große Gemälde mit dem über das Meer dahineilenden Merkur. Seine abgeschrägten Ecken grenzen an die ebenfalls abgeschrägten Ecken der mittelgroßen Gemälde mit den vier Jahreszeiten. Dadurch ergibt sich ein diagonales Ordnungsprinzip, das Merkur und die vier Jahreszeiten zusätzlich zu ihrer Größe und ihrer leicht akzentuierten Farbigkeit hervorhebt.
Die Bodenlinie der Jahreszeiten grenzt jeweils an die abgeschrägte Ecke des Bildfeldes. Sie folgen dadurch nur teilweise der Ausrichtung des Merkur, der mit einem Betrachterstandpunkt mit dem Rücken zur Kirche rechnet.
Die übrigen, durchgehend rechteckigen Felder zeigen Landschaften in petrolfarbigem camaïeu. Unterschieden wurden dabei Landschaften im Hoch- und im Breitformat. Die vier breitformatigen Landschaften, die unmittelbar an das Merkurbild grenzen, wenden ihre Bodenlinie dem Merkurbild zu. Die übrigen Landschaften folgen in ihrer Ausrichtung teilweise den Außenwänden, teilweise dem Merkurbild.
Zwei Landschaftsgemälde wurden anlässlich der Restaurierung von 1928 vertauscht.[11] Es handelt sich um den hochformatigen Baum neben dem Frühling, der an die Stelle der breitformatigen Landschaft in die rechte obere Ecke gehört.
Der über das Meer dahineilende Merkur

Über der Anlegestelle einer Hafenstadt, die durch giebelständige Häuser und einen gotischen Kirchturm dem Hafen zu trotz an Schorndorf erinnert, fliegt der Götterbote und Gott des Handels Merkur. Er trägt seinen Flügelhelm, die Flügelschuhe und in der Linken den Caduceus. In der rechten Hand hält er einen Brief mit der schon genannten Adresse: „Herrn Herrn Jo: David. Vayhinger An(n)o 1750 a Schorndorf“.
Im Vordergrund wird ein großes Segelschiff entladen. Da es offenbar nicht unmittelbar anlegen konnte, werden die Waren von einem kleinen Bot an Land gebracht. Diese Schilderung lässt das Segelschiff noch größer erscheinen, das offenbar von sehr weit her in die Hafenstadt gekommen ist.
Die Farbigkeit ist reduziert, doch werden die Petroltöne des Meers von den Ockertönen der Häuser unterschieden. Diese verhaltene Farbigkeit spricht für einen versierten Maler. Auch der gefühlvolle Gesichtsausdruck den antikisch wirkenden Merkur spricht für ein gewisses Können. Der Künstler ist namentlich nicht bekannt.
Rechts unten wurden anlässlich der Restaurierung von 1928 weitere Besitzer des Hauses aufgeführt. Die Rückseite des Gemäldes, die laut Vermerk von 1928 weitere Informationen bereithalten soll, war 1983 nicht bekannt.[12]
Die vier Jahreszeiten

Die vier Jahreszeiten, die das zentrale Gemälde unmittelbar umgeben, weisen ähnlich wie das Merkurbild eine reduzierte, sparsam akzentuierte Farbigkeit auf. Sie gehen vermutlich auf Vorlagen zurück, die jedoch noch ermittelt werden müssten. Inhaltlich könnten sie dafür werben, dass das im Laden verkaufte Warenangebot die Bedürfnisse aller Tage eines Jahres abzudecken vermochte.
Frühling

Frühling und Sommer sind insofern privilegiert, als sie den gleichen Betrachterstandpunkt wie Merkur mit dem Rücken zur Kirche haben. Der Frühling ist als höfische Dame geschildert, die unter einem Baum sitzt und mit einer Hand eine Blume zu einem Blumenbouquet hinzufügt. Ihre leicht schräge Ausrichtung betont die Diagonalen der Decke, wurde in den übrigen Jahreszeiten jedoch nicht weitergeführt.
Sommer

Der Sommer ist ebenfalls in höfischer Gewandung als Schnitter dargestellt, der in der rechten Hand eine Sichel, im linken Arm ein Ährenbündel hält. Er schaut, wie auch die Personifikation des Frühlings, aus dem Gemälde heraus auf den Betrachter.
Herbst

Die Personifikation des Herbstes ist weiblich und ebenfalls höfisch gekleidet. Mit einem Rebmesser hat sie soeben eine große Traube von einem reich tragenden Weinstock abgeschnitten.
Winter

