Rheine, sog Falkenhof
Inventarnummer: cbdd20261
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Im so genannten Morriensaal des Falkenhofs haben sich Decken- und Wandmalereien aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts erhalten. Es handelt sich dabei um zwei Allegorien über ehemaligen Kaminen sowie um eine weitgehend ornamental gestaltete Holzbalkendecke.

Der sog. Falkenhof in Rheine

Kurzbeschreibung und Lage
Der Falkenhof [1] liegt am Nordrand der Altstadt von Rheine, unweit der Ems. Der Komplex setzt sich aus mehreren Bauten zusammen: An der Nordseite bilden drei Flügel eine Art Ehrenhof, während im Süden das Torhaus steht. Weitere ehemalige Nebengebäude sind abgängig.
Bau-, Ausstattungs- und Nutzungsgeschichte
Der so genannte Falkenhof geht auf einen karolingischen Königshof zurück, der später in den Besitz der Fürstabtei Herford überging. Diese vergab ihn ab 1371 als Lehen an die Herren von Valcke, nach denen der Hof benannt ist. Durch Heirat gelangte er 1521 an die Familie von Morrien, die ihn bis 1799 besaß. Der neue Eigentümer – Dietrich von Morrien – ließ die Anlage repräsentativ umgestalten. Das Haupthaus geht auf seine Maßnahmen von ca. 1531/35 zurück und wurde 1555 vollendet. Sein Sohn Wilhelm von Morrien setzte die Arbeiten fort; bis 1548/77 wurde die Bausubstanz des gesamten Komplexes erneuert. Unter Johann von Morrien erfolgten um 1622 weitere Umbauten, die eine Neuausstattung von Innenräumen im Hauptflügel umfassten. Zwischen 1767 und 1771 folgte ein erneuter Umbau des Haupthauses, während im 19. und 20. Jahrhundert zahlreiche Nebengebäude abgerissen wurden. 1940 ging der Falkenhof in das Eigentum der Stadt Rheine über, die ihn zuvor bereits angemietet und zeitweise als Rathaus und Berufsschule genutzt hatte. Nach den Kriegsschäden kam es nach 1947 vor allem an den Nebenflügeln im Rahmen des Wiederaufbaus zu Veränderungen, wobei sämtliche Innenwände zugunsten einer Neueinteilung beseitigt wurden. Seit 1962 befindet sich das städtische Museum im Falkenhof. 2003/2004 erfolgten Umbau und Neugestaltung der Museumsräume.[2]
Beschreibung
Der Hauptflügel bildet zusammen mit zwei Nebenflügeln einen Ehrenhof. Ursprünglich waren die Flügel lediglich mit den Gebäudekanten aneinandergefügt, weshalb eine innere Verbindung nicht möglich war. Das zweigeschossige, traufständige Hauptgebäude mit Satteldach wird über eine zweiläufige Freitreppe im ersten Obergeschoss erschlossen. Der geschlämmte Ziegelbau weist Werksteingliederungen auf. Das Eingangsportal ziert Wappen der Familie von Morrien. Die historische Innenaufteilung des Gebäudes ist nicht mehr erhalten: Ehemals untergliederten Fachwerkwände das Innere. Das Obergeschoss war das Wohngeschoss.[3]
Der Morriensaal im Nordflügel
Bau- und Ausstattungsgeschichte
Der im Obergeschoss gelegene so genannte Morriensaal ist eine Schöpfung aus den Jahren 1961/62. Nach den Umbauten von 1622 für Johann von Morrien befanden sich hier ursprünglich im Westen zwei Zimmer und im Osten ein Saal, der bedeutend kleiner war als der gegenwärtige. 1761 wurde das Saalgeschoss umgebaut: Die Fenster wurden damals neu symmetrisch angeordnet und die Binnengliederung verändert. Als 1964 die Balkendecke wiederentdeckt wurde, fiel der Entschluss diese zu restaurieren und „den gesamten Saal“ wieder in den „alten Zustand“" einschließlich der Fenster zu bringen.[4]
Beschreibung
Der Morriensaal misst 18,40 auf 9,30 Meter bei einer lichten Höhe von 4,60 Metern und wird von einer Holzbalkendecke überspannt. Der gegenwärtige Saal war ursprünglich durch Trennwände aus Fachwerk unterteilt. Im östlichen Bereich befand sich eine Saal mit einer Grundfläche von 12,5 auf 9,4 Metern, dessen hohe Fenster an den Längswänden dem Raum reichlich Licht spendeten. Der Kamin an der Ostwand um 1680/90 ist nicht der ursprüngliche, sondern kam 1966 aus dem abgebrochenen Marschen Hof in Rheine. In der westlichen Hälfte befanden sich zwei kleinere Räume von jeweils 5,80 auf 4,65 Meter, deren Grenze zum Saal sich unterhalb des zehnten Balkens von Osten befand. Beide Räume verfügten über einen Kamin, der im Barock erneuert und mit einer eine Marmorierung imitierenden Bemalungen versehen wurde.[5]
Die Wandmalereireste
