Rastatt Förch, Lustschloss Favorite

Seeger, Ulrike:Rastatt-Förch, Lustschloss Favorite, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2024, URL: www.deckenmalerei.eu/19fd6106-fcc7-4863-a999-9dc17b7c6bad

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In Schloss Favorite, das Markgräfin Sibylla Augusta als Regentin und Vormünderin errichten ließ, entfaltet sich eine kleinteilige Bilderwelt. Sie zielt beim Erbprinzen auf moralische Unterweisung durch Ovid, so auch Minerva als Weberin, während bei der Markgräfin Blumen und Porzellan vorherrschen.

Rastatt-Förch, Schloss Favorite

Das Ensemble von Schloss Favorite besteht aus dem 1710–1712 von Michael Ludwig Rohrer (1683–1732) im Rohbau im Auftrag der Markgräfin Sibylla Augusta (1675–1733) errichteten Lustschloss, den 1716 erbauten Kavaliershäusern und den Orangerien auf der Eingangsseite sowie der 1718 ebenfalls von Michael Ludwig Rohrer für Sibylla Augusta erbauten Eremitage.[1] Mit Decken und Wandmalerei versehen sind heute außer dem Lustschloss lediglich die Orangerien, an deren Wände sich Schmuckvasen und Orangenbäume in Holzkübeln als Malereien erhalten haben.

Bau- und Ausstattungsgeschichte von Schloss Favorite

Quellenlage

Schloss Favorite war das erste Bauunternehmen der seit Januar 1707 verwitweten Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden, geborene Prinzessin von Sachsen-Lauenburg. Der verstorbene Markgraf Ludwig Wilhelm hatte ihr testamentarisch die Regierung der Markgrafschaft und die Vormundschaft über die vier unmündigen Kinder übertragen.[2] Sibylla Augusta baute in Favorite als Regentin und Erzieherin des zukünftigen Regenten.

In den Hofkammerprotokollen, die Rudolf Sillib 1914 für die Favorite ausgewertet hat,[3] finden sich Hinweise lediglich auf die Grundstücksankäufe und die Errichtung des Rohbaus. Die innere Ausgestaltung der Räume scheint Sibylla Augusta aus eigener Kasse bezahlt zu haben.[4] Zumindest im Generallandesarchiv in Karlsruhe haben sich keine zugehörigen Rechnungsbücher erhalten, sodass die Innenausstattung weder genau datiert ist noch ihre Urheber bekannt sind.[5]

Künstlernamen zur Innenausstattung

Claudia Stoll, die das Œuvre des Architekten Michael Ludwig Rohrer bearbeitet hat, beruft sich für das Rechnungs(?)jahr 1724/25 auf eine Archivalie im Staatlichen Gebietsarchiv Pilsen.[6] Dieser Archivalie zufolge arbeiteten 1724/25 an der Innenausstattung außer Michael Ludwig Rohrer Johann Sock, Franz Pfleger (Oberintendant), der Maler Lothar Schweikhart, bei dem es sich um den seit 1722 bei Damian Hugo von Schönborn in Bruchsal angestellten Hofmaler Lothar Ignaz Schweickart (1702–1779) handeln dürfte, der Maler Heinrich Lihl, der Künstler/Handwerker Echluztin, der Marmorierer Matthäus Brückner mit seinem Gehilfen Michael Fischer, der Zimmergeselle Simon Muggenast und die beiden Hofschreiner Johannes Kaiser und Jakob Mahler.

In Briefen, die Rudolf Sillb durchgesehen hat, tauchen für die Innenausstattung außer Michael Ludwig Rohrer ebenfalls der Maler Franz Pfleger auf, der zugleich die Oberaufsicht für die Ausstattungsarbeiten geführt zu haben scheint. Als weitere Maler nennt Sillib Anton Hammer und ebenfalls den jungen Heinrich Lihl.[7]

Die Maler der insbesondere in den kleinformatigen Szenen sehr qualitätsvollen Deckengemälde sind nicht bekannt. Die Dekoration der Plafonds fußt in mehrfacher Hinsicht auf den im Rastatter Residenzschloss entwickelten Mustern. Das Stilmittel der farblich reduzierten Medaillons en camaïeu, das sich in Rastatt im Audienzzimmer der Markgrafen findet, wurde in der Favorite in nahezu jedem Raum angewandt. Der gepunktete Hintergrund, den vermutlich die Bologneser Künstler in den von Paolo Manni begonnen Plafond im Schlafzimmer der Markgräfin in Rastatt eingebracht haben, findet sich in der Favorite ebenfalls an zahlreichen Decken.

Die umherfliegenden Putti orientieren sich an denen von Paolo Manni, sind in ihrem Gesichtsausdruck jedoch von höherer Qualität. Auffällig ist der Qualitätsabfall in den groß angelegten Szenen speziell der beiden Plafonds mit Minerva im Prunkschlafzimmer und im gewöhnlichen Schlafzimmer des Erbprinzen. Insbesondere die in Verkürzung zu gebenden, frei im Himmel fliegenden Figuren mit aufgebauschten Gewänder lagen zumindest einem der Künstler nicht. Die häufige Verwendung graphischer Vorlagen entspricht hingegen der allgemein üblichen Praxis.

Pläne

Von Michael Ludwig Rohrer existieren zur Favorite im Generallandesarchiv in Karlsruhe zwei Grundrissentwurfsserien, von denen die zweite signiert ist.[8] Sie werden von Claudia Stoll 1710 datiert und zeigen das Gebäude im Wesentlichen in seiner heutigen Gestalt. Von Rohrer hat sich außerdem ein signierter Aufriss der Gartenfassade erhalten.[9] Weitere Grund- und Aufrisse fertigte der Architekt Franz Ignaz Krohmer (1714–1789) im Jahr 1742.[10]

Die überlieferten Inventare

Schloss Favorite hat sich im Inneren mitsamt den wertvollen Textilien vorzüglich erhalten. Über die einstige mobile Ausgestaltung der Räume unterrichten drei Inventare. Das früheste erhaltene Inventar, das 1733 als Verlassenschaft nach dem Tod der Markgräfin im Juli erstellt wurde, verzeichnet lediglich das zweite Obergeschoss.[11] Es ist anzunehmen, dass die Faszikel zu den übrigen Stockwerken verloren gegangen sind. Von 1734 datiert eine Liste der Auslagerung der wichtigsten Gegenstände angesichts des Polnischen Erbfolgekriegs nach Baden-Baden.[12] Die dort genannten Mobilien, namentlich die Paradebetten lassen sich anhand der späteren Inventare den einzelnen Räumen zuordnen.

Das früheste vollständig erhaltene Inventar stammt von 1762.[13] Es führt die Räume mit ihren Mobilien, also teilweise auch den Wandbespannungen, Spiegeln, Sitz- und Stellmöbeln sowie teilweise den Leuchtern auf. Die Deckengemälde werden als Teil des wandfesten Dekors nicht erwähnt. 1772, nach dem Übergang der Regierung an das Haus Baden-Durlach, wurde ein weiteres Inventar erstellt.[14]

Grundstücksankäufe für einen neuen Garten

Unmittelbar nach dem Tod des Markgrafen Ludwig Wilhelm im Januar 1707 begann Sibylla Augusta in Kuppenheim bei Rastatt mit der Anlage eines neuen Gartens. Erste Güterankäufe datierten vom Februar 1707. Im März 1707 folgten weitere Erwerbungen „zu dem neu angelegten Garten zu Förch“.[15] Rund 20 Morgen werden zu 75 Gulden der Morgen zum „fürstlichen Lustgarten“ eingezogen. Gleichzeitig erhält der Oberzimmermeister Rohrer den Befehl, „den Fasanengarthen ohne Anstand in perfecten Stand zu setzen“.[16] Die Formulierung, die Grundstücke seien „zur formierung der rondelen und graben gezogen“ worden, passt sehr gut zum frühesten überlieferten Gartenplan, der eine Einfassung mit runden Bastionen vorsieht.[17] Erst 1710 ist erstmals von einem Gartengebäude die Rede, das schon damals den Name Favorita trug.[18]

Baugeschichte des Schlosses

Mit der Vorbereitung des Schlossbaus wurde 1710 begonnen. Wegen des feuchten Untergrunds musste ein Rost aus Eichenpfählen erstellt werden, für den das Holz seit Januar 1710 gefällt wurde.[19] 1711 wurden Mauersteine geliefert und bereits am 19. Mai 1711 wurde die Gaggenauer Hammerschmiede beauftragt, verschiedenes Eisenwerk liefern, darunter „16 Stück Staabeisen zue Hencknägel des Dachstuhls“.[18]Man kann also davon ausgehen, dass der Bau im Herbst/Winter 1711 unter Dach war.[20] Am 21. Mai 1712 wurden die von der Dachdeckung übriggebliebenen Schiefersteine nach Rastatt gebracht.[21]

Einem frühen Gartenplan zufolge,[22] war das Gebäude zunächst über einem kleineren, eher quadratischen Grundriss mit eingezogener Eingangsseite geplant. Wolfgang Stopfel, der die Sanierung von Schloss Favorite über Jahre hinweg betreute,[23] berichtet, dass der Keller auf beiden Seiten um je zwei Fensterachsen (also um eine Zimmerflucht) kürzer als das ausgeführte Schloss ist. Außerdem kamen an den vom Speise- und Empfangszimmer abgewandten Wänden der Prunkschlafzimmer vermauerte Fenster zum Vorschein, die mit verputzten Fenstergewänden nach außen wiesen.[24]

Das Schloss scheint also während des Baus zu beiden Seiten der Sala terrena um eine Zimmerflucht erweitert worden zu sein. Außerdem ist der Keller weniger tief als das aufgehende Schloss, indem seine östlichen Fenster auf den Flur im Erdgeschoss gehen.[25] Die Schlussfolgerung von Stopfel allerdings, der erste Bau wäre schon 1707 begonnen worden,[25] entbehrt entsprechender Nachrichten in den Hofkammerprotokollen.

Daten zur Innenausstattung

Seit 1716/17 wurden Lüster angeschafft und Fliesen verlegt.[26] Das Florentiner Zimmer wird von Simone Kunz nach 1719 gegeben, da es den Florenzaufenthalt der Markgräfin voraussetzt.[27] Aus dem Jahr 1724/25 datiert die oben erwähnte, von Claudia Stoll eingesehene Archivalie zur Innenausstattung, deren Kontext noch eruiert werden muss.

Funktionen der Favorite

Rudolf Sillib bezeichnete Schloss Favorite als Sommerresidenz,[28] Wolfgang Stopfel als Lustschloss.[29]Ulrike Grimm betonte die Aufgabe des Schlosses, die Sammlungen der Markgräfin an Glas, Keramik und Exotika zu präsentieren.[30] In Anbetracht der weidmännischen Stuckdekoration im Erdgeschoss und der großen Küche könnte die Favorite auch als Jagdschloss geplant worden sein, doch wurde das Thema der Jagd im Piano nobile nicht weitergeführt. Dem Bildprogramm der Decken und Wände in den beiden Appartements des Erbprinzen nach zu urteilen, diente das Schloss neben der Präsentation der Sammlungen auch der moralischen Unterweisung des unter Sibylla Augustas Obhut stehenden Erbprinzen.[31]

Beschreibung

Schloss Favorite erhebt sich als dreigeschossige Dreiflügelanlage über 15 x 8 Achsen. An der nach Norden gerichteten Gartenseite bilden die 15 Achsen eine Front, an der nach Süden gerichteten Eingangsseite sind die mittleren fünf Achsen um drei Achsen eingezogen, sodass auf die Fronten der Seitenflügel wiederum fünf Achsen entfallen. Das Schloss wird über seinem flachen, ursprünglich mit Schiefer gedeckten Walmdach von einer achteckigen Tambourkuppel bekrönt, die sich im Inneren über der durch alle Geschosse reichende Sala terrena öffnet.

Am Außenbau werden die beiden unteren Geschosse durch eine kolossale Pilastergliederung korinthischer Ordnung zusammengefasst. Die Fenster des Piano nobile übertreffen die des Erdgeschosses an Höhe und wurden zudem durch Schweifgiebel ausgezeichnet. Die Pilaster tragen ein verkröpftes Gebälk mit Konsolenfries, dessen Architrav und Fries gegenüber einem kanonischen Gebälk auf zwei Profile und ein Zahnschnitt reduziert wurden. Die Schweifgiebel über den Fenstern verdecken teilweise den Zahnschnitt, wodurch das Gebälk optisch an Gewicht gewinnt. Die schlicht rechteckig gerahmten Fenster der Attika stehen in der Höhe zwischen denen des Erdgeschosses und des Piano nobile. Sie werden durch Pilaster mit gerillten schabrackenartigen Kapitellen getrennt, die ein ähnlich verknapptes, etwas flacher gehaltenen Gesims als die Kolossalpilaster tragen.

Die Eingangsseite, deren mittleren drei Achsen hinter einer Balustrade einen Dreiecksgiebel tragen, weist insgesamt fünf Zugänge auf. Jeder Seitenflügel besitzt in den äußeren Achsen seiner Front eine segmentbogige Tür, von der die äußere in einen Raum, die innere in einen Flur führt. Der rundbogige Haupteingang befindet sich in der Mitte des Gebäudes, wo er von einem geschweift aufgerichteten Volutengiebel überfangen wird. Die zum Haupteingang gewandten Achsen der Seitenflügel, hinter denen der Flur verläuft, besitzen in Erd- und erstem Obergeschoss Blendarkaden, von denen die im Piano nobile als Arkaden ursprünglich geöffnet gewesen zu sein scheinen.[32] Mit offenen zweigeschossigen Arkaden, von denen die des Obergeschosses ihre Balustraden bewahrt haben, hätte der Ehrenhof weniger beengt gewirkt als dies heute der Fall ist.

