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Raisting, Pfarrkirche St. Remigius

Aus Deckenmalerei-Lab


Dieser Text stammt aus: Bauer, Hermann/Rupprecht, Bernhard: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, Band 1: Die Landkreise Landsberg am Lech, Starnberg, Weilheim-Schongau. Hirmer, München 1976, ISBN 978-3-7991-5737-7, S. 472–474, geschrieben von Bauer-Wild, Anna, Böhm, Cordula, Lüdicke, Lore und Werner-Clementschitsch, Heide. Original (Passwortgeschützt)
davordanach

Pfarrkirche, Diözese Augsburg; z. Z. der Ausmalung hatte das Augustiner-Chorherrenstift Dießen das Präsentationsrecht, Klosterhofmark Dießen

Patrozinium: St. Remigius

Zum Bauwerk: Neubau 1694-96 an Stelle einer älteren Kirche, unter Verwendung der Mauern des alten Altarraums. Neuausstattung 1766-82. - Saal mit eingezogenem AR zu zwei Jochen und dreiseitigem Schluß; Pilastergliederung; im W Empore

Auftraggeber: Abt Berthold Wolff von Dießen (1755-97), dessen Wappen sich zusammen mit dem Dießener Klosterwappen am Chorbogen befindet

Autor und Entstehungszeit: Das Deckenbild des Altarraumes ist nicht signiert. Zeitgenössische literarische Publikationen, Aufsätze über Wink in der Augsburger Kunstzeitung von 1770 und im Münchner Intelligenzblatt von 1797, sowie eine kürzlich aufgefundene Pfarrchronik im Pfarrarchiv von Raisting führen Christian Thomas Wink als Autor der Raistinger Kirchenfresken an (alle Quellen bei Clementschitsch, Anhang A). Ein Chronogramm im AR gibt als Entstehungszeit des Deckenbildes das Jahr 1766 an. Das zerstörte LHs-Fresko hatte Wink 1768 gemalt (Münchner Intelligenzblatt). Das Emporenbrüstungsfresko (EB) gehört zur zweiten Ausmalungsperiode (Clementschitsch, S. 27).

Befund

Rahmen: vergoldetes Stuckprofil, von hellen Stuckrocail len überspielt

Technik: Fresko; polychrom

Maße: Höhe 10,40 m; 6,50 × 4,00

Erhaltungszustand und Restaurierungen: letzte Restaurierung 1919. Der Erhaltungszustand des AR-Freskos ist schlecht; leichte Haarrisse, restaurierte Feuchtigkeitsschäden, drei Löcher von Beleuchtungsdurchlässen, Farbsubstanz teilweise zerstört. Von den Gemälden der Neuausstattung, 1766-68 existiert das Langhausfresko, eine Kreuzigung Christi, nicht mehr. Die von Feulner noch erwähnte »moderne« Kreuzigung Christi (vielleicht eine Erneuerung der ursprünglichen?) ist 1947 durch ein Fresko von Karl Manninger ersetzt worden.

Beschreibung und Ikonographie

BEKEHRUNG CHLODWIGS Das Deckenbild ist einansichtig und erstreckt sich über beide Altarraumjoche. Den Schauplatz der Szene bilden eine hochaufragende Säulenkulisse und eine Halle, die in kühner Verkürzung und Untersicht gegeben sind. Dunkle, konkav geschwungene Stufen führen in das Bild ein und erzielen mit einer ebenso

dunklen kleinen Mauer rechts und der schweren Draperie am westlichen Bildrand einen Bühneneffekt. Hinter dieser Vordergrundschicht weitet sich der Bildraum in die Höhe und Tiefe. Breite Stufen führen empor zu der eigentlichen Schauplatzbühne, begrenzt von der mächtigen tonnengewölbten Halle. Im Kontrast zu der dunklen Repoussoirzone liegt diese Raumschicht in vollem Licht.

Hauptgegenstand der szenischen Handlung ist der Kruzifixus. Bischof Remigius fordert König Chlodwig mit einer pathetischen Geste zur Verehrung des Gekreuzigten auf und gebietet zugleich den Soldaten des Königs, die Götzenbilder zu verbrennen. Gnadenstrahlen fallen auf den zum Christentum bekehrten König der Franken, der anbetend niedergekniet ist. Zur Seite des Bischofs steht Königin Chrodegilde, die Gemahlin Chlodwigs, und blickt ergriffen zum Kruzifixus auf. Die Assistenten und Ministranten des Bischofs, das Gefolge des Königs und Zuschauer aus dem Volk umringen die Szene. Durch die offene Halle sieht man eine zartfarbig gemalte Anhöhe, auf der die Götzenbilder auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden.

Wie in Inning zeigt Wink auch hier seine Vorliebe für eine theatralisch-aufwendige Staffage. »Unter den Nebenfiguren sind einige ganz markante, reiche Kriegergestalten mit prächtigen Kostümen. Gerade diese malerischen Gestalten in den frischen Farben, die reiche Draperie in den zitterigen, gebrochenen Falten vor der hellen Architektur, das zusammen muß ganz den Eindruck der echten Rokokofresken ergeben haben« (Feulner S. 19).