Der als alter Mann mit Fellmütze und Pfeife gegebene Winter wärmt seine Hände an einem Feuertopf. Neben ihm ragt ein kahler Baum ins Bild.
Die teilweise exotischen Landschaften

Die umgebenden Landschaften folgen vermutlich Vorlagen, deren Bestandteile vom Maler auf vielfältige Weise variiert wurden. Es handelt sich jeweils nur um ein oder zwei Bäume auf einer Erdinsel. Hinzu kommen als Staffage entweder Berge mit Burgen, Mühlen und Kapellen, sodann Wanderer, Spaziergänger oder Musikanten.
Herausragend und sicher auf die Weitgereistheit der im Ladenlokal angebotenen Waren anspielend, erscheint ein Feld mit Palme und einem Dromedar, das von einem türkisch gekleideten Mann geführt wird. Inhaltlich ebenfalls herausragend wirkt das Feld mit der Jagd, da es sich um eine höfische Jagd auf einen Hirsch, also auf Hochwild handelt.
Als Inspirationsquelle, zumindest der exotischen Szene, könnten Blätter von Johann Christoph Weigel gedient haben.
Programm und Synthese

Die im Hauptbild mit Merkur zum Ausdruck kommende Weitläufigkeit des Handelsunternehmens wird in den umgebenden Landschaften aufgegriffen, da diese teilweise exotische Bäume und Tiere zeigen. Die vier Jahreszeiten wiederum könnten als Werbung dafür gelten, dass das Warenangebot die Bedürfnisse aller Tage eines Jahres abdeckt.
Bibliographie
- Fekete, Ihle, 2010 = Julius Fekete, Philipp Jakob Ihle (1736–nach 1790). Porzellan-, Theater- und Kirchenmaler in Ludwigsburg, Hofmaler des Prinzen Friedrich Eugen von Württemberg in Mömpelgard, in: Ludwigsburger Geschichtsblätter, 64 (2010), S. 61–79.
- Mann, Erläuterungen, 2005 = Günther Mann, Erläuterungen zu den Motiven der bemalten Holzkassettendecke im Haus Gottlieb-Daimler-Straße 18, Typoskript, Schorndorf 2005.
- KDM Rems-Murr-Kreis II, 1983 = Die Kunstdenkmäler des Rems-Murr-Kreises, II, bearbeitet von Adolf Schahl, München/Berlin, 1983.
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 KDM Rems-Murr-Kreis II, 1983, S. 864.
- ↑ Zitiert nach KDM Rems-Murr-Kreis II, 1983, S. 864.
- ↑ 3,0 3,1 KDM Rems-Murr-Kreis II, 1983, S. 961.
- ↑ Stiftungskastenverwalter Johannes Vaihinger geb. 00.08.1704 Göppingen gest. 9 Aug 1780: Familiendaten der Paul Wolfgang Merkelschen Familienstiftung. Johannes Vaihinger war seit 17. Juli 1731 mit Marie Katherine Näher (1712–1792) verheiratet (ebd.).
- ↑ Mann, Erläuterungen, 2005, der allerdings Johann David nennt, bei dem es sich um den 1738 geborenen Sohn handelt. Die Autorin dankt dem Stadtmuseum und dem Stadtarchiv für die Übersendung des Schriftstücks.
- ↑ Johann David VAIHINGER geb. 10 Mrz 1738 Schorndorf,,,,, gest. 03 Jan 1802: Merkel-Zeller Genealogie.
- ↑ KDM Rems-Murr-Kreis II, 1983, S. 961 unter Berufung auf Forschungen des Stadtarchivars Uwe Jens Wandel (1943–2022), allerdings mit dem Hochzeitsjahr 1765. Ebenso Mann, Erläuterungen, 2005, dort mit dem Hochzeitsjahr 1764.
- ↑ Mann, Erläuterungen, 2005.
- ↑ Siehe den Grund- und Aufriss in KDM Rems-Murr-Kreis II, 1983, S. 962.
- ↑ Siehe hierzu Fekete, Ihle, 2010, S. 70–71, der stilistisch die Zuschreibung zurückweist.
- ↑ KDM Rems-Murr-Kreis II, 1983, S. 962; Mann, Erläuterungen, 2005.
- ↑ KDM Rems-Murr-Kreis II, 1983, S. 963.