An der Gartenseite, wo die mittleren drei Achsen ebenfalls einen Dreiecksgiebel tragen, ist nahezu der gesamten Front eine monumentale Freitreppe vorgelegt. Teile der Treppe, insbesondere die wuchtigen, eckig gearbeiteten Steinbaluster auf den gekurvten Treppenwangen, könnten von jener Freitreppe stammen, die Domenico Egidio Rossi für das Rastatter Jagdschloss von 1698 entworfen hatte, welches 1700 dem heutigen Residenzschloss weichen musste.[33]

Erschließungsraumfolge

Die doppelte Erschließung des Schlosses

Schloss Favorite verfügt über zwei Erschließungswege. An der Eingangsseite gelangt man über das Hauptportal in der Mitte wahlweise in die Sala terrena oder entlang der beiden seitlichen Flure zu den beiden Wendeltreppen ins Piano nobile, die allerdings hinter Türen, also auf den ersten Blick nicht sichtbar beginnen. Von den Eingängen an den Seitenfronten führen diejenigen bei den einstigen Arkaden ebenfalls zu den beiden Türen, hintern den sich die Wendeltreppen auftun.

Die Wendeltreppen erschießen im Piano nobile alle Räume, doch sind intuitiv die beiden Wohnappartements und die Wege der Dienerschaft eindeutig bevorzugt. Der Weg in die repräsentativen Speise- und Empfangszimmer führt auf den ersten Blick nicht sichtbar und deshalb weit weniger intuitiv über die abgeschrägten Ecken der Empore der Sala terrena. Es ist deshalb zu vermuten, dass dieser hofseitige Zugang zu den Speise- und Empfangszimmern der der Dienerschaft war. Zwar waren die zugehörigen Türen in gleicher Weise gerahmt wie diejenigen im Anschluss an die noch zu besprechende Seite der Freitreppe, doch waren die Türen von der Sala terrena aus zu sehen und Teil deren symmetrisch zu gestaltender Dekoration. Die weiteren Dienerschaftswege führten in die Alkoven der beiden Prunkschlafzimmer und in die Wohnappartements.

An der Gartenseite gelangte man über die monumentale Freitreppe bequem und ausschließlich in die beiden Speise- und Empfangszimmer. Wolfgang Stopfel bezeichnete deshalb Gartenseite als Eingangsseite des Schlosses.[34] Nach Ansicht der Autorin führte der offizielle Weg jedoch vom Hauptportal an der ehrenhofartig ausgebildeten Eingangsseite zuerst geradeaus in die Sala terrena und von dort auf die Gartenseite und über die Freitreppe in das Piano nobile. Auch Rudolf Sillib betrachtete die Seite des Ehrenhofs als Eingangsseite,[35] ebenso Claudia Stoll.

Beide Treppen, sowohl die beiden Wendeltreppen zur Erschließung der Privatappartements und der Dienerschaftswege als auch die Freitreppe, folgten einer gängigen Typologie barocker Lusthäuser. Allerdings war es nicht üblich, dass die Prunkappartements nahezu alleine über die Freitreppe erschlossen wurden. Offenbar sollte innerhalb der markgräflichen Bautätigkeit der Typus des monumentalen Innentreppenhauses dem Rastatter Residenzschloss vorbehalten bleiben.

Rechts und Links in Schloss Favorite

Im Folgenden wird im Erdgeschoss der Aufgang zum Wohnappartements der Markgräfin als links, der zum Wohnappartement des Erbprinzen als rechts beschrieben. Vom Ende der Freitreppe hingegen, das als offizieller Zugang zu den Prunkappartements im Piano nobile zu begreifen ist, geht das der Markgräfin rechts, das des Erbprinzen links ab. Dies steht im Einklang mit der gängigen Hierarchie bei Hofe, derzufolge die Seite rechts des Eintretenden im zeremoniellen Rang höher stand als die Seite links des Eintretenden. In der Favorite hatte sich die Markgräfin als Regentin und Vormünderin die zeremoniell höherwertige Seite des Schlosses zugedacht.

Supraportenreliefs im Erdgeschoss

Nach dem Haupteingang an der Hofseite ziert die Tür zur Linken, also auf der Seite der Markgräfin, ein Tondo mit einem weißen Stuckrelief der Jagdgöttin Diana, die auf ein schlafendes Kind neben sich blickt. Diana ist an der Mondsichel im Haar und den beiden Jagdhunden eindeutig zu erkennen. Das neben ihr schlafende Kind könnte auf den Jüngling Endymion anspielen, den Jupiter zum Erhalt seiner Schönheit in ewigen Schlaf sinken ließ. Sie besuchte ihn nachts und zeugte mit ihm viele Töchter und Söhne. Diese erotische, vor allem in Schlafzimmern angebrachte Erzählung wurde in Schloss Favorite vermutlich umgemünzt zur fürsorglichen Mutterliebe. Seitlich stuckierte Beutetiere stellen eine tote Hirschkuh und einen toten Hasen dar.

Die Tür zur Rechten, die zum Wohnappartement des Erbprinzen führt, zeigt im Tondo eine weibliche Figur, die in Anbetracht ihrer zwei Kinder mit Jagdhunden als eine Art Caritas und damit als Appell an die Nächstenliebe anzusprechen ist. Flankiert wird es von einem toten Hirsch und einem toten Wildschwein.

Stuckierte Vorhänge im Piano nobile

Im Piano nobile heben auf jeder Seite am Ende der Flure entlang der Seitenflügel stuckierte Vorhänge und der Markgrafenhut die Zugänge zu den Privatappartements hervor. Sie sind die wichtigsten Indizien dafür, wie der Architekt die vorstehend erläuterte Wegeführung konzipiert hat.

Emporen des Piano nobile mit dekorierten Gewölbekappen

Die beiden Emporen an der Eingangs- und der Gartenseite der Sala terrena werden von Kreuzrippengewölben überfangen, deren Kappen im mittleren Joch stuckiert und mit acht kleinen gemalten Medaillons versehen sind. In den Stuckfeldern tragen Putti Wappenschilde herbei. Die Medaillons zieren Blumen und einige wenige gemalte Vögel. Die beiden äußeren Joche nehmen in jeder Kappe ein großes Bildfeld mit sepiafarbener Landschaft auf. Die beiden Bildfelder mit den Szenen von Aktäon und von Atalante und Hippomenes werden separat beschrieben.

Die Sala terrena

Zweigeschossiger Raum mit zwei großen und vier kleinen Kronleuchtern

Die über zwei Geschosse bis in das Mezzanin und die Laterne hineinreichende Sala terrena nimmt eine gelängte achteckige Grundfläche ein. Die beiden unteren, mit Erdgeschoss und Piano Nobile korrespondierenden Geschosse werden geschossweise von Pilastern gegliedert, die über Stichkappen ein flaches Muldengewölbe tragen. Das Muldengewölbe öffnet sich etwas südlich der Raummitte mit einem kräftigen stuckmarmorierten Gesims als Achteck zum Mezzanin. Die Wände sind durchgehend mit leuchtend blauen Imitationen Delfter Fliesen verkleidet, die aus Nürnberg bezogen wurden.[26]

Im Erdgeschosses öffnen sich jeweils in der Mitte der Langseiten und an den vier Schrägen hohe Nischen mit Figuren mit Brunnen. Die Rückwände dieser Nischen waren einst grottiert, wozu sich ein kleines Modell erhalten hat. Die Pilaster aus farbigem Stuckmarmor tragen Blattkapitelle, deren Blätter weich nach unten fallen, als wären sie von Wasser übergossen. Sie ergänzen damit die Wasseraffinität des Raumes, die sich in der Ebenerdigkeit und vor allem an den Brunnen in den Nischen zeigt.

An den beiden Langseiten sitzen im Obergeschoss je drei Fenster, durch die man von den Speise- und Empfangszimmern in die Sala terrena hinunterblicken kann. Richtung Eingang und Garten öffnet sich das Obergeschoss in jeweils drei hohen Arkaden mit eingestellten Balustraden mit rot marmorierten Balustern. Auf den Balustraden standen 1762 14 Fayence-Übertöpfe für Blumen, deren blaue Fassung mit den Delfter Fliesenimitationen harmonierte.[36] Einige waren damals beschädigt, sodass es ursprünglich 18 gewesen sein könnten, von denen dann je drei auf einer Balustrade gestanden hätten.

Von der Kuppel hingen 1762 von einem(!) Seil „zwei große gefaßte Henckleuchter mit roth und blauem Fluß untermischet“ herab.[37] Demnach hat man sich zwei Kronleuchter übereinander vorzustellen, von denen einer mehr den Boden, der andere mehr die Empore der Sala terrena erleuchtete. Ergänzt wurde der untere Leuchter durch „in jedem Eck ein der gleichen gefaßtes Henckleuchterlein; an den marmorirrten Leßenen befinden sich 24 Wandleichter von blau und weißem Glaß“.[37]

Das architektonische Vorbild der Sala terrena ist das Lusthaus von Abraham Leuthner im Park von Schlackenwerth (Ostrov nad Ohří), wo Sibylla August ihre Jugend verbracht hat.[38] Ebenso wie in Schlackenwerth ist die Decke der Sala terrena in Schloss Favorite bemalt, allerdings nicht mit einer illusionistischen Himmelsöffnung über hoch aufragender Scheinarchitektur wie in Böhmen, sondern mit Figuren und Blumen vor einem hellbeigen Grund, der möglicherweise an Goldgrund erinnern sollte. Die Gewölbefelder der Stichkappen nehmen gemalte Szenen en camaïeu auf.

Ursprüngliche Farbgebung und freie Erneuerung der Laternenausmalung

Die Kuppel war laut Johann Georg Keyßler, der das Schloss im September 1729 besuchte, „sehr hell und artig ausgemalt“.[39] 1773 musste die von keiner Wand gestützte, frei über der Decke des Mezzanins ‚schwebende‘ Laterne durch Backsteinwände gesichert werden, nachdem sie kurz zuvor mit einem Sprengwerk versehen worden war.[40] 1804 wurde sie durch einen Uhraufsatz und ein Zeltdach verändert.[41] Im Inneren entsprach der Uhr ein sich herumbewegender Saturn, der mit der Sense die Stunden wies, wovon Johann Ludwig Klüber 1810 berichtet.[42] 1890 war die Kuppel wieder schadhaft, woraufhin die gesamte Innendekoration von einem Hoftheatermaler neu gestaltet wurde.[43]

Bei der 1968 begonnenen Restaurierung wurde die Kuppel gemäß ihrem ursprünglichen Aussehen rückgebaut.[44] Für das Innere wählte man in Anlehnung an Johann Georg Keyßler zunächst eine helle Farbgebung,[45] die dann jedoch als Bruch mit der farbintensiven Dekoration der beiden Saalgeschosse empfunden wurde.[45] Zur bunten Neugestaltung des Tambours orientierte man sich an der abgängigen Dekoration von 1890, die auf gemalten Stuckbalustraden Blumentöpfe platziert hatte, wie sie das Inventar von 1762 für die Balustraden des Piano nobile überliefert. In der Kuppel kopierte man die Scheinarchitektur der Voute auf der Höhe des Piano nobile.[46]

Die Ausführung der Neudekoration oblag dem Restaurator und Kirchenmaler Walter Maschke aus Calw, der deutlich sichtbar seine Signatur hinterließ: „KUPPEL NEUBEMALUNG JUNI 1971. Entw. u. Ausführung Walter Maschke – CALW. Mitarbeiter – Albert Neubrand – Grundsheim und Helmut Lang Kirchen – Alle von der Fa. Kneer Munderkingen“.[47] Ohne Veranlassung wurden an der Decke des Mezzanins großen Historienszenen hinzugemalt.

Deckengemälde mit Scheinarchitektur vor hellbeigen Grund

Das flache Muldengewölbe der Sala terrena, das wegen der Öffnung ins Mezzanin im Wesentlichen aus der Voute besteht, ist gänzlich mit einem hellbeigen, an Gold erinnernden Fond überzogen. Die Scheinarchitektur beschränkt sich auf gelblich sandsteinfarbene Kapitelle über den Pilastern des Obergeschosses. Vor den gemalten Kapitellen stehen am Fußpunkt der Stichkappen Sockel mit Statuen von Gottheiten und einer Muse, die wegen ihres gelblich sandsteinfarbenen camaïeu der Scheinarchitektur zuzurechnen sind. Die Sockel der Längsseiten besetzen bunte Blumenbouquets in goldenen Prunkvasen.

Farbige Engel hingegen lagern auf den gemalten Voluten entlang der Stichkappen. Den hellbeigen Himmel bevölkern weitere bunte Putten mit Blumengirlanden und einige wenige Gottheiten. Über den Gurten der vier Eckschrägen prangen große gemalte goldene Schmuckmedaillons mit eingeflochtenen Obst- und Blumenranken. Vermutlich hingen von diesen vier Schmuckmedaillons die vier kleinen Kronleuchter herab.

Insgesamt erinnert die Deckenmalerei der Sala terrena mehr an ein Prunkkabinett als an einen Saal. Dies liegt außer am hellbeigen, an Gold erinnernden Grund am Blumendekor und an der Vereinzelung der Figuren, die sich zu keinem heroischen Programm zusammenfügen lassen.

Mythologische Gottheiten und Muse in camaïeu als Teil der Architekturmalerei

Die auf den Sockeln der Scheinarchitektur stehenden gemalten Figuren am Fußpunkt der Stichkappen stellen auf der Gartenseite für den Betrachter von links nach rechts Mars, Diana, Terpsichore/Erato (Muse des Tanzes oder der Liebesdichtung mit Triangel mit Klirrringen) und Merkur dar. Auf der Eingangsseite stehen von links nach rechts Atlas, Perseus, Venus mit Amor und Apfel sowie Neptun. Ihre Anordnung und Zusammenstellung lässt kein Programm erkennen.

Die Figuren sind anhand ihrer Attribute eindeutig zu erkennen. Ihre Körper sind kräftig und muskulös. Vermutlich verwendete der Künstler Vorlagen, die jedoch noch zu eruieren wären.