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Um 1622 wurden für Wilhelm von Morrien der Saal und die beiden angrenzenden Räume eingerichtet. Die an der Westwand über den beiden Kaminen erhaltene Malerei stammt aus jener Zeit, könnte jedoch bereits um 1600 entstanden sein. 1966/67 wurde sie restauriert.[6]
Beschreibung und Ikonographie
Die weißgestrichenen Wände werden gegen die Decke und in den Raumecken von grauen Ornamentbändern eingefasst. Im westlichen Teil rahmen sie zudem die Laibungen der ursprünglichen Fensteröffnung sowie die einstigen Eingänge zu einem Treppenturm und einem Abort. Ein weiteres Band findet sich ausschließlich im östlichen, ehemaligen Saalbereich. Die Westwand wird von den gemalten Rahmungen der ehemaligen Kaminschürzen dominiert. Auch diese wurden von grauen Ornamentbändern eingefasst. Oben befindet sich jeweils eine allegorische Darstellung, die aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes kaum mehr zu bestimmen sind. Die linke Figur südlich der Eingangstür ist besser erhalten: Sie steht auf einer Erhöhung (ein Erdstreifen?), trägt ein langes Gewand – ihr Geschlecht ist nicht zu bestimmen – und hält einen Gegenstand empor, vermutlich eine Öllampe. Ihr Körper ist leicht nach Süden gewendet, während der Kopf beinahe im Profil nach Norden zurückblickt. Möglicherweise handelt es sich um eine Personifikation der Weisheit. Die rechte Figur ist schlechter erhalten: Sie ist ebenfalls bekleidet und offenbar nach Norden gerichtet. Sie steht auf einem kugelartigen Objekt und hält in Bauchhöhe einen nicht zu identifizierenden Gegenstand. Der Kopf ist nicht zu erkennen, erhalten ist jedoch der Teil eines Schriftzugs „ANTIA“. Aufgrund der Kugel könne man annehmen, dass Fortuna oder Occasio dargestellt sind. Dem widerspricht jedoch der erhaltene Schriftzug, der vermutlich den Rest des Namens darstellt, etwa TolerANTIA oder TemperANTIA.[7]
Die Decke
Befund – Entstehungs- und Erhaltungsgeschichte
Die heutige Decke ist im Wesentlichen das Ergebnis der Restaurierungen von 1966/67. Ursprüngliche Malerei hat sich nur an den Balken erhalten. Nach ihrer Entdeckung wurde der Bestand fixiert und der Rest freihändig nachgemalt bzw. umfangreich ergänzt. Auf den drei westlichen Balken fanden sich keine Bemalungsreste mehr, weshalb sie in freier Anlehnung an die vorhandene Ornamentik völlig neu gefasst wurden. Die Deckenfelder wurden neu ausgelegt. So stellt sich die Decke heute als Einheit dar, auch wenn dies nicht den historischen Befunden entspricht. Ursprünglich (1535/36) besaß die Decke einen Unterzug, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts entfernt wurde; nachdem sie am Dachstuhl aufgehängt worden war. Die erhaltene Bemalung stammt aus jener Zeit um 1622, und so müssten sich eigentlich die drei ehemaligen Räume an der Deckenmalerei abzeichnen. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde die Decke abgehängt und erst 1964 wiederentdeckt.[8]
Beschreibung und Ikonographie
Die Decke wird von vierzehn annähernd quadratischen Eichenbalken überspannt, die sich von Norden nach Süden erstrecken und eine Kantenlänge von 27 bis 30 Zentimetern besitzen. Alle drei sichtbaren Seiten dieser Balken sind bemalt; dabei wiederholt sich auf jedem Balken in der Regel eine Ornamentik, die sich endlos an ihm entlang zieht. Die Ornamente sind jedoch von Balken zu Balken sehr unterschiedlich: Es gibt rein geometrische Bandornamente, naturalistische Darstellungen oder stilisierte Formen sowie Kombinationen; zudem sind vereinzelt Reste nicht mehr zu entziffernder Inschriften erhalten. Die Malerei ist insgesamt bunt und offenbar auf Farbkontraste angelegt. Von Ost nach West betrachtet zeigt sich eine reiche Abfolge unterschiedlicher Dekore. Der erste Balken trägt einen seitlichen Blütenfries in Englischrot sowie ein weißes Wellenband. Seine Unterseite ist mit einem breiten orangeroten Band sowie einem grünen Band versehen, in das Quadrate aufgemalt sind. Der zweite Balken ist mit einem langgezogenem, englischroten Zick-Zack-Band verziert, in dessen Felderungen Cherubimköpfe erscheinen. Der Originalbefund befindet sich hier auf der südlichen Balkenhälfte. Der dritte Balken zeigt auf rotem Grund stilisiertes grünes Blattwerk, ergänzt durch Schmucksteine sowie einzelne Schriftfragmente. Der originale Befund ist im Süden. Den vierten Balken zieren im Wechsel Karos, Dreiecke