Der Farbcharakter des schlecht erhaltenen Freskos wirkt im jetzigen Zustand zu ockertonig. An den farblich besser erhaltenen Partien läßt sich die Farbskala bestimmen: Vor lichtem Weißgelb in den hell erleuchteten Architekturteilen geht es in feinen Abstufungen bis zum Braunrot der im Schatten liegenden Partien. In schwerem Purpurrot ist die Draperie gegeben: doch ist diese schwere Farbe durch zartviolette Aufhellungen und das Orange des Engelsgewandes wieder sublimiert. In den Gewändern erscheinen preziöse Rokokofarben, durch Licht und Schatten fein nuanciert und in die Gesamttonigkeit des Bildes eingebunden. Das himmlische Licht, die Strahlen um den Kruzifixus, hat die Eigenschaft einer natürlichen - und im Bild einzigen – Lichtquelle: es beleuchtet ihm zugewandte Partien und beschattet die anderen.

Die Freskodarstellung bezieht sich auf die Bekehrung des heidnischen Merowingers Chlodwig (Clodoveus), des Königs der Franken, zum katholischen Glauben. Es war das kirchenpolitisch wichtigste Ereignis im Leben des hl. Bischofs Remigius von Reims, der den König in der Glaubenslehre unterwiesen und feierlich in Reims getauft hat. Die bildliche Darstellung folgt dem Taufbericht des Gregor von Tours: »Rex ergo prior poposcit, se a Pontifice baptizari. Procedit novus Constantinus (!) ad lavacrum deleturus leprae veteris morbum . . . Cui ingresso ad baptismum Sanctus Dei sic infit ore facundo: Mitis depona colla Sicamber: adora, quod incendisti; incende, quod adorâsti. . . . (zitiert nach AASS Octobris, Tomus 1, 1, 10)

Bekehrung Chlodwigs

S. 80). Die Bildszene deutet durch die pathetische Geste des Bischofs Remigius die Worte desselben an, zugleich zeigt sie die Erfüllung seiner Aufforderung: Der König ist anbetend unter dem Kruzifix niedergekniet und die Soldaten tragen die Götzenbilder zum Scheiterhaufen. Chrodegilde, die Gemahlin Chlodwigs, blickt ergriffen zum Kruzifixus auf.

gilde (Chlothilde), die Tochter des Königs Chilperich von Burgund, nimmt als Katholikin, die wesentlichen Anteil an der Bekehrung ihres Gemahls Chlodwig hat, einen Ehrenplatz neben Bischof Remigius ein.

EB VEREHRUNG DES HERZENS JESU An der Emporenbrüstung sind in einem kleineren Feld vier reichgekleidete, malerische Gestalten, die vier Erdteile, dargestellt, die auf einer bühnenähnlichen Stufenanlage knien und das über ihnen schwebende Herz Jesu verehren.

Die 1766 in Raisting gegründete Herz-Jesu-Bruderschaf erklärt die Wahl des Themas an der Emporenbrüstung. Das Herz Jesu, im 18. Jahrhundert durch besondere Verehrung ausgezeichnet, wird in der gebräuchlichen Weise dargestellt: ein flammendes, dornenumwundenes Herz mit einem Kreuz inmitten der Flammen. Die personifizierten vier Erdteile, die es kniend umringen, sind gekennzeichnet als Africa, im Hintergrund links eine braune Gestalt, halbnackt und mit Perlen geschmückt; als Europa, vorn auf den Stufen in Hermelinmantel und königlichem Schmuck und mit einem Räuchergefäß in den erhobenen Händen; als Asia in Gestalt eines reichgekleideten Mannes von asiatischem Gesichtstypus und Haartracht, vor dem auf einem Kissen Zepter und Turban liegen, und als America, rechts im Hintergrund, durch bunte Federn im Kopfputz kenntlich gemacht.

Quellen und Literatur

Gailler, Franciscus Salesius, Vindeliciae Sacrae Tomi 3... Capitulum Weilheimense, Augsburg 1756, Cap. 34. Augsburger Kunstzeitung 1770, S. 227.

Zum Andenken des churfürstlichen Hofmahlers Christian Wink (o. V.), in: Münchner Intelligenzblatt, 8. 4. 1797, Sp. 229.

Braun-Augsburg, Bd 1, S. 350 f.

KDB I OB (1), S. 719

Feulner, Adolf, Christian Wink, München 1912, S. 19. Schmidtner, Andreas, Die Pfarrkirche und die Filialkirchen von Raisting, in: Weilheimer Sonntagsblatt 8, 1931, Nr. 8, 9.

Mauthe, Willi, Der Pfaffenwinkel, Weilheim 21964, S. 42. Clementschitsch, Heide, Christian Wink, ungedruckte Diss. Wien 1968, S. 27 ff., 43 ff. und Anhang A, unter Raisting.