Jupiter und Genien in Farbe
 

Die einzige farbige Gottheit am Plafond der Sala terrena ist der Göttervater Jupiter. Er zeigt sich einem Betrachter, der auf der Empore der Gartenseite steht und Richtung Eingang schaut. In Anbetracht dessen, dass die Empore der Gartenseite den offiziellen Zugang zu den Prunkappartements darstellt, darf seine Platzierung als prominent bezeichnet werden.

Jupiter sitzt mit ausgebreiteten Armen auf seinem Adler, der ebenfalls seine Schwingen ausgebreitet hat. In der linken hält er ein Zepter, auf seinem Haupt sitzt die Krone. Der Adler hält in seinen Klauen einen Lorbeerkranz und eine weitere Krone. Das Blitzbündel fehlt. Begleitet oder auch angekündigt wird Jupiter von einer weiblichen Figur mit Libellenflügeln und Trompeten.

Die kompositionellen Pendants zu Jupiter, der über einem der vier goldenen Medaillons über den Schrägen fliegt, sind Puttenpaare und Genien auf Wolken. Sie singen einmal von einem Notenblatt, ansonsten halten sie Blumenbouquets.

Zwickelbild in Purpur: Aktäon wird von seinen Hunden angefallen

Im Zwickelbild über der mittleren Arkade der Eingangsseite ist in purpurfarbenem camaïeu dargestellt, wie der Hirsch, in den Aktäon zur Strafe seiner geheimen Beobachtung der Jagdgöttin Diana verwandelt worden war, von seinen Hunden angefallen wird. Als Vorlage diente dem Künstler eine Illustration von Johann Wilhelm Baur aus den Metamorphosen des Ovid.[48] Sie war in der Augsburger Ausgabe von Melchior Küsel nach Baur von 1681 gut erreichbar.

Zwickelbild in Purpur: Atalante und Hippomenes

Das Zwickelbild über der mittleren Arkade der Gartenseite zeigt in purpurfarbenem camaïeu die Geschichte von Atalante und Hippomenes. Auch für diese Szene nutzte der Künstler die Vorlage nach Johann Wilhelm Baur, die im Augsburger Nachstich von Melchior Küsel von 1681 gut erreichbar war.[49] Atalante war eine schnelle Jägerin, die sich nur dem Mann hingeben wollte, der schneller wäre als sie. Hippomenes erhielt von der Liebesgöttin Venus drei goldene Kugeln, die er jedes Mal fallen ließ, wenn Atalante ihn überholte. Da sie sich nach ihnen bückte, verlor sie den Wettlauf.

Prunkappartement der Markgräfin

Das Prunkappartement der Markgräfin befand sich von der Eingangsseite aus gesehen in der linken Hälfte des Gebäudes, da es sich von dem offiziellen Zugang, dem oberen Podest der Freitreppe, nach rechts zur zeremoniell höherwertigen Seite öffnete. Es ersteckte sich entlang der Gartenseite und begann mit dem längsrechtecken Speise- und Empfangszimmer, von dem man durch drei Fenster in die Sala terrena blicken konnte. Dieser Raum konnte bei Bedarf auch als Vorzimmer- oder Audienzzimmer genutzt werden. Es folgte das Prunkschlafzimmer mit Alkoven, an das sich das Prunkkabinett als Eckraum anschloss.

Das Prunkkabinett war nicht nur gestalterischer Höhepunkt des Prunkappartements, sondern bildete auch das Scharnier zu den eher privaten Räumen. Das appartement privé, das im Piano nobile auf der Eingangsseite des Schlosses begann, umfasste vier etwa gleich große quadratische Räume. Der letzte, an das Prunkappartement grenzende Raum war gemäß seiner wandfesten Ausstattung als privates Schlafzimmer konzipiert. Im Gebrauch allerdings verschob sich die Grenze zwischen offiziellem und privatem Appartement auf Kosten der Privaträume. Dem Inventar von 1762 ist zu entnehmen, dass im Raum des privaten Schlafzimmers (R. 104) zwar noch ein Nachttisch, aber kein Bett mehr stand. Die Bettlade „reich von Gold und kostbahren Spitzen“ war zwischenzeitlich ein Raum weiter Richtung Eingangsseite in Raum 103 aufgebaut worden.[50]

Speise- und Empfangszimmer

Der Raum und die Wände

Der im Inventar von 1762 als „erstes langes Taffelzimmer“ bezeichnete Empfangsraum hat eine Länge von fünf und eine Breite von zwei Fensterachsen, wobei das Licht nur aus zwei zur Gartenseite gerichteten Fenstern in den Raum gelangt. Spärliches Licht kommt aus den drei Fenstern zur Sala terrena und zwei Fenstern zum Flur entlang der Eingangsseite hinzu. Jeweils am Ende der Langseiten öffnen sich Türen. Um dem insgesamt recht dunklen Raum mehr Licht zuzuführen, wurden die Türblätter in den oberen zwei Dritteln verglast.

Die Kaminöffnung mit reich ornamentiertem Kaminjoch aus Stuckmarmor befindet sich in der Mitte der Wand zum Schlafzimmer. Einen weiteren Blickfang bieten die beiden mit Spiegeln versehenen Trumeaujoche an den Stirnseiten.

Der Raum besitzt einen ringsumlaufenden Sockellambris mit ornamentierten Felder mit Blumendarstellungen. Ähnliche Felderungen zieren die Fensterlaibungen. Die Spiegeldecke beginnt über einer flachen Voute. Der einstige Scagliola-Boden wurde möglicherweise bereits Ende des 18. Jahrhunderts durch Parkett ersetzt.[51] Die kostbaren Wandspaliere, die an „bizarre Seiden“ erinnern,[52] werden im Inventar von 1762 als „von weißem Atlas und Flammenstich mit Gold vermischt“ beschrieben.[53]

Der Plafond

Der Plafond gliedert sich in einen großen rechteckigen Rahmen mit drei Deckengemälden, die von einem breite rosafarbenen Band umzogen sind, in das kleine gemalte Szenen und Medaillons mit Spiegelscherben eingefügt sind. Die Szenen zeigen in goldgehöhtem camaïeuskizzenhaft einzelne mythologische Figuren, wie beispielsweise Amor mit Pfeil und Bogen, eine tanzende Frau, Aktäon, Minerva, Mars und Neptun.

An den Ecken umfasst der dort konkav eingezogene Rahmen vier große bronzierte Stuckmedaillons. Diese beziehen sich ikonographisch auf Königinnen. Eine Königin reitet in Rom ein, eine Königin empfängt huldvoll einen Krieger, eine Königin empfängt huldvoll einen alten Mann, eine Königin steht auf einer Benediktionsloggia.

Deckengemälde mit Putten und Blumengirlanden
 

Der Gegenstand der drei Deckengemälde beschränkt sich auf umherfliegende Putten mit Blumengirlanden vor einem wolkigen Himmel. Im großen Bild in der Mitte fliegen sechs Putti, in den seitlichen kleineren Bildern je zwei.

Porzellanarrangements in der Voute
 

Über dem Kaminjoch und über dem gegenüberliegenden Fenster befinden sich in der Voute gemalte Arrangements von Porzellan und Prunkgefäßen. Den Hintergrund bilden jeweils sechs weiß-blaue Porzellanteller mit Vögeln, Pflanzen und einigen figürlichen Szenen. Vor den Tellern stehen auf einem dreidimensional stuckierten Podest gemalte Koppchen zwischen Prunkgefäßen.

Bei den Prunkgefäßen handelt es sich um mit vergoldetem Silber montiertes rotbraunes Porzellan. Auf dem mittleren Kelch ist über dem Kamin die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies dargestellt, auf dem Kelch über dem gegenüberliegenden Fenster spielen vier Putten mit einer Blumengirlande.

Desweitern zieren die Voute gemalte Vögel mit ausgeprägtem Schattenwurf vor einem golden gepunkteten Hintergrund.

Schlafzimmer mit Alkoven
 

Das Prunkschlafzimmer, in dem sich der kostbare Scagliola-Fußboden erhalten hat, öffnet sich mit zwei Fenstern auf den Garten und erstreckt sich mitsamt dem Alkoven bis zum Erschießungsflur des Piano nobile. Der ringsumlaufende Sockellambris ist ornamentiert. Der flache Plafond mit seichter Voute beginnt über einem durchlaufenden Gesims. Die Wandbespannung wurde im Inventar von 1762 als abwechselnd roter und geblümter Goldmoiré beschrieben. Im Alkoven hing weiß geblümter Damast.[53] Einen Kamin gab es nach Ausweis der historischen Grundrisse nicht.

Der Plafond nimmt ein zentrales Deckengemälde auf, dessen vier Ecken konkav eingezogen sind, um gemalte Medaillons mit den vier Elementen zu integrieren. Die Voute ist mit Stuckreliefs besetzt, die die des Speise- und Empfangszimmers im Aufwand übertreffen, da sie erstens goldene Figuren vor einem bronzefarbenen Grund zeigen und zweitens nicht rund, sondern geschweift konturiert sind. Ergänzt wird der Dekor der Voute durch gemalte Blumengirlanden vor golden gepunktetem Hintergrund. In den vier Ecken stehen sich küssende stuckierte Puttenpaare vor stuckierten, von weiteren Putten zurückgezogenen Vorhängen.

Stuckierte Medaillons zur Ehe und Nachkommenschaft von Sibylla Augusta und Ludwig Wilhelm von Baden-Baden

Die vier gold-bronzenen Medaillons zeigen an den Seiten allem Anschein nach Caritas Romana sowie eine Variante der Caritas, bei der eine Frau einen Krieger auf ihren Schultern hinwegträgt. Über dem Fenstertrumeau und dem dort angebrachten Allianzwappen Baden-Baden und Sachsen-Lauenburg ist Rhea Silvia, die Mutter von Romulus und Remus in einem Baldachinbett zu erkennen. Sie wurde von Mars verführt und gebar daraufhin die Zwillinge.

Das Medaillon über dem Alkoven zeigt die schlafende Venus, aus deren Bett sich Mars davonstiehlt. Zumindest die Reliefs über Trumeau und Alkoven hat man auf die Ehe der Markgräfin Sibylla Augusta mit dem herausragenden Militär Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden zu beziehen.

Die Nacht und die entfleuchte Liebe
 

Das Deckengemälde zeigt eine Lichtung mit seitlichen Büschen, unter denen am linken Bildrand auf einem roten Tuch ein Putto schläft während neben ihm ein kleiner liegender Satyr träge durch ein Fernrohr schaut. Der schlafende Putto ist offenbar über dem Studium eines Himmelsglobus und diverser Schriftstücke eingenickt, sodass beide Figuren zusammen für die nächtliche Himmelskunde der Astrologie stehen könnten.

In der oberen Bildhälfte fährt in einem goldenen, von zwei weißen Hirschkühen gezogenen Himmelswagen die vom Mond silbern hinterfangene Jagd- und Mondgöttin Diana über das Firmament. Über ihr fliegt der Morgenstern Phosphoros mit einer Fackel davon. Unter ihr vermitteln zu dem schlafenden Putto und Satyr ein keck davonfliegender Putto sowie drei Putten mit Pfeil, Bogen und einer Lanze. Bei dem keck davonfliegenden Putto könnte es sich um Amor handeln, dessen Köcher mit den Liebespfeilen einsam auf einer Wolke zurückgeblieben ist.

Das Deckengemälde bringt eine Allegorie der Nacht, der möglicherweise die Traurigkeit der Markgräfin über die entfeuchte Liebe durch den Tod des Markgrafen beigegeben ist.

Insbesondere bei Diana und der Mondscheibe lassen sich die Einritzungen des namentlich nicht bekannten Freskanten in den Putz erkennen.

Trabanten: Die vier Elemente
 

In den vier Medaillons sind die vier Elemente als Putti vor leuchtend hellblauem Himmel freskiert. Der Maler hat die vier Putten dezidiert von mehreren Seiten gezeigt. Die Luft mit zwei Rauchfässern ist als Rückenfigur gegeben. Das Wasser, das einen überschwappenden Krug auf dem Kopf trägt, ist von der Seite gezeigt. Die Erde mit Blumengirlanden und Obstzweigen ist von vorne zu sehen, ebenso wie das Feuer, das durch einen orangebraunen Mantel charakterisiert wurde.

Spiegelkabinett
 

Das quadratische Spiegelkabinett wird als Eckraum an zwei Seiten durch je zwei Fenster belichtet. Seine wandfeste Dekoration an Wänden und Decke besteht im Wesentlichen aus Stuckfeldern und Spiegeln. Die Malerei beschränkt sich auf die an den Wänden angebrachten Kostümbilder und einige historische Porträts aus der markgräflichen Gemäldesammlung in den Fensterlaibungen. Jeweils zwei Kostümbilder wurden in die verglasten Türflügel zum Prunkschlafzimmer integriert.

Die Kostümbildnisse der Markgräfin Sibylla Augusta und ihrer Familie malte zwischen 1700 und 1706 möglicherweise der böhmische Maler Ludwig Ivenet.[54] Im Spiegelkabinett sind sie durch das Inventar von 1762 dokumentiert, als „70 Stuck Maßcaraden“ gezählt wurden.[55] Ursprünglich umfasste die Sammlung 72 oder 73 Gemälde.[56]

Zur weiteren Auszeichnung des Spiegelkabinetts hing dort ebenso wie im symmetrisch am anderen Ende der Gartenfassade liegenden Florentiner Kabinett ein Kronleuchter mit bunten Glas, nämlich „ein von geschliffenem Cristal und rothem Rubinfluß gefaßter Henckleuchter von 12 Armen“.[55]

Privatappartement der Markgräfin

Die privaten Räume der Markgräfin begannen im Piano nobile an der Eingangsseite und erstreckten sich über vier im Wesentlichen gleichgroße quadratische Räume bis hin zum Spiegelkabinett. Wie erwähnt, verschob sich im Laufe der Nutzung die Zäsur zwischen den öffentlichen und eher privaten Räumen um ein Zimmer in Richtung Eingangsseite. Im Inventar von 1762 stand das Bett nicht mehr im privaten Schlafzimmer (R. 103), sondern in Raum 104.[50] Die Böden sind durchgehend aus Holz, durch das sich die Privaträume von den Prunkräumen mit Scagliola-Böden absetzten.

Raum 1

Der erste Raum nach dem Eingang, der als Vorzimmer anzusprechen ist, wird im Inventar von 1762 als „Kapellenzimmer“ bezeichnet.[57] Im Spiegelplafond ist ein rechteckiges Deckengemälde eingelassen, dessen Ecken Segmentbögen überschneiden, die sich über den vier Zimmerecken spannen. Die Segmentbögen sind als Himmelsausblicke bemalt, nehmen dann jedoch weibliche stehende Stuckfiguren auf. Weitere Stuckfiguren zieren als Gruppen von fürsorglichen Frauen und Kindern jeweils die Mitten der Voute. Unterhalb des noch zu besprechenden Deckengemäldes halten in der Voute Minerva und Diana(?) mit traurig gesenkten Köpfen das Allianzwappen Baden-Baden und Sachsen-Lauenburg.

Das Deckengemälde wird von einem ornamentierten Streifen eingefasst, in dessen Ecken sich geschweifte Medaillons mit gemalten Szenen aus den Metamorphosen des Ovid in grün-goldenem camaïeu befinden.

Deckengemälde mit Pyramide, Allegorie auf die militärischen Siege des Markgrafen
 

Das Deckengemälde zeigt eine aus großen Sandsteinquadern mit leicht bröckeligen Rändern gefügte Pyramide. Die Pyramide wird von einem herbeifliegenden Putto mit einer Lorbeergirlande umkränzt, während zwei weitere Putti vor einem gelblichen Himmel in Posaunen blasen. Am Sockel der Pyramide umarmt ein Putto mit orientalischer Kopfbedeckung das Bauwerk. Dabei wird er von einem roten Teppich mit goldenen Fransen umweht, unter dem ein Adler mit rot-braunem Gefieder auffliegt.

Der rote Teppich und der rot-braune Adler vor dem gelblichen Himmelsfond scheinen die heraldischen Farben des Hauses Baden aufzugreifen. Der orientalische Turban des stehenden Putto könnte auf die Siege des Markgrafen gegen die Osmanen verweisen, wobei die Pyramide als Grabesarchitektur zugleich den Tod des Markgrafen anzeigen würde.

Der Freskant ist derselbe wie in anderen Räumen der Favorite. Der Mutmaßung, das Deckengemälde könnte nachträglich entstanden sein,[58] folgt die Autorin deshalb nicht.

Trabanten: Szenen aus den Metamorphosen des Ovid in camaïeu
 

In den vier Trabanten wurden in grün-goldenem camaïeufolgende Szenen aus den Metamorphosen des Ovid gemalt: Europa auf dem Stier, Boreas raubt Orythyia, Narziss blickt am Wasser in sein Spiegelbild und Amor züchtigt Pan.

Für die Szene Amor züchtigt Pan lässt sich als Vorlage der Augsburger Nachstich einer Szene von Annibale Carracci aus der Galleria Farnese ermitteln.[59] Europa auf dem Stier geht ebenso auf Annibale Carracci zurück[60] wie Boreas und Orythya.[61]

Raum 2
 

Der zweite Raum des Privatappartements, der als Eckraum besonders viel Licht erhält, wird im Inventar von 1762 schlicht als „Eckzimmer“ geführt.[62] Den Raumeindruck bestimmt ein großer Eckkamin mit Delfter Fliesen und Etageren für Porzellan.

Der Plafond weist in der Mitte ein rechteckiges Deckengemälde aus, dessen golden profilierter Rahmen von einem breiten ornamentierten Band mit kleinen gemalten Szenen in rötlichem camaïeu umgeben ist. Jeweils in der Mitte des ornamentierten Bandes handelt es sich um mythologische Figuren (Venus victrix, Merkur, Andromeda, Endymion), in den Ecken um emblematische Bilder von Gartenparterres mit Brunnen.

Zwischen dem Rahmen des Deckengemäldes den und vier Ecken des Plafonds vermitteln große lyraförmige Medaillons mit gemalten Darstellungen der vier Jahreszeiten in grünem, goldgehöhten camaïeu. Dazwischen sitzen in der Voute in Stuck weibliche Figuren mit Musikinstrumenten.

Deckenmalerei mit dem neu gemalten Allianzwappen Baden und Sachsen-Lauenburg

Ebenso wie das Deckengemälde des nachfolgenden dritten Raums integriert das des Eckzimmers als Besonderheit innerhalb der Deckengemälde von Schloss Favorite Scheinarchitektur. Fingiert ist ein Tambour in rötlichem Marmor mit ionischer Pilastergliederung, der sich hinter einer ringsumlaufenden, an den Ecken konvex vortretenden weißen Balustrade erhebt.

Über den konvex vortretenden Ecken der Balustrade weist der Tambour reliefierte Felder mit Szenen aus den Metamorphosen des Ovid aus. Am besten zu erkennen ist Aktäon, der nach dem Anblick Dianas in einen Hirsch verwandelt wird. Weitere Szenen mit liegenden Figuren befinden sich in den Segmentbogengiebeln eines Doppelportals, das den Tambour an einer Seite öffnet. Vermutlich stellen die Figuren heraldisch rechts einen Mann, heraldisch links eine Frau dar und sind mythologisch auf das Markgrafenpaar zu beziehen. Über den Segmentbogengiebeln schlafen Satyre.

Über dem Tambour, der mit einem unverkröpften Gesims mit Akanthusblättern abschließt, öffnet sich der Himmel, in dem zwei Putten das Allianzwappen Baden-Baden und Sachsen-Lauenburg in voller farblicher Pracht präsentieren. Das Wappen gewinnt an Präsenz, indem die Wolken, auf denen die Putten stehen, das Gesims des Tambours teilweise überschneiden. Wie bei allen Allianzwappen im Schloss ist auch hier hierarchisch korrekt das Haus Baden-Baden heraldisch rechts, das Haus Sachsen-Lauenburg heraldisch links platziert. Bekrönt wird das Wappen vom rotsamtenen Markgrafenhut mit Hermelinbesatz.

Das Allianzwappen stammt von dem Restaurator und Kirchenmaler Walter Maschke aus Calw, der 1971 den Tambour der Sala terrena völlig neu ausmalte. Es ersetzte nach Auskunft von Herrn Wolfang Stopfel ein entsprechendes Motiv aus dem 19. Jahrhundert. Die bauzeitlich über dem gemalten Tambour dem Betrachter sich darbietende Szene ist demnach nicht bekannt.[63]

Trabanten: Vier Jahreszeiten in camaïeu
 

Die vier Jahreszeiten in den Trabanten in grünem, goldgehöhten camaïeu werden durch Figuren der Mythologie vergegenwärtigt. Für den Herbst wurde der trunkene Silen auf dem Esel gewählt. Bei der Darstellung des Sommers liegt Ceres mit Ährenbündel im Schatten unter einem Tuch, das an einem Ast aufgehängt ist. Der Winter sitzt als muskulöser Mann vor einem offenen Feuer. Flora stellt sich als junge Frau mit Tauben und einem Blumenkranz im Haar, der ein Putto einen Blumenkorb entgegenhält. Die graphischen Vorbilder der Szenen sind noch zu eruieren.

Raum 3
 

Der dritte Raum des Privatappartements der Markgräfin wird im Inventar von 1762 als „Blumenzimmer“ geführt.[62] Auch hier baut sich in der Ecke ein großer Kamin mit Delfter Fliesen und Etageren für Porzellan auf. 1762 stand im Raum ein Bett, obwohl der wandfesten Ausgestaltung nach zu urteilen ursprünglich der benachbarte, 1762 kein Bett mehr enthaltende Raum Richtung Gartenseite als privates Schlafzimmer vorgesehen war.

Der Raum war für die Dienerschaft direkt vom Flur aus zugänglich. Die auf den Flur gerichtete Stuckrahmung zeigte sich vom Zimmer aus als ungestalteter grauer Rahmen. Diese Tür war somit nur als Eingang, nicht als repräsentativer Ausgang vorgesehen.

Der Plafond, der dem Thema des Porzellans gewidmet ist, nimmt das rechteckige Deckengemälde mit etwas Scheinarchitektur und in der Voute geschweifte Felder mit stuckierten weiblichen Gottheiten in den Ecken (Diana, Minerva, Juno und eine Kriegerin) und in den Mitten sitzende Gottheiten (Rhea und musizierende Frauen). Außerdem stehen auf dem Gesims in die Voute hineinreichende kleine stuckierte Gefäße im Wechsel mit Putten und Vögeln. Wie in den anderen Räumen wird der Rahmen des Deckengemäldes von einem ornamentierten Band umzogen, in das kleine gemalte Szenen, hier mit holländisch anmutenden blau-weißen Landschaften integriert wurden.

Deckengemälde mit dem Triumph des Porzellans
 

Das Thema des Deckengemäldes ist in Anlehnung an verwandte Deckengemälde beispielsweise in Schloss Caputh bei Potsdam oder Schloss Oranienburg bei Berlin (nicht erhalten) als „Triumph des Porzellans“ zu bezeichnen. Dargestellt sind insgesamt vier Putten, die aus dem Himmel Porzellangefäße herbeibringen, um sie auf der als Scheinarchitektur gemalten Etagere zu arrangieren. Im Zenit tragen zwei Putti gemeinsam eine große Deckelvase in weiß-blauem Porzellan. Einem weiteren scheint ein Stapel Teller aus den Händen geglitten zu sein, die im Begriff sind, auf die Etagere zu fallen. Der vierte Putto mit einem braunroten Tuch stellt mit Hingabe eine braunrote Vase auf die Etagere.

Die Etagere ist schon reich bestückt mit acht weiß-blauen Tellern, einer großen chinesisch geblümten Deckelvase, Koppchen mit Untertellern. Vor den konkav einschwingenden Mauerstücken der Balustrade stehen buckeligen Prunkvasen, Schalen mit Früchten und auf der Balustrade vermutlich ein Bronzebehälter mit Blumenbouquets.

Raum 4 – Privates Schlafzimmer der Markgräfin
 

Der vierte und letzte Raum des Privatappartements wurde bauzeitlich als Schlafzimmer konzipiert.[64] Im Inventar von 1762 wird er als „Spitzenzimmer“ bezeichnet, in dem immerhin noch „1 Pavillon von Spitzen und Flohr“ sowie ein Nachttisch von der ursprünglichen Nutzung zeugte.[55] Das vermutlich zugehörige Bett „reich von Gold und kostbaren Spitzen“ war im Verlauf der Nutzung des Schlosses ins Nebenzimmer Raum 103 transferiert worden.[62]

Im Unterschied zu den drei vorangehenden Zimmern nehmen die Lambris bemalte Felder mit Blumen und buntem Bandelwerk auf. Der Fußboden ist aus Holz, was im Kontrast zum Scagliola-Boden im angrenzenden Prunkkabinett die Zäsur zwischen den beiden Appartementtypen veranschaulicht.

Der Plafond ist merkwürdig einfach mit viel freier Fläche, so dass hier vermutlich nachträglich eine Vereinfachung vorgenommen wurde. Das Band, das auch hier das zentrale Deckengemälde umgibt, besitzt lediglich in den Ecken etwas Ornament. Die Blumen in den Ecken und den Mitten der Voute stehen in keinem Kontakt zum Deckengemälde, was die nachträgliche Vereinfachung nahelegt.

Deckengemälde mit Allegorie der Nacht
 

Im Unterschied zum Prunkschlafzimmer, in dem die Nacht durch die Mondgöttin Diana auf ihrem Himmelswagen dargestellt wurde, begnügt sich das private Schlafzimmer mit der Allegorie der Nacht vermittels dreier Putti. Ein Putto mit Fledermaus schläft auf einer Wolke während ein andere an dem blauen Tuch zieht, das ihn zugedeckt hat.

Der Putto, der an der Decke zieht, trägt eine dunkle Kappe und ein Zepter mit Stern und Flügeln. An seinen Fersen wachsen ihm Flügel. Seine Attribute sind die des Merkur, der außer Caduceus (allerdings ohne Stern) und Flügelschuhen auch eine Tarnkappe besaß. Der dritte Putto bringt Blumen herbei. Der dritte Putto bringt Blumen herbei.

Fensterlaibungen mit weiblichen Figuren der Nacht und Landschaften
 

Die Fensterlaibungen des privaten Schlafzimmers sind reich ausgeschmückt. Im Sturz befinden sich ovale Bildfelder mit weiß-blauen Landschaften. Weitere weiß-blaue ovale Landschaften zieren die seitlichen Laibungen, die jeweils in der Mitte eine weibliche Figur auf einer dunklen Wolke vor einem stimmungsvollen Nachthimmel aufnehmen. Es handelt sich außer um Minerva um Terpsichore/Erato mit Lyra(?), den Traum(?) und den Tanz.

Prunkappartement des Erbprinzen

Das Prunkappartement des Erbprinzen befand sich von der Eingangsseite aus gesehen in der rechten Hälfte des Gebäudes entlang der Gartenseite. Da jedoch der offizielle Zugang zum Piano nobile im Anschluss an die Sala terrena über die Freitreppe geschah, tat sich dort das Appartement des Erbprinzen auf der hierarchisch nachgeordneten Seite zur Linken des Besuchers auf. Wie das der Markgräfin bestand das des Erbprinzen aus dem längsrechtecken Speise- und Empfangszimmer, das bei Bedarf auch als Vorzimmer- oder Audienzzimmer dienen konnte. Am Anschluss daran gelangte man in das Prunkschlafzimmer mit Alkoven und in das als Florentiner Zimmer ausgestaltete Prunkkabinett im Eckraum.