und Palmetten, wobei auch hier der Originalbestand im Süden ist. Der fünfte Balken zeigt einen grünen Fries mit Blattranken sowie aufrecht stehende Stempelblüten. Der sechste Balken ist mit einem bräunlichen Bandmuster mit Ringen bemalt. Das Original befindet sich hier an der nördlichen Balkenuntersicht. Gleiches gilt für den siebten Balken, den ein schwarz-weißes geometrisches Muster schmückt. Der achte Balken ist der Länge nach in zehn gleich lange Felder unterteilt, die im Wechsel aus Weiß und Blau geometrische Muster zieren. Den neunten Balken schmücken kleine Rauten am Rand. Am zehnten Balken ist nur die westliche Seite und die halbe Balkenunterseite bemalt. Im östlichen Bereich befand sich die abschließende Wand des Saals, sodass der westliche Abschnitt bereits zu den beiden ehemaligen Zimmern der Westseite gehört. Die Unterschiede der Bemalung im Norden und Süden deuten hier auf die beiden Räume im Westen hin. Den elften Balken zieren große Rauten mit stilisierten Blumen. Dass die Malerei am gesamten Balken gleich ist, könnte an den Ergänzungen von 1966/67 liegen. Die letzten drei Balken waren ohne Befund und wurden frei ergänzt. Am 13. Balken fand sich jedoch der Schriftzug „VIIS EIVS DOS“. Auf die Balken sind Eichenbohlen von unterschiedlicher Breite aufgelegt. Geringe Reste von Bemalung haben sich direkt an der Nordwand im vierten und fünften Deckenfeld erhalten. Zwischen dem fünften und dem sechsten Balken sind des Weiteren zwei Putten erkennbar, die eine blaugrüne Scheibe mit der Inschrift „CAI […] NAN“ halten.[9]
Bibliographie
- Literatur:
- Kaspar/Barthold, Falkenhof, 2007. – Kaspar, Fred/Barthold, Peter: Der Falkenhof in Rheine. Baugeschichtliche Spurensuche in einem adeligen Hof am Rande der Stadt, in: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde 81 (2007), S. 11-54.
- Mummenhoff, Profanbaukunst, 1961. – Mummenhoff, Karl Eugen: Die Profanbaukunst im Oberstift Münster von 1450-1650 (Westfalen, Sonderheft 15). Münster 1961.
- Strohmann, Holzbalkendecken, 2007. – Strohmann, Dirk: Bemalte Holzbalkendecken, Wandmalerei und Kamine. Zur Innenausstattung des Falkenhofs, in: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde 81 (2007), S. 55-113.
- Westfalen 46 (1968). – Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, 46. Münster 1968.
- Westfalen 53 (1975). – Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, 53. Münster 1975.
- Archivalien:
- Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Balkendecken, 1987. – Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Archiv. RHEINE D Falkenhof Balkendecken Bürgersaal, 1987.
- Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Balkendecken, 1992. – Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Archiv. RHEINE D Falkenhof Balkendecken Bürgersaal, 1992.
- Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Balkendecken, 2004. – Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Archiv. RHEINE D Falkenhof Balkendecken Eingang, 2004.
Einzelnachweise
- ↑ Kaspar/Barthold, Falkenhof, 2007; Mummenhoff, Profanbaukunst, 1961, S. 247-248.
- ↑ Kaspar/Barthold, Falkenhof, 2007, S. 11-14, 16-23, 28, 31, 33-36; Westfalen 46 (1968), S. 428; Mummenhoff, Profanbaukunst, 1961, S. 247-248.
- ↑ Kaspar/Barthold, Falkenhof, 2007, S. 23, 28, 32-33; Mummenhoff, Profanbaukunst, 1961, S. 247-248.
- ↑ Kaspar/Barthold, Falkenhof, 2007, S. 31-34, 37; Strohmann, Holzbalkendecken, 2007, S. 55-56, 112-113; Westfalen 46 (1968), S. 428.
- ↑ Kaspar/Barthold, Falkenhof, 2007, S. 17, 32-33; Strohmann, Holzbalkendecken, 2007, S. 58; Westfalen 46 (1968), S. 428. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Balkendecken, 2004.
- ↑ Kaspar/Barthold, Falkenhof, 2003, S. 17, 38; Strohmann, Holzbalkendecken, 2007, S. 113.
- ↑ Strohmann, Holzbalkendecken, 2007, S. 58-61; Westfalen 46 (1968), S. 428. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Balkendecken, 2004.
- ↑ Kaspar/Barthold, Falkenhof, 2007, S. 17, 33, 37-38; Strohmann, Holzbalkendecken, 2007, S. 64-65, 71; Westfalen 46 (1968), S. 428. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Balkendecken, 1992; Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Balkendecken, 1987.
- ↑ Strohmann, Holzbalkendecken, 2007, S. 56, 58-59. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Balkendecken, 2004.