Ebenfalls wie auf der Seite der Markgräfin verschob sich im Laufe der Nutzung auch auf der Seite des Erbprinzen die Zäsur zwischen dem Prunk- und dem Wohnappartement auf Kosten der privaten Räume Richtung Eingangsseite. Der in seinem wandfesten Dekor als privates Schlafzimmer konzipierte Raum (R. 103) wird im Inventar von 1762 als „Nebenzimmer bey dem Florentiner Cabinet“ bezeichnet.[65] Offenbar hatte man das Bedürfnis, das überaus prächtige Florentiner Zimmer in seinem Gebrauch etwas zu entlasten.

Das Prunkappartement des Erbprinzen weist an den Decken eine deutlich gewichtigere Ikonographie auf als das der Markgräfin. Allerdings wurden die Themen nicht aus der Sicht eines jungen, zu kriegerischen Taten strebenden Regenten gewählt, sondern aus der Sicht der fürsorglichen Mutter, die ihren Sohn vor allem in moralisch-tugendhaftem Verhalten unterwies.

Speise- und Empfangszimmer
 

Das Speise- und Empfangszimmer des Erbprinzen, in dem sich der kostbare Scagliola-Boden erhalten hat, entspricht in der Gliederung der Wände, des Plafonds und der Lambris dem der Markgräfin. Eklatant unterscheidet es sich im Gewicht der Ikonographie, indem beim Erbprinzen an der Decke Gottheiten und eine Allegorie gemalt wurden, in den Lambris Szenen aus den Metamorphosen des Ovid.

Die Wände zieren selten erhaltene Stickereien mit Stabperlen im Wechsel mit roten Brokatstreifen. Sie werden im Inventar von 1762 sie als „Spalir à petit point gearbeitet, deren Fond mit weis, gelb und grünem Schmeltzglaß ausgearbeitet“ beschrieben.[66] Saskia Durian-Ress vermutet ihre Herkunft aus einem der Pariser Sticker-Ateliers.[67]

Der Plafond nimmt drei Deckengemälde auf, die jeweils von breiten Bändern mit kleinen Architektur- und Landschaftsbildern en camaïeu umgeben sind. Das Zusammentreffen der Ecken aller drei Deckengemälde markieren vier große runde bronzefarben gemalte Medaillons mit Ruinenstücken. Die Voute besetzen acht seitlich konkav eingezogene bronzierte Reliefs mit Huldigungsszenen. Sie sind nicht leicht zu entschlüsseln, doch steht zumeist ein Mann einer Frau zu Diensten. Diese seitlich eingezogenen Reliefs werden von kleinen, ebenfalls bronzierten, allerdings gemalten Medaillons sowie stuckierten Figuren flankiert. In den Ecken wurden Opferschalen stuckiert mit verzierten Vasen mit bukolischen Szenen.

Dreiteiliges Deckengemälde
 

An der Decke des Speise- und Empfangszimmers kam in den dort drei Fresken eine gattungstechnisch merkwürdig uneinheitliche Zusammenstellung zur Ausführung. Diana in der Mitte ist die Hauptperson. Im Unterschied zum Schlafzimmer der Markgräfin, wo sie handelnd auf ihrem Götterwagen einfuhr, ist sie beim Erbprinzen als goldene Statue wiedergegeben. Sie ist nicht in Aktion, sondern es wird ihr gehuldigt. Ihr Bruder Apoll zu ihrer Rechten ist hingegen als Gottheit wiedergegeben. Zur Linken der Diana wurde keine Gottheit, sondern mit dem Sujet „die Zeit rettet die Wahrheit vor Neid und Zwietracht“ eine Allegorie gemalt.

Opferszene für die Jagdgöttin Diana
 

Diana steht als goldene Statue auf einem Sockel. Ein grau gewandeter Priester bereitet das Opferfeuer. Im Vordergrund wird ein Schaf geschlachtet. Eine Frau hält einen Steinbock. Ein Jäger in etwas missglückter Untersicht bringt eine erlegte Hirschkuh herbei. Bildlinks reichen Frauen Früchte in Körben. Die Frau mit einem Wäschekorb auf dem Kopf rechts im Bild spielt wahrscheinlich auf die Wasseraffinität der Mondgöttin an.

Bei der letzten Restaurierung des Deckengemäldes wurden spätere Übermalungen abgenommen, was im Vergleich zu einer historischen Aufnahme des Landesdenkmalamtes zu sehen ist.

Apoll musagetes

Apoll mit Lyra ist auf dem Berg Parnass als Anführer der Musen gezeigt. Am vorderen Bildrand rechts erkennt man im weißen Gewand die Muse Kalliope beim Harfenspiel.[68] Sie ist die Muse der epischen Dichtung, der Wissenschaft, der Philosophie und des Saitenspiels. Bei den drei übrigen Musen in blauen, beziehungsweise blau-grünen Gewändern scheint es sich um Musen des Tanzes als Varianten der Terpsichore zu handeln, wobei das einschlägige Attribut der Leier zugunsten des Tamburins fehlt. Die etwas ernsteren Musen der Geschichtsschreibung und der Astronomie fehlen.

Bei der letzten Restaurierung des Deckengemäldes wurden spätere Übermalungen abgenommen, was im Vergleich zu einer historischen Aufnahme des Landesdenkmalamtes zu sehen ist.

Die Zeit rettet die Wahrheit vor dem Neid

In der Mitte des Gemäldes fliegt Saturn als alter Mann in einem roten Gewand mit großen Flügeln und Sichel. Die Frau, die er hinwegträgt, ist die Wahrheit, die als „nackte Wahrheit“ meist gänzlich unbekleidet dargestellt wird, in der Favorite jedoch züchtig bekleidet wurde. Dass es sich um die Wahrheit und nicht etwa die Schönheit des im Sinne von „Die Zeit raubt die Schönheit“ handelt, ist daran zu erkennen, dass rechts unten in der Ecke mit den Schlangen im Haar der Neid zu sehen ist. Links neben der Wahrheit weist ein Putto dem Betrachter eine Sichel und den Schlangenring der Ewigkeit.

Lambris mit Szenen aus den Metamorphosen des Ovid
 


Arkas folgt seiner Mutter Kallisto zum Gestirn des großen und des kleinen Bären
 


Kephalos beweint die von ihm versehentlich getötete Prokris
 


Narciss verliebt sich in sein Spiegelbild


Ruhende Diana in arkadischer Landschaft


Leda mit dem Schwan


Apoll und Kyparissos


Latona bittet Jupiter, die lykischen Bauern in Frösche zu verwandeln


Landschaft mit ruinösem Brunnen und einer Statue des Bacchus


Polyphem schleudert einen Stein nach dem Schiff des Odysseus


Landschaft mit Kirche


Landschaft mit Brücke und einem Zugbrunnen


Prunkschlafzimmer des Erbprinzen

Das Prunkschlafzimmer mit kostbarem Scagliola-Fußboden öffnet sich mit zwei Fenstern auf den Garten und erstreckt sich mitsamt dem Alkoven bis zum Erschießungsflur des Piano nobile. Der ringsumlaufende Sockellambris präsentiert in gemalten Feldern Landschaften und stehende Gottheiten. Der Plafond beginnt über einem durchlaufenden Gesims mit einer flachen Voute.

Die vier bronzierten Eckreliefs der Voute

In den vier Ecken des Plafonds befinden sich geschweift konturierte bronzierte Reliefs mit einigen goldenen Akzenten. Sie zeigen alttestamentliche Szenen und Szenen aus der römischen Historie, die vermutlich als tugendhaftes Vorbild vornehmlich Frauen dienten. In mehreren Szenen, die im Einzelnen noch entschlüsselt werden müssten, spielen Königinnen eine Rolle. Der tugendhafte Selbstmord der Lucretia ist schon jetzt zu benennen.

Die sechs erzählenden Szenen der Wandbespannung: Alexander der Große, vier Jahreszeiten, Neptun und Amphitrite, Geburt der Venus, Amphitrite, Frauen in einem Garten mit Brunnen

Die Wandbespannung erscheint im Inventar von 1762 wie das Bett „á petit point gearbeitet […] untermischt deren Fond von schwartzem Tuch und mit einem Gatter von schwartzen Goldfaden überzogen“.[53] Einen Kamin gab es nach Ausweis der historischen Grundrisse nicht. Die Wandbespannung nimmt zwischen erhabenen Textilpilastern gestickte erzählende Szenen und darüber gestickte emblematische Darstellungen mit Tieren auf.

Die erzählenden Szenen der gestickten Bildfelder zeigen für einen Betrachter mit dem Rücken zum Fenster links Alexander den Großen vor dem Zelt der Frauen des Darius nach Charles Le Brun. Die Szene, die sich wegen des von Alexander dem Großen in vorbildlicher Weise geübten Großmuts für einen zukünftigen Regenten als Exemplum anbot, wurde mehrfach, unter anderem auch in Augsburg gestochen.

Richtung Bett folgt eine Allegorie der vier Jahreszeiten. Die vier weiblichen Personifikationen sitzen in einer Art Paradiesgarten. Im Zentrum thront die Personifikation des Herbstes, der eine herbeifliegende Amorette eine Weintraube in ihren Kelch gleiten lässt, während sich die Personifikation einem Bacchanten in einem Weinfass zuwendet. Zu ihrer Rechten hat sich Ceres mit einem Ährenbündel für den Sommer niedergelassen, zu ihrer Linken Flora mit Blumen für den Frühling. Am unteren Bildrand sitzt die Personifikation des Winters in einem Prunkschlitten, während neben ihr in einem Becken ein Feuer brennt.

Innerhalb des Alkovens folgt als weitere gestickte Szene möglicherweise Amphitrite. Sie wird von Delphinen in einem Wagen über das Wasser gezogen. Ihr Schal bläht sich als Segel im Wind. Hinter ihr reitet ein Putto auf einem Delphin. Neben ihr steht eine Nymphe mit Girlande. An der Spitze ihres Wagens stehen eine Frau mit Tamburin und eine mit einer Amphore mit Blumen auf dem Kopf. Sollte es sich um Amphitrite handeln, wäre auch sie züchtig bekleidet, allerding mit einem roten, Liebe verheißenden Gewand.

Für den Betrachter mit dem Rücken zum Fenster beginnen die Szenen rechts mit Neptun (mit Dreizack) und Amphitrite in einem von Hippokampen mit gepunkteten Fischschwänzen gezogenen, von Amor gelenkten Wagen. Begleitet wird der Liebeswagen in den Wolken von drei Putten mit Blumen, Liebespfeilen und einer aufrecht brennenden Fackel. Im Wasser schwimmt ein weiterer Putto, während zwei weitere den Wagen anzuschieben scheinen. Amphitrite trägt ein goldenes Gewand mit einem Pelzkragen, der in der gleichen Weise gepunktet ist wie die Fischschwänze der Zugtiere. Das Motiv, für das die Vorlage noch nicht gefunden wurde, wirkt französisch.

Auf Neptun und Amphitrite folgt als Pendant ein weiteres Bild zum Meer. Dargestellt ist die Geburt der Venus, die flankiert von zwei Begleiterinnen auf einer Muschel sitzt. Alle drei Frauen halten über ihren Köpfen vom Wind geblähte Schals. Die Frau zur Rechten der Venus sitzt auf einem Triton mit gepunktetem Fischschwanz, diejenige zur Linken steht auf einem gepunkteten Delphin. Die Muschel der Venus wird von zwei schwimmenden Jünglingen gehalten. Aus den Wolken schießt Amor einen Liebespfeil auf Venus ab. Am unteren Bildrand reitet ein kleiner Amor auf einem Delphin. In Anbetracht dessen, dass der französische Thronfolger den Ehrentitel des Dauphins trug, könnte auch hier eine französische, in Frankreich auf den Thronfolger gemünzte Vorlage umgesetzt worden sein.

Innerhalb des Alkovens zeigt das gestickte Bild Frauen in einem Garten. Die Hauptperson, der Schalen mit Obst und Blumen gebracht werden, sitzt vor einem hohen Schalenbrunnen. Vor ihr kniet eine Frau, um ihr die Füße zu waschen, sodass auch dieses Bild vom Wasser geprägt ist. Im Himmel tragen Putten eine Girlande.

Insgesamt fallen bei den gestickten Szenen die Wasseraffinität und die Vielzahl der Delphine auf. Die Delphine könnten auf Frankreich verweisen. Abgesehen von der männlich konnotierten großmütigen Alexanderszene verherrlichen die Szenen die Liebe und vor allem die zu verwöhnende Frau.

Das Paradebett mit der Traumdeutung Josephs von Ägypten

Das nachweislich erst 1723 aufgestellte Paradebett weist an seinen Behängen und im Inneren des Betthimmels zahlreiche gestickte Szenen auf. Sie wurden 1981 von Eva Zimmermann weitgehend entschlüsselt.[69] Zentral und bedeutungstragend für die Themen Schaf, Traum und die Tugenden eines Regenten ist die Szene im inneren Betthimmel „Joseph deutet die Träume des Pharaos“ nach einer Vorlage von Raffael.

Minerva führt einen Jüngling Jupiter entgegen
 

Benennung des Sujets

Im zentralen Deckengemälde fliegt Minerva, die einen Jüngling dem Göttervater Jupiter entgegengeführt, der diesen mit einem Lorbeerkranz empfangen wird. Minerva war die Göttin sowohl der klugen Staats- und Kriegsführung als auch des Handwerks. Im Prunkschlafzimmer steht sie für die Staats- und Kriegführung, was aus den Attributen zu schließen ist. Minerva, die jung und schön aus Jupiters Kopf entsprungen ist, trägt Helm und Flügelschuhe als Zeichen ihrer Schnelligkeit. Zwei Putten spielen mit ihren kriegerischen Attributen der Lanze und des Spiegelschilds. Die Ordenskette in den Händen eines weiteren Puttos steht für Auszeichnungen, die ein Staatsmann verleihen oder auch erhalten kann.

Der Putto mit Fackel könnte für den Morgenstern und im Kontext des Deckengemäldes auch für das anbrechende Leben, also die Jugend stehen. Auffällig ist der wehende Federbusch von Minervas Helm. Er soll vermutlich die Dynamik illustrieren, mit der Minerva sich des Jünglings annimmt.

Jupiter auf dem Adler mit Lorbeerkranz kehrt herausgehoben als Motiv an der Decke der Sala terrena wieder. Deshalb hat man diese einzige farbig und damit naturalistisch gemalte Gottheit am Plafond der Sala terrena vermutlich auf das Prunkschlafzimmer des Erbprinzen beziehen.

Literarische Wurzel des Motivs

Das Motiv des Jünglings, der von Minerva geführt wird, hat seine literarische Wurzel in der Antike. Der Sohn des Odysseus, Telemachos, bekam von seinem Vater einen Erzieher mit Namen Mentor zur Seite gestellt. Um dem jungen Telemachos auf seiner Suche nach seinem Vater beizustehen, schlüpfte Minerva immer wieder in die Gestalt von Mentor.

Die Übertragung des antiken Motivs auf neuzeitliche zukünftige Regenten ist nicht in Stichen abgelegt, sodass sich für Schloss Favorite kein konkretes Vorbild benennen lässt. Bekannt ist das Thema vor allem von Pietro da Cortona im Palazzo Pitti in Florenz. Dort entreißt Minerva den Jüngling der Obhut von Venus, um ihn Herkules zur Erziehung zuzuführen. Etwas später prägt es die Ikonographie des jungen Ludwig XV., der auf einem als Stich weit verbreiteten Gemälde von Antoine Coypel von Minerva an die Hand genommen wird.

Lambris: Landschaften mit Burgen, Reitern und Bauern, Mars, Venus, Diana, Apoll

Die durchgehend bemalten Lambris verheißen Entspannung mit Landschaften mit Burgen, Reitern und Bauern. Die in hochrechteckigen Feldern dazwischenstehenden Gottheiten von Mars, Venus(?), Diana und Apoll lassen sich zu Paaren zusammenfassen, womit vielelicht auf die Ehe des Erbprinzen angespielt wurde.

Florentiner Kabinett

Das prächtige Eckkabinett mit einer Wandvertäfelung mit Florentiner Pietra-Dura-Arbeiten entstand nach Ansicht von Simone Kunz, der eine Analyse des Raumes zu verdanken ist, im Anschluss an die Florenzreise der Markgräfin im Jahr 1719. In die Spiegel wurden kolorierte Miniaturbildnisse berühmter Maler, Bildhauer, Architekten und historischer Persönlichkeiten eingelegt, die als Radierungen Joachim von Sandrarts Teutscher Academie entnommen worden waren.[70] Im Unterschied zum Speise- und Empfangszimmer, wo die Metamorphosen des Ovid in den Lambris auf die moralische Unterweisung zielten, sollte sich der Erbprinz im Prunkkabinett zu einem weltläufig kultivierten, gesellschaftsfähigen Fürsten heranbilden.

Das Florentiner Kabinett zeichnete sich ebenso wie das symmetrisch am anderen Ende der Gartenfassade liegende Spiegelkabinett durch „1 großer Henckleuchter mit 12 Armen von geschliffenem Cristal und rothem Rubinfluß“ aus.[65]

Privatappartement des Erbprinzen

Die privaten Räume des Erbprinzen begannen wie die der Markgräfin an der Eingangsseite des Piano nobile und erstreckten sich auch bei ihm über vier im Wesentlichen gleichgroße quadratische Räume bis hin zum Florentiner Kabinett. Auch beim Erbprinzen verschob sich im Laufe der Nutzung des Schlosses die Zäsur zwischen den öffentlichen und eher privaten Räumen um ein Zimmer in Richtung Eingangsseite.

Im Inventar von 1762 stand das Bett nicht mehr im privaten Schlafzimmer (R. 112), das zum „Nebenzimmer bey dem Florentiner Cabinet“ umfunktioniert worden war, sondern in Raum 111, der damals als grünes Schlafzimmer bezeichnet wurde.[65] Die Böden sind durchgehend aus Holz, durch das sich die Privaträume von den Prunkräumen mit Scagliola-Böden konzeptionell absetzten.

Raum 1
 

Im Inventar von 1762 wurde dieser erste, an der Eingangsseite gelegene Raum des Privatappartements, der als Vorzimmer gedient haben könnte, mit „Spallier von geblumbten Ind. Bast“ beschrieben. Den Plafond, der über einem durchlaufenden Gesims mit einer Voute beginnt, ziert ein längsrechteckiges Deckengemälde, das von einem breiten ornamentierten Band mit Eckkartuschen in blau-goldenem Rautenmuster umgeben ist.

Die Voute nimmt in den Ecken und in der Mitte der langen Seiten golden gefasst Stuckfiguren auf, die durch stuckierte Porzellangefäße auf Etageren ergänzt werden. In den Ecken handelt es sich um Frauen zwischen Rauchgefäßen, also vielleicht um Priesterinnen. An den Langseiten sind den Frauen Kinder beigegeben.

An den kurzen Seiten steht in der Voute über dem Fenstertrumeau das von zwei Frauen gehaltene vergoldete Allianzwappen Baden-Baden und Sachsen-Lauenburg. Gegenüber prangt eine kleine, ebenfalls von zwei Frauen gehaltene Kartusche mit einem verschlungenen Monogramm, das mit „A“ und „M“ für die erste Gemahlin des Erbprinzen, die ihm 1721 angetraute Prinzessin Anna Maria von Schwarzenberg stehen dürfte. Rein theoretisch standen nach der Hochzeit die privaten Räume des Erbprinzen auch seiner Gemahlin zur Verfügung, doch ist die tatsächliche Nutzung der Raumfolge bislang noch nicht bekannt.

Decke mit Chinesen, Weinlaub und Himmelsausblick
 

In der Mitte des Deckengemäldes öffnet sich über einem türkisfarbenen Fond in einem von Lorbeerblättern umwundenen ovalen Rahmen der Himmel mit einem auffliegenden Vogel und einem Schmetterling. Den türkisfarbenen Fond gliedern gemalte Eck- und Mittelkartuschen. In den Ecken tragen Chinesen in gebückter Haltung rotbraune Tongefäße mit phantastischer Goldmontierung. An den Langseiten sitzen jeweils zwei goldene, angekettete Hunde auf einem Sockel vor blauem Hintergrund. An den Schmalseiten hat sich unter einem goldenen Baldachin mit Lambrequins und Federbusch ebenfalls vor blauem Hintergrund jeweils ein kleiner geflügelter Amor auf einer Muschel niedergelassen. Einer bläst in eine Flöte, der andere hält Blumen.

Die gemalten Kartuschen der Lang- und der Schmalseiten bilden den Ausgangspunkt für Ornamente. Es entspringen sowohl volutenförmig Akanthusblätter als auch Weinlaub mit goldenen Trauben und eine Art Efeu. Außerdem entspinnt sich ein Bandelwerk mit merkwürdig spitzen, konvex-konkav geführten Zügen. Der Entwurf der Decke dürfte von Franz Pfleger stammen, der sie auch gemalt haben könnte. Charakteristisch ist der Schattenwurf aller Motive inklusive Pflanzen, Vasen und Figuren, der der Decke Plastizität verleiht und den Entwurf zusätzlich belebt.

Raum 2
 

Im Inventar von 1762 wurde das Eckzimmer wie das Richtung Eingangsseite vorangehende Zimmer mit „Spalir von geblumbten ind. Bast“ beschrieben.[65] Seinen Blickfang bildet ein großer Eckkamin mit Imitationen Delfter Fliesen und Konsolen zum Aufstellen von Porzellanen.

Die Decke besteht aus einem ovalen Groteskenplafond mit in der Mitte einem kleinen gelben Himmelsausblick und in der Voute vier gemalten Medaillons mit chinoisen Szenen der Kindererziehung. Vervollständigt wird der Dekor in der Voute durch kleine vergoldete Stuckfiguren. Es handelt sich durchgehend um Frauen, in den Ecken als Paare, an den Seiten als Einzelfiguren. An den Seiten sitzen die Frauen auf einem ornamentierten Sockelband vor einem grauen Fond mit goldenen Punkten. Einigen von ihnen leisten bunte Vögel Gesellschaft.

Groteskenplafond mit sitzenden Chinesen, Vögeln und Drachen
 

Das zentrale Deckengemälde lehnt sich mit der strahlenförmigen Anordnung der miteinander verketteten Motive an einen Groteskenplafond an, obwohl es im Unterschied zum Groteskenplafond in der Mitte keine Rosette, sondern einen kleinen Himmelsausblick mit Vögeln vor goldgelben Wolken aufweist.

Die Diagonalen des Ovals beginnen entlang des Rahmens mit geschweiften Medaillons mit Goldgrund, vor dem chinoise Figuren mit und ohne Architektur und Bäumen stehen. An den langen Seiten des Ovals sitzen unter roten Zelten Chinesen im Schneidersitz auf Sockeln. Der eine hantiert mit Vögeln, der andere hält ein Fähnchen in der Hand. An den kurzen Seiten des Ovals stehen entlang des Rahmens rotbraune, goldmontierte Gefäße unter einem Blumenkranz. Zwischen den Bekrönungen der Zelte und den Blumenkränzen vermitteln bunte Vögel und Drachen, die mit Schnüren an Gestelle gebunden sind. Die Gestelle stehen auf den Kartuschen der kurzen Seiten des Ovals, sodass die Vögel und Drachen alle acht Motive der Basis miteinander verbinden.

Die vor dem Himmelsausblick fliegenden Vögel interagieren miteinander. Ein großer weißer Raubvogel oder auch eine Taube dominiert über einen kleineren braunen Vogel. Ein weißer, reiherartiger Vogel fliegt von unten herbei. Der Himmelsausblick wird von einem goldenen Band eingefasst.

Der Plafond zeichnet sich durch Feinheit im Entwurf und eine delikate Farbigkeit aus, die durch die Verwendung von Gold einen kostbaren Charakter bekommt. Die Schattenränder und die Schatten der Schnüre, die die Vögel und Drachen an ihren Stangen halten, verbinden ihn mit dem Plafond des vorangegangenen Zimmers Richtung Eingangsseite. Sie stammen beide von derselben Hand, hinter der Franz Pfleger zu vermuten ist.

Trabanten mit chinoisen Erziehungsbildern
 

In den vier Trabanten, deren Voluten am Scheitel ihres ovaloiden Rahmens das Band rings um das Hauptbild berühren, wurden Szenen der Unterweisung von Kindern in chinoisem Gewand gemalt. Die Gemälde erinnern im Entwurf an das Titelbild der Stichserie zum Chinesischen Fest, das die Markgräfin am 11. Januar 1729 anlässlich ihrer Übersiedelung nach Ettlingen in Ettlingen ausrichtete. Die Entwürfe für das bei Johann Christian Leopold in Augsburg erschienenen Stichwerk werden Franz Pfleger zugeschrieben.[71]

Das Abrichten von Vögeln (?)
 

In einem Innenraum mit rautenförmigem Fußbodenmuster sitzt am rechten Bildrand vor einem roten Vorhang ein Chinese mit grünem Mantel und einem spitzen Hut. Vor ihm steht ein blau bezogener Tisch neben dem auf einem Gestell ein angeleinter grüner Papagei sitzt. Der Mann reicht ihm etwas Grünzeug. Möglicherweise möchte er ihn so zum Sprechen bewegen.

Religiöse Unterweisung (?)
 

In einer Landschaft mit rechts einem Berg mit Bäumen und links zwei einzelnen Bäumen steht ein chinesischer Mann, der von der Kleidung her als Magier gelten könnte. Er trägt einen weiten blauen Mantel, unter dem ein prächtiges weiß-goldenes Gewand hervortritt. Der Mann hat in der Rechten einen Stock, mit der Linken weist er auf eine mannshohe Vase. Von rechts eilt ein Kind in einem roten Anzug und einem dicken Buch unter dem Arm herbei.

Sitzender Mann vermutlich ehemals mit einem Kind
 

Auf einer grünen Wiese sitze ein Chinese mit rot-blauer Hose und einem gelben Oberteil. Er stützt sich mit dem rechten Arm ab, mit dem linken hält er einen Zweig in die Höhe, während er traurig vor sich auf den Boden schaut. Neben ihm saß vermutlich ehemals ein Kind, das jedoch vermutlich beschädigt und durch die bei genauem Hinsehen zu erkennende Retusche ersetzt wurde.

Warnung vor Vogelfallen (?)
 

Auf einer Wiese steht eine asiatische Frau mit Haarknoten in einem goldgelben Kimono. Sie beugt sich zu einem Kind in blauer Jacke über einem weißen Untergewand hinunter und zeigt auf einen Mann in kurzem roten Anzug, der offenbar über eine Schnur gestürzt ist. Die Schnur ist an einer hölzernen Vorrichtung befestigt und könnte dem Vogelfang gedient haben.

Raum 3
 

Im Inventar von 1762 wird der Raum, in dem damals ein grünes Bett stand, als grünes Schlafzimmer geführt.[65] Wie im vorangehenden Zimmer prangt auch hier ein großer Eckkamin mit Imitationen von Delfter Fliesen und Konsolen zum Aufstellen von Porzellanen. Auf die grüne Wandbespannung wurden in symmetrischer Anordnung japanische Puppen appliziert.[72] Die ebenfalls aus Japan stammenden Falken wurden auf zartrosa Stoff in geschweiften rahmen montiert, wobei das Zartrosa mit der Voute an der Decke korrespondiert.

Der Plafond folgt dem Schema des Groteskenplafonds mit geschlossenem Mittelfeld und sternförmig angeordneten, miteinander verketteten Motiven. In der Voute wurden in den Ecken und in der Mitte der Seiten vor einen golden gepunkteten zart rosa Fond vergoldete weibliche Figuren stuckiert. In den Ecken stellen sie die vier Jahreszeiten dar, wobei der Winter als Frau vor einem Feuer und einem Eichhörnchen wiedergegeben ist. An den Seiten stehen Frauen mit einem Kind.

Ein gattungstechnisch witziges Detail bringt die Stuckfigur des Herbstes. Sie hantiert mit stuckierten und vergoldeten Trauben, in die einer der gemalten Vögel der Voute hineinpickt. Weitere gemalte Vögel interagieren, indem sie sich nach demselben Wurm strecken. Ein anderer Vogel scheint sich am Rand eines stuckierten Kartuschenrahmens festzuhalten. Außerdem halten die Vögel in ihren Schnäbeln Blattranken, die sich in den einzelnen Felder der Voute ausbreiten.

Groteskenplafond mit stehenden Chinesinnen und Adlern
 

Die Ecken des leicht rechteckigen Groteskenplafonds sind konkav eingezogen. Dieser Umriss wird als fingierter Baldachin weitergeführt, indem die Ecken scheinbar konvex vortreten und Sockel für stehende Porzellanfiguren unter Baldachinkartuschen ausbilden. Die gemalten Porzellanfiguren tragen bunte Kostüme in der Art einer Wasserträgerin, einer Spinnerin, eines Mannes im grünen Gewand und eines Mannes im blauen Gewand. Die Bekrönung der Kartuschen, die die Porzellanfiguren wie ein Baldachin überfangen, berühren das blaue Ornamentband, das die goldene rechteckige Faltkuppel im Zentrum umgibt.

An den langen Seiten stehen ein brauner Adler und ein weißer Reiher mit ausgebreiteten Flügeln auf lambrequinbehangenen Sockeln. An den kurzen Seiten stehen auf Gueridons goldenen Prunkvasen. Sie werden zu beiden Seiten von chinesischen Menschen mit Architekturen oder Schirmen flankiert. Von dem blauen Ornamentband hängen Blumenfestons, die die Motive miteinander verbinden. Vor der goldenen rechteckigen Faltkuppel fliegen ein blauer, ein gelber und ein braunroter Schmetterling.

Der Plafond variiert und entwickelt Motive weiter, die auch die drei vorangegangenen Plafonds im Wohnappartement des Erbprinzen kennzeichnen. Der mutmaßliche Entwerfer und Maler Franz Pfleger inspirierte sich dabei außer vermutlich an Stichvorlagen an den chinoisen Sammlungen der Markgräfin. Die Vögel, die mit Schnüren an Gestelle gefesselt sind, gab es in der Favorite als japanische Appliken. Die stehenden Figuren orientierten sich in ihren Proportionen an Guanyin.

Raum 4 – Privates Schlafzimmer des Erbprinzen
 

Der quadratische Raum mit Holzboden unmittelbar neben dem Florentiner Kabinett wurde bauzeitlich als gewöhnliches Schlafzimmer konzipiert, obwohl er 1762 als „Nebenzimmer bey dem Florentiner Capinet“ bezeichnet wurde[65] und das Bett ein Zimmer weiter Richtung Eingangsseite stand. Laut Inventar von 1762 besaß er schon damals seine heutigen „Spallier von Indianischem gemahlten Papir“.[65] Die Papiertapeten setzen sich aus großen rechteckigen, im Rapport sich wiederholenden Feldern zusammen, die in ihrer Gesamtheit ringsum von vergoldeten Bordüren eingefasst werden. Die Felder des Sockellambris ziert gemaltes Bandelwerk.

Das breite Band, das auch in diesem Raum das zentrale Gemälde am Plafond umgibt, ist lediglich ornamentiert. Die figürliche Malerei beschränkt sich auf das zentrale Deckengemälde und vier Eckmedaillons in der Voute. Gemalte Blumenranken und Schmetterlinge flankieren die Eckmedaillons. Vögel sitzen auf Bandelwerkstuck.

Deckengemälde: Minerva straft Arachne am Webstuhl, worüber Jupiter erschrickt
 

Das zentrale Deckengemälde im gewöhnlichen Schlafzimmer des Erbprinzen wurde erst im Rahmen der vorliegenden Bearbeitung in seinem Sujet erkannt.[73] Dargestellt ist Minerva, die Arachne für ihre Hybris bestraft, sie unwissentlich zu einem Wettstreit im Weben herausgefordert zu haben. Minerva, die wie im Prunkschlafzimmer des Erbprinzen mit einem blauen Gewand und einem roten Federbusch am Helm dargestellt ist, stößt dynamisch vom Himmel herab. Ihren Helm hat sie abgenommen, sodass darunter eine weiße Haube in ihr Gesicht in Untersicht zu sehen ist. Ein Putto hält ein dynamisch sich aufbauschendes weißes Tuch.

Die Weberin Arachne, die ihr Handwerk unwissentlich von Minerva erlernt hat, hat den Webstuhl verlassen, der links unten im Bild zu sehen ist. Am Webstuhl auf einem roten Tuch machen sich interessiert zwei Putti zu schaffen. Arachne am rechten Bildrand ist aufgesprungen und hat ihre Arme in Abwehr erhoben. Den Metamorphosen des Ovid zufolge hatte sie einen wunderschönen Teppich mit den Liebschaften des Jupiter gewebt. Minerva zürnte und stieß ihr das Webschiffchen in die Stirn.

Arachne versuchte daraufhin sich zu erhängen. Minerva ließ Gnade walten und verwandelte sie in eine Spinne. Die Geschichte ist eine Warnung vor Hybris, also vor Hochmut, Überheblichkeit und Vermessenheit. Auch das nicht Anerkennen von Unterweisung und Erziehung ist ein Aspekt der Hybris, denn Begabung kommt von den Göttern.

Dargestellt ist der Moment der Bestrafung, obwohl das Webschiffchen im Fresko nicht zu erkennen ist. Rechts oben im Bild thronen Jupiter und Juno, wobei sich Jupiter entsetzt die Hand vor den Mund hält. Entweder erschrickt er über Minervas grausame Bestrafung oder – in Anbetracht seiner dominanten Stellung als Göttervater aber eher unwahrscheinlich – über den im Gemälde nicht dargestellten Teppich mit seinen Liebschaften. Allerdings schaut Juno mit dem Zepter in der Hand ihn vorwurfsvoll an. Neben Jupiter sitzt sein Adler, der überrascht auf das von Jupiter hochgerissene Blitzbündel zu blicken scheint.

Die Szene folgt einer Vorlage von Johann Wilhelm Baur von 1641, die als Kopie auch von Melchior Küsel 1681 in Augsburg verlegt worden war, sodass sie für Künstler leicht erreichbar war.[74] Insbesondere die erschreckt auffliegende Arachne ist von der Vorlage übernommen. Die Putten am Webstuhl sind ebenso wie Jupiter und Juno eine Erfindung für die Favorite.

Trabanten mit exotischen Menschen in Landschaft
 

So wie das zentrale Sujet der Minerva den Plafond des privaten Schlafzimmers mit dem des Prunkschlafzimmers verbindet, knüpfen die vier Trabantengemälde in den Ecken an die vorangegangenen Zimmer des Privatappartements an. Sie zeigen exotisch anmutende Figuren und zwar einen dunkelhäutigen Krieger, eine Frau mit Blumen, einen Gaukler und eine Tulpenfrau. Vermutlich entstanden die Figuren nach Vorlagen, ohne die sich ihr tieferer Sinn nicht ermitteln lässt. Auffällig ist es, dass es sich um zwei Männer und zwei Frauen handelt.

Dunkelhäutiger Krieger
 

Ein dunkelhäutiger Krieger steht breitbeinig vor dem Betrachter. Den Kopf mit Bart hat er für den Betrachter nach links gewandt. In seiner Linken hält er eine Lanze mit großer Pfeilspitze, mit der Rechten greift er zu seinem Degen. Er trägt einen roten Panzer über einem gelbblauen Rock. Die Stiefel sind gelb. Der Eindruck von Brutalität wird durch den Baumstumpf links im Bild verstärkt.

Tänzerin mit Blumen
 

Eine tänzerisch voranschreitende Frau in blauem Gewand und einem goldenen, im Wind flatternden Schal trägt in einer nach unten spitz zulaufenden Vase einen Blumenstrauß. Palmen im Hintergrund geben der Szene ein exotisches Gepräge, doch weist das helle Gesicht der Frau unter einem goldenen Kopftuch keine asiatischen Gesichtszüge auf.

Gaukler
 

Dargestellt ist ein breitbeinig stehender Mann mit Bart, ringförmiger Mütze und einem zipfeligen Kragen. Die Arme enden ebenfalls in Zipfeln, sodass seine Hände nicht zu sehen sind. Zwischen seinem Schritt hängt ein dunkles hochrechteckiges sechseckiges Schild. Die Bedeutung der Figur müsste anhand von graphischen Vorlagen noch geklärt werden.

Tulpenfrau
 

Eine asiatisch anmutende, möglicherweise jedoch europäische Frau trägt auf dem Kopf einen weitausladenden Hut mit einer Tulpenpflanze. Weitere Tulpen hält sie in ihrer linken Hand, in der rechten hält sie eine Schnur und Blattranken. Sie trägt Stiefel bis übers Knie, ein kurzes Kleid mit Volant und ein blaues Jäckchen.

Das zweite Obergeschoss mit stuckierten Kaminen der 12 Monate

Im zweiten Obergeschoss, das sich am Außenbau als Mezzanin erweist, wurden die niedrigen Räume nicht ausgemalt. Da sich einige der Räume zu einem selten anzutreffenden raumweise präsentierten Zyklus von Kaminreliefs der 12 Monate zusammenschließen, wird es hier dennoch erwähnt. Jeder Monat ist als hochovales farbig gefasstes Relief einer oder zweier Personen dargestellt. Den Scheitel der Ovale krönen jeweils die stuckierten Tierkreiszeichen.

Der Zyklus der 12 Monate passt wegen seines Bezugs zur Natur zu einem Lustschloss. Gleichzeitig vervollständigt er konzeptionell das Programm der Deckenmalereien des Rastatter Residenzschlosses. Dort wurde im Treppenhaus, im Paradeappartement des Markgrafen und in der hinteren, dem Hof zugewandten Raumfolge des Markgrafen der Sonnengott Apoll mit seinem Hofstaat dargestellt. Der Ordnung, Fruchtbarkeit und Ebenmaß verheißende Hofstaat des Apoll beschränkte sich in Rastatt auf die vier Jahreszeiten, denen in der Favorite im Mezzanin die 12 Monate zugesellt worden sein könnten.

Programm und Synthese

Das Bildprogramm von Schloss Favorite unterscheidet zwischen der Seite der Regentin und der des Erbprinzen. Obwohl ikonographisch die Seite des Erbprinzen ungleich schwerer wiegt als die der Regentin, behält die Regentin dennoch die Oberhand. Markgräfin Sibylla Augusta stellte sich in Schloss Favorite ergänzend zum Residenzschloss als Regentin des Landes und Vormünderin ihrer Kinder dar. Vermittels Minerva als webender Göttin der Klugheit war sie nicht nur in ihren eigenen, den fürstlichen Sammlungen gewidmeten Räumen präsent, sondern auch in denen des Erbprinzen, in denen sie zukünftigen Generationen ein moralisches Vermächtnis hinterließ.

Arkadengänge

Die Arkadengänge zu beiden Seiten der Zufahrt zum Haupteingang des Schlosses entstanden 1718 und 1725–1726 nach Entwürfen von Michael Ludwig Rohrer.[75] Sie besitzen einen Mittelpavillon und zwei rechteckige Eckpavillons. Die offenen Arkaden konnten im Winter durch Bretterwände mit eingesetzten Glasscheiben geschlossen werden,[76] sodass man in ihnen Pflanzen überwintern konnte. Im Inneren befanden sich Öfen, von den noch Nischen zeugen.

Gemalte Orangenbäume in Kübeln an den Wänden

Die Arkadengänge waren mit Orangenbäumen in Kübeln ausgemalt, von denen sich einer erhalten hat. In den Laibungen und über einem Eckkamin finden sich Reste von gemalten Weinspalieren.[77] Die Malerarbeiten im westlichen Arkadengang datieren von 1726.[78]

Bibliographie

  • • AK Extra Schön, 2008 = Ausst.-Kat. Extra Schön. Markgräfin Sibylla Augusta und ihre Residenz. Eine Ausstellung anlässlich des 275. Todestages der Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden, hg. Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Katalog: Petersberg 2008.
  • • Cassidy-Geiger, Broderie en Jais, 2001: Maureen Cassidy-Geiger, ‘La Broderie en Jais’. Glass Bead Embroidery for Interior Decoration, in: Ausst.-Kat. Ijdel stof. Interieurtextiel in West-Europa 1600–1900, hg. von Wim Mertens, Antwerpen 2001, S. 307–312.
  • • Durian-Ress, Textilien Favorite, 2008 = Saskia Durian-Ress, Zur Rolle der Textilien in Schloss Favorite und in der Schlosskirche, in: Ausst.-Kat. Extra Schön. Markgräfin Sibylla Augusta und ihre Residenz. Eine Ausstellung anlässlich des 275. Todestages der Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden, hg. Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Katalog: Petersberg 2008, S. 115–121.
  • • Kaack, Sibylla Augusta, 1983 = Hans-Georg Kaack, Markgräfin Sibylla Augusta. Die große badische Fürstin der Barockzeit, Konstanz 1983.
  • • Kunz, Florentiner Kabinett, 2010 = Simone Kunz, Die Miniaturporträts im Florentiner Kabinett von Schloss Favorite. Traditionelle und zukunftsweisende Elemente höfischer Erziehung, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, 158 (2010), S. 285–308.
  • • Przyborowski, Commesso-Tafeln, 1998 = Claudia Przyborowski, Commesso-Tafeln im Florentiner Kabinett in Schloss Favorite bei Rastatt. Studien zu Arbeiten der Galleria dei Lavori in Florenz zu Beginn des 18. Jahrhunderts, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz, 42 (1998), S. 383–457.
  • • Rathgeber, Maschke, 1993 = Paul Rathgeber, Walter Maschke. Künstler und Restaurator, in: Der Landkreis Calw. Ein Jahrbuch 11 (1993), S. 57–62.
  • • Schloss Favorite, 2001 = Sigrid Gensichen/Ulrike Grimm, Schloss Favorite Rastatt-Förch, hg. von Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Staatsanzeiger für Baden-Württemberg, Schwetzingen 2001.
  • • Schloss und Schlossgarten Favorite, 2019 = Sigrid Gensichen/Ulrike Grimm/Manuel Bechtold/Sandra Eberle, Schloss und Schlossgarten Favorite Rastatt, hg. von Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Petersberg 2019.
  • • Seeger, Wien, 2006 = Ulrike Seeger, Wien um 1700, in: Zwischen Sonne und Halbmond. Das Erbe des Türkenlouis: Bauen und Be¬wahren. Kolloquium zur Baugeschichte und Denkmalpflege der Barockresidenz Rastatt, hg. Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Stuttgart 2006, S. 7–12.
  • • Sillib, Favorite, 1929 = Rudolf Sillib, Schloß Favorite und die Eremitagen der Markgräfin Franziska Sibylla Augusta von Baden-Baden, 2. Auflage, Heidelberg 1929. (1. Auflage: Neujahrsblätter der Badischen Historischen Kommission, Neue Folge 17, Heidelberg 1914).
  • • Stoll, Rohrer, 1986 = Claudia Stoll, Studien zu Michael Ludwig Rohrer (1683–1732). Markgräflicher baden-badischer Baumeister, phil. Diss., Bonn 1986.
  • • Stopfel, Favorite bei Rastatt, 1983 = Wolfgang E. Stopfel, Schloss Favorite bei Rastatt, Bau und Restaurierung, in: Landkreis Rastatt Heimatbuch 1983, S. 115–132.
  • • Stopfel, Favorite, 2011 = Wolfgang E. Stopfel, Favorita Serenissimae. Die Baugeschichte von Favorite, in: Schloss Rastatt. Schloss Favorite. Menschen, Geschichte, Architektur, hg. von Wolfgang Froese und Martin Walter (Sonderveröffentlichung des Kreisarchivs, 8), Gernsbach 2011, S. 122–132.
  • • Stopfel, Freitreppe, 2001 = Wolfgang Stopfel, Die Freitreppe des Sommerschlösschens Favorite (Rastatt-Förch). Bauwerk mit eigener Geschichte, in: Schlösser Baden-Württemberg, 2001, Heft 3, S. 7.
  • • Stopfel, Lücke, 1994 = Wolfgang E. Stopfel, Vom Schließen einer Lücke, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 23 (1994), S. 155–162.
  • • Zepf, Markgräfin Sibylla Augusta, 2008 = Markus Zepf, Markgräfin Sibylla Augusta als Regentin, in: Ausst.-Kat. Extra Schön. Markgräfin Sibylla Augusta und ihre Residenz. Eine Ausstellung anlässlich des 275. Todestages der Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden, hg. Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Katalog: Petersberg 2008, S. 27–41.
  • • Zimmermann, Prunkbett, 1981 = Eva Zimmermann, Das Prunkbett des Markgrafen Ludwig Georg von Baden-Baden in Schloß Favorite bei Rastatt, in: Documenta textilia, Festschrift für Sigrid Müller-Christensen, hg. von Mechtild Flury-Lemberg und Karin Stolleis (Forschungshefte Bayrisches Nationalmuseum, 7), München 1981, S. 310–327.

Einzelnachweise

  1. Die Baudaten bei Stoll, Rohrer, 1986, S. 92–95.
  2. Hierzu Zepf, Markgräfin Sibylla Augusta, 2008, S. 27–30.
  3. Sillib, Favorite, 1929 (zweite vermehrte Auflage der ersten Auflage von 1914). Bis dahin galt das Schloss als 1725 erbaut (Sillib, Favorite, 1929, S. 34).
  4. Sillib, Favorite, 1929, S. 25–26.
  5. Ebd.
  6. Stoll, Rohrer, 1986, S. 95, Anm. 17.
  7. Sillib, 1929, S. 35 Außerdem nennt als vielleicht auch den Namen Michael Sanguinetti. Bei Sanguinetti müsste es sich um Lazaro Maria Sanguinetti handeln, der schon in Schlackenwerth tätig war und der sich für die Rastatter Hofkirche bewarb. Er wurde für die Hofkirche verworfen mit Verweis auf seine schlechten Arbeiten in Schlackenwerth. Hätte er in der Favorite gemalt, hätte sich Pfleger 1721 gegenüber der Markgräfin nicht auf das viel länger zurückliegende Schlackenwerth berufen müssen. Siehe hierzu: Ulrike Seeger, Rastatt, Residenzschloss, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2021, URL: www.deckenmalerei.eu/9aff0133-3d01-45c3-8eb6-ce56b2517760, letzter Zugriff: 2023-09-09, dort der Abschnitt „Die Ablehnung von Lazaro Maria Sanguinetti“.
  8. Stoll, Rohrer, 1986, S. 98–99, 271 mit Tf. B II 2, Abb. 1–3 und Abb. 4–7.
  9. Stoll, Rohrer, 1986, S. 98–99, 270 mit Tf. B II 2, Abb. 8.
  10. Sillib, Favorite, 1929, Tf. III und Tf. XVI.
  11. Transkription in Auszügen bei Sillib, Favorite, 1929, S. 85–88.
  12. Transkription in Auszügen bei Sillib, Favorite, 1729, S. 88–90.
  13. Transkription in Auszügen bei Sillib, Favorite, 1729, S. 91–104.
  14. Transkription in Auszügen bei Sillib, Favorite, 1729, S. 104–108.
  15. Sillib, Favorite, 1929, S. 24–25.
  16. Sillib, Favoite, 1929, S. 25 mit Quellenangabe: GLA Karlsruhe, Baden-Badische Hofkammerprotokolle 244.
  17. Stopfel , Favorite, 2011, S. 122–123. Der früheste überlieferte Gartenplan bei Sillib, Favorite, 1929, Tafel IX. Ebenso abgebildet in Schloss und Schlossgarten, 2019, S. 63.
  18. 18,0 18,1 Sillib, Favorite, 1729, S. 27.
  19. Sillib, Favorite, 1729, S. 27. Die Daten mit Quellen auch bei Stoll, Rohrer, 1986, S. 92–95.
  20. Sillib, Favorite, 1729, S. 27–28.
  21. Sillib, Favorite, 1729, S. 28.
  22. Sillib, Favorite, 1929, Tafel IX.
  23. Stopfel, Favorite, 1983, S. 117.
  24. Stopfel, Favorite, 1983, S. 117–119; Stopfel, Favorite, 2011, S. 125–126. Die These von Stopfel ohne jeden Kommentar erwähnt bei Stoll, Rohrer, 1986, S. 93, doch datiert Stoll die Grundrisse Rohrers mit im wesentlich dem heutigen Zustand in das Jahr 1710.
  25. 25,0 25,1 Stopfel, Favorite, 1983, S. 118.
  26. 26,0 26,1 Schloss Favorite, 2001, S. 13.
  27. Kunz, Florentiner Kabinett, 2010, S. 291.
  28. Sillib, Favorite, 1929, S. 25.
  29. Stopfel, Favorite, 2011, S. 122.
  30. Zuletzt: Ulrike Grimm, „Dan die Chinesisch und Japanische Kajser würden selber in vergnügteste Entzückung gesezet werden …“ – Zur Chinoiserie in der Favorite, Vortrag der internationalen Tagung „Schloss Favorite – Ausstattung und Sammlungen“, Rastatt 17.–19. September 2023.
  31. Diesen Gedankengang hat die Autorin erstmals in ihrem Vortrag „Zwischen Botschaft und Typologie – die Bildprogramme der Decken, Wände und Textilien“ auf der internationalen Tagung „Schloss Favorite – Ausstattung und Sammlungen“, Rastatt 17.–19. September 2023 vorgestellt.
  32. Für ursprünglich offene Arkaden spricht sich Stopfel aus (Stopfel, Favorite, 2011, S. 126). Siehe auch Stopfel, Favorite, 1983, S. 119. Soll, Rohrer, 1986, S. 107–108 schreibt von zweigeschossigen Blendarkaden.
  33. Die überzeugende These mit der Wiederverwendung der Rastatter Treppe in Schloss Favorite stammt von Wolfgang Stopfel, worauf Sandra Eberle die Autorin aufmerksam machte (siehe Stopfel, Freitreppe, 2001). Zum Rastatter Jagdschloss: Seeger, Wien, 2006. Bereits Stoll, Rohrer, 1986, S. 111 betonte die formale Verwandtschaft zwischen der Freitreppe von Schloss Favorite und der des Rastatter Jagdschlosses.
  34. Stopfel, Favorite, 2011, S. 124.
  35. Sillib, Favorite, 1929, S. 30.
  36. Sillib, Favorite, 1929, S. 40.
  37. 37,0 37,1 Zitiert nach Sillib, Favorite, 1929, S. 41 und S. 100.
  38. Schloss Favorite, 2001, S. 11.
  39. Zitiert nach Sillib, Favorite, 1929, S. 41. Siehe auch Schloss Favorite, 2001, hintere Umschlagklappe.
  40. Stoll, Rohrer, 1986, S. 96. Ausführlich zu den statischen Unzulänglichkeiten der Kuppel und ihrer Restaurierung: Stopfel, Lücke, 1994.
  41. Stoll, Rohrer, 1986, S. 96.
  42. Zitiert nach Sillib, Favorite, 1929, S. 41. Klüber nennt das Jahr 1804 der Umgestaltung.
  43. Stopfel, Favorite bei Rastatt, 1983, S. 119; Stopfel, Lücke, 1994, S. 156.
  44. Stoll, Rohrer, 1986, S. 96. Vgl. Stopfel, Favorite bei Rastatt, 1983, S. 119 und Stopfel, Lücke, 1994, S. 156.
  45. 45,0 45,1 Stopfel, Lücke, 1994, S. 157.
  46. Stopfel, Lücke, 1994, S. 157–158.
  47. Stopfel, Lücke, 1994, S. 158 und Befund vor Ort. Zu Walter Maschke (1913–2007): Rathgeber, Maschke, 1993.
  48. http://diglib.hab.de?grafik=xb-4139-00031
  49. http://diglib.hab.de?grafik=xb-4139-00099
  50. 50,0 50,1 Sillib, Favorite, 1929, S. 98–99.
  51. Schloss und Schlossgarten Favorite, 2019, S. 30.
  52. Schloss und Schlossgarten Favorite, 2019, S. 31.
  53. 53,0 53,1 53,2 Sillib, Favorite, 1929, S. 100.
  54. Zu den Kostümbildnissen: Kat.-Nr. I. 4 und I. 5 in: AK Extra Schön, 2008, S. 102–103 (Nina Trauth) mit weiterführender Literatur.
  55. 55,0 55,1 55,2 Sillib, Favorite, 1929, S. 99.
  56. Wie Anm. 1.
  57. Sillib, Favorite, 1929, S. 98. Damals befanden sich „2 rothe Betstühl“ im Raum.
  58. Schloss und Schlossgarten Favorite, 2019, S. 25.
  59. http://kk.haum-bs.de/?id=rossi-g-g-d-exc-ab3-0018
  60. http://diglib.hab.de?grafik=xd-fm-23-9-00016
  61. http://kk.haum-bs.de/?id=cesio-c-ab2-0004
  62. 62,0 62,1 62,2 Sillib, Favorite, 1929, S. 98.
  63. Fotos des Zustands vor und nach der Freilegung der Malerei des 19. Jahrhunderts bei Rathgeber, Maschke, 1993, S. 60.
  64. Ebenso Schloss und Schlossgarten Favorite, 2019, S. 25.
  65. 65,0 65,1 65,2 65,3 65,4 65,5 65,6 Sillib, Favorite, 1929, S. 101.
  66. Sillib, Favorite, 1929, S. 101. Zur Technik der Stabperlenstickerei mit Erwähnung der Spaliere der Favorite: Cassidy-Geiger, Broderie en Jais, 2001, hier S. 308.
  67. Durian-Ress, Textilien Favorite, 2008, S. 117.
  68. Vgl. die Attribute der Musen im Cabinet des muses im Hôtel Lambert in Paris von Eustache Le Sueur (heute Musée du Louvre). Dort wird Kalliope mit Harfe dargestellt.
  69. Zimmermann, Prunkbett, 1981.
  70. Hierzu ausführlich: Kunz, Florentiner Kabinett, 2010; zu den Pietra Dura-Tafeln: Przyborowski, Commesso-Tafeln, 1998.
  71. Zu dieser Stichserie zuletzt: Christian Katschmanowski, „Admirable Abzeichnungen“ – Herstellung, Verbreitung und Überlieferung der Stichserie zum Chinesischen Fest 1729 in Ettlingen von Johann Christian Leopold, Vortrag anlässlich der Tagung „Schloss Favorite Rastatt – Ausstattung und Sammlungen“, 17. – 19. September 2023 und Kristel Smentek, „China-Mode“ and Court Culture in Early 18th Century Europe – Sibylla Augusta’s Chinese Banquet in Ettlingen in 1729, Vortrag anlässlich der Tagung „Schloss Favorite Rastatt – Ausstattung und Sammlungen“, 17. – 19. September 2023.
  72. Zu diesen Putten und Falken: Anton Schweizer, Die japanischen Textilappliken im Schlafzimmer des Prinzen Ludwig Georg – Kontext und Bedeutung, Vortrag der internationalen Tagung „Schloss Favorite – Ausstattung und Sammlungen“, Rastatt 17.–19. September 2023.
  73. Schloss Favorite, 2001, S. 35: Minerva, Juno und Jupiter; Ebenso Schloss und Schlossgarten Favorite, 2019, S. 37.
  74. http://diglib.hab.de?grafik=xb-4139-00056
  75. Stoll, Rohrer, 1986, S. 94–95, 115–116.
  76. Schloss und Schlossgarten Favorite, 2019, S. 69.
  77. Schloss und Schlossgarten Favorite, 2019, S. 68–70.
  78. Stoll, Rohrer, 1986, S